Was das Individuum missachtet, fördert seine Aggression. Das gilt in zweierlei Hinsicht: Aggression wird sowohl durch das gefördert, was das Individuum selbst missachtet, als auch durch das, wodurch es missachtet wird.
Nur Erkenntnis schützt vor Hass.
Der Begriff Aggression geht auf das lateinische Verb aggredi = heranschreiten, angreifen zurück. Dieses wiederum ist eine Zusammensetzung aus ad = heran, hinzu und gradi = gehen. Die Grundform der Aggression ist folglich eine Bewegung, die den Aggressor an ein Objekt herantreten lässt. Der Aggressor stellt Kontakt zum Objekt her, indem er danach greift.
Der feindselige Aspekt der Aggression, der bei der geläufigen Verwendung des Begriffs meist mitgedacht wird, ist in der eigentlichen Wortbedeutung nicht ausdrücklich formuliert. Aggression als Gegenpol der Regression ist eine von zwei existenziellen Grundhaltungen, die ein Subjekt gegenüber den Objekten, denen es begegnet, einnehmen kann. Jede Aktivität, die auf die Welt einwirken will, ist aggressiv.
Im gedanklichen Umfeld der Aggression finden sich Begriffe, die deren Abstufungen bezeichnen: Aktivität, Eifer, Ärger, Wut, Zorn, Hass.
Aggression als Grundmuster einer offensiven, anpackenden Herangehensweise ist ein unverzichtbares Potenzial des Lebens. Ein aggressionsfreies Dasein ist kaum denkbar. Die verschiedenen Abstufungen der Aggression gehen fließend ineinander über. Sie unterscheiden sich jedoch erheblich in ihrem Wesen sowie ihren psychologischen und sozialen Folgen. Eine Tabelle zeigt Unterschiede im Überblick.
| Stufe | Qualität |
| Aktivität | Der aktive Mensch geht gemäß innerer und äußerer Notwendigkeit an die Dinge heran. Hindernissen gegenüber bleibt er gelassen. Er sucht pragmatisch nach einer Lösung oder begnügt sich mit einem Ausweg. |
| Eifer | Der eifrige Mensch wird nicht von bloßen Notwendigkeiten geleitet. Er verfolgt ein Ziel, dem er besonderen Wert beimisst. Dem entsprechend verstärkt er vor Hindernissen seinen Eifer. Kann er sie damit nicht überwinden, sucht er einen Umweg. Mit einem Ausweg, der ihn vom Ziel entfernt, gibt er sich nicht zufrieden. |
| Ärger | Mit dem Ärger kommt erstmals ein feindseliger Aspekt auf. Vor dem Hindernis staut sich aggressive Energie. Das Hindernis wird nicht mehr nur als Hürde empfunden, die es im Eifer zu überspringen gilt, sondern als Störfaktor, der etwas tut, was ihm nicht zusteht. |
| Zorn | Im Zorn steht die Empörung über die Unbotmäßigkeit des Hindernisses für kurze Zeit im Vordergrund. Der zornige Mensch verliert dabei das eigentliche Ziel aber nicht aus den Augen. Im Zorn bleibt die Aggression kontrolliert und zielgerichtet. |
| Wut | Der wütende Mensch verliert das eigentliche Ziel aus dem Sinn. Er fühlt sich selbst vom Hindernis bedroht und mobilisiert alle Kraft, um sich zur Wehr zu setzen. Dabei ist er von seiner Aggression besessen. Er handelt kaum noch zielgerichtet. |
| Hass |
Grundregel
Im Hass geht es weder um ein konstruktives Ziel noch um den Schutz der eigenen Person. Hass betreibt die Vernichtung des Hindernisses als Zweck an sich. Im Kampf gegen das "Böse" wird der eigene Untergang dabei oft in Kauf genommen.Je größer die erlebte Aggression, desto mehr verliert der Aggressor sich selbst aus dem Blick. |
Eine Sonderform fremdaggressiven Verhaltens kann als kalte Aggression bezeichnet werden. Während die Abstufungen vom Ärger bis zum Hass als Gefühle wachsender Intensität bewusst werden, kann massive Aggression auch unter Abspaltung des Gefühls ausgeübt werden. Die Aggression wird nicht als solche erlebt, sondern als vermeintliche Notwendigkeit rationalisiert. Die Palette der Taten reicht dabei von der Vollstreckung banaler Verwaltungsverschriften bis zur Vernichtung ganzer Völker im Auftrag heilsversprechender Ideologien.
Regression ist der Gegenpol zur Aggression. Regredieren heißt zurücktreten. Wer sich regressiv verhält, überlässt anderen das Feld. Er bleibt passiv, wartet ab und verzichtet darauf, eigene Impulse einzubringen. So trifft er nicht auf äußere Hindernisse. Er vermeidet Konflikte und das Risiko, durch Konflikte Niederlagen zu erleiden.
Genau betrachtet ist aber bei weitem nicht jede Regression ein wirklicher Verzicht. Was als Verzicht auf Aggression erscheint, ist oft eine Lebensstrategie, die den Zugriff durchaus betreibt, zu deren Methode es aber gehört, offene Konflikte mit dem Umfeld zu vermeiden.
Dabei bedient sich der Zugriff scheinbar passiver Mittel, entweder um den eigenen Vorteil zu sichern oder um dem Anderen zu schaden. Dient die passive Aggressivität dem eigenen Vorteil, bleibt sie im Grundsatz konstruktiv. Betreibt sie den Nachteil des Anderen, dann ist sie destruktiv und eine Spielart des Hasses.
Regression und passive Aggression gehören zum Repertoire so gut wie aller Menschen. Als Lebensstrategie ist passive Aggression jedoch ein Muster, das bei bestimmten Persönlichkeitsvarianten gehäuft vorkommt. Zu nennen sind:
Ob passive Aggression als moralisch wertvoll oder unsolidarisch empfunden wird, hängt von vielen Umständen ab. Einen Auftrag nicht auszuführen, kann je nach Lage der Dinge Tugend oder Laster sein. Wie bei jeder Form von Aggression kommt es darauf an, ob sie nützen oder schaden soll.
Auf passiv-aggressives Verhalten reagiert man oft mit eigener Aggression. Ständiges Zuspätkommen, Mogeln, Ausweichen und das "Vergessen" getroffener Absprachen sind bestens geeignet, beim Gegenüber Ärger auszulösen. Das Gegenüber versucht durch seine Wut, den Passiv-Aggressiven zu mehr Verlässlichkeit zu zwingen. Das Wechselspiel aus passiver Aggression und manifester Gegen-Aggression entspricht einem spezifischen Abwehrmechanismus: der projektiven Identifikation.
Indem der Passiv-Aggressive die eigene Aggression durch vermeintlich schuldloses Nicht-Können ummäntelt, begünstigt er beim Gegenüber genau den Impuls, den er bei sich selbst nicht wahrhaben will: Aggression. Die Aggression des Gegenübers dient ihm zugleich als Rechtfertigung der eigenen Methode: Wenn man so unter Druck gesetzt wird, ist es doch wohl rechtens, sich zu entziehen.
Ein wesentlicher psychologischer Mechanismus ist die Wendung der Aggression gegen sich selbst. Autoaggressive Akte kann man zwei Kategorien zuordnen:
Durch die Selbstverletzung kann ein Teil der aufgestauten Aggression so entladen werden, dass sich das Umfeld nicht angegriffen fühlt. Der Kranke braucht keine Zurückweisung zu fürchten. Im Gegenteil: Die blutende Wunde zieht wohlmeinende Zuwendung an.
Bei der Suizidalität ist die Autoaggression so radikal, dass sie zum Tode führt.
Zu den Krankheiten mit hohem autoaggressivem Potenzial gehören Depressionen, Psychosen und schwere Persönlichkeitsstörungen; z.B. vom Borderline-Typ.
Das Selbstbild ist ein jeweils individuelles Konstrukt, das durch gesellschaftliche Normen, die Erwartungen des unmittelbaren Umfelds sowie die Wünsche, Hoffnungen und Ängste des Individuums erschaffen wird.
Zwischen Selbst und Selbstbild bestehen oft große Unterschiede. Identifiziert man sich vorwiegend mit seinem Selbstbild, wird man daher alle Hände voll damit zu tun haben, unpassende Selbstanteile zu bekämpfen. Dazu setzt man je nach Temperament unterschiedliche Kombinationen von Abwehrmechanismen ein.
Orientiert sich das Selbstbild stark an gesellschaftlichen Konventionen, leidet man an einer autoaggressiven Normopathie.
Aggressive Gefühle sind unangenehm. Man würde sie am liebsten wieder los. Man kann sie verdrängen oder Dampf ablassen, indem man sie auslebt. Oft schadet man sich damit aber selbst.
Änderung der Sichtweise
Betrachten Sie Ihre Wut als einen Ausdruck Ihrer eigenen Energie. Lassen Sie Dampf nicht ab, als sei er eine lästige Störung der Gemütlichkeit. Erfühlen sie Aggression als wertvolles Element Ihres seelischen Potenzials. Halten Sie still, damit ihre Kraft Sie befruchtet.
Sobald die Kraft auf Sie übergegangen ist, kommt die Gelassenheit zurück, aus der Sie handeln.
Gemäß oben genannter Grundregel, verliert man sich selbst um so mehr aus den Augen, je größer die Aggression ist, die man mobilisiert. Je mehr man sich und damit das eigene Wohl aber aus den Augen verliert, desto größer ist die Gefahr, dass man sich als Folge ausgelebter Aggression schadet.
Die Dynamik wird umso gefährlicher, je einseitiger wir die Ursache des erlebten Impulses dem Umstand zuschreiben, gegen den sich unsere Aggression richtet. Wir denken:
Schreiben wir anderen aber die Macht zu, über unsere Gefühle zu bestimmen, schürt das unsere Aggression noch mehr. Wir sehen die Autonomie unserer Person erst recht in Frage gestellt.
Wir lösen uns aus diesem Kreislauf, indem wir unsere Gefühle nicht als Machwerk der Widersacher deuten, sondern verstehen, dass sie unsere Reaktion auf deren Taten sind. Also: