Als Zwangssymptome werden Gedanken, Bilder und Impulse bezeichnet, die sich aufdrängen obwohl man sie für unsinnig hält. Bei dieser Sichtweise wird nur wenig beachtet, dass es der Kranke ist, der zu Zwangsmaßnahmen greift.
Wer kontrolliert ist nicht zwangskrank. Am Zwang erkrankt, wer die Kontrolle über sein Kontrollverhalten verliert.
Sammeln dient der Sicherheit des Sammlers. Übertreibt er es, wird der Sammler zum Diener gesammelter Sachen.
Was den Zwangskranken am meisten beunruhigt, ist die Tatsache, dass alle Formen im Fluss sind. Selbst Gebirge fließen durch die Wirklichkeit. Das Einzige, das nicht fließt, ist das Jetzt, an dem das Gebirge vorbeikommt.
Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) unterteilt die Zwangsstörungen in sieben Kategorien. Die fünf wichtigsten sind:
Zwangsstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO
| Name | ICD-Nummer | |
| Zwangsstörung (Zwangsneurose, Anankastische Neurose) | F42.- | |
| Vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang | F42.0 | |
| Vorwiegend Zwangshandlungen und Zwangsrituale | F42.1 | |
| Zwangshandlungen und -gedanken gemischt | F42.2 | |
| Zwanghafte [anankastische] Persönlichkeit | F60.5 |
Grübelzwänge sind fast jedem bekannt. Es sind die lästigen Geister, die uns ins Bett verfolgenSo schnell biegt man in die falsche Richtung ab. Tatsächlich verfolgen uns die Gedanken nicht. Vielmehr hören wir nicht auf, uns mit ihren Inhalten zu befassen. Wenn man sich als Opfer der Gedanken beschreibt und nicht als Täter des Grübelns, kommt man der Lösung des Problems nicht näher. und uns dort drangsalieren wie sirrende Moskitos. Grübelzwänge treten auf, wenn wir auf Hindernisse stoßen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, wenn in wichtigen Beziehungen etwas schief liegt oder wenn wir die Dinge nicht so hinnehmen, wie sie sind, aber keine Lösung wissen. Dann wird alles noch einmal - und noch einmal - im Geiste durchgekaut, obwohl man lieber seine Ruhe hätte.
Henne und Ei
Nicht immer ist klar, ob das Grübeln depressiv macht oder die Depression zum Grübeln führt.
Grübelzwänge treten häufig bei Depressionen auf. Der Kranke wälzt das Für und Wider gefürchteter EntscheidungenGerade zwanghafte Persönlichkeiten tun sich mit Entscheidungen schwer. Sie wollen sicherstellen, dass ihre Entscheidung garantiert die "richtige" ist und nur die besten Früchte trägt. Viele Folgen von Entscheidungen, die zu treffen sind, kann man jedoch nicht absehen. Also überdenkt der Zwangskranke alles noch einmal, um das Unvorhersehbare doch vorherzusehen. im Kopf herum. In der Phantasie diskutiert er endlos mit Leuten, deren Verhalten er nicht akzeptieren kann. Wieder und wieder kehrt er gedanklich zu Ereignissen zurück, von denen er meint, dass sie nie hätten geschehen dürfen. Oder er malt sich tausend Varianten Unglücke aus, die in der Zukunft auf ihn lauern.
Klassische Zwangsgedanken sind wiederkehrende Bewusstseinsinhalte, oft verwoben mit bildhaften oder akustischen Vorstellungen, die sich um peinliche und sozial unangemessene Impulse drehen; oder um solche, die der Betroffene bei sich nicht wahrhaben will, weil sie nicht in sein Selbstbild passen. Dazu gehören vor allem sexuelle und aggressive Impulse.
Es kann sich aber auch um den Impuls handeln, alles durchzuzählen, bestimmte Gedanken wie Zaubersprüche aufzusagen oder um die Melodien eines Ohrwurmes, den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Zwangshandlungen befassen sich mit Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung. Typisch ist, dass der Kranke nicht nur ein Mal überprüft, was er sicherstellen will, sondern mehrfach. Im schlimmsten Fall kann er sich von dem, was er überprüft, kaum noch lösen. Gequält pendelt er zwischen Kontrolle und neuer Ungewissheit hin und her.
Auch Zwangsrituale dienen der Sicherheit. Dabei absolviert der Kranke bestimmte Handlungsabläufe, weil er ohne absolviertes Ritual Angst hat, es könnte etwas Schlimmes passieren. Rational zweifeln die Kranken meist selbst daran, dass das Ritual gegen die vermeintliche Gefahr wirksam ist. Unterlassen sie es jedoch, werden sie prompt von neuer Angst bedrängt.
Gemischte Zwangsstörungen sind häufig. Die Idee, dass die Tür womöglich nicht fest verschlossen ist, geht fließend in die nächste Kontrolle über. Gemischte Zwangsstörungen werden auch als Zwangsneurosen bezeichnet.
Die therapeutische Erfahrung zeigt, dass Zwangssymptome oft mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind. Die sogenannte zwanghafte Persönlichkeit zeichnet sich durch betonte Ordnungsliebe und Gewissenhaftigkeit aus. Wegen ihrer großen Vorsicht kann sie sich nur schwer entscheiden. Im Kontakt wirkt sie emotional unbeweglich, halsstarrig und wenig kompromissbereit. Zu ihren Erlebnisweisen zählen Denkmuster, die sich wie die isolierten Zwangshandlungen um Sicherheitsbedürfnisse drehen:
Ordnung und Zugehörigkeit
Im Einsatz des zwanghaften Menschen für Ordnung und Sauberkeit scheint sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit durch. Unordnung durchbricht die Komposition der Harmonie. Sie erinnert daran, dass man nicht dazu gehören könnte.
Zwangssymptome lassen sich als Kompromisslösungen des Psychologischen Grundkonflikts verstehen. Während bei Depression und Angst das Interesse an der Zugehörigkeit überwiegt, ist es beim Zwang anders. Hier steht der Impuls zur Selbstbestimmung im Vordergrund, ohne dass er sich endgültig durchsetzen kann. Zwangssymptome sollen verhindern, dass man durch Einmischung von außen oder gefürchtete Impulse von innen beherrscht wird.
Zwangsverhalten führt oft in einen Teufelskreis. Eigentlich versucht der Zwangskranke über sich selbst zu bestimmen. Mit jeder neuen Kontrolle spricht er der vorherigen jedoch die Wirksamkeit ab. So verneint er die Effektivität eigenen Handels und damit die eigene Autonomie. Darauf reagiert er mit verstärkten Kontrollen.
Der Gesunde sagt: Schau an, ich bin anders, als ich dachte.
Der Kranke meint, er müsse sich in die Form zwingen, die er für richtig hält.
Schließlich verselbständigt sich das Zwangsritual, sodass der Kranke die Kontrolle über sein Kontrollverhalten verliert. Dann wird er vom eigenen Zwang mehr beherrscht, als er je von äußeren Faktoren oder gefürchteten Gefühlen beherrscht worden wäre.
Identifikation mit dem Ego
Zwangsgedanken entstehen durch die starre Identifikation mit dem Selbstbild und dem Kampf gegen alles, was dem Bild widerspricht. Im Selbstbild beschreibt das Ego wie es sein sollte.
Wer sich mit seinem Ego verwechselt, wird jede Abweichung von dem, was er für richtig hält, als Gefahr betrachten. Je gefährlicher das Ego etwas für den Bestand seines Selbstbildes eingeschätzt, desto heftiger wird es bekämpft.
Kampf um die Kontrolle über das Denkorgan
Der Mensch hat verschiedene Organe: Leber, Nieren, Milz, Lunge, Herz, Speicheldrüsen...und das Gehirn. Jedem Organ kommt im Organismus eine Aufgabe zu, die ihm die Natur in 13 Milliarden Jahren harter Arbeit zugewiesen hat.
Um dem Gehirn für seine Simulationstätigkeit möglichst viele Optionen zu öffnen, hat der Himmel ihm die Freiheit des Denkens verliehen. Im Rahmen der Freiheit durchdenkt das Hirn probeweise auch solche Möglichkeiten, die entweder abwegigWenn Rita mich nicht erhört, muss ich meine Stelle aufgeben und auswandern. sind, ihrer Zeit vorausJeder Glaube lästert Gott., riskantWenn ich der Lockenmolle an die Brüste fasse, kriege ich eine gelangt. oder einfach nur absurdWenn ich auf dem Bürgersteig mit der Ferse nicht immer die Ritzen treffe, geht die Welt unter..
Dabei ist es gerade einer der Vorteile des Denkens, dass man in der gedanklichen Simulation gefahrlos Verläufe durchspielen kann, die man hinterher verwirft.
Nicht jeder Gedanke, den das Gehirn ins Bewusstsein hievt, ist dem Ego recht. Das liegt daran, dass sich das Ego sowohl mit dem Selbstbild als auch mit der Gedankenwelt identifiziertVom Ich denke, also bin ich, ist es nur ein Katzensprung bis zum Ich bin, was ich denke.. Wenn das Ego es nicht hinnehmen will, dass das Gehirn seine Freiheit wahrnimmt und auch Vorstellungen produziert, die dem Selbstbild widersprechen, fängt es an, diese Vorstellungen zu bekämpfenDas Ego des Zwangskranken benimmt sich gewissermaßen wie ein Diktator, der die Pressefreiheit einschränkt. Es will verhindern, dass ihm das Gehirn unangenehme Wahrheiten vor Augen führt..
Bei der Behandlung von Zwangsstörungen kommen sowohl Medikamente als auch psychotherapeutische Methoden zum Einsatz. Schwere Zwangsstörungen sind ausgesprochen quälend, sodass wegen des hohen Leidensdrucks an eine Kombination beider Ansätze gedacht werden kann.
Medikamentös werden in der Regel Antidepressiva eingesetzt. Oft sind hohe Dosen notwendig. Da sich die Wirkung der Medikamente meist erst verzögert einstellt (nach vielen Wochen), ist gerade bei Zwangsstörungen darauf zu achten, dass man den Behandlungsversuch nicht zu früh abbricht.
Als Medikamente der zweiten Wahl kommen in besonderen Fällen auch andere Psychopharmaka in Betracht: Neuroleptika (bei Psychosekranken und beim Versagen anderer therapeutischer Mittel) oder Benzodiazepine bei akuter Selbstmordgefahr.
Zur Psychotherapie der Zwangsstörungen stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Bei isolierten Zwangshandlungen liegt ein verhaltenstherapeutischer Ansatz nahe. Dabei wird das ineffektive Zwangsverhalten gezielt umtrainiert.
Je komplexer die Zwangsstörung ist, desto wichtiger wird die kognitive, tiefenpsychologische Komponente des therapeutischen Vorgehens. Das gilt besonders für Patienten mit zwanghaften oder depressiven Persönlichkeitsmerkmalen.
Zwangssymptome dienen der Verdrängung gefürchteter Gefühle. Dazu zählen Angst, Lust und sexuelle Begierden ebenso wie Wut und Ohnmacht. Wenn das Verhaltenstraining alleine nicht reicht, um die Symptomatik aufzulösen, gilt es, die verdrängten Gefühle aufzudecken, die hinter dem Zwang und der Angst, die beim Unterlassen der Zwangssymptomatik aufkommt, verborgen sind. Akzeptiert der Kranke die Wahrheit, die er durch den Zwang verleugnet, werden die Symptome überflüssig.