Psychose

  1. Definitionen
  2. Psychotische Erlebnisweisen
  3. Grundformen und Leitsymptome
  4. Psychose und Sucht
  5. Behandlung

1. Definitionen

Eine einheitliche Definition der Psychose gibt es nicht. Zwei Ansätze konkurrieren miteinander:

1.1. Wissenschaftliche Definition

Gemäß der wissenschaftlichen Definition sind Psychosen Folgeerscheinungen stofflicher Einflüsse auf das Gehirn. Dadurch grenzt sie die Psychosen von krankhaften Seelenzuständen ab, die durch nicht-stoffliche, also rein psychologische Faktoren verursacht werden. Zu den psychologisch verursachten Krankheiten zählen die Neurosen, die Persönlichkeitsstörungen und die Suchterkrankungen. Bei substanzgebundenen Süchten ist die Zuordnung wegen der organischen Veränderungen des Gehirns durch die Suchtmittel jedoch unscharf.

Zu den stofflichen Einflüssen, die Psychosen verursachen, zählen:

Der Vorteil der wissenschaftlichen Definition ist, dass man dabei Kausalzusammenhänge mitdenkt. Ihr Nachteil ist, dass sie sehr unterschiedliche Erlebnisweisen unter einem Begriff zusammenfasst.

1.2. Geläufige Definition

Im psychiatrischen Alltag definiert man die Psychose meistens enger. Hier wird zunächst nicht nach Ursache unterschieden, sondern nach Befremdlichkeit der Symptome. Die geläufige Definition bezeichnet solche Symptome als psychotisch, die nicht jeder aus eigenem Erleben kennt oder deren Sinnzusammenhang für einen "Gesunden" nicht nachvollziehbar ist.

Die geläufige Definition orientiert sich an der schizophrenen Psychose und beschreibt somit typisch psychotische Erlebnisweisen.

2. Psychotische Erlebnisweisen

Zur psychotischen Kernsymptomatik zählt man:
  1. Trugwahrnehmungen
  2. Gedankenlautwerden
  3. Ich-Störungen
  4. Beziehungserleben
  5. Wahn

2.1. Trugwahrnehmungen

Trugwahrnehmungen sind Halluzinationen. Der Kranke hört, sieht, schmeckt etwas, dem kein Sinneseindruck zugrunde liegt. Halluzinationen können auf allen Sinnesgebieten vorkommen. Es gibt:

2.2. Gedankenlautwerden

Der Kranke hört, was er denkt. Aus dem Gedachten, das ursprünglich als wesenhafter Ausdruck der Ich-Aktivität empfunden wird, wird ein vom Ich Gehörtes.

2.3. Ich-Störungen

Bei den Ich-Störungen handelt es sich um fehlerhafte Zuordnungen innerseelischer Erlebnisse. Innerseelische Ereignisse werden als von-außen-gemacht erlebt. Das betrifft sowohl Gedanken als auch Gefühle, Motive und Impulse. Zu den klassischen Ich-Störungen gehören:

2.4. Beziehungserleben

Beim Beziehungserleben bezieht der Kranke Dinge auf sich, die wahrscheinlich nichts mit ihm zu tun haben. Aus alltäglichen Ereignissen liest er Bedeutungen heraus, die angeblich ihn betreffen.

Beziehungserlebnisse werden oft feindselig gedeutet, so dass sich die Kranken verfolgt, beeinträchtigt oder abgelehnt fühlen. Damit verschwistert entwickeln sie zuweilen Vorstellungen einer besonderen persönlichen Bedeutung. Dann kann aus dem paranoiden Wahn ein Größenwahn entstehen. Man wird zwar verfolgt, aber nur, weil das zu der besonderen Aufgabe gehört, die man hat. Diese Erlebnisweisen stehen bei der Wahnhaften Störung, also der Paranoia, im Vordergrund.

2.5. Wahn

Zum Themenkreis des Wahns gehören die Wahnstimmung, der Wahneinfall, die Wahnwahrnehmung und die Wahnarbeit.

Die Wahnstimmung geht dem Aufblühen des eigentlichen Wahns voraus. Der Kranke erlebt sich in einer gespannten Erwartung. Irgendetwas liegt für ihn fast greifbar in der Luft. Bald wird etwas Entscheidendes passieren.

Durch den Wahneinfall wird dem Kranken plötzlich alles klar. Mit unverrückbarer Gewissheit meint er zu verstehen, was ihm die Ungereimtheit seines bisherigen Erlebens endlich erklärt.

Bei der Wahnwahrnehmung wird die wahnhafte Gewissheit durch eine konkrete Wahrnehmung ausgelöst:

Durch die Wahnarbeit versucht der Kranke seine ungewöhnlichen Erlebnisse in ein logisch zusammenhängendes Weltbild zu fügen. Beziehungserleben und Wahn gehen oft fließend ineinander über. Sobald der Kranke sein Beziehungserleben und seine subjektiven Deutungen zur unverrückbaren Gewissheit erklärt, ist ein manifester Wahn entstanden. Die Wahnarbeit besteht dann darin, dass er Argumente zurechtlegt, mit denen er Einwände gegen den Wahrheitsgehalt der Wahnideen entkräften kann.

2.6. Plus- und Minus-Symptome

Die bislang beschriebene Kernsymptomatik der Psychosen fasst man auch unter dem Begriff Plus-Symptomatik zusammen. "Plus" meint dabei, dass zum normalen Erleben etwas hinzukommt. Plus-Symptome treten vor allem zu Beginn der psychotischen Erkrankung auf. Verläuft die Erkrankung chronisch, lassen die Plus-Symptome im Laufe der Zeit meist nach. Statt dessen bildet sich eine Minus-Symptomatik heraus. "Minus" heisst hier, dass vom normalen Erleben etwas verloren geht.

Symptome im Überblick
Typ Symptom
Plus Halluzinationen, Ich-Störungen, Wahn, Aggressivität, Fremdbeeinflussungserleben, Angst, Misstrauen, innere Unruhe
Minus Sozialer Rückzug, Antriebsmangel, Verlust an Vitalität und Lebensmut, Minderwertigkeitsgefühle, Resignation, Gleichgültigkeit, depressive Verstimmungen, Konzentrationsstörungen, Interessenverlust, verminderte Belastbarkeit, Vernachlässigung der Hygiene

Das Ausmaß der Minus-Symptomatik ist von Person zu Person unterschiedlich. Bei der Entwicklung der Symptome spielen nicht nur biologische Faktoren eine Rolle, also Veränderungen der Botenstoffkonzentration zwischen den Hirnzellen, sondern auch soziale und psychologische Faktoren. Je kreativer der Betroffene mit der Kernsymptomatik umgeht und je mehr es ihm gelingt, sich durch die Erkrankung sozial nicht ausgrenzen zu lassen, desto weniger Minus-Symptome wird er bekommen.

3. Grundformen und Leitsymptome

Die Vielfalt der Psychosen lässt sich nach Leitsymptomatik und Ursache in Gruppen unterteilen. Da es keine einheitliche Definition der Psychose gibt, ist die Zuteilung logisch nicht abgeschlossen.

Als organische Psychosen bezeichnet man all jene, als deren Ursache eine körperliche Veränderung nachgewiesen ist. Dieser Gruppe können auch die toxischen Psychosen zugeordnet werden, also jene, die durch Fremdsubstanzen ausgelöst werden. Bei organischen Psychosen findet man oft Bewusstseinstrübungen und Gedächtnisstörungen.

Als endogene Psychosen bezeichnet man jene, als deren Hauptursache eine Stoffwechselstörung angenommen wird, ohne dass dies bisher jedoch nachweisbar war. "Endogen" heißt dabei "von innen heraus". Zu den endogenen Psychosen gehören:

  1. Affektive Psychosen, die im Rahmen der Bipolaren Störung entweder als Depressionen oder Manien in Erscheinung treten.
  2. Schizophrene Psychosen, deren Kernsymptomatik oben als psychotische Erlebnisweisen beschrieben ist.
  3. Schizoaffektive Psychosen, bei denen sich affektive und schizophrene Symptome vermischen.

Als psychogene Psychosen bezeichnet man Seelenzustände, bei denen unter dem Eindruck extremer psychologischer Spannungen eine psychotische Kernsymptomatik auftritt, ohne dass man vom Vorliegen eines endogenen Faktors ausgeht. Zu nennen sind hier psychotische Episoden als akute Reaktionen auf extreme psychologische Belastungen, die im Grundsatz bei jedem Menschen vorkommen können sowie vorübergehende psychotische Entgleisungen bei schweren Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typ.

Die Wahnhafte Störung wird ebenfalls zu den Psychosen gerechnet, obwohl sie auch als schwere Persönlichkeitsstörung aufgefasst werden kann.

4. Psychose und Sucht

Zwischen Psychose und Sucht gibt es enge Verbindungen. Zum einen führt jede Einnahme einer Substanz, die das Bewusstsein verändert, zu einer künstlichen Psychose. Bekanntermaßen sind solche Zustände in der Regel flüchtig und ihre Symptomatik eher angenehm. Es ist daher stimmig, diese Zustände nicht den eigentlichen Psychosen zuzurechnen.

Bei bestimmten Menschen können aber schon geringe Mengen von Suchtmitteln zu heftigen psychotischen Episoden führen, die mit Fug und Recht als vollgültige Psychosen zu bezeichnen sind. Zu nennen ist hier der Pathologische Rausch durch (geringe Mengen!) Alkohol, bei dem es zu Erregungszuständen und wahnhafter Realitätsverkennung kommt. Zu nennen sind erst Recht die Auswirkungen von halluzinogenen Drogen, Amphetaminen, Kokain und Cannabis. Bei all diesen Substanzen kann es zu drogeninduzierten Psychosen mit paranoiden und schizophrenie-ähnlichen Symptomen kommen.

Der fortgesetzte Konsum von Suchtmitteln kann sowohl zu Veränderungen an der Hirnsubstanz führen als auch zu einer Verlangsamung seelischer Entwicklungsprozesse. Das Zusammenspiel dieser Faktoren bedingt, dass Personen, die Suchtstoffe missbrauchen ein erhöhtes Risiko eingehen, chronische Psychosen zu entwickeln. Für Menschen, die zu Psychosen neigen, ist der Verzicht auf Suchtmittel generell ratsam.

5. Behandlung

Die Behandlung der Psychosen richtet sich nach der Grunderkrankung. Im Vordergrund steht zunächst die körpermedizinische Abklärung. Ist man bei der Suche nach fassbaren Auslösern erfolgreich, wird "kausal" behandelt. Das heißt: Man versucht, die Grunderkrankung zu beheben.

Häufig deckt die körperliche Untersuchung aber keine fassbare Ursache auf. Man spricht dann von einer endogenen Psychose. Hier sind Psychopharmaka die therapeutischen Mittel der ersten Wahl. Man behandelt "symptomatisch". Man versucht die Symptome zu beseitigen, deren Ursache man nicht kennt.

Psychotherapie spielt bei Psychosen eine nachgeordnete Rolle. Zwar haben viele Therapeuten versucht, die psychotischen Kernsymptome psychotherapeutisch anzugehen, ein Verfahren, das im medizinischen Alltag anwendbar wäre, konnte bisher aber nicht entwickelt werden. Die Psychotherapie beim Psychosekranken hat nicht zum Ziel, den psychotischen Krankheitskern anzugehen. Sie dient vielmehr dazu, Anpassungsstörungen zu behandeln, die mit der Psychose in Verbindung stehen.