Nur wer bestimmt, was er wirklich ist, ist in der Lage, selbstbestimmt zu sein.

Um zu beantworten, wer man ist, darf man Begriffe nur als Taten verwenden; nicht aber zur Benennung seiner selbst. Wer handelt, gibt eine Antwort darauf, wer er wirklich ist. Wer sich benennt, entwirft Bilder.

Leid hat zwei Quellen: Was ich bin und wofür ich mich halte. Leide ich an dem, was ich bin, kann mich das Leid bereichern. Leide ich für das, wofür ich mich halte, verschwende ich Leid, um nicht ich selbst zu sein.

Die Welle ist eine Schwingung des Ozeans. Darüber hinaus hat sie keine Identität. Es kann sein, dass es dem Menschen nicht anders ergeht.

Die Seinsart des Subjekts ist unterwerfungsfrei. Weder unterwirft sie, noch ist sie unterworfen. Sie ist die höchste Seinsart, weil es in ihrer Gegenwart kein Unter mehr gibt.

Was ist, verweist auf das, was ihm zugrunde liegt.

Grundregel

Je mehr ich mich mit dem identifiziere, was ich von mir wahrnehme, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich für das halte, was ich tatsächlich bin. Je mehr ich mich an Vermutungen und Urteilen orientiere, desto größer ist das Risiko, dass ich mich irre. Je mehr ich mich über mein Wesen irre, desto größer sind die Umwege, die ich nach meinen Ent­scheidungen gehen muss.


Je näher man sich kommt, desto weniger ist man ein Wer und desto mehr ein Was.
Ich bin...

  1. Begriffsbestimmungen
  2. Selbst und Selbstbild
  3. Struktur des Ich
  4. Symptome egozentrischen Erlebens
  5. Selbstbestimmung
    1. 5.1. Spirituelle Wege
    2. 5.2. Experimentelle Identifikation

1. Begriffsbestimmungen

Sagt man Ich bin..., spricht man über das, wofür man sich hält. Ent­weder man hält sich für das, was man ist, oder man hält sich für das, was man zu sein glaubt. Die Begriffe Identität und Identi­fikation verdeutlichen den Unterschied:

Dass sich Identität nicht irren kann, ist offensichtlich. Was ist, ist, was es ist. Dass Identifikation Willkür und Irrtumsgefahr unterliegt, ist ebenso offensichtlich. Man kann sich mit allem gleichsetzen, wofür man sich hält.

Ich geht auf die indogermanische Wurzel eĝ[ō] = ich zurück. Die phonetische Nähe des ursprünglichen eĝ[ō] zum Fachbegriff Ego weist darauf hin, dass unsere Vorfahren ihr eĝ[ō] zum Zwecke der Abgrenzung einsetzten. Sie sagten: Das bin ichAlso: Ich Tarzan... Aus dem indogermanischen Du bist schön wurde durch die donauschwäbische Grammatikalverkürzung im Freidörfer Dialekt Johnny Weissmüllers Du Dschein. Eigentlich wollte Weissmüller Maureen O'Sullivan bloß sagen, dass sie ihm gefiel. In der englischen Transkription wurde daraus aber Du Jane, woraus die Amerikaner schlossen, Weissmüller schlage für seine Partnerin im Film einen Namen vor. So kam 1932 ein hübscher Mädchenname in die Neue Welt. Im Netz kursieren aber auch andere Darstellungen desselben Sachverhalts; sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass die hier vorliegende Variante von Käpt'n Blaubär frei erfunden ist. und das bist Du.

Bemerkenswert ist, dass westgermanische Sprachen bei der Konjugation zwei indogermanische Wurzeln miteinander mischen: es- = sein und bheu- = wachsen, werden, entstehen, wohnen, sein. So kommt es zur erstaunlichen Konjugation des Verbs sein:

Mit der Wahl der Wurzel bheu-... die auch zum Verb bauen und dem Bauern führt.... beschreibt das Deutsche das Sein des Ich nicht als Zustand, sondern als Prozess. Ich bin heißt Ich werde. Die Sprache berücksichtigt, dass sich das Ich und das Du in der Begegnung unumkehrbar verändern. Spricht das Ich über ein Er, über sie oder es, lässt es das Werden außer Acht. Den, über den es spricht, fasst es vereinfacht als Zustand auf. Den, mit dem es spricht, betrachtet es als Vorgang.

2. Selbst und Selbstbild

Die leibliche Identität der Person wird durch den Körper verwirklicht, ihre seelische durch das Ich. Während die leibliche Identität leicht zu bestimmenEin Blick in den Spiegel genügt. ist, ist es mit der seelischen schwer.

Das Ich hat keine feste Form. Was es ist, weiß es nicht von vornherein. Es macht sich erst ein Bild davon. Dazu nimmt es wahr, stellt Vermutungen an und identifiziert sich mit dem, wofür es sich jeweils hält.

Das Ich wird seiner selbst bewusst, sobald es bemerkt, dass es etwas bewirken kann. In der frühen Kindheit setzt es sich mit dem Körper gleich. Es kann dessen Glieder bewegen und damit Geräusche machen. Später bemerkt es, dass es nicht nur den Körper durch die Außenwelt steuert, sondern Zugang zu einer geistigen Innenwelt hat, die andere nicht unmittelbar erkennen. In dieser Innenwelt begegnet es Gedanken, Gefühlen, Impulsen und Wünschen, die es bald für wesensnäher hält als seine bloße Körperlichkeit. Es verschiebt den Schwerpunkt seines Selbstbilds vom Stofflichen ins Geistige.

Parallel zur Gleichsetzung mit Körper und Psyche identifiziert sich das Ich mit sozialen GemeinschaftenIch bin Deutscher, Europäer, Christ, Opelaner...., denen es sich zugehörig fühlt. Es identifiziert sich mit Rollen, die es in Gemeinschaften spielen will und mit Werten und Eigenschaften, die zur Gemeinschaft und zur Rolle passen.

Auswahl und Intensität dieser Identifikationen entscheiden darüber mit, was das Ich erlebt.

Grundsätzlich stehen dem Ich zur Bestimmung dessen, was es ist, zwei Mittel zur Verfügung:

  1. Wahrnehmungen

    Ich bin ärgerlich. Ärger kann ich wahrnehmen. Wenn ich Ärger wahrnehme, ist bewiesen, dass ich ärgerlich bin.Wobei sich die Qualität ärgerlich jedoch auf das relative Selbst bezieht. Sie ist damit eine wahrnehmbare Eigenschaft der Person, nicht des absoluten Selbst (siehe unten).

  2. Vermutungen und Urteile

    Ich bin tüchtig. Wenn ich mich für tüchtig halte, ist nicht bewiesen, dass ich es bin. Ich bin tüchtig ist ein Urteil. In jedem Urteil stecken Willkür und Zufall. Ich urteile vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die ich zufällig gemacht habe und gemäß dem, was ich für meinen Vorteil halte. Urteile stellen nicht nur fest, was ist. Sie steuern auch auf das zu, was sein soll.... was möglicherweise also nicht ist, sondern bloß gewünscht wird.

Große und kleine Fragen
Fragt das Ich nach sich selbst, kann es große oder kleine Fragen stellen.
  • Die kleine Frage lautet: Wer bin ich?
  • Die große Frage lautet : Was bin ich?

Wer nach dem fragt, wer er ist, fragt nach einer Person. Personen sind Mitspieler im sozialen Kontext. Wer die kleine Frage stellt, blickt nicht über den sozialen Horizont hinaus.

Wer nach dem fragt, was er ist, fragt nach seiner Position in der Wirklichkeit. Sein Blick reicht bis zur Existenz. Auf dem Weg zum Was, lohnt sich hundert mal die Frage: Wie?


Das Ego ist ein Dorthin, das Selbst ein Jetzt.

3. Struktur des Ich

Zur Klärung des Unterschieds zwischen dem, was man ist und dem, wofür man sich hält, dienen acht Begriffe:

Definitionen im Überblick

Begriff Was benennt er?
Ich Das, was sich gleichsetzt...
...mit dem, was es wahrnimmt, mit dem, was es zu sein glaubt oder mit dem, was es sein will.
Das, was das Selbstbild zu sich selbst erklärt.
Ego Die Rolle, die das Ich gegenüber anderen spielen will.
Das, was glaubt, von der Welt getrennt zu sein.
Das, was der eigenen Person einseitig Vorteile verschaffen will.
Vorsatz der individuellen Parteilichkeit.
Relatives Selbst Das, was das Ich unmittelbar wahrnehmen kann: Gefühle, Gedanken, Impulse.
Inhalt, Struktur und Dynamik der eigenen Person.
Absolutes Selbst Das, was wahrnimmt und entscheidet. Repräsentant des Subjekts in der Person.
Wirklichkeit Gemeinsamer Nenner aller wirksamen Kräfte und Formen. Das, was wahr ist und wahr macht. Inhalt der Wirklichkeit ist alles, was unterschieden werden kann, ihr Wesen, was nicht zu unterscheiden ist.

Das Ich definiert sich anhand zwei grundsätzlicher Regeln: Ausgrenzung und Einschluss.

Das egozentrische Ich grenzt das Nicht-Ich aus und schließt die Inhalte des relativen Selbst ein. Das spirituelle Ich ist transzendent. Es schließt alles Seinende aus seinem Wesen aus. All dies bin ich nicht, aber ich bin. Zugleich schließt es alles Seinende als seinen Ausdruck ein. Was ist, ist Verwirklichung meiner Möglichkeit.

Je nach Selbstverständnis ist das Ich Illusion oder Wirklichkeit. Soweit es Illusion ist, ist der Tod sein Ende. Soweit es wirklich ist, ist der Tod das Ende einer Illusion.

3.1. Das Ego

Wer das Ego zu unterwerfen versucht, macht das Ego sadistisch.

Das Ego ist ein Instrument der Psyche. Sein Ziel ist die Kontrolle dessen, was geschieht. Es dient der Abgrenzung vom Umfeld und der Vertretung personaler, also egozentrischer Interessen. Damit gerät es in Verdacht, etwas Böses zu sein, das uns die Teilhabe am Ganzen verwehrt. Daraus ergibt sich die Vorstellung, ein guter Mensch müsse das Ego bekämpfen.

Der Vorsatz, sich zu verbessern, indem man das Ego bekämpft, ist jedoch seinerseits egoistisch. Es ist der Versuch, das Kontrollorgan zu kontrollieren. Es ist der Versuch, den Gewinn zu maximieren, indem man den Eifer beim Gewinnen zügelt. So beißt sich die Katze in den Schwanz.

Vor den Gefahren des egozentrischen Selbstbilds schützt man sich, indem man es als Denkkonzept erkennt. Wer das Ego erkennt, hört auf, sich mit ihm zu verwechseln. Wer es sieht, kehrt zu sich selbst zurück. Wer es bekämpft, stachelt es ebenso an, wie der, der sich in ihm verloren hat.

Das EgoDer Begriff Ego ist wohlgemerkt irreführend. Das Substantiv Ego unterstellt, dass das Ego ein eigenständiges Etwas ist, das aus sich heraus handelt. Tatsächlich ist das Ego eine Funktionsweise des Ich, die durch Absichten, Notwendigkeiten und Sichtweisen des Ich ins Leben gerufen, gestaltet und gesteuert wird. ist nicht angeboren. Es entwickelt sich im Laufe der frühen Kindheit parallel zum Erwachen des Ich-Bewusstseins. Es besitzt keine primäre Existenz, die mit der biologischen Geburt ins Dasein tritt. Das Ego ist vielmehr ein Konzept des Bewusstseins, mit dessen Hilfe sich das Ich in der Welt zurechtzufinden versucht. Das Konzept besagt, dass das Ich als abgegrenzte Einheit mit dem Umfeld nicht wesenhaft verbunden ist, sondern ihm bloß dialogisch, als Rivale und Handelspartner, entgegentritt.

Obwohl das Ego nicht als seelisches Organ des Körpers gemeinsam mit diesem geboren wird, ist sein Wesen untrennbar mit dem körperlichen Aspekt der Person verbunden. Es ist darauf ausgerichtet, das Wohl der in ihrer Körperlichkeit verankerten Person bedingungslos zu fördern. Wie ein treuer Hund ist es bereit, nach allem zu beißen, was dem Wohl der Person im Weg zu stehen scheint; oder es achtlos zu übergehen.

Das Ego hat wichtige Funktionen:

Das Ego ermöglicht es, als eigenständiges Individuum gegenüber der sozialen und physikalischen Umwelt aufzutreten. Es sagt: Ich bin ich und nicht ihr.

Das biologische Erbe
Das Ego ist eine notwendige Bedingung der biologischen Evolution. Die Entwicklung der Arten ging Hand in Hand mit einem Phänomen, das als instinktiver Vorgänger des egozentrischen Ich-Bewusstseins aufgefasst werden kann: der Bereitschaft biologischer Strukturen, im Interesse ihrer selbst oder ihrer Gene rücksichtslos zu sein. Das gilt für röhrende Hirsche auf dem Brunftplatz ebenso wie für Zuckererbsen im Gemüsebeet. Man wird dort kaum eine Erbse finden, die bereit wäre, zum Vorteil ihrer Miterbsen auf den hellsten Platz am Rankgitter zu verzichten.

Obwohl das Ego ein wichtiges Werkzeug des Lebens ist, ist seine Erfindung nicht der Weisheit letzter Schluss; erst recht nicht als alleiniges Prinzip persönlichen Handelns. Der Mensch selbst ist dafür Beispiel. Sein evolutionärer Erfolg beruht vor allem auf dem Zusammenschluss... ohne den bereits die Sprachentwicklung unmöglich wäre. zu solidarischen Gemeinschaften. Deren Erfolg wäre ohne FortentwicklungBeim Zusammenschluss sozialer Gemeinschaften wird das Ego nicht abgeschafft. Es wird fortentwickelt. Zum bloßen Ich-will-für-mich kommt ein Was-uns-dient-nützt-auch-mir. des blanken Egoismus bescheiden.

3.2. Das Selbstbild

Die Funktion des Ego ist untrennbar mit einem Selbstbild verbunden: dem Bild, polarer Gegensatz zum Nicht-Ich zu sein. Dieses Konzept bildet das Grundgerüst des nackten Ego.

Wechselwirkungen

Wie eine Person ist, hängt davon ab, als was sie sich betrachtet. Das wahrnehmbare Objekt Person und die Wahrnehmung ihrer Eigenschaften beeinflussen sich gegenseitig. Sie sind unauflösbar miteinander verbunden. Nimmt man ein Merkmal bei sich wahr, verändert man es.


Ego und Verantwortung

Aufgabe des Ego ist es, Unheil von der Person abzuwenden. Da verantwortlich zu sein, Unheil bedeuten kann, neigt das Ego dazu, Verantwortung auf andere abzuschieben. Mit seinem Mandanten meint es Anwalt Ego damit gut. Gut gemeint ist aber oft nicht wirklich gut; weder für den Mandanten, der sich seiner Verantwortung entzieht noch für die anderen, denen sie auferlegt wird.


Sprachprobleme

Das Wort Ich ist immer polar. Es ist ein Ich-Du oder ein Ich-Er. Es denkt die Spaltung der Wirklichkeit in Ich und Nicht-Ich mit.

Deshalb ist der Satz Ich bin die Wirklichkeit irreführend. Er stimmt nur insoweit es in Wirklichkeit ein abgetrenntes Ich nicht gibt. Das Subjekt der Wirklichkeit ist andersDas Subjekt der Wirklichkeit kann sich in Subjekte in der Wirklichkeit unterteilen. Die Subjekte in der Wirklichkeit können sich nicht unterteilen. Sie können zum Charakter des Subjekts der Wirklichkeit zurückfinden, indem sie ihre Wesensgleichheit damit erkennen. Erkennen ist dabei mehr als ein Akt intellektueller Hypothesenbildung. Die Wahrnehmung absoluter Wirklichkeit ist selbst Verwirklichung. als die Subjekte in der Wirklichkeit.

Zum egozentrischen Selbstbild gehört aber nicht nur die Hypothese vom grundsätzlichen Gegensatz zwischen dem Ich und dem Rest der Welt. Um sich selbst erkennbare Formen zu geben und damit Anker, an denen es sich in der Wirklichkeit vertäut, bestückt sich das egozentrische Selbstbild mit einem jeweils individuellen Repertoire eingrenzender Identifikationen. Dazu gehören Meinungen und vermeintlich unverrückbare Glaubens­sätze ebenso wie Zugehörig­keiten zu sozialen Gruppen.

Gerade jungen Menschen verschafft ein klar umgrenztes Selbstbild Sicherheit. Es verengt den Blick auf das, was der Person unmittelbar nützlich ist und Schutz zu vermitteln scheint. Wenn ich daran glaube, Schalke-Fan zu sein, weiß ich, in welcher Kurve ich am Samstag sitze. Das Ego legt den Platz fest, von dem aus man sich am Rollenspiel der Welt beteiligt.

Durch die Verengung ist das Ego aber auch eine Quelle der Angst. Das Ego setzt der Welt eine Behauptung entgegen, ein konkretes So-und-nicht-anders-sein, ein Ich will! und Ich bin!, ein Das-ist-gut! und Das-ist-schlecht!. So formuliert es Positionen, die nach außen hin zu verteidigen sind. Im egozentrischen Modus definiert sich das Ich als eingegrenztes Etwas, das den großen Anspruch seiner kleinen Existenz gegenüber der Übermacht des Nicht-Ich zu behaupten hat. Unterschwellig ist es daher kampfbereit und fühlt sich stets bedroht. Eine Befreiung aus der Grundbereitschaft zur Angst kann es daher ohne Auflösung des egozentrischen Selbstbilds nicht geben.

3.3. Das Selbst

Das Selbst des Menschen ist das, was er tatsächlich ist; nicht das, was er meint zu sein.

Das relative Selbst ist angeboren. Seine Inhalte werden stark vom Ego beeinflusst. Es besteht aus den unmittelbar wahrnehmbaren innerseelischen Ereignissen, die das Ich als mein Gefühl, mein Impuls, meine Meinung bezeichnet. Gemeinsam mit dem Körper gehört es zur Struktur der Person. Das relative Selbst ist durch Achtsamkeit nach innen wahrnehmbar. Damit ist es Objekt.

Das absolute Selbst ist ungeboren. Es entspricht der Wirklichkeit als Ganzes, aus deren Sicht Geburt und Tod nur Formen sind. Es ist der WahrnehmungWeil das egozentrische Individuum zwecks Unterscheidung von persönlichem Vor- und Nachteil zwar die innerweltlichen Gegensätze fokussiert (nützlich/schädlich, mein/dein etc), kaum aber den Zusammenhang des bloß vordergründig Gegensätzlichen. kaum je zugänglich. In der Regel wird bloß an seine Existenz geglaubt, oder es wird auf sie durch Denkprozesse schlussgefolgert.

Je mehr sich die Betrachtung der Struktur des Ich dem absoluten Pol zu nähern versucht, desto weniger lässt sich begrifflich davon fassen. Da Begriffe Formen und Formen Begrenzungen sind, entzieht sich die formlose Quelle des Ich der Begreifbarkeit. Eine Gegenüberstellung deutet darauf hin, was das Wesen des absoluten Selbst von dem des Ego unterscheidet.

Tatsächliche und virtuelle Identität

Das Ego ist... Das Selbst ist...
virtuell existentDer Begriff existent wird als Adjektiv auch realen Objekten beigestellt. Er reicht daher nicht aus, um den Realitätscharakter des absoluten Selbst zu beschreiben. Er kann lediglich das Gefälle andeuten, das zwischen dem virtuellen Realitätsgrad des Ego und dem Realitätscharakter des absoluten Selbst besteht.
austauschbar grundsätzlich
gemacht gegeben
ein Gefüge sozialer Rollen und Eigenschaften, die man sich zuschreibt das Wesen, das hinter dem bewussten Dasein steht
Organisator der Person, als die man der Außenwelt begegnet transpersonal
objektivierbar Ausdruck der eigentlichen Subjektivität
an Wirkung orientiert auf das Sein bezogen
körpernah und aktualitätsbezogen zeit- und formlos
parteiisch unparteiisch
trennend verbindend
kampfbereit friedfertig
ausgesetzt unverletzbar
auf etwas ausgerichtet in sich ruhend

Das Ego hat, aber es ist nicht. Das Selbst ist, aber es hat nicht.

3.4. Horizonte der Wahrnehmung

Das egozentrische Selbstbild geht von der Existenz eines eng umgrenzten Ich aus, das einem schier unermesslichen Nicht-Ich gegenüber steht...und dem es trotzdem eine alles überragende Bedeutung für das eigenen Tun zuschreibt. Verursacht wird das verengte Selbstbild durch begrenzte WahrnehmungDas individuelle Bewusstsein nimmt wahr, dass seine Inhalte (z.B. Gedanken und Gefühle) vom Bewusstsein anderer Individuen nicht unmittelbar erkannt werden. Daher glaubt es, sein Bewusstsein unterliege der Hoheit einer separaten Instanz. Tatsächlich besteht die Abgetrenntheit aber nur in der Abschirmung der Bewusstseinsinhalte gegenüber dem unmittelbaren Einblick von außen. Die Inhalte selbst werden im Gegensatz dazu unauflösbar von dem Kontext mitbestimmt, in den das Individuum jeweils eingebettet ist; oder früher eingebettet war. Außerdem wirkt sich jeder Bewusstseinsinhalt auf das Verhalten aus, sodass das Umfeld auch dann durch einen Gedanken beeinflusst wird, wenn das Individuum ihn nicht ausspricht. , spaltende Fehlurteile Das Ego deutet die Wirklichkeit nicht als organische Einheit, sondern als gigantisches Stückwerk, in dessen unendlichen Weiten Millionen vereinzelter Existenzialisten einen heroischen Kampf gegen das eigene Ende ausfechten. über die Struktur der Wirklichkeit und das Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis einer ins DaseinDasein heißt ausgesetzt sein. Als Reaktion auf das Ausgesetzt-sein in grenzenloser Weite entwirft sich das Ego als überschaubares Interessensgeflecht, für dessen Wohlergehen es sich verantwortlich sieht, während es die Verantwortung für das Nicht-Ich jenseits seiner vermeintlichen Grenze liegen lässt. ausgesetzten Zerbrechlichkeit.

Das Ego entwirft das Bild seiner selbst in Anlehnung an die Losgelöstheit... die sich in der Fähigkeit des Körpers zeigt, sich willkürlich im Raum zu bewegen. des Körpers vom Umfeld. Es deutet die Seele als virtuellen Körper, der wie ein Raumschiffkapitän hinter den Augen auf der Brücke sitzt und das Schiff von dort aus durch die Einsamkeit ihm wesensfremder Räume steuert.

Dem Gegenpol der Losgelöstheit - dem Eingebundensein... und dem Aus-allem-heraus-entbunden-sein... - misst es im Gegensatz dazu bei der Bestimmung seines Selbstbilds kaum Bedeutung zu. Seiner Wahrnehmung fällt dieser Gegenpol nur schemenhaft ins Auge. Die willkürliche Beweglichkeit im Raum rechnet es sich selbst und dem Körper zu, nicht aber den Raum, dessen Existenz unauflösbar mit der Willkür seiner Bewegung verwoben ist. Das Ego sieht sich im Raum, aber nicht als Raum. Es glaubt, in der Welt zu atmen, erkennt aber nicht, dass es von ihr beatmet wird. Es glaubt, aus sich heraus zu leben und übersieht, dass sich sein Leben ereignet, indem es aus dem Abgrund der Wirklichkeit heraus geschieht.

Früher habe ich versucht, mich in meine Person zu fügen. Heute will ich aus ihr entbunden sein.

Wer sagt: Ich bin, was ich bin, und das Sein mit keinem Wort verwechselt, ist, was er ist.

Ich brauche mich nicht gleich­zusetzen, weil ich bereits von allem dasselbe bin.

Das Ego spielt die Rolle, für die es sich selbst hält. Für das Selbst ist das Ego eine Rolle, die es spielt.

Das Ego erkennt nicht, dass sein Selbst nicht allein in der abgegrenzten Person, als die es sich betrachtet, liegen kann, sondern nur im Netzwerk sämtlicher Kräfte, die dessen Existenz bedingen. Das absolute Selbst des Ego liegt inDen geistigen Raum als Binnenraum aufzufassen, ist eine sprachliche Konvention. Tatsächlich bezieht sich die Polarität innen-außen auf die Welt der Formen und Dinge. Das Selbst einer Person innerhalb von etwas - zum Beispiel ihres Körpers - zu verorten, ist widersinnig, wenn damit gemeint ist, dass es nicht auch außerhalb liegt. und außerhalb von ihm.

3.5. Entwicklungsprozesse

Selbstbilder unterliegen Entwicklungsprozessen. Ein junges Gemüt glaubt womöglich, nichts als der sichtbare Körper im Spiegel zu sein. Mit der Zeit erweitern sich meist die Konzepte; sodass man sagen kann: je mehr sich das Selbstbild aus der Enge festgefügter Definitionen löst, desto reifer wird es. Mehr noch: Erst wenn das Ich alle Gleichsetzungen aufgibtDie Preisgabe aller Gleichsetzungen ist keineswegs ein bloßer Denkakt, sondern eine existenzielle Positionierung des Ich gegenüber der Wirklichkeit. , kommt es vom Bild zu sich selbst.

3.6. Die Person

Der Begriff Person geht auf etruskisch phersu = Maske zurück. Er wird auch mit dem lateinischen personare = hindurchtönen in Verbindung gebracht.

Maske ist untrennbar mit der Dualität von Ich und Du verbunden. Wo kein Du ist, an das sich das Ich wendet, macht keine Maske Sinn; weil eine Maske etwas ist, wodurch sich das Ich des Individuums einem Du hindurchtönend verlautbar macht.... und hinter dem es sich zugleich vor dem Du verbirgt.

Partikel und Feld
Die Person ist ein verwirklichtes Gefüge. Sie liegt als konkreterLateinisch: concrescere = zusammenwachsen. PartikelLateinisch: particulum = Teilchen, Verkleinerungsform von pars = Teil. im Raum und bewegt sich dort. Raum ist das Existenzfeld des Unterteilten. Das absolute Selbst ist nicht unterteilt noch abteilbar. Es liegt somit nicht als Partikel im Raum. Es schafft dem Raum, was von ihm verwirklicht ist.

Entscheidungsfreiheit
Entscheidungen können aus verschiedener Perspektive heraus getroffen werden:
  1. aus der des Ego
  2. aus der des Selbst

Das Ego ist mit dem Umfeld verstrickt. Seine Entscheidungen sind stets auch Reflex. Sie hängen eng von momentanen Gegebenheiten ab und unterliegen dem VorurteilDas Ego trifft seine Entscheidungen gemäß voreingestellter Algorithmen; gewissermaßen wie ein Apparat. Soweit der Apparat über Sachverhalte entscheiden kann, ist er frei. Soweit er seinen Entscheidungsalgorithmen unterliegt, ist er es nicht. seiner welt­anschaulichen Konzepte. Da seine Entscheid­ungen bedingt sind, sind sie immer nur so frei, wie das Ich sich über sein Ego erheben kann.

Je mehr sich das Ich sich selbst überlässt, desto mehr löst es sich von den Wechselfällen der Welt. Die Anschauungen des absoluten Selbst sind vorurteilsfrei.Das Selbst handelt nicht gemäß Plänen, wie die Welt sein sollte, sondern gemäß dem, wie es selbst ist. Entscheidungen sind umso unbedingter, je weniger sich das Ich mit Dinglichem gleichsetzt. Dinglich sind auch Ego und Person.


Die Person ist der Aspekt des Individuums, der sich an ein Du wendet. Sie setzt daher Trennung voraus... und ist somit der Mandant des Ego, das die Interessen der Person dem Nicht-Ich gegenüber vertritt.

Zur Person gehört das relative Selbst, dessen Inhalte in ständiger Wechselwirkung mit dem Nicht-Ich stehen; und von dort aus mitbedingt werden. Ins relative Selbst hinein wirkt auch das absolute, das Inhalte des relativen Selbst bestimmen kann; und somit in der Lage ist, die Bedingtheit der Person zu überwinden.

3.7. Das Individuum

Das Individuum besteht aus zwei Aspekten: Sein und Ausdruck. Das Sein des Individuums ist das Selbst. Dessen Ausdruck ist die Person. Die Unaufteilbarkeit ist im absoluten Selbst verankert; das seinerseits unveränderlich ist.

Die Person des Individuums ist zusammengesetzt. Sie ist so­mit wandel- und auflösbar. Zu jedem Zeitpunkt besteht sie aus einem Gefüge unterschiedlicher Elemente: körperlichen Strukturen, Gefühlen, Gedanken, Sichtweisen, Bewusstseins­zuständen.

Die Zusammensetzung der Person ist fließend. Keines ihrer Elemente hat dauerhaft Bestand. Als jeweiliges Konstrukt fluktuierender Elemente ist die Person als das verwirklicht, was sie jeweils ist. Durch Altersprozesse und Persönlichkeits­entwicklung kann sich die Qualität einer Person im Laufe der Zeit drastisch verändern.Die Kontinuität zwischen einem sabbernden Säugling, einem pubertierenden Lulatsch und einem abgeklärten Greis ist nur durch rechtsmedizinische Analysen nachweisbar.

Im üblichen Sprachgebrauch wird der Begriff Individualität zu­meist der Person zugeordnet. Dort benennt er die Einzigartig­keit einer persönlichen Gestalt; also ein bestimmtes Muster, das eine Person A von allen anderen auffällig unterscheidet.

Das tatsächlich Individuelle liegt jedoch nicht in der vorder­gründigen Unverwechselbarkeit eines persönlichen Soseins, sondern im Unabgetrennt­sein des Ich von seinem Selbst. Eine individuelle Person ist keine, die sich von anderen auffällig unterscheidet, sondern eine, die sich treu bleibt.

Die Struktur des Individuums ist bipolar. Als Person steht es als verwirklichte Struktur im Raum. Als Selbst ist es Raum, der die Verwirklichung von Strukturen ermöglicht. Dabei bedarf die Person immer des Selbst. Das Selbst bedarf keiner bestimmten Person.

4. Symptome egozentrischen Erlebens

Im Gegensatz zum absoluten Selbst, das zeitloser Wirklichkeit entspricht, ist das egozentrische Selbstbild speziell, willkürlich, kompliziert, widersprüchlich, verschachtelt und zerbrechlich. Von den Umständen wird es laufend infrage gestellt. Wenn man dem Ego und dessen Ringen mit der Welt zuviel Bedeutung schenkt, verliert man die zeitlose Dimension des Selbst aus dem Blick.

Setzt sich das Ich mit der Person gleich, als deren Anwalt das Ego wirkt, wird es vom Ego vereinnahmt. Statt dass das Ego Anwalt des Ich bleibt, wird das Ich zum Werkzeug des Ego. Die Verteidigung des Ego wird zum Selbstzweck. Es verteidigt nicht mehr das Selbst, sondern sich selbst. Daraus resultieren Unsicherheit, Angst, Neid, Missgunst, Aggression und Zwietracht.

Die Meinung der anderen

Der egozentrische Mensch interessiert sich vor allem für die Rolle, die er in Bezug zu anderen spielt. Daher legt er Wert darauf, deren Meinungen in seinem Sinne zu beeinflussen. Die anderen sollen...

  • etwas Gutes über ihn denken.
  • nichts Falsches über ihn denken.
  • seiner Meinung sein.

Wer sich mit seinem Ego gleichsetzt, ist durch Abwertungen kränkbar. Wer mit sich selbst identisch ist, weiß, dass er durch nichts zu entwerten ist.


Selbstbild und Wirklichkeit

Das Ego geht von Bildern aus. Es meint zu wissen, wie die Welt sein sollte. Das Bild, das es von sich selbst und der Welt entwirft, ist Resultat seiner Ängste und Wünsche, seiner persönlichen Erfahrungen und der Urteile, die es von anderen übernimmt. Daher ist das Bild verzerrt und eingeschränkt. Wenn das Ego die Führung übernimmt, versucht es, die Wirklichkeit seinen Bildern anzupassen. Der Wirklichkeit gegenüber wird man dadurch blind. Je weniger man die Wirklichkeit beachtet, desto härter wird der Aufprall, wenn man ihr begegnet. Der Schmerz rüttelt entweder wach oder er liefert den Anlass, den Kampfauftrag ans Ego zu verstärken.

Aus der Identifizierung des Ich mit dem Ego entstehen proble­matische Gefühle. Sie gehen nahtlos in die psychopathologischen Symptome über, die Grundlage neurotischer Störungen sind. Mein Ego verstellt mir den Weg zu mir selbst. Um das zu vermeiden, gilt es, das Ego als bloßes Werkzeug zu sehen.

5. Selbstbestimmung

Während Identifikation mit dem Ego neurotisches LeidDie Ursache neurotischen Leids ist stets ein Nicht-Erkennen oder ein Nicht-Anerkennen dessen, was tatsächlich wahr ist. Neurotisches Leid ist Leid durch falsche Bilder. verursacht, ist Selbstbestimmung das, was aus neurotischem Leid entlässt. Selbstbestimmung heißt zweierlei:

  1. Festzustellen, was man selbst tatsächlich ist.
  2. Dem Festgestellten die Stimme zu geben, die ihm zusteht.

Das Selbst nimmt wahr, was ist. Das Ego will bestimmen, wie die Welt sein soll. Das Selbst ruht in sich und sieht zu. Es bestimmt sich durch Wahrnehmung. Es wirkt durch So-sein. Es wirkt, indem es Wahrheit Anerkennung verschafft. Das Ego urteilt und greift ein, sobald die Welt nicht seinen Wünschen entspricht. Es wirkt, indem es festlegen will, was als Wahrheit zu gelten hat. Um der Herrschaft des Ego zu entrinnen, muss man den Schwerpunkt der Aufmerksamkeit verschieben: weg von dem, was zu bedenken, zu beurteilen, zu bewerten, willkürlich zu steuern und zu verändern ist, hin zu dem, was wahrgenommen werden kann. Das Selbst erkennt die Wirklichkeit an, weil es das Subjekt der Wirklichkeit ist.

Es gibt sinnlich und unmittelbar Wahrnehmbares. Das sinnlich Wahrnehmbare informiert über Ereignisse der äußeren Welt, das unmittelbar Wahrnehmbare über die innerseelische Dynamik des Ich. Unmittelbar wahrnehmbar sind Gedanken, Gefühle und Impulse.

Das unmittelbar Wahrnehmbare ist noch nicht das absolute Selbst. Das absolute Selbst ist der Raum, in dem das unmittelbar Wahrnehmbare (das relative Selbst) geschieht. Das relative Selbst kann als Übergang zwischen Ego und absolutem Selbst aufgefasst werden. Je ungetrübter ich das, was ist, so wahrnehme, wie es ist, ohne es Absichten zu unterwerfen, desto mehr führt es mich ans absolute Selbst heran.

Alles, was geschieht, geht gerade vorüber. Alles, was nicht vorübergeht, ist absolutes Selbst.

Praktische Möglichkeiten

5.1. Spirituelle Wege
Am nächsten ist man sich selbst, wenn man nicht mehr glaubt, etwas Bestimmtes zu sein.

Verschiedene spirituelle Traditionen führen den Prozess der Des-Identifikation vom Ego als meditative Technik konsequent zu Ende. In der Meditation versucht man, sich von der Anhaftung ans Ego zu lösen. Dazu übt man, die Inhalte des relativen Selbst - also Gedanken, Gefühle und Impulse - als begrenzte Formen einer fundamentalen Wirklichkeit zu betrachten, die als formgebende Leere verstanden wird. Man deutet die Folge der Wahrnehmungen als Reigen bunter Bilder, als Spiele der Wirklichkeit, die kommen und gehen, ohne dass eines der Bilder das Wesentliche des eigenen Selbst umfasst. Ich bin das alles und doch nichts von alledem.

Zunächst gelangt man in eine Geisteshaltung, aus der heraus man den Interessen der eigenen Person keine größere Bedeutung mehr beimisst, als den Interessen anderer. Man erlebt die Welt nicht mehr aus der Sicht eines Mitspielers, der gegen die anderen seinen Vorteil sucht, der bangt, hofft, konkurriert, kämpft und sich verweigert, sondern aus der Sicht eines unparteiischen Zuschauers.

Gelingt es, das Bewusstsein vollständig aus der Identifikation mit unmittelbaren Wahrnehmungen und Urteilen zu lösen, erreicht man die Schwelle zu einer Stille, die innerhalb, vor und jenseits aller Formen liegt.

Da zum Bewusstsein der Stille kein vom Umfeld getrennter Willensentscheid gehört, ist der Schritt über die Schwelle nicht machbar. Geschieht er, wird das als Gnade erlebt. Jenseits der Schwelle ist das Ich mit dem Sein identisch. Das Formlose hat sein Wesen entdeckt. Nach der Rückkehr kennt es reine Dankbarkeit.

5.2. Experimentelle Identifikation

Als fruchtbarer Gegensatz zur Des-Identifikation durch Meditation kann die experimentelle Identifikation angewandt werden. Dabei handelt es sich um eine Technik der Selbsterkenntnis, die in unterschiedlicher Form von verschiedenen Therapieschulen (Gestalttherapie, Psychodrama, Familienstellen) angewandt wird.

Experimentelle Identifikation

Während sich das Ich bei der Des-Identifikation seiner Mäntel entledigt, um der nackten Wahrheit beizukommen, probiert es bei der experimentellen Identifikation neue Mäntel aus. Dadurch fühlt es sich in bisher unentdeckte Aspekte des eigenen Daseins ein. Oder es lernt die Welt aus der Sicht anderer kennen.

So können im Rollenspiel soziale Konflikte nachgestellt und die Sichtweisen der Konfliktgegner durch Rollentausch empfunden werden.

Bei der Stuhlarbeit im Rahmen einer Gestalttherapie werden innerseelische Konflikte durch Polarisierung verdeutlicht. Ist mir unklar, ob ich Anna heiraten oder nach St. Helena in See stechen sollte, kann ich mich abwechselnd mit einem Bräutigam und einem Seemann identifizieren, um den Konflikt durch Eskalation zu lösen. Dazu gilt es, sich möglichst tief in das jeweilige Bild einzufühlen.

Auch beim Verständnis von Träumen hilft experimentelle Identifikation. Dabei wird der Trauminhalt nicht durch assoziative Ideen gedeutet, sondern der Träumer fühlt sich in die Figuren und Elemente des Traumes ein. Dadurch nimmt er abgespaltene Anteile in sein Selbstbild auf.

Beispiel

Ich habe geträumt, wie ich mich auf der Flucht vor einer Schlange durch einen Sprung über den Abgrund gerettet habe und schließlich auf einem Baum saß. Ich identifiziere mich nacheinander mit der Schlange, dem Abgrund und dem Baum.

Empfand ich den Traum zunächst nur aus der Sicht dessen, der flüchtet, verstehe ich ihn nun aus der Sicht seiner verschiedenen Elemente. Die experimentelle Identifikation kann auch als integrative Identifikation bezeichnet werden.