Wer die Verantwortung übernimmt, braucht sich nicht schuldig zu fühlen. Es reicht, wenn er sich auf die Suche nach der Antwort macht.
Verantwortung ist keine Frage der Schuld, sondern des Selbstvertrauens und der Zuständigkeit.
Millionen Kinder leben bei seelisch kranken Eltern. Oft ist das eine Belastung, die es ihnen erschwert, ihren Platz im Leben zu finden. Die psychische Erkrankung eines oder beider Elternteile kann dazu führen, dass sie ihren Kindern nicht jenes Maß an Geborgenheit bieten, das deren Reifung begünstigt.
Studien1 zeigen, dass das seelische Gleichgewicht von Kindern, die bei psychisch kranken Eltern aufwachsen, durch verschiedene Faktoren gefährdet ist. Besondere Risiken sind:
Wie zu erwarten, sind Kinder mit geringem Selbstwertgefühl sowie geringen sozialen und intellektuellen Fähigkeiten besonders betroffen.
Neben den allgemeinen Risikofaktoren, sind je nach Diagnose spezielle Gefährdungen zu bedenken.
Frühe Störung
Unter einer Frühen Störung versteht man eine Beeinträchtigung der seelischen Entwicklung durch traumatische Erfahrungen im ersten Lebensjahr. Man geht davon aus, dass die Psyche zu dieser Zeit besonders verletzlich ist.
Viele Autoren2 beschreiben Verbindungen zwischen frühen Störungen und der Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen, vor allem auch solchen vom Borderline-typ.
Unbedacht oder aus Unkenntnis wird die Wochenbetterkrankung der Mutter in der Familie oft so behandelt, dass das Kind, wenn es später davon hört, vermutet, es sei an der Erkrankung der Mutter schuld. Solche Vermutungen können schädlich sein.
Parentifizierung
Parentifizierung ist ein psychologischer Fachbegriff. Er beschreibt eine Umkehr der normalen Rollenverteilung. Kinder psychisch kranker Eltern übernehmen dabei Fürsorgepflichten. Statt dass sie selbst umsorgt werden, sorgen sie sich um die kranken Eltern, um Geschwister oder den Haushalt.
Fürs Kindsein bleibt dabei wenig Raum.
Dramatisch wird es, wenn Selbstmordversuche oder die Drohung damit die Angst des Kindes vor Verlust und Schuldgefühlen steigern. Statt dass sich das Kind getrost mit seinen kindlichen Belangen beschäftigen kann, wird es in eine Verantwortung gerissen, die es überfordert.
Abhängige Persönlichkeiten erwarten von ihren Kindern Schutz, Geborgenheit und verfrühte Entscheidungskraft.
Narzisstische Persönlichkeiten erwarten von ihren Kindern Bewunderung oder Leistungen, die das Selbstwertgefühl der Eltern stärken.
Ängstlich-vermeidende Eltern flößen ihren Kindern die Vorstellung ein, dass die Welt bloß aus Gefahren besteht und man am besten beisammen bleibt, um sich gegenseitig zu schützen.
Zwanghafte Eltern beengen ihre Kinder durch übertriebene Forderungen nach Ordnung und Sauberkeit.
Schizoide Persönlichkeiten impfen ihre Kinder mit dem Gefühl, dass ihre Nähe lästig ist.
Einsamkeit
Psychische Erkrankungen der Eltern können die Bindung der Kinder an Freundeskreise stören:
Ella kommt nicht in den Kindergarten. Ihre depressive Mutter hat nicht die Kraft, sie hinzubringen.
Sven würde Alex ja gerne einladen. Stünden seiner Mutter bloß nicht die Haare zu Berge, weil zwei Kinder soviel Dreck machen.
Am letzten Geburtstag war Paulas Vater voll wie eine Feldhaubitze. Aus Angst vor neuer Peinlichkeit feiert sie dieses Jahr mal nicht.
Wegen der gespannten Stimmung in Ingas Elternhaus kommen ihre Freunde immer seltener.
Depressiv strukturierte Eltern gehen ihren Kinder als problematisches Beispiel voran. Sie leben ihnen vor, dass man eigene Bedürfnisse nicht offen vertritt.
Histrionische Persönlichkeiten weisen ihren Kinder die Rolle von Statisten zu.
In schweren Fällen kommen Klinikaufenthalte hinzu. Jedes Einrücken zur stationären Entgiftung ist für Kinder ein Verlusterlebnis (oder eine Atempause!).
Das Beispiel der Eltern, sich den Schrecken des Lebens nicht offenen Auges zu stellen, sondern sich allenthalben dicht zu machen, hat so manches Kind frühzeitig auf den gleichen Weg gebracht.
Bei der Agoraphobie traut sich der Betroffene womöglich nicht mehr aus dem Haus. So manches Kind wird dann für Botengänge eingespannt, für die es nicht zuständig ist.
Für Kinder kann es ausgesprochen schwer sein, sich der paranoiden Realitätsverkennung eines kranken Elternteils zu entziehen. Das gilt erst recht, wenn kein gesundes Elternteil für Ausgleich sorgt.
Gottlob ist es keineswegs vorgezeichnet, dass die Entwicklung der Kinder durch die seelische Krankheit der Eltern behindert wird. Um das zu erreichen, ist allerdings ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Problem anzuraten.
Leitlinien für psychisch Kranke im Umgang mit ihren Kindern
Wohlgemerkt...
Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist vielschichtig. Regeln, die immer gelten, sind schwer aufzustellen. Die Anregungen dieser Liste zum Umgang mit Kindern sind von Fall zu Fall zu überprüfen. Sie können im Umgang mit Ihrem Kind völlig falsch sein. Vertrauen Sie nicht blind auf die Meinung eines vermeintlichen Experten. Achten Sie auf Ihr Gefühl. Benutzen Sie den eigenen Verstand.