Für andere alles zu machen, macht andere schuldig. Ist das ein guter Dienst?

Man ist erwachsen, wenn man niemandem mehr gefallen will.

Das Überflüssige muss weg, damit man das Wesentliche sieht.

Sensationen sind reizvoll, wenn sie selten sind. Zwei am Tag sind eine schiere Plage.

Gut und böse sind nicht immer unterschiedlich. Zuweilen sind sie ein und dasselbe.

Die Neigung, sich selbst zu entwerten, ist oft ein IntrojektLateinisch: das Hineingeworfene. Als Introjektion bezeichnet man die unüberlegte Übernahme fester Denk- und Bewertungsmuster aus dem Umfeld. abwertender Botschaften aus dem Umfeld.

Abwehrmechanismen


  1. Angst und Weltbild
  2. Wichtige Abwehrmechanismen
    1. 2.1. Abwertung
    2. 2.2. Affektisolierung
    3. 2.3. Altruistische Abtretung
    4. 2.4. Antizipation
    5. 2.5. Autoaggression
    6. 2.6. Dramatisierung
    7. 2.7. Fixierung
    8. 2.8. Idealisierung
      1. 2.8.1. Unterwerfung
      2. 2.8.2. Identifikation mit dem Aggressor
    9. 2.9. Intellektualisierung
      1. 2.9.1. Pathologisierung
    10. 2.10. Konfluenz
    11. 2.11. Konversion / Dissoziation
    12. 2.12. Projektion
    13. 2.13. Projektive Identifikation
      1. 2.13.1. Projektive Des-Identifikation
    14. 2.14. Rationalisierung
    15. 2.15. Reaktionsbildung
    16. 2.16. Rechtfertigung
    17. 2.17. Regression
      1. 2.17.1. Abtretung des Aggressionsausdrucks
    18. 2.18. Somatisierung
    19. 2.19. Spaltung
    20. 2.20. Sublimation
    21. 2.21. Ungeschehenmachen
    22. 2.22. Verdrängung / Verleugnung
    23. 2.23. Verschiebung
  3. Abwehr oder Symptom
  4. Reife und unreife Abwehr
  5. Mystische Identifikation

Grundprinzip

Durch die Verengung des Weltbilds auf einen kontrollierten Ausschnitt der Wirklichkeit wird die Angst vor der Weite des Daseins aus dem Bewusstsein beseitigt. Statt ohne Wenn und Aber in der Welt zu stehen, richtet sich das Ego in einem Ausschnitt persönlicher Sichtweisen ein. Dort kann es glauben, dass es nicht mehr an sich zweifeln muss. Aus gefühlter Angst ist eine Illusion der Sicherheit geworden.

1. Angst und Weltbild

Weder die Außenwelt noch die Dynamik unserer Seele ist uns geheuer. Beide Elemente der Wirklichkeit erschrecken uns durch ein bedrohliches Netzwerk an Kräften. Deren Übermacht fühlen wir uns ausgeliefert. Darauf reagieren wir mit Angst.

Der AngstAbgeleitet von indogermanisch: angh = eng. folgt der Impuls, in eine schützende Enge zu flüch­ten. Um die Angst zu mindern, versucht unser Ego, ein beruhigendes Weltbild zu schaffen. Beruhigend wirkt ein Weltbild, wenn wir es überblicken können; und wenn es uns im Glauben lässt, wir könnten die Wirklichkeit so kontrollieren, dass es keinen Grund zum Fürchten gibt. Dazu benutzt das Ego Werkzeuge: Abwehrmechanismen.

Coping-Strategie oder Abwehrmechanismus

Zwischen CopingVon englisch to cope = bewältigen.-Strategien und Abwehr­mechanismen gibt es Ähnlichkeiten und Unterschiede. Beide dienen der Bewältigung unerwünschter Erlebnisqualitäten.

Während der Abwehrmechanismus ein Grundmuster im Umgang mit alltäglichen Widrigkeiten darstellt, kommt die Coping-Strategie bei konkret-belastenden Einzelerlebnissen zum Einsatz. Dabei greift sie oft gleichzeitig auf verschiedene Abwehrmechanismen zurück.

Abwehrmechanismen sind psychische Manöver, durch die wir ein überschaubares Weltbild aufrechterhalten. Was ein überschau­bares Weltbild stören könnte, blenden wir aus. Dazu gehören Fakten, die wir nicht wahrhaben wollen, ebenso wie Gefühle und Handlungsimpulse, vor denen wir uns fürchten.

Die Palette der Abwehrmechanismen ist breit gefächert. Zum Teil gehen sie ineinander über. Oder sie überlappen sich. Obwohl jeder bestimmte Muster bevorzugt, gibt es niemanden, der sich nicht verschiedener bedient.

Abwehr oder Problemlösung

Die Grenzen zwischen Abwehr und Problemlösung sind fließ­end. Nehmen wir an, Sie langweilen sich. Sie entschließen sich, ins Netz zu gehen und herumzusurfen. Ist das nun eine kreative Lösung des Problems oder wehren Sie durch Ablenkung gefürchtete Impulse ab, die hinter der Lange­weile auf Sie warten?

Ob ein Verhalten Abwehr oder kreative Gestaltung ist, ist objektiv kaum zu beurteilen. Das gleiche Verhalten kann mal das eine, mal das andere sein. Entscheiden kann man nur, wenn man die Details der jeweiligen Situation beachtet.

2. Wichtige Abwehrmechanismen

Die Definition der Abwehrmechanismen gehört zu den Konzepten der Psychoanalyse. Den Grundstein legten Sigmund Freud und seine Tochter Anna. Spätere Vertreter der analytischen und tiefenpsychologischen Schulen haben die ursprünglichen Konzepte ausgebaut. Neben der folgenden Liste kann alles als Abwehrmechanismus benannt werden, was der Stabilisierung des Welt- und Selbstbildes bei der Konfrontation mit der Wirklichkeit dient. Als Beispiel sei die Betäubung durch Suchtmittel genannt.

2.1. Abwertung

Selbstabwertung

Ein verbreitetes Übel ist die Selbstabwertung. Abwertende Urteile über sich selbst können verschiedene Funktionen haben:

  • Sie bremsen expansive Impulse aus, um gefürchtete RivalitätenEine graue Maus wie ich hat auf der Party nichts zu suchen. und KonflikteInes behandelt mich herablassend, weil ich mal wieder was Blödes gesagt habe. Da kann ich nicht verlangen, dass sie anderes mit mir umgeht. zu vermeiden.
  • Sie dienen dazu, sich als Reaktion auf die Abwertung mehr ins ZeugIch Idiot habe den dritten Satz vermasselt. zu legen.

Eine nützliche Übung

Wer andere abwertet, macht es unbewusst auch mit sich selbst. Achten Sie darauf, wann und warum Sie abwerten. Formulieren Sie statt­dessen kreative Kritik; oder erkennen Sie, wodurch Sie sich selbst entwertet fühlen.

Abwertung spielt als Abwehrmechanismus eine herausragende Rolle. Dabei werden As­pekte der Realität als bedeutungslos oder unwert betrachtet um das bestehende Welt- und Selbstbild gegen eine Infragestellung durch die abgewerteten Elemente abzu­schirmen. In der Fabel vom Fuchs, der die Trauben, die zu hoch für ihn hängen, für sauer erklärt, ist der Mechanismus bildhaft dargestellt.

Abwertung kann sich gegen sämtliche Wirklichkeitsaspekte rich­ten, durch die man sich verunsichert fühlt.

Besonders problematisch ist der Mechanismus, wenn er sich gegen Personen oder Menschengruppen wendet.

Die Abwertung von Bezugspersonen kann im Stillen vollzogen werden. Dann dient sie vorrangig dem eigenen Selbstwertgefühl. Sie ist ein pathologischer Heilungsversuch narzisstischer Zweifel.

Wird Abwertung offensiv ausgetragen, entsteht, was man neudeutsch als Mobbing bezeichnet. Dann dient sie zusätzlich sozialer Konkurrenz.

2.2. Affektisolierung

Bei der Affektisolierung wird die emotionale Reaktion auf ein Ereignis ausgeblendetMan könnte auch sagen: Das Gefühl wird in Quarantäne geschickt.. Somit vermeidet man, sich die emotionale Komponente eigener Handlungsmotive einzu­gestehen. Man erlebt sich als ausführendes Organ einer nüchternen Notwendig­keit. Man handelt so, als habe man mit den eigenen Gefühlen nichts zu tun.

Von Gefühlen, die man nicht bewusst durchlebt, wird man besessen.

Die Affektisolierung geht oft mit einer RationalisierungZum Beispiel Marthas Argument, Prügel führten Kinder auf den rechten Weg. der eigenen Motive einher. Sie führt jedoch nicht zu einer Befreiung des Verhaltens vom störenden Ein­fluss ungesteuerter Emotionen. Vielmehr wird man erst recht durch den ausgeblendeten Affekt bestimmt. So steckt hinter Svens Schweigen womöglich der Impuls, Petra durch scheinbare Gleichgültigkeit zu treffen und Richter Besenrein weiß nichts von seinem Neid auf jene, die es sich im Gegensatz zu ihm erlauben, Regeln bei Bedarf zu übertreten.

2.3. Altruistische Abtretung

Dem Anderen nützt nicht nur, dass man ihn mit Kuchen füttert. Es nützt ihm auch, dass man eine Grenze hat. Einem selbst nützt das ebenfalls.


Hinter einer Abtretung steckt oft die Erwartung besonderer Dankbarkeit. Altruismus und Egoismus bilden dann ein unübersichtliches Gemenge, das eine Beziehung regelrecht vergiften kann.


Aus einem Ich tue das doch gerne für Dich wird ein Ich habe doch so viel für Dich getan.


Der pathologische Altruist versucht, sein Ego aufzuwerten, indem er es abwertet.

Bei der altruistischen Abtretung werden eigene Interessen verleugnet. Stattdessen gilt aller Einsatz ähnlichen Interessen anderer, für die sich der Altruist dann um so hemmungsloser einsetzt.

Typische Vertreter

Die altruistische Abtretung bietet psychologische Vorteile.

Die altruistische Abtretung ist zum Teil ein sozial nützlicher Abwehrmechanismus. Ihr übermäßiger Einsatz birgt aber Risiken: für Geber und Empfänger. Dem Geber drohen Helfer- und Burn-out-Syndrom, die Bereitschaft des Empfängers, eigene Tatkraft zu entwickeln, wird korrumpiert. Für den, der sich für andere einsetzt, mag es daher sinnvoll sein, eigene Interessen besser zu beachten.

2.4. Antizipation

Antizipation, also die planende Vorwegnahme kommender Probleme, gilt als reifer Abwehrmechanismus. Bei der Antizipation werden zukünftige Schwierigkeiten im Voraus bedacht und vorbeugende Maßnahmen ergriffen, um die Gefahr zu entschärfen, die dem Selbstbild durch ein Scheitern an den Problemen droht.

Auch Antizipation kann schaden: wenn man sie übertreibt. Ist man zu sehr mit der Zukunft beschäftigt, verpasst man womöglich die besten Chancen in der Gegenwart.

Abwehrmuster oder zielführendes Handeln
Planende Vorwegnahme ist nicht immer Abwehrmuster. Streng genommen ist sie nur soweit ein psychologisches Manöver, wie sie dem Schutz des Selbstbilds dient. Dient sie - ungeachtet aller Sorge um das Selbstbild - der Gestaltung einer Zukunft, ist sie Komponente zielführenden Handelns.
2.5. Autoaggression

Aggressive Impulse sind ein Risiko für den Bestand zwischenmenschlicher Beziehungen...und damit der Rolle, die man als Beziehungspartner inne hat.. Ihr Ausdruck wird oft gefürchtet. Bei der Autoaggression werden solche Impulse vom Gegenüber weg und auf sich selbst gelenkt. So verhindert man, sich unbeliebt zu machen. Gegebenenfalls erntet man sogar Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Zuweilen vermengen sich auto­aggressives und passiv-aggressives Verhalten oder wechseln einander ab. Bei beiden Mustern wird der offene Konflikt vermieden.

Im autoaggressiven Akt schimmert die Aggression gegen Bezugspersonen durch. Durch die Folgen der Autoaggression werden sie vereinnahmt, angeklagt oder ins Unglück gestürzt; denn der Schutz einer BeziehungVorrangig wird wohlgemerkt nicht die Beziehung geschützt, sondern die Rolle, die man darin spielt... und mit der Rolle das Bild, das man von sich selber hat. durch Wendung der Aggression gegen sich selbst kann tödlich sein.

2.6. Dramatisierung

Beim Dramatisieren werden Sachverhalte, eigenes Erleben und Empfinden oder die Taten anderer mit übermäßig emotionalem Aufwand dargestellt. Wer dramatisiert, gebraucht Superlative... und wiederholt sie gerne.

Häufiges Motiv beim Dramatisieren ist die Furcht, nicht beachtet zu werden. Durch lebhaftes Auftragen will man sich die Aufmerksamkeit des Gegenübers sichern. Auf Dauer passiert jedoch das Gegenteil. Je öfter man dramatisiert, desto schneller ziehen die Zuhörer das meiste vom Drama stillschweigend wieder ab; was man als mangelndes Interesse erlebt und womöglich zum Anlass nimmt, noch dicker aufzutragen.

Wer gebannt nach außen schaut, weiß nichts mehr vom Zusammen­hang in seinem Inneren. Der Körper mag dann Dinge tun, ohne dass sein Verstand versteht, wer der Täter ist.

Im extremen Fall richtet der, der sich beim Bemühen um Aufmerksamkeit aufs Drama­tisieren verlässt, den Blick so begierig auf den Effekt seiner Mühe, dass er das Gefühl für die eigene Integrität verliert. Zuweilen scheint es ihm dann so, als führten seine Impulse, oder gar seine Organe, ein Eigenleben: Ein Arm ist plötzlich "gelähmt", für Stunden war man "blind", rätselhafte Zuckungen schütteln den Körper... und wie sie schwanger werden konnte, ist der Jungfrau unerklärlich. Das nennt man Dissoziation.

2.7. Fixierung

Fixierung nennt man das Stehenbleiben auf einer bestimmten Entwicklungsstufe. Dadurch werden Progressionsängste vermieden, also die Angst, an den Herausfor­derungen einer heranrückenden Lebensphase zu scheitern.

2.8. Idealisierung

Wer idealisiert, sieht vom Anderen oder einem Sachverhalt nur noch die positive Seite. So ist die Idealisierung ein Teilaspekt der Spaltung. Sie bezweckt, Kritik und Konkur­renzimpulse, die zu Konflikten mit anderen führen könnten, abzuschwächen.

Wenn ich mache, was der Meister sagt...

Menschen neigen dazu, anderen besondere Autorität zuzuordnen. Sobald man glaubt, man habe jemanden gefunden, der zweifelsfrei weiß, was richtig ist, kann man auf das Risiko eigenen Denkens und Entscheidens verzichten. Mit dem glücklichen Gefühl, dass nun alles in Ordnung ist, folgt der Gläubige seinem Meister. Solche Mechanismen sind in Politik und Glaubensdingen weit verbreitet.

2.8.1. Unterwerfung

Der Idealisierung folgt logischerweise Unterwerfung. Dem Ide­alen muss man sich kritiklos unterordnen. Da Unterordnung keine Schande mehr ist, wenn der, dem man sich fügt, makellose Eigenschaften hat, verstärken sich beide Abwehrmuster wech­selseitig.

2.8.2. Identifikation mit dem Aggressor

Mit Idealisierung und Unterwerfung ist oft die Identifikation mit dem AggressorDer beste Schutz vor einer Schlägertruppe besteht darin, ihr beizutreten. verge­sellschaftet. Sie ist nicht nur ein häufiger Abwehrmechanismus im Kleinen...

...sondern auch ein wesentliches Wirkprinzip bei der Ausbreitung feindseliger Welt­anschauungen.

Die Feindseligkeit einer Weltanschauung geht mit der Neigung ihrer Vertreter, sie zu idealisieren, Hand in Hand. Die Aggression konfessioneller Kulte und politisch Radikaler entspringt dem Wechselspiel aus Idealisierung und Unterwerfung. Je mehr sich jemand unterwirft, desto mehr Idealisierung braucht er, um seine Unterwerfung zu recht­fertigen. Die Aggression, die seine Unterwerfung erzeugt, verschiebt er oft auf Gruppenfremde.

2.9. Intellektualisierung

Bei der Intellektualisierung wird der theoretische (griech.: theorein [θεωρειν] = betrach­ten) Aspekt eines Sachverhaltes stärker beachtet als der emotionale (lat.: emovere = herausbewegen).

Herausbeweger I

Emotionen sind Herausbeweger. Wenn man sie bewusst durchlebt, machen sie beweglich. Wenn man sie in der Untergrund verbannt, bewegt sich der Boden, auf dem man steht; zuweilen so ruckartig, dass alles einstürzt.

Beispiele:

Wie alle Abwehrmechanismen dient auch die Intellektualisierung der Vermeidung von Konflikten und der Sicherung der Auto­nomie. Im Grundsatz ist es nützlich, Ereignisse zunächst nüchtern zu betrachten und dann erst zu reagieren. Nicht jede Emotion hat das Zeug, Verhaltensweisen heilsam zu befruchten.

Betrachtung schafft jedoch Distanz. Wer sich herausbewegt, bewegt sich auf den anderen zu; oder von ihm weg. Der reine Betrachter steht abseits weltlicher Wogen. Übertreibt man das Intellektualisieren daher, begnügt man sich also damit, sich alles bloß zu erklären statt gefühlvoll mitzuschwingen, wird der Kontakt zum Anderen unlebendig.

Das führt genau zum Gegenteil: Konfliktspannung wird aufgestaut. Die vermeintliche Autonomie wird theoretisch. In seinem privaten Weltbild hat der Intellektualisierer alles im Griff. Tatsächlich wird er ständig von verleugneten Emotionen und einer ent­fremdeten Umwelt bedroht.

2.9.1. Pathologisierung

Eine Spielart der Intellektualisierung ist das Pathologisieren. Es ist in der Psychiatrie weit verbreitet. Beim Pathologisieren werden problematische Stimmungen, Gefühle und Verhaltensweisen als Krankheitssymptome interpretiert und in theoretische Denk­modelle eingeordnet.

Wie bei allen Abwehrmechanismen hängen Nutzen und Schaden des Pathologisierens von der jeweiligen Situation ab. Bei schwerkranken Menschen ist es oft das Beste, zur übermächtigen Symptomatik Abstand zu schaffen; indem man sie als Krankheit auffasst und damit als behandelbares Objekt. Zur vollständigen Heilung von Ängsten, Depressionen und Zwangserscheinungen ist es in einem zweiten Schritt aber ebenso oft nötig, das Symptom wieder als Ausdruck der eigenen Person zu betrachten...und nicht nur als lästigen Störfaktor, der einfach nur weg soll..

2.10. Konfluenz

Mystische Identifikation oder Konfluenz

Bei der mystischen Identifikation wird die Verflochtenheit mit dem Kontext (an-)erkannt. Bei der Konfluenz wird ein Verfließen mit dem Umfeld angestrebt. Das Erste dient der Überschreitung des Ego, das Zweite seiner Festigung. Bei der Konfluenz schützt sich das Ego durch die Tarnkappe der Gleichheit. Bei der mystischen Identifikation verzichtet das Selbst auf den Anspruch, als besonderes Ego zu gelten.

KonfluenzVon lateinisch com = zusammen und fluere = fließen. mit dem Umfeld dient der Vermeidung gefürchteter Kon­flikte. Menschen, die sich übereifrig Normen, Konventionen und Erwar­tungen des Umfelds anpassen, sichern ihre Zugehörigkeit zum Preis eines abgeschwächten Ausdrucks ihrer Individualität.

Konfluenzphänomene finden sich....

Konfluenz gehört zur normalen Dynamik sozialer Gruppen. Sie ist thematisch verwandt mit dem Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor. Das Umfeld wird als potenzieller Aggressor gedeutet, der nur akzeptiert, was ihm gleicht.

Erst wenn der Impuls zur Anpassung an das Umfeld überwertig wird, ist der Mecha­nismus eindeutig pathologisch. Böse Zungen bezeichnen Menschen mit einer Vorliebe für konfluente Muster als Normopathen.

2.11. Konversion / Dissoziation

Modi, die dissoziieren können

  • Gefühle
  • Impulse
  • Gedächtnisinhalte
  • Wahrnehmungen
  • Entscheidungsprozesse
  • Bewegungen
  • sensorische Wahrnehmungen

Bei der dissoziativen Identitäts­störung durchziehen Dissoziationen das gesamte Selbsterleben. Statt sich als vielschichtige Person mit widersprüchlichen Impulsen zu erleben, spaltet der Kranke das Widersprüchliche auf und agiert nacheinander verschiedene Rollen aus, die scheinbar unabhängig voneinander im selben Körper hausen.

Konversion und Dissoziation sind nicht dasselbe. Oft treten sie aber gemein­sam auf. Bei der Dissoziation werden einzelne Modi der Selbstwahrnehmung oder -steuerung aus dem Zusammenhang des Ich-Bewusstseins abgespal­ten.

Konversion bezeichnet den Ausdruck der abgespaltenen Inhalte durch symbolhafte Fehlfunktionen der motorischen, sensiblen oder sensorischen Systeme. Das Symptom drückt dann jenen Bewusstseinsinhalt aus, den der Patient bewusst nicht als Element seiner selbst akzeptiert. Zur klassischen Symptomatik der Konversionsstörung gehören:

Beispiele:

Von den Konversionsstörungen sind die Somatisierungsstörungen abzugrenzen. Dabei beeinflusst der psychische Inhalt nicht die Funktion der Willkürmotorik, der Sinnes­organe oder der Oberflächensensibilität, sondern die Funktionen des vegetativen Ner­vensystems und damit die Funktionen innerer Organe.

2.12. Projektion
Projektionen setzen Distanz voraus. Am leichtesten projiziert man auf das, was man am wenigsten kennt.

Bei der Projektion werden eigene Impulse und Eigenschaften, die man nicht wahrhaben will, anderen zugeschrieben. Projektionen erkennt man oft an der Pauschalität ihrer Urteile.

Was Projektionen begünstigt:

Durch Projektion vermindert man Konflikte, die man mit sich selber hat. Das Bild von sich selbst bleibt übersichtlich und widerspruchsfrei. Die Wahrnehmung anderer wird jedoch verzerrt. Da man Impulse, die man nicht wahrhaben will, als schlecht bezeichnet, führt Projektion regelhaft zur Herabsetzung anderer... und begünstigt damit Feindseligkeit.

Milde Formen der Projektion sind weit verbreitet. Nur durch umfassende Selbsterkenntnis kann man projektive Muster vollends hinter sich lassen. Die Übergänge vom Normalverhalten zur paranoiden Persönlichkeit und zum Verfolgungswahn sind fließend.

2.13. Projektive Identifikation

Zum Verständnis der Projektiven Identifikation macht es Sinn, sich die Situation eines Säuglings vor Augen zu halten. Ein Säugling ist auf sich gestellt nicht lebensfähig. Seine Existenz setzt die Übernahme wesentlicher Fürsorgefunktionen durch die Mutter voraus. Der Säugling vereinnahmt somit Funktionen, die der Entscheidungshoheit einer anderen Person zugeordnet sind. Man geht davon aus, dass sein Bewusstsein den Hunger und die nährende Brust der Mutter noch nicht zwei unterschiedlichen personalen Einheiten zuordnet. Der Säugling unterscheidet nicht zwischen Ich und Du.

Die Projektive Identifikation gehört zum normalen Funktions­modus des vorsprachlichen Bewusstseins. Je mehr sie bis ins Erwachsenenalter über­dauert, desto problematischer wird sie. Keineswegs ist ihr Gebrauch auf Menschen mit Borderline-Störung beschränkt. Sie ist eine Grundlage jedweder persönlichen Unreife.

Mit dem Auskeimen des Ich-Bewusstseins in der Frühkindheit beginnt er, diese Unterscheidung mehr und mehr zu treffen. Es ist jedoch keinesfalls die Regel, dass der Erwachsene die Unterscheidung zwischen sich selbst und dem Anderen auf allen Ebenen vollständig vollzieht. Ohne sich dessen bewusst zu sein, neigt auch der normale Erwachsene dazu, die Erfüllung eigener psychischer Belange von anderen zu erwarten.

Die Aufgabe zur Erfüllung des Belangs wird auf den Anderen projiziert und gleichzeitig wird die ausgelagerte Funktion der eigenen Identität zugeordnet. Das Ich identifiziert sich mit einer bestimmten Funktion des Du.

Beispiele:

Die Projektive Identifikation wird erkennbar, wenn der andere das gewünschte Verhal­ten unterlässt. Da sich die projizierende Person dann in ihrer Identität bedroht fühlt, reagiert sie mit Wut oder Verzweiflung.

Typisch ist, dass die projizierende Person versucht, das erwartete Verhalten beim anderen zu bewirken. Entweder übt sie unmittelbaren Druck aus oder sie verhält sich so, dass ihr Verhalten genau jene Gefühle und Impulse im anderen auslöst, die das erwartete Verhalten anstoßen.

Nicht immer handelt es sich beim erwarteten Verhalten um positive Zuwendung. Auch der Impuls, sich zu kritisieren, zu verachten oder herabzusetzen, kann bei sich selbst verleugnet, dem Gegenüber zugeordnet und schließlich durch ein entsprechendes Verhalten provoziert werden.

2.13.1. Projektive Des-Identifikation
Wer sich von einem Teil seiner selbst des-identifiziert, beschreibt ein innerseelisches Ereignis als Resultat äußerer Umstände. Er definiert sich als Objekt, dessen Sosein fremdbestimmt ist.
Wer die volle Verantwortung für sein emotionales Erleben von sich weist, entlastet sich für den Augenblick. Er verbaut sich aber dem Weg zu befreiendem Handeln.

Projektive Des-Identifikation ist ein Abwehrmechanismus, der meist nicht als solcher erkannt wird. Er gehört zur normalenWohlgemerkt:
Normal ist nicht dasselbe wie gesund.
Psychodynamik und wird von den meisten Menschen als inhaltlich stimmige Deutung interaktiver Prozesse hingenommen.

Projektive Des-Identifikation und Projektive Identifikation gehen fließend ineinander über. Trotzdem sind es zwei psychische Manöver, die sich voneinander unterscheiden. Die Unterscheidung verbessert das Verständnis dessen, was bei vielen Konflikten vor sich geht.

Während bei der Projektiven Identifikation eine Ich-Funktion des Anderen für eigene psychische Belange vereinnahmt wird, kommt es bei der Des-Identifikation zu einem gegenläufigen Vorgang: Die Urheberschaft eines eigenen innerseelischen Vorgangs wird dem Anderen zugeordnet.

Ein Beispiel macht den Vorgang deutlich:

Klarheit oder Verstrickung

Die Ich-Grenze ist...
Klar oder Verwischt
Meine Frau ist fremd gegangen. Dafür ist sie verantwortlich. Wut und Eifersucht sind aber meine Reaktion auf das Ereignis. Für meine Reaktionen bin ich selbst verantwortlich. Meine Frau ist fremd gegangen. Sie hat mich dadurch wütend gemacht. Sie ist also auch für meine Reaktion verantwortlich.


Zwei Aspekte einer alltäglichen...

Ich-Grenzen-Störung
Projektive Des-Identifikation und Projektive Identifikation
Meine Frau hat mich wütend gemacht, indem sie fremdging. Indem sie treu bleibt, erfüllt meine Frau ihre Verantwortung für mein Wohlergehen.
Sie ist die Urheberin meiner Wut. Wenn ich sie aus der Wut heraus schlage, bin ich nicht dafür verantwortlich, weil sie selbst die Wut verursacht hat. Wenn sie fremdgeht, erfüllt sie ihre Aufgabe nicht.


Die Verantwortung für Gefühl und Tat verschiebe ich durch Projektion auf mein Gegenüber. Ich des-identifiziere mich von der Urheberschaft meiner eigenen Reaktion. Das Gegenüber wird für eine Ich-Funktion vereinnahmt. Ich identifiziere einen Teil des Anderen als einen Teil meiner selbst.
Einen Teil meiner selbst ordne ich dem Anderen zu. Einen Teil des Anderen ordne ich mir selbst zu.

Die Abgabe der Verantwortung für eigene Gefühle und Impulse durch Des-Identifikation von der Rolle als Verursacher und Zuschreibung der Urheberschaft an Andere oder "missliche" Umstände ist in der Normalpsychologie verbreitet. Viele stimmen Roman spontan zu, wenn er Simone für seine Eifersucht verantwortlich macht. Tatsächlich ist es aber er, der bewusst oder unbewusst über seine Reaktionen entscheidet.

Herausbeweger II

Emotionen sind Herausbeweger. Wir setzen sie ein, um die Wirklichkeit aus unangenehmen Zuständen heraus in angenehme hinüber zu bewegen.

Wir sprechen von emotionalen Reaktionen. Nur selten ist uns dabei klar, dass eine Aktion kein passives Bestimmtsein, sondern selbst dann eine eigenverantwortliche Handlung ist, wenn sie auf Ereignisse re-agiert.

Nur wenn es die Zielsetzung von Simones Untreue gewesen ist, Roman eifersüchtig zu machen, ist sie tatsächlich die Urheberin seiner Eifersucht. Wollte sie sich aber bloß ein heimliches Schäfer­stündchen mit Bernd gönnen, liegt die entscheidende Urheberschaft der Eifersucht nicht in ihrem Verhalten, sondern in Romans Verlustangst und seiner Erwartung, dass Simone treu zu sein hat.

Seine Wut ist dann kein Schaden, der ihn passiv von außen trifft, sondern ein Werkzeug, das er einsetzt, um zukünftig Simones Treue zu erzwingen.

Ein zweites Beispiel verdeutlicht einen weiteren Aspekt des Abwehrmusters: Die egozentrische Struktur des Weltbilds.

Nein, die Schnecken im Beet machen mich nicht ärgerlich. Was die Schnecken tat­sächlich machen, ist Erdbeeren zu fressen. Die Ursache meines Ärgers liegt in mir selbst. Es ist mein Anspruch, dass die Natur mir ihre Früchte zur Verfügung stellt, ohne dass ich dafür "Steuern" an sie zahlen muss.

Zuordnung von Urheberschaft und egozentrisches Weltbild

Die Schnecken sind nicht für meinen Ärger verantwortlich; weil es keine Zielsetzung der Schnecken ist, mich zu ärgern. Im Gegenteil, wahrscheinlich wäre es ihnen lieber, wenn ich über ihre Besuche erfreut wäre.

Ich sage: Die Schnecken machen mich ärgerlich; obwohl sie nichts anderes tun, als sich zu ernähren. Das belegt, wie egozentrisch mein Weltbild ist. Ich deute Ereignisse um mich herum als auf mich ausgerichtet, obwohl sie auf meine Existenz nicht angewiesen sind.

Was bezwecke ich mit der Emotion, die ich erlebe?

Die Übernahme der Verantwortung für die eigenen seelischen Prozesse ist unver­zichtbarer Baustein eines selbstbestimmten Lebens. Wer seine emotionalen Reaktionen konsequent als selbstbestimmtes Handeln deutet, kann sich von einer Menge "Fremd­bestimmtheit" lösen. Er verbessert die Chance, dass er aus der Verstrickung heraus geboren wird.

Projektive Abwehrmuster im Überblick

Name Extern zugeordnet wird... Beispiel
Projektion Ein Gefühl, ein Impuls oder eine Eigenschaft Ich bin nicht neidisch. Du bist es.
Projektive Identifikation Die Zuständigkeit für die Erfüllung eines Bedürfnisses Die Anderen müssen mich loben, damit ich mich wertvoll fühle.
Projektive Des-Identifikation Die Urheberschaft für ein unangenehmes Gefühl oder ein Unvermögen Meine Eltern sind schuld an meiner Schüchternheit.

2.14. Rationalisierung

Bei der Rationalisierung werden Handlungsweisen, die von unbewussten Impulsen angestoßen wurden, nachträglich rational erklärt. Der Rationalisierer gaukelt sich selbst und anderen vor, vernunftgemäßer zu handeln, als er es tatsächlich tut. Dadurch stabilisiert er sein Selbstwertgefühl.

2.15. Reaktionsbildung

Bei der Reaktionsbildung wird ein Impuls, den man fürchtet, durch gegenläufiges Verhalten überdeckt.

Beispiele:

Wie bei anderen Abwehrmechanismen gibt es auch hier fließende Übergänge zwischen bewusster Absicht und automatisierter Gewohnheit. Wenn man Impulse beharrlich durch ihr Gegenteil überdeckt, verdrängt man sie ins Unbewusste. Der Freundliche weiß nichts mehr von seiner Wut, der Kühle nichts mehr von seiner Lust und der Fromme nichts mehr von seiner Bosheit.

2.16. Rechtfertigung
Meist ist es besser, Angst zu erleben, als sich darum zu bemühen, dass sie weggeht.

Falls eine Entscheidung unwieder­bringlich getroffen ist, dann begrüßen Sie die Angst, die sie mit sich bringt, statt ihr den Zutritt zu verwehren, weil sie angeblich nicht rechtens ist.

Ein mühsamer Abwehrmechanismus ist die Rechtfertigung.

Durch Rechtfertigung kämpft man gegen Zweifel an Entscheidungen und die Angst, dass eine Entscheidung schmerzhafte Konsequenzen hat. Statt Zweifel und Angst durch rechtfertigende Gedankenketten abzuwehren, könnte man sie als Preis der Freiheit ohne wenn und aber akzeptieren.

Durch Rechtfertigung versucht man sich der Verantwortung für eigene Taten zu entziehen. Wenn es nämlich nur eine richtige Entscheidung gäbe, trüge man keine Verantwortung, wenn man sie wählt... denn dann hätte Jennifer kein Recht dazu, Juliane überhaupt böse zu sein und Juliane könnte beruhigt einschlafen. Tatsächlich ist es aber so, dass es zwei richtige Möglichkeiten gibt: auf Dennis aufzupassen oder es nicht zu tun. Im besagten Fall ist es nicht möglich, objektiv zu entscheiden, was richtiger wäre.

Anders liegt der Fall, wenn ich den Elektroherd eines Freundes ans Stromnetz anschließe. Da gibt es nur eine richtige Möglichkeit. Wähle ich sie, trage ich keine Verantwortung, wenn es hinterher nicht klappt.
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2.17. Regression

Regressive Muster

Unter Regression (lateinisch: re-gredi = zurückgehen) versteht man den Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster. Dazu gehören grundsätzlich alle Verhaltensweisen, die es erlauben, von der Frontlinie des zweckgerichteten Handelns zurückzutreten und sich zweckfreien Daseinsformen hinzugeben.

Zum gesunden Leben gehört ein Wechselspiel zwischen lösungsorientierter Progression und zweckfreier Regression. Erst wenn man ausschließlich regressive Muster nutzt und der Frontlinie damit zum eigenen Schaden beharrlich ausweicht, wird Regression problematisch.

Problematisch ist aber auch, wenn man nicht genügend regrediert; zum Beispiel aus mangelndem GrundvertrauenWenn ich nicht ständig aufpasse, kann es doch nur schief gehen. in den Gang der Dinge; oder weil man die eigene Person zu wichtig nimmt. Das kann zu Überaktivierung des Organismus und psychosomatischen Erkrankungen führen.

Aktivismus / Hyperaktivität

Ein Gegenpol der Regression ist übersteigerte Aktivität. Im psychiatrischen Sprach­gebrauch gilt sie nicht als Abwehrmechanismus. Es ist aber sinnvoll, sie als solchen zu erkennen; vor allem, weil der Zeitgeist ihr mit wachsender Blindheit verfällt. Es wird reguliert, umstrukturiert, vermehrt, gesteigert und verbessert. Wir können dabei sicher sein, dass ein guter Teil der Umtriebigkeit psychologischen Abwehr­zwecken dient. Die Angst, Wesentliches zu verpassen, führt dazu, dass das Ego im Stillstand nur Rückschritt sieht.

2.17.1. Abtretung des Aggressionsausdrucks

Eine Spielart regressiver Muster ist die Abtretung des Aggressionsausdrucks. Der regressive Partner verzichtet darauf, mit defensiver oder offensiver Aggressivität zu handeln. Derlei Aufgaben überlässt er einem geeigneten Partner.

2.18. Somatisierung

Zwischen Somatisierung und Konversion gibt es Parallelen. Bei beiden Mustern werden psychische Inhalte nicht bewusst wahrgenommen. Stattdessen wirken sie sich auf körperlicher Ebene (griech.: soma [σωμα] = Körper) aus. Während man den Ausdruck seelischer Konflikte über das motorische, sensible und sensorische Nervensystem als Konversion bezeichnet, wird der entsprechende Ausdruck über das vegetative Nervensystem Somatisierung genannt.

Resultat solcher Somatisierungen sind funktionelle Symptomkomplexe, die sich um einzelne Organsysteme gruppieren. Zu den klassischen Symptomkomplexen, als deren Ursache man Somatisierungen vermutet, gehören:

2.19. Spaltung

Spaltung ist ein früher Mechanismus im Umgang mit der Welt. Der Säugling unterteilt die Wirklichkeit in ein grobes Raster: gut oder schlecht.

Das Raster passt in ein liebevolles Elternhaus. Milch und Liebe nimmt das Kind beden­kenlos, gegen Hunger, volle Windeln und elterliches Desinteresse schreit es an.

Im Laufe der Entwicklung erkennt das Kind, dass vieles nicht entweder-oder ist, sondern sowohl-als-auch; je nach Perspektive, aus der man es betrachtet. Es erkennt, dass manches gut sein kann, obwohl es zunächst weh tut oder Mühe macht: zum Beispiel laufen lernen. Das gilt erst recht für komplexe Aspekte der Realität, wie das eigene Ich und andere Personen.

Bekommt das Kind genug Zuwendung, entwickelt es den Mut, Hindernisse anzugehen und sich Zwiespältigem zu stellen. Bekommt es zu wenig, wartet es ängstlich ab: ob das eindeutig Gute, das es passiv von außen annehmen kann, nicht doch noch kommt. So wird der Reifungsschritt von passiver Erwartung und polarisierender Spaltung zu Tatkraft und differenzierter Wahrnehmung behindert.

Der Lebensweg wird durch die Beibehaltung von Spaltungen als Organisationsprinzip des Weltbilds erheblich erschwert. Es kommt zur Störung der Kompromissfähigkeit bei sozialen Konflikten, zur Störung der Beziehungsfähigkeit, zu Selbstwertproblemen, entwertendem Verhalten gegenüber anderen und zur Anfälligkeit für polarisierende Ideologien.

2.20. Sublimation

Sublimation (lat: sublimare = in die Höhe heben, veredeln) gilt als der reifste Abwehrmechanismus. Ihm ist laut Freud die Kultur zu verdanken. Impulse, die an Hindernissen scheitern, werden nicht bloß verdrängt, sondern zur Erlangung von Höherwertigem genutzt.

Sublimiert werden meist sexuelle oder aggressive Impulse, deren Umsetzung gefährlich werden könnte. Obwohl Sublimation ein kreativer Weg im Umgang mit frustrierten Bedürfnissen ist, kann auch sie krank machen...

So stimmt es zwar, dass Kulturschaffende oft unglücklich sind, weil ihnen die Erfüllung ursprünglicher Wünsche misslingt, Freud war jedoch zu pessimistisch. Wenn Rüdiger den Mut hat, Adelheid zu rauben, kann er durchaus ein Liebhaber sein, der Adelheid nicht nur durch Tatkraft beglückt, sondern das Glück nach geglückter Erfüllung im Lied besingt.

2.21. Ungeschehenmachen

Das Ungeschehenmachen kommt gehäuft bei Zwangsstörungen vor. Es ist aber auch im Rahmen der Normalpsychologie verbreitet. Grundmotiv des Ungeschehenmachens sind moralische oder ethische Bedenken und die Furcht, durch ein bestimmtes Handeln, Denken oder Fühlen das eigene oder das Wohl anderer gefährdet zu haben. Um die Gefahr zu bannen, wird ihr durch ein Sühne-, Vermeidungs- oder Reinigungs­verhalten begegnet. Dabei handelt es sich entweder um beliebige Rituale oder um ein Verhalten, das Schuld tatsächlich ausgleicht.

Eng verwandt mit dem Ungeschehenmachen sind Zwangshandlungen sowie Vermeidungs- oder Reinigungsrituale, deren Ziel es nicht ist, bereits entstandene Schuld wieder gut zu machen, sondern künftigen Schaden zu verhindern. Der befürchtete Schaden kann dabei von eigener Schuld als auch von äußeren Gefahren ausgehen.

Erfolgt das Ungeschehenmachen durch bloße Rituale, sind oft magische Vorstel­lungen damit verbunden. Zur Tragik schwerer Zwangsstörungen gehört jedoch, dass der Glaube an die magische Macht des Rituals nicht lange anhält. Dann kommt die Schuldangst wieder hoch und das Ritual muss immer wieder ausgeführt werden.

2.22. Verdrängung / Verleugnung

Bei der Verdrängung verleugnen wir so gründlich, dass wir das Verleugnete kaum noch bewusst wahrnehmen. Bei der Verleugnung wird alles, was nicht ins Weltbild passt, kurzerhand ignoriert.

Verdrängung kommt zum Beispiel bei Depressionen vor. So neigt der Depressive dazu, Impulse autonomer Selbstbehauptung zu verleugnenIch will wirklich keine Hähnchenkeule. Ein Scheibchen Knäckebrot ist für mich mehr als genug., sobald sie seinen altruistischenEigentlich ist der Dienst des Depressiven pseudo-altruistisch. Er dient nicht wirklich den Interessen anderer. Er dient als Schutzmauer gegen die Angst des Depressiven, sich bei anderen unbeliebt zu machen. Dienst an den Bedürfnissen anderer gefährden. Genauso verleugnet der Depressive, dass seine Dienstbereitschaft auch egoistischen (also "bösen") Zielen dienen könnte: sich nämlich beliebt zu machen und daraus Vorteile zu ziehen.

Der Verleugnung zum Opfer fallen aber nicht nur Impulse autonomer Selbstbehauptung, sondern auch Bedürfnisse nach Zugehörigkeit; zum Beispiel in der Manie und bei narzisstischen oder paranoiden Persönlichkeitsstörungen.

Verdrängung oder Dissoziation

Sobald psychologische Begriffe das Licht der Welt erblicken, wird darum gefochten, wie sie zu definieren sind. Das gilt auch für Abwehrmechanismen.

Das gemeinsame Resultat von Verdrängung und Dissoziation ist die Ausblen­dung potenzieller Bewusstseinsinhalte aus dem Bewusstseinsfeld. Obwohl das Resultat sehr ähnlich ist, macht eine Unterscheidung Sinn. Hier wird folgende vorgeschlagen:

Zu vermuten ist, dass die dissoziative Ausblendung eher zum Zuge kommt, wenn der potenzielle Bewusstseinsinhalt für das bisherige Selbstbild beson­ders bedrohlich erscheint; zum Beispiel bei wuchtigen seelischen Traumata. Während Verdrängung schleichend unbewusst zustande kommt oder bewusst betrieben... z. B. durch mutwilliges Ignorieren von Fakten oder gezielte Ablenkung vom unerwünschten Thema. wird, entsteht Dissoziation reflexartig unbewusst.

Therapeutisch kann den pathologischen Folgen beider Mechanismen abge­holfen werden, indem man die ausgeblendeten Inhalte ins Bewusstsein zurück­führt.


2.23. Verschiebung

Verschiebung ist ein weiteres Werkzeug des Bewusstseins. Meist dient sie dazu, zwiespältig erlebte Beziehungen zu sichern. Gefühle, Impulse und Phantasien, die die Beziehung gefährden könnten, werden nicht mehr der Beziehung zugeordnet, sondern auf ungefährliche Bereiche verschoben. Verschiebung führt häufig zur Entstehung von Phobien.

Um den Zusammenhalt zu festigen, werden Aggressionen zwischen Mitgliedern einer Interessengruppe oft auf äußere Feinde verschoben. Der Gruppenfremde wird zum phobischen Objekt, gegen den sich aller Widerwille richtet. Dieser Mechanismus wirkt vor allem bei ideologischen Gruppierungen. Je eindeutiger eine Gruppierung ihre Mitglieder auf eine Sichtweise verpflichtet, desto feindseliger wird sie sich nach außen verhalten.

Grundregel

Wenn es ihm Nutzen verspricht, geht der seelisch Gesunde auf das, was er fürchtet, zu. Er nimmt Angst in Kauf und überwindet sie. Bei ihm bleibt die Abwehr konstruktiv. Er nutzt die Werkzeuge um sich kontrolliert weiterzuentwickeln.

Der seelisch Kranke flieht vor dem, was er fürchtet. Er will Angst vermeiden. Seine Abwehr wird übermäßig defensiv. Weil er zurückweicht, spürt er den Impuls des Lebens in seinem Inneren als Gefahr. Um sich vor sich selbst zu schützen, versteift er sich noch mehr.

3. Abwehr oder Symptom

Drei psychische Erlebnisweisen werden in der Regel als Symptome aufgefasst: Depression, Zwang und Wahn. Entspringt ihr Auftreten keiner körperlichen Ursache, deutet man sie als Folgeerscheinungen einer misslungenen psychischen Dynamik. Dann können sie als komplexe Abwehrmechanismen verstanden werden, die nicht nur Endpunkte einer Ereigniskette sind, sondern ihrerseits Werkzeuge des Ego, um gefürchtete Aspekte der Wirklichkeit aus dem Bewusstsein zu entfernen.

Depression

Depressive Gefühle erleben wir meist aus der Sicht eines Opfers. Man sagt: Ich bin deprimiert.Von lateinisch deprimere = niederdrücken. Tatsächlich ist das Niederdrücken aber eine Tätigkeit. Deprimiert zu sein erfüllt eine Funktion, die man zwar unbewusst, aber trotzdem aktiv, ausführt. Man drückt unliebsame Impulse nieder, deren Auftauchen man noch mehr fürchtet als die Schwermut.

Zwang

Zwangshandlungen und Zwangsrituale dienen der Abwehr von Ängsten. Sie bieten, wenn auch nur flüchtig, Schutz vor der Erkenntnis, dass man niemals im Leben vollständig über sich selbst verfügt.

Wahn

Durch einen psychogenen Wahn wird die Wirklichkeit einer kosmetischen Operation unterzogen. Den Teil, den er partout nicht wahrhaben will, ersetzt der Wahnsinnige durch eine Deutung, die zu seinem Selbstbild passt.

4. Reife und unreife Abwehr

Der Gebrauch von Abwehrmechanismen ist an sich nicht krankhaft. Erst wenn man sich auf einige wenige Muster beschränkt oder hauptsächlich Muster benutzt, die einer unreifen psychologischen Entwicklungsstufe entsprechen, droht der Gebrauch der Abwehrmechanismen psychische Symptome hervorzurufen. Der stereotype Gebrauch bestimmter Muster deckt sich dann mit einer sogenannten Persönlichkeitsstörung.

Manche Abwehrmechanismen gelten als unreif, andere als reif. Eine genaue Aufteilung ist schwierig, weil der Wert eines Abwehrmechanismus auch von der Situation abhängt, in der er benutzt wird. Als reif gelten Sublimation und Antizipation (Situa­tionskontrolle durch vorausschauendes Handeln). Zu den unreifen Mustern zählen Regression, Spaltung, Projektion oder Projektive (Des)-Identifikation. Es gibt jedoch viele Momente, zu denen Regression besser passt als alle reifen Manöver.

5. Mystische Identifikation

Bei der mystischen Identifikation setzt die Person ihr Selbst mit der Wirklichkeit gleich. Dadurch lockert sie den Bezug zu ihrem Ego kategorisch. In der Folge sinkt das Bedürfnis, das Selbstbild durch Abwehr erkennbarer Bewusstseinsinhalte entgegen der Wirklichkeit zu stabilisieren.

Wer sich für einen Ausdruck von allem hält, wird sich weniger wehren.

Wer aus der Perspektive einer mystischen Identifi­kation heraus die Welt betrachtet, hat die grund­sätzliche Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich aufgegeben. Da Abwehrmechanismen Strategien des Ich sind, um Gefahren auszuweichen, die vom vermeintlichen Nicht-Ich ausgehen, kann man nach einer solchen Identifikation Gefühle und Impulse ebenso unbefangen wahrnehmen, wie alle anderen Aspekte der Realität.

Glaube

Identifikation mit dem Ganzen

Einsicht

Des-Identifikation von den Teilen.

Aus dieser Position heraus ist ein Altruismus möglich, der nicht wie bei der altruistischen Abtretung auf einer Verleugnung egozentrischer Impulse beruht, sondern auf deren Integration in ein ganzheitliches Weltbild.

Von der Abwehr und ihrem Ende

Die mystische Identifikation kann entweder ein reifer Abwehrmecha­nismus sein, oder der Anfang vom Ende der Abwehr selbst. Sie ist Abwehrmechanismus, wenn die Identität des eigenen Wesenskerns und der Wirklichkeit nur ein gedankliches Konzept ist, an das man glaubt.

Sie läutet das Ende der Abwehr ein, wenn die Identität durch Introspektion eingesehen wird, sodass sich das Ich aus der Identifikation mit dem Ego löst und dem Leben in der Folge aus dem Selbst heraus begegnet. Der Weg dorthin ist die mystische Des-Identifikation aus der Gleichsetzung des Ich mit objektivierbaren Teilaspekten der Realität.

Der Übergang von der mystischen Identifikation, also dem Glauben, zur mystischen Des-Identifikation, also der Einsicht, wird im Regelfall nur durch beharrliche Selbsterkenntnis und konsequente Hinnahme entdeckter Inhalte vonstatten gehen.