Zugehörige Begriffe:
Grundregel
Je mehr ich mich mit dem identifiziere, was ich von mir wahrnehme, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich für das halte, was ich tatsächlich bin. Je mehr ich mich an Vermutungen und Urteilen orientiere, desto größer ist das Risiko, dass ich mich irre. Je mehr ich mich über mein Wesen irre, desto falscher sind die Entscheidungen, die ich für mich treffe.
Die leibliche Existenz der Person wird durch den Körper verwirklicht, ihre seelische durch das Ich. Während die leibliche Identität leicht zu bestimmenEin Blick in den Spiegel genügt. ist, ist es mit der seelischen schwer.
Das Ich hat keine feste Form. Was es ist, weiß es nicht von vornherein. Es macht sich erst ein Bild davon. Dazu nimmt es wahr, stellt Vermutungen an und identifiziert sich mit dem, wofür es sich jeweils hält.
Das Ich wird seiner selbst bewusst, sobald es bemerkt, dass es etwas bewirken kann. In der frühen Kindheit setzt es sich mit dem Körper gleich. Es kann dessen Glieder bewegen und damit Geräusche machen. Später bemerkt es, dass es nicht nur den Körper durch die Außenwelt steuert, sondern Zugang zu einer geistigen Innenwelt hat, die andere nicht unmittelbar erkennen. In dieser Innenwelt begegnet es Gedanken, Gefühlen, Impulsen und Wünschen, die es bald für wesensnäher hält als seine bloße Körperlichkeit. Es verschiebt den Schwerpunkt seines Selbstbilds vom Stofflichen ins Geistige.
Parallel zur Gleichsetzung mit Körper und Psyche identifiziert sich das Ich mit sozialen Gemeinschaften, denen es sich zugehörig fühlt. Es identifiziert sich mit Rollen, die es in Gemeinschaften spielen will und mit Werten, die zur Gemeinschaft und zur Rolle passen.
Auswahl und Intensität dieser Identifikationen entscheiden darüber mit, was das Ich erlebt.
Grundsätzlich stehen dem Ich zur Bestimmung dessen, was es ist, zwei Mittel zur Verfügung:
Ich bin ärgerlich. Ärger kann ich wahrnehmen. Wenn ich Ärger wahrnehme, ist bewiesen, dass ich ärgerlich bin.
Vermutungen und Urteile
Ich bin tüchtig. Wenn ich mich für tüchtig halte, ist nicht bewiesen, dass ich es bin. "Ich bin tüchtig" ist ein Urteil. In jedem Urteil stecken Willkür und Zufall. Ich urteile vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die ich zufällig gemacht habe und gemäß dem, was ich für meinen Vorteil halte. Urteile stellen nicht nur fest, was ist. Sie steuern oft auf das zu, was sein soll.
Zur Klärung des Unterschieds zwischen dem, was man tatsächlich ist und dem, wofür man sich hält, dienen sechs Begriffe:
| Begriff | Was benennt er? |
| Ich | Das, was sich gleichsetzt... ...mit dem, was es wahrnimmt, mit dem, was es zu sein glaubt oder mit dem, was es sein will. Das, was das Selbstbild zu sich selbst erklärt. |
| Ego | Die Rolle, die das Ich gegenüber anderen spielen will. Das, was glaubt, von der Welt getrennt zu sein. Das, was der eigenen Person einseitig Vorteile verschaffen will. Vorsatz der individuellen Parteilichkeit. |
| Relatives Selbst | Das, was das Ich unmittelbar wahrnehmen kann: Gefühle, Gedanken, Impulse. |
| Absolutes Selbst | Das, was wahrnimmt und entscheidet. Repräsentant der Wirklichkeit in der Person. |
| Wirklichkeit | Gemeinsamer Nenner aller wirksamen Kräfte und Formen. Das, was wahr ist und wahr macht. |
Wer das Ego zu unterwerfen versucht, macht das Ego sadistisch.
Das Ego ist ein Instrument der Psyche. Sein Ziel ist die Kontrolle dessen, was geschieht. Es dient der Abgrenzung vom Umfeld und der Vertretung personaler, also egozentrischer Interessen. Damit gerät es in Verdacht, etwas Böses zu sein, das uns die Teilhabe am Ganzen verwehrt. Daraus ergibt sich die Vorstellung, ein guter Mensch müsse das Ego bekämpfen.
Der Vorsatz, sich zu verbessern, indem man das Ego bekämpft, ist jedoch seinerseits egoistisch. Es ist der Versuch, das Kontrollorgan zu kontrollieren. Es ist der Versuch, den Gewinn zu maximieren, indem man den Eifer beim Gewinnen zügelt. So beißt sich die Katze in den Schwanz.
Vor den Gefahren des Ego schützt man sich besser, indem man es als beschränktes Denkkonzept erkennt. Wer das Ego erkennt, hört auf, sich mit ihm zu verwechseln. Wer es bekämpft, stachelt es an.
Das EgoDer Begriff Ego ist irreführend. Das Substantiv Ego unterstellt, dass das Ego ein eigenständiges Etwas ist, das aus sich heraus handelt. Tatsächlich ist das Ego eine Funktionsweise des Ich, die durch Absichten, Notwendigkeiten und Sichtweisen des Ich ins Leben gerufen, gestaltet und gesteuert wird. ist nicht angeboren. Es entwickelt sich im Laufe der frühen Kindheit parallel zum Erwachen des Ich-Bewusstseins. Es besitzt keine primäre Existenz, die mit der biologischen Geburt ins Dasein tritt. Das Ego ist vielmehr ein Konzept des Bewusstseins, mit dessen Hilfe sich das Ich in der Welt zurechtzufinden versucht. Das Konzept besagt, dass das Ich als eine abgegrenzte Einheit mit dem Umfeld nicht wesenhaft verbunden ist, sondern ihr bloß dialogisch, nämlich als Rivale und Handelspartner entgegentritt.
Obwohl das Ego nicht als seelisches Organ des Körpers gemeinsam mit diesem geboren wird, ist sein Wesen untrennbar mit dem körperlichen Aspekt der Person verbunden. Es ist darauf abgerichtet, das Wohl der in ihrer Körperlichkeit verankerten Person bedingungslos zu fördern. Wie ein treuer Hund ist es dabei bereit, gegebenenfalls nach allem zu beißen, was dem Wohl der Person im Wege zu stehen scheint; oder es zumindest achtlos zu übergehen.
Das Ego hat wichtige Funktionen:
Kurzum: Das Ego ermöglicht es uns, als eigenständige Individuen gegenüber der sozialen und physikalischen Umwelt aufzutreten. Es sagt: Ich bin ich und nicht ihr.
| Das biologische Erbe |
| Das Ego ist eine notwendige Bedingung der biologischen Evolution. Die Entwicklung der Arten ging Hand in Hand mit einem Phänomen, das als instinktiver Vorgänger des egozentrischen Ich-Bewusstseins aufgefasst werden kann: die Bereitschaft biologischer Strukturen, im Interesse ihrer selbst oder ihrer Gene rücksichtslos zu sein. Das gilt für röhrende Hirsche auf dem Brunftplatz ebenso wie für Zuckererbsen im Gemüsebeet. Man wird dort kaum eine Erbse finden, die bereit wäre, zum Vorteil ihrer Miterbsen auf den hellsten Platz am Rankgitter zu verzichten.
Obwohl das Ego ein wichtiges Werkzeug des Lebens ist, ist seine Erfindung nicht der Weisheit letzter Schluss; erst recht nicht als alleiniges Prinzip persönlichen Handelns. Der Mensch selbst ist dafür bestes Beispiel. Sein evolutionärer Erfolg beruht vor allem auf dem Zusammenschluss... ohne den bereits die Sprachentwicklung unmöglich wäre. zu solidarischen Gemeinschaften... und deren Erfolg wäre ohne eine FortentwicklungBeim Zusammenschluss sozialer Gemeinschaften wird das Ego nicht abgeschafft. Es wird fortentwickelt. Zum bloßen Ich-will-für-mich kommt ein Für-uns-nützt-auch-mir. des blanken Egoismus bei weitem bescheidener. |
Die Funktion des Ego ist untrennbar mit einem Selbstbild verbunden: dem Bild, der polare Gegensatz zum Nicht-Ich zu sein. Dieses Konzept bildet das Grundgerüst des nackten Ego.
Wechselwirkungen
Wie eine Person ist, hängt davon ab, als was sie sich betrachtet. Das wahrnehmbare Objekt Person und die Wahrnehmung ihrer Eigenschaften beeinflussen sich gegenseitig. Sie sind unauflösbar miteinander verbunden. Nimmt man ein Merkmal bei sich wahr, verändert man es.
Ego und Verantwortung
Aufgabe des Ego ist es, Unheil von der Person abzuwenden. Da verantwortlich zu sein oft Unheil bedeutet, neigt das Ego dazu, Verantwortung auf andere abzuschieben. Mit seinem Mandanten meint es Anwalt Ego damit gut. Gut gemeint ist aber oft nicht wirklich gut; weder für den Mandanten, der sich seiner Verantwortung entledigt noch für die anderen, denen sie auferlegt wird.
Sprachprobleme
Das Wort Ich ist immer polar. Es ist ein Ich-Du oder ein Ich-Er. Es denkt die Spaltung der Wirklichkeit in Ich und Nicht-Ich mit.
Deshalb ist der Satz Ich bin die Wirklichkeit irreführend. Er stimmt nur insoweit es in Wirklichkeit ein abgetrenntes Ich nicht gibt.Zum egozentrischen Selbstbild gehört aber nicht nur die Hypothese vom grundsätzlichen Gegensatz zwischen dem Ich und dem Rest der Welt. Um sich selbst erkennbare Formen zu geben und damit Anker, an denen es sich in der Wirklichkeit vertäut, bestückt sich das egozentrische Selbstbild mit einem jeweils individuellen Repertoire eingrenzender Identifikationen. Dazu gehören Meinungen und vermeintlich unverrückbare Glaubenssätze ebenso wie Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen.
Gerade jungen Menschen verschafft ein klar umgrenztes Selbstbild Sicherheit. Es verengt den Blick auf das, was der Person unmittelbar nützlich ist und Schutz zu vermitteln scheint. Wenn ich daran glaube, Schalke-Fan zu sein, weiß ich, in welcher Kurve ich am Samstag sitze. Das Ego legt den Platz fest, von dem aus man sich am Rollenspiel der Welt beteiligt.
Durch die Verengung ist das Ego aber auch eine Quelle der Angst. Das Ego setzt der Welt eine Behauptung entgegen, ein konkretes So-und-nicht-anders-sein, ein Ich will! und Ich bin!, ein Das-ist-gut! und Das-ist-schlecht!. So formuliert es Positionen, die nach außen hin zu verteidigen sind. Im egozentrischen Modus definiert sich das Ich als eingegrenztes Etwas, das seine Existenz und seinen Anspruch gegenüber dem Nicht-Ich zu behaupten hat. Unterschwellig ist es daher kampfbereit und fühlt sich stets bedroht.
Das Selbst des Menschen ist das, was er tatsächlich ist; nicht das, was er meint zu sein.
Das relative Selbst ist angeboren. Seine Inhalte werden stark vom Ego beeinflusst. Es besteht aus den unmittelbar wahrnehmbaren innerseelischen Ereignissen, die das Ich als mein Gefühl, mein Impuls, meine Meinung bezeichnet. Das relative Selbst ist durch Achtsamkeit nach innen wahrnehmbar.
Das absolute Selbst ist ungeboren. Es entspricht der Wirklichkeit als Ganzes, aus deren Sicht Geburt und Tod nur Formen sind. Es ist der WahrnehmungWeil das egozentrische Individuum zwecks Unterscheidung von persönlichem Vor- und Nachteil zwar die innerweltlichen Gegensätze fokussiert (nützlich/schädlich, mein/dein etc), kaum aber den organischen Zusammenhang des vordergründig bloß Gegensätzlichen. kaum je zugänglich. In der Regel wird bloß an seine Existenz geglaubt, oder es wird auf sie durch Denkprozesse schlussgefolgert.
Je mehr sich die Betrachtung der Struktur des Menschen dem absoluten Pol zu nähern versucht, desto weniger lässt sich begrifflich davon fassen. Da Begriffe Formen und Formen Begrenzungen sind, entzieht sich die formlose Quelle des Ich der Begreifbarkeit. Immerhin deutet eine Gegenüberstellung darauf hin, was das Wesen des absoluten Selbst von dem des Ego unterscheidet.
Tatsächliche und virtuelle Identität
| Das Ego ist... | Das Selbst ist... | |
| virtuell | existent | |
| austauschbar | grundsätzlich | |
| gemacht | gegeben | |
| ein Gefüge sozialer Rollen und Eigenschaften, die man sich zuschreibt | das tiefere Wesen des Daseins | |
| Organisator der Person, als die man der Außenwelt begegnet | transpersonal | |
| objektivierbar | Ausdruck der eigentlichen Subjektivität | |
| an Wirkung orientiert | auf das Sein bezogen | |
| körpernah und aktualitätsbezogen | zeit- und formlos | |
| parteiisch | unparteiisch | |
| trennend | verbindend | |
| kampfbereit | friedfertig | |
| ausgesetzt | unverletzbar |
Das egozentrische Selbstbild geht von der Existenz eines eng umgrenzten Ich aus, das einem schier unermesslichen Nicht-Ich gegenüber steht...und dem es trotzdem eine alles überragende Bedeutung für das eigenen Tun zuschreibt. Verursacht wird das verengte Selbstbild durch begrenzte WahrnehmungDas individuelle Bewusstsein nimmt wahr, dass seine Inhalte (z.B. Gedanken und Gefühle) vom Bewusstsein anderer Individuen nicht unmittelbar erkannt werden können. Daher glaubt es, sein Bewusstsein unterliege der Hoheit einer separaten Instanz. Tatsächlich besteht die Abgetrenntheit aber nur in der Abschirmung der Bewusstseinsinhalte gegenüber dem unmittelbaren Einblick von außen. Die Inhalte selbst werden im Gegensatz dazu unauflösbar von dem Kontext mitbestimmt, in den das Individuum jeweils eingebettet ist; oder früher eingebettet war. Außerdem wirkt sich jeder Bewusstseinsinhalt auf das Verhalten aus, sodass das Umfeld auch dann durch einen Gedanken beeinflusst wird, wenn das Individuum ihn nicht ausspricht. , spaltende Fehlurteile Das Ego deutet die Wirklichkeit nicht als organische Einheit, sondern als gigantisches Stückwerk, in dessen unendlichen Weiten Millionen vereinzelter Existenzialisten einen heroischen Kampf gegen das eigene Ende ausfechten. über die Struktur der Wirklichkeit und das Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis einer ins DaseinDasein heißt ausgesetzt sein. Als Reaktion auf das Ausgesetzt-sein in grenzenloser Weite konzipiert sich das Ego als überschaubares Interessensgeflecht, für dessen Wohlergehen es sich verantwortlich sieht, während es die Verantwortung für das Nicht-Ich jenseits seiner vermeintlichen Grenze liegen lässt. ausgesetzten Zerbrechlichkeit.
Das Ego entwirft das Bild seiner selbst in Anlehnung an die Losgelöstheit... die sich zum Beispiel in der Fähigkeit des Körpers zeigt, sich willkürlich im Raum zu bewegen. des Körpers vom Umfeld. Es deutet die Seele als virtuellen Körper, der wie ein Raumschiffkapitän hinter den Augen auf der Brücke sitzt und das Schiff von dort aus durch die Einsamkeit ihm wesensfremder Räume steuert.
Dem Gegenpol der Losgelöstheit - dem vollständigen Eingebundensein... und dem Aus-allem-heraus-entbunden-sein... - misst es im Gegensatz dazu bei der Bestimmung seines Selbstbilds kaum Bedeutung zu. Seiner Wahrnehmung fällt dieser Gegenpol nur schemenhaft ins Auge. Die willkürliche Beweglichkeit im Raum rechnet es sich selbst und dem Körper zu, nicht aber den Raum, dessen Existenz unauflösbar mit der Willkür seiner Bewegung verwoben ist. Das Ego sieht sich im Raum, aber nicht als Raum. Es glaubt, in der Welt zu atmen, erkennt aber nicht, dass es von ihr beatmet wird. Es glaubt, aus sich heraus zu leben und übersieht, dass sein Leben ein Ereignis ist, dass aus dem Abgrund der gesamten Wirklichkeit heraus geschieht.
Das Ego erkennt nicht, dass sein Selbst nicht allein in der abgegrenzten Person, als die es sich betrachtet, liegen kann, sondern nur im Netzwerk sämtlicher Kräfte, die deren Existenz bedingen. Das absolute Selbst des Ego liegt inDen geistigen Raum als Binnenraum aufzufassen, ist eine sprachliche Konvention. Tatsächlich bezieht sich die Polarität innen-außen auf die Welt der Formen und Dinge. Das Selbst einer Person innerhalb von etwas - zum Beispiel ihres Körpers - zu verorten, ist widersinnig, wenn damit gemeint ist, dass es nicht auch außerhalb liegt. und außerhalb von ihm.
Selbstbilder unterliegen Entwicklungsprozessen. Ein junges Gemüt glaubt womöglich, nichts als der sichtbare Körper im Spiegel zu sein. Mit der Zeit erweitern sich meist die Konzepte; sodass man sagen kann: je mehr sich das Selbstbild aus der Enge festgefügter Definitionen löst, desto reifer wird es. Mehr noch: Erst wenn das Ich alle Gleichsetzungen aufgibtDie Preisgabe aller Gleichsetzungen ist keineswegs ein bloßer Denkakt, sondern eine existenzielle Positionierung des Ich gegenüber der Wirklichkeit. , kommt es vom Bild zu sich selbst.
Im Gegensatz zum absoluten Selbst, das zeitloser Wirklichkeit entspricht, ist das egozentrische Selbstbild speziell, willkürlich, kompliziert, widersprüchlich, verschachtelt und zerbrechlich. Von den Umständen wird es laufend in Frage gestellt. Wenn man dem Ego und dessen Ringen mit der Welt zuviel Bedeutung schenkt, verliert man die zeitlose Dimension des Selbst aus dem Blick.
Setzt sich das Ich mit der Person gleich, als deren Anwalt das Ego wirkt, wird es vom Ego vereinnahmt. Statt dass das Ego Anwalt des Ich bleibt, wird das Ich zum Werkzeug des Ego. Die Verteidigung des Ego wird zum Selbstzweck. Es verteidigt nicht mehr das Selbst, sondern sich selbst. Daraus resultieren Unsicherheit, Angst, Neid, Missgunst, Aggression und Zwietracht.
Die Meinung der anderen
Der egozentrische Mensch interessiert sich vor allem für die Rolle, die er in Bezug zu anderen spielt. Daher legt er Wert darauf, deren Meinungen in seinem Sinne zu beeinflussen. Die anderen sollen:
Wer sich mit seinem Ego gleichsetzt, ist durch Abwertungen kränkbar. Wer mit sich selbst identisch ist, weiß, dass er durch nichts zu entwerten ist.
Selbstbild und Wirklichkeit
Das Ego geht von Bildern aus. Es meint zu wissen, wie die Welt sein sollte. Das Bild, das es von sich selbst und der Welt entwirft, ist Resultat seiner Ängste und Wünsche, seiner persönlichen Erfahrungen und der Urteile, die es von anderen übernimmt. Daher ist das Bild verzerrt und eingeschränkt. Wenn das Ego die Führung übernimmt, versucht es, die Wirklichkeit seinen Bildern anzupassen. Der Wirklichkeit gegenüber wird man dadurch blind. Je weniger man die Wirklichkeit beachtet, desto härter wird der Aufprall, wenn man ihr begegnet. Der Schmerz rüttelt entweder wach oder er liefert den Anlass, den Kampfauftrag ans Ego zu verstärken.
Wer sich mit seinem Ego gleichsetzt...
Aus der Identifizierung des Ich mit dem Ego entstehen "negative" Gefühle. Sie gehen nahtlos in psychopathologische Symptome über. Mein Ego verstellt mir den Weg zu mir selbst. Um das zu vermeiden, gilt es, das Ego als Werkzeug zu erkennen.
Das Selbst nimmt wahr, was ist. Das Ego will bestimmen, wie die Welt sein soll. Das Selbst ruht in sich und sieht zu. Es bestimmt sich durch Wahrnehmung. Es wirkt durch So-sein. Das Ego urteilt und greift ein, sobald die Welt nicht seinen Wünschen entspricht. Um der Herrschaft des Ego zu entrinnen, muss man die Aufmerksamkeit darauf richten, was nicht zu bedenken, zu beurteilen, zu bewerten und folglich zu bestimmen und zu verändern ist, sondern auf das, was wahrgenommen werden kann.
Es gibt sinnlich und unmittelbar Wahrnehmbares. Das sinnlich Wahrnehmbare informiert über Ereignisse der äußeren Welt, das unmittelbar Wahrnehmbare über die innerseelische Dynamik des Ich. Unmittelbar wahrnehmbar sind Gedanken, Gefühle und Impulse.
Das unmittelbar Wahrnehmbare ist noch nicht das absolute Selbst. Das absolute Selbst ist der Raum, in dem das unmittelbar Wahrnehmbare (das relative Selbst) geschieht. Das relative Selbst kann als Übergang zwischen Ego und absolutem Selbst aufgefasst werden. Je ungetrübter ich das, was ist, so wahrnehme, wie es ist, ohne es Absichten zu unterwerfen, desto mehr führt es mich zum absoluten Selbst.
Praktische Möglichkeiten
Verschiedene spirituelle Traditionen führen den Prozess der Des-Identifikation vom Ego als meditative Technik konsequent zu Ende. In der Meditation versucht man, sich von der Anhaftung ans Ego zu lösen. Dazu übt man, die Inhalte des relativen Selbst - also Gedanken, Gefühle und Impulse - als begrenzte Formen einer fundamentalen Wirklichkeit zu betrachten, die als formgebende Leere verstanden wird. Man deutet die Folge der Wahrnehmungen als Reigen bunter Bilder, als Spiele der Wirklichkeit, die kommen und gehen, ohne dass eines der Bilder das Wesentliche des eigenen Selbst umfasst. Ich bin das alles und doch nichts von alledem.
Zunächst gelangt man so in eine Geisteshaltung, aus der heraus man den Interessen der eigenen Person keine größere Bedeutung mehr beimisst, als den Interessen anderer. Man erlebt die Welt nicht mehr aus der Sicht eines Mitspielers, der gegen die anderen seinen Vorteil sucht, der bangt, hofft, konkurriert, kämpft und sich verweigert, sondern aus der Sicht parteiloser Erkenntnis.
Gelingt es, das Bewusstsein vollständig aus der Identifikation mit unmittelbaren Wahrnehmungen und Urteilen zu lösen, erreicht man die Schwelle zu einer Stille, die innerhalb, vor und jenseits aller Formen liegt.
Da zum Bewusstsein dieser Stille kein vom Umfeld getrennter Willensentscheid gehört, ist der Schritt über die Schwelle nicht machbar. Geschieht er, wird das als Gnade erlebt. Jenseits der Schwelle ist das Ich mit dem Sein identisch. Das Formlose hat sein Wesen entdeckt. Nach der Rückkehr kennt es reine Dankbarkeit.
Als fruchtbarer Gegensatz zur Des-Identifikation durch Meditation kann die experimentelle Identifikation angewandt werden. Dabei handelt es sich um eine Technik der Selbsterkenntnis, die in unterschiedlicher Form von verschiedenen Therapieschulen (Gestalttherapie, Psychodrama, Familienstellen) angewandt wird.
Experimentelle Identifikation
Während sich das Ich bei der Des-Identifikation seiner Mäntel entledigt, um der nackten Wahrheit beizukommen, probiert es bei der experimentellen Identifikation neue Mäntel aus. Dadurch fühlt es sich in bisher unentdeckte Aspekte des eigenen Daseins ein. Oder es lernt die Welt aus der Sicht anderer kennen.
So können im Rollenspiel soziale Konflikte nachgestellt und die Sichtweisen der Konfliktgegner durch Rollentausch nachempfunden werden.
Bei der Stuhlarbeit im Rahmen einer Gestalttherapie werden innerseelische Konflikte durch Polarisierung verdeutlicht. Ist mir unklar, ob ich Anna heiraten oder nach St. Helena in See stechen sollte, kann ich mich abwechselnd mit einem Bräutigam und einem Seemann identifizieren, um den Konflikt durch Eskalation zu lösen. Dazu gilt es, sich möglichst tief in das jeweilige Bild einzufühlen.
Auch beim Verständnis von Träumen hilft experimentelle Identifikation. Dabei wird der Trauminhalt nicht durch assoziative Ideen gedeutet, sondern der Träumer fühlt sich in die verschiedenen Figuren und Elemente des Traumes ein. Dadurch integriert er abgespaltete Anteile in sein Selbstbild.
Beispiel
Ich habe geträumt, wie ich mich auf der Flucht vor einer Schlange durch einen Sprung über den Abgrund gerettet habe und schließlich auf einem Baum saß. Ich identifiziere mich nacheinander mit der Schlange, dem Abgrund und dem Baum.
Empfand ich den Traum zunächst nur aus der Sicht dessen, der flüchtet, verstehe ich ihn nun aus der Sicht seiner verschiedenen Elemente. Die experimentelle Identifikation kann auch als integrative Identifikation bezeichnet werden.