Zugehörige Begriffe:
Identität
Identifikation
Ego
Ich
Selbst
Sein
Leid hat zwei Quellen: Das was ich selbst bin und das, wofür ich mich halte. Leide ich an mir selbst, kann ich daran wachsen. Leide ich für mein Ego, mache ich mich kleiner.
Die Identifikation mit dem Ego liefert mich der Welt aus.
Das Ich umhüllt sich mit dem Ego. So hält es sich warm... oder erstickt daran.
Die Welle ist eine Schwingung des Ozeans. Darüber hinaus hat sie keine Identität. Es kann sein, dass es mir nicht anders geht.
Die höchste Seinsart des Subjekts ist unterwerfungsfrei. Weder unterwirft sie, noch ist sie unterworfen. Sie ist die höchste Seinsart der Existenz, weil es in ihrer Gegenwart kein Unter mehr gibt.
Wer sich für sein Ego hält, ist an die Oberfläche gefesselt. Er fürchtet sich vor der eigenen Tiefe.
Alles was ist, weist auf das hin, was ihm zugrunde liegt.
Die leibliche Existenz der Person wird durch den Körper verwirklicht, ihre seelische durch das Ich. Während die leibliche Identität leicht zu bestimmen ist, ist es mit der seelischen schwer.
Das Ich hat keine feste Form. Was es ist, weiß es nicht von vorn herein. Es macht sich erst ein Bild davon. Dazu nimmt es wahr, stellt Vermutungen an und identifiziert sich mit dem, wofür es sich jeweils hält.
Das Ich wird seiner selbst bewusst, sobald es bemerkt, dass es etwas bewirken kann. In der frühen Kindheit setzt es sich mit dem Körper gleich. Es kann dessen Glieder bewegen und damit Töne machen. Später bemerkt das Ich, dass es nicht nur den Körper durch die Außenwelt steuert, sondern Zugang zu einer virtuellen Innenwelt hat, die andere nicht unmittelbar erkennen. In dieser Innenwelt begegnet es Gedanken, Gefühlen, Impulsen und Wünschen, die es bald für wesensnäher hält als seine bloße Körperlichkeit. Es verschiebt den Schwerpunkt seiner Identität nach innen.
Parallel zur Gleichsetzung mit Körper und Psyche identifiziert sich das Ich mit sozialen Gemeinschaften, denen es sich zugehörig fühlt. Es identifiziert sich mit Rollen, die es in Gemeinschaften spielen will und mit Werten, die zur Gemeinschaft und zur Rolle passen.
Auswahl und Intensität dieser Identifikationen entscheiden darüber mit, was das Ich erlebt.
Grundregel
Je mehr ich mich mit dem identifiziere, was ich von mir wahrnehme, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich für das halte, was ich tatsächlich bin. Je mehr ich mich an Vermutungen und Urteilen orientiere, desto größer ist das Risiko, dass ich mich irre. Und je mehr ich mich über mein Wesen irre, desto falscher sind die Entscheidungen, die ich treffe.
Grundsätzlich stehen dem Ich zur Bestimmung dessen, was es ist, zwei Mittel zur Verfügung:
Zur Klärung des Unterschieds zwischen dem, was man ist und dem, wofür man sich hält, dienen drei Begriffe: Mein Selbst ist, was ich tatsächlich bin. Mein Ego ist, wofür ich mich halte. Dem Selbst seinerseits kann eine relative und eine absolute Existenz zugeordnet werden. Das Sein liegt jenseits aller Unterscheidungen. Es ist daher nicht nur "mein" Sein, sondern auch das Sein von allem anderen.
Das Ego hat im Leben wichtige Funktionen:
Gerade jungen Menschen verschafft das Ego Sicherheit, indem es den Kontakt zwischen dem Ich und der Außenwelt durch Auswahl verengt. Durch das Verengen ist das Ego aber auch eine Quelle seelischen Leids. Das Ego setzt der Welt eine Behauptung entgegen, ein konkretes So-und-nicht-anders-Sein, ein Ich will! und Ich bin!, ein Das-ist-gut!, Das-ist-schlecht!, somit Positionen, die nach außen hin zu verteidigen sind. Das Ego definiert sich als abgegrenzte Einheit, die ihre Existenz und ihren Anspruch gegenüber dem Nicht-Ich zu beweisen versucht.
Im Gegensatz zum absoluten Selbst, das auf zeitlose Wirklichkeit ausgerichtet ist, ist das Ego speziell, willkürlich, kompliziert, widersprüchlich, verschachtelt und zerbrechlich. Von den Umständen wird es laufend in Frage gestellt. Wenn man dem Ego und dessen Ringen mit der Welt zuviel Bedeutung beimisst, verliert man die zeitlose Dimension des Selbst aus dem Blick.
Definitionen im Überblick| Begriff | Was benennt er? | |
| Ich | Das, was sich gleichsetzt... ...mit dem, was es wahrnimmt oder mit dem, was es sein will. |
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| Ego | Die Rolle, die das Ich gegenüber anderen spielen will. Das, was glaubt, von der Welt getrennt zu sein. | |
| Relatives Selbst | Das, was das Ich unmittelbar wahrnehmen kann: Gefühle, Gedanken, Impulse. | |
| Absolutes Selbst | Das, was wahrnimmt und entscheidet. Repräsentant des Seins in der Person. | |
| Sein | Gemeinsamer Nenner alles Seienden. Das, was wahr macht. |
Setzt sich das Ich mit dem Ego gleich, wird es vom Ego vereinnahmt. Statt dass das Ego Anwalt des Ich bleibt, werde ich zum Werkzeug des Ego. Die Verteidigung des Ego wird zum Selbstzweck. Es resultieren Unsicherheit, Angst, Neid, Missgunst und Zwietracht.
Aus der Identifizierung des Ich mit dem Ego entstehen "negative" Gefühle, die nahtlos in psychopathologische Symptome übergehen. Mein Ego verstellt mir den Weg zu mir selbst. Um das zu vermeiden gilt es, das Ego als Werkzeug zu erkennen.
Das Selbst nimmt wahr, was ist. Das Ego will bestimmen, wie die Welt sein soll. Das Selbst ruht in sich und sieht zu. Es bestimmt sich durch Wahrnehmung, es wirkt durch So-sein. Das Ego urteilt und greift ein, sobald die Welt nicht seinen Wünschen entspricht. Um der Herrschaft des Ego zu entrinnen, muss man daher die Aufmerksamkeit darauf richten, was nicht zu bedenken, zu beurteilen, zu bewerten und folglich zu bestimmen und zu verändern ist, sondern auf das, was wahrgenommen werden kann wie es ist.
Es gibt sinnlich und unmittelbar Wahrnehmbares. Das sinnlich Wahrnehmbare informiert über Ereignisse der äußeren Welt, das unmittelbar Wahrnehmbare über die innerseelische Dynamik des Ich. Unmittelbar wahrnehmbar sind Gedanken, Gefühle und Impulse.
Das unmittelbar Wahrnehmbare ist noch nicht das absolute Selbst. Das absolute Selbst ist die Matrix, in der das unmittelbar Wahrnehmbare (das relative Selbst) geschieht. Das relative Selbst kann als Übergang zwischen Ego und absolutem Selbst aufgefasst werden. Je ungetrübter ich das, was ist, so, wie es ist, wahrnehme, ohne es meinen Plänen zu unterwerfen, desto mehr führt mich das zum absoluten Selbst.
Praktische Möglichkeiten:
Verschiedene spirituelle Traditionen führen den Prozess der Des-Identifikation vom Ego als meditative Technik konsequent zu Ende. In der Meditation versucht man, sich von der "Anhaftung" ans Ego zu befreien. Dazu übt man, alles Wahrnehmbare - also auch Gedanken, Gefühle und Impulse - als bloßen Ausdruck des eigenen Wesens zu betrachten. Man deutet die Folge der Wahrnehmungen als austauschbaren Reigen bunter Bilder ohne vollständigen Bezug zu einem selbst, als Spiele der Wirklichkeit, die von alleine kommen und von alleine gehen.
Zunächst gelangt man so in eine Geisteshaltung, aus der heraus man den Interessen der eigenen Person keine größere Bedeutung mehr beimisst, als den Interessen anderer. Man erlebt die Welt nicht mehr aus der Sicht eines Mitspielers, der gegen die anderen seinen Vorteil sucht, der bangt, hofft, konkurriert, kämpft und sich verweigert, sondern aus der Sicht parteiloser Menschlichkeit.
Gelingt es, das Bewusstsein vollständig aus der Identifikation mit unmittelbaren Wahrnehmungen und Urteilen zu lösen, erreicht man die Schwelle zu einer Stille, die vor und jenseits aller Formen liegt.
Da zum Bewusstsein dieser Stille kein vom Umfeld getrennter Willensentscheid mehr gehört, ist der Schritt über die Schwelle nicht "machbar". Geschieht er, wird das als Gnade erlebt. Jenseits der Schwelle ist das Ich mit dem Sein identisch. Das Formlose hat sein Wesen entdeckt.
Als fruchtbarer Gegensatz zur Des-Identifikation durch Meditation kann die experimentelle Identifikation angewandt werden. Dabei handelt es sich um eine Technik der Selbsterkenntnis, die in unterschiedlicher Form von verschiedenen Therapieschulen (Gestalttherapie, Psychodrama, Familienstellen) angewandt wird.
Während sich das Ich bei der Des-Identifikation seiner Mäntel entledigt, um der "nackten Wahrheit" beizukommen, probiert es bei der experimentellen Identifikation neue Mäntel aus. Dadurch fühlt es sich in bisher unentdeckte Aspekte des eigenen Daseins ein oder es lernt die Welt aus der Sicht der anderen kennen.
So können im Rollenspiel soziale Konflikte nachgestellt und die Sichtweisen der Konfliktgegner durch Rollentausch nachempfunden werden. Bei der Stuhlarbeit im Rahmen einer Gestalttherapie werden innerseelische Konflikte durch Polarisierung verdeutlicht. Ist mir unklar, ob ich Anna heiraten oder mit der St. Helena in See stechen sollte, kann ich mich abechselnd mit einem Bräutigam und einem Seemann identifizieren, um den Konflikt durch Eskalation zu lösen. Dazu gilt es, sich möglichst tief in das jeweilige Bild einzufühlen.
Auch beim Verständnis von Träumen hilft die experimentelle Identifikation weiter. Dabei wird der Trauminhalt nicht durch assoziative Ideen gedeutet, sondern der Träumer fühlt sich in die verschiedenen Figuren und Elemente des Traumes ein. Dadurch integriert er abgespaltete Anteile in sein Selbstbild.
Beispiel
Habe ich geträumt, wie ich mich auf der Flucht vor einer Schlange durch einen Sprung über den Abgrund gerettet habe und schließlich auf einem Baum saß, identifiziere ich mich nacheinander mit der Schlange, dem Abgrund und dem Baum.
Empfand ich den Traum zunächst nur aus der Sicht dessen, der flüchtet, verstehe ich ihn nun aus der Sicht seiner verschiedenen Elemente. Die experimentelle Identifikation kann auch als integrative Identifikation bezeichnet werden.