Gehorsam ist eine politische Haltung, keine religiöse. Gehorsam ist ein Bezug zum Gegenüber. Religion heißt: Erkenne dich jenseits deiner Person. Religion ist die Bindung zum Ganzen.

Was Unterwerfung predigt, ist Verirrung. Das Heilige offenbart sich nicht im Geformten, damit es sich als Geformtes für Gewinn herabsetzt.

Der eine versucht, gemäß seiner Würde zu leben, der andere versetzt sie, um sie zu bekommen.

Die Religion des Ego glaubt an Unter­werfung, die des Selbst will sehen.

Die Predigt des Gehorsams macht den Menschen zum Objekt einer Vorgabe. Sie führt ihn nicht zum Unbedingten, sondern fixiert ihn in berechnender Opposition.

Wer sich vor Gott zu Boden wirft, hat ihn bereits gelästert.

Gehorsam


  1. Begriffsbestimmung
  2. Grundmuster religiöser Ausrichtungen
    1. 2.1. Gehorsam
    2. 2.2. Erkenntnis
    3. 2.3. Ergebung
  3. Sehen und gesehen werden
    1. 3.1. Psychologische Bedeutung
    2. 3.2. Soziale und politische Bedeutung
  4. Rückbindungen
  5. Kulturgeschichte

1. Begriffsbestimmung

Das deutsche Wort gehorsam ist eine Lehnübertragung des lateinischen oboediens = gehorsam, willfährig. Die Übertragung diente im germanischen Sprachraum der Übersetzung des christlichen Obedienzbegriffs.

Obedienz geht auf das lateinische oboedire = gehorchen zurück, das seinerseits aus den Begriffen obZu finden in Objekt oder Opposition. = gegenüber und audire = hören besteht. Das deutsche Verb hören entspringt der indogermanischen Wurzel keu[s]- = auf etwas achten. Im lateinischen cavereCave canem! hieß es im alten Rom. Vorsicht bissiger Hund! Wörtlich: Beachte den Hund. = sich in acht nehmen ist die indogermanische Wurzel deutlich zu hören. Cavere und hören sind eng verwandt.

Gehorsam, die deutsche Entsprechung der lateinischen Obedienz, heißt: auf das Gegenüber achten.... um sich an dessen Forderungen auszurichten.

2. Grundmuster religiöser Ausrichtung

Religion kann als WiederanbindungWenn Lactantius' etymologische Interpretation - dass der Begriff Religion auf lateinisch religare = wiederanbinden zurückgeht - zutrifft, dann auch mit sprachgeschichtlicher Berechtigung. verstanden werden. Wiederanbindung bedarf der Ausrichtung auf das, zu dem Bindung gesucht wird. Gemäß dem Weltbild, das der religiösen Ausrichtung vorangeht, folgt die Ausrichtung auf das Gesuchte zwei grund­sätzlichen Mustern:

Im religiösen Dualismus gilt das Geschöpf als etwas Gemachtes. Im religiösen Monismus gilt es als Ausdruck. Als Ausdruck ist es der Würde gewiss. Dem Gemachten könnte Würde verliehen werden.... wenn es den Verleiher dazu bringt.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Gott ist gemäß dualistischer Weltsicht politisch. Der Mensch steht einer göttlichen Supermacht gegenüber. Er verhält sich so, dass die Supermacht seiner Person nützt und nicht schadet. Das Denken bleibt egozentrisch.

  1. Im dualistischen Weltbild ist das Gesuchte entrückt. Es liegt außerhalb des Suchers und ihm damit gegenüber. Gesuchtes und Sucher sind füreinander Objekt.

  2. Im mystisch-monistischenAls religiöser Monismus wird hier die Vorstellung bezeichnet, dass es zwischen verursachender Kraft und verursachter Erscheinung eine wesenhafte Verbindung gibt. Während im dualistischen Bild das Geschöpf jenseits des Schöpfers willkürlich dahin gestellt ist und ihm gegenübersteht, geht das monistische Bild von einem umfassenden Gott aus, der nichts verwirklicht, was nicht zugleich Ausdruck seines Wesen wäre. Weltbild ist das Gesuchte im Sucher ausgedrückt. Es liegt innerhalb und außerhalb des Suchers. Es liegt vor ihm als sein Gegenüber und in ihm als sein Selbst. Als Subjekt fällt der Sucher mit dem Gesuchten in eins.

Entsprechend der beiden Grundmuster wählt religiöses Verhalten verschiedene Wege.

2.1. Gehorsam

Gehorsam als religiöse Tugend ist die logische Konsequenz eines gespaltenen Weltbilds. Der Glaube an seinen religiösen Wert war schon im Polytheismus der Antike verbreitet. Auch der griechische Stadtstaat meinte, er müsse diesen oder jenen Gott durch Unterwerfungsgesten auf die eigene Seite bringen. Solange man verschiedene Götter zur Auswahl hatte, musste man das Preisdiktat des einen nicht bedingungslos hinnehmen. Das Gebot des Gehorsams blieb relativ.

Als der heidnische Polytheismus dem politisch-konfessionellen Monotheismus mosa­ischer Prägung unterlag, wurde das Gebot des Gehorsams totalitär. Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben heißt: Du sollst keine andere Idee im Kopf haben als dich denen zu unterwerfen, die diesen Glauben predigen.

Ordensregeln

In den Ordensregeln der Benediktiner heißt es...

In der muslimischen Auslegung der mosaischen Weltsicht steht die Idee des Gehorsams so im Vordergrund, dass Religion und Unterwerfung sprachlich gleichgesetzt werden. Islam (الإسلام) geht auf das arabische Verb aslama (اسإم)= sich ergeben, sich unterwerfen zurück. Gleiches gilt für das Wort Muslim. Der Muslim ist der Sich-unterwerfende.

Auch das Wort Moschee spricht den gleichen Vorgang an. Das arabische masdschid (مسجد) geht auf das Verb sadschada (سجادة) = sich niederbeugen, verehren zurückWill Durant: Das Zeitalter des Glaubens, Francke Verlag 1952, Seite 241.. Die Moschee ist der Ort der Niederwerfung.

Alkoholverbot
Bekanntlich ist es dem Moslem verboten, Wein zu trinken. Man sollte also meinen, dass Alkoholkonsum in den Augen des Islam verwerflich ist. Inhaltlich ist er das jedoch nicht. Das Alkoholverbot auf Erden ist lediglich Prüfstein des Gehorsams. Hat sich der Gläubige als gehorsam erwiesen, bekommt er als Lohn der Abstinenz einen Platz im islamischen Himmel. Dort ist Weinkonsum nach Belieben erlaubt. Wenn sogar im Himmel getrunken wird, kann Trinken an sich nicht unrein sein.
2.2. Erkenntnis

Während der Gläubige dualistischer Konfessionen das Heil in Unterwerfung und Gehorsam sucht und er daher nach außen blickt, richtet sich die Achtsamkeit des monistisch Gläubigen nach innen und außen zugleich. Da er Schöpfer und Geschöpf nicht kategorisch voneinander trennt, ist nicht Gehorsam Fundament seiner Suche nach Heil, sondern die Erkenntnis seiner selbst und seiner Position im Ganzen.

Versuch und Irrtum

Wer nach Süden will, aber nicht nach Süden geht, kommt dort nicht an. Das ist keine Strafe für mangelnden Gehorsam, sondern Folge einer Ursache: der fehlenden Kenntnis faktischer Zusammenhänge. Dass Gott von Geschöpfen Gehorsam fordert, ist unbewiesene Phantasie. Gehorsam zu fordern ist Besitzanspruch. Der Ruf nach Gehorsam ist der Anspruch eines befehlenden Egos, durch den es sich ein gehorsames zum Besitz machen will.

Tatsächlich schaut Gott zu, wie das Leben die Wirklichkeit erkundet und so den Weg entdeckt, der zu ihm führt. Wenn Besitz das Verhältnis Gottes zur Schöpfung überhaupt beschreibt, dann besitzt er unverlierbar alles; egal ob es den Weg findet oder sich verirrt. Gott zu unterstellen, dass er ein besitzheischendes Ego ist, den der Eigensinn, den er seinen Kreaturen anvertraut, in Rage bringt, ist Resultat einer Verwechslung. Das Ego, das glaubt, Gott verlange, dass es ihm gehorcht, unterscheidet ihn zu wenig von sich selbst.

2.3. Ergebung

Zu unterscheiden sind Unterwerfung und Ergebung. So führt religiöse Erkenntnis zwar regelhaft dazu, dass sich der Erkennende dem Erkannten ergibt, seine Ergebung ins Ganze ist aber keine Unterwerfung.

Sich ergeben und sich unterwerfen sind kategorisch unterschiedliche Vorgänge. Das belegt ein Vergleich denkbarer Aussagen.


Mögliche und unmögliche Vorgänge
möglich unmöglich
Sich unterwerfen Ich unterwerfe mich.
Ich unterwerfe dich.
Sich ergeben Ich ergebe mich. Ich ergebe dich.

Der Vergleich zeigt: Entgegen dem ersten Anschein sind die Verben ergeben und unterwerfen nicht synonym.Falls das Arabische beide im Verb aslama (اسإم) gleichsetzt, belegt es damit seine mangelnde Unterscheidungskraft. Der Koran jedenfalls erwartet keineswegs, dass man sich seiner Lehre aus freien Stücken durch Erkenntnis ergibt. Er fordert, dass man sich seiner Aggression unterwirft. Dazu erteilt er einen klaren Auftrag:

Sura 9, 5:
... tötet die Götzendiener, wo ihr sie auch findet, fanget sie ein, belagert sie und stellt ihnen nach aus jedem Hinterhalt.
Wären sie es, wäre der Satz Ich ergebe dich sinnvoll. Ergebung erfolgt von innen heraus. Unterwerfung beugt sich Druck. Die Verben benennen weder denselben Vorgang noch führen sie zum gleichen Resultat.


Unterschiede
Sich ergeben Sich unterwerfen
Ergebung ist Ergebnis von Einsicht. Unterwerfung ist Ergebnis von Ohnmacht.
Widerstand ist unangemessen. Wer sich ergibt, anerkennt das Recht dessen, dem er sich ergibt. Widerstand ist zwecklos. Wer sich unterwirft, beugt sich einer Macht, die ihn überwältigt.
Wer sich ergibt, erkennt seinen Platz im Ganzen. Er spekuliert auf keinen Gewinn. Sein Ego gibt jeden Anspruch auf, der durch den Platz im Ganzen nicht bereits erfüllt ist. Sich zu unterwerfen ist berechnend. Durch Unterwerfung sichert der Unterworfene sein Ego. Er schützt es vor Schaden und erhebt Anspruch auf Unterwerfungsgewinn.
Ergebung ist ein freier Akt der Selbstbestimmung. Unterwerfung ist Akzeptanz von Fremdbestimmung.

Ergebung und Unterwerfung trennen zwischen Religion und Rebellion. Wer sich unterwirft, würde seinen Herrscher stürzen, wenn er die Macht dazu hätte. Nur wer sich erkennend ergibt, bindet sich tatsächlich ins Ganze. Wer gehorcht, ist im Herzen treulos.

Wer sich dem Heiligen unterwerfen will, erklärt es zum Feind.

Man kann sowohl sich selbst als auch einen anderen unterwerfen. das zeigt, dass Unterwerfung eine Aggression des Ego gegen das Selbst ist. Das Ego beugt das eigene Selbst oder das eines anderen im Interesse seiner Zwecke.

Ergebung ist etwas anderes. Indem man die Stelle erkennt, die man im Kosmos inne hat, ergibt man sich ins eigene Selbst. Ergebung ist der Verzicht des Ego auf Dominanz. Unterwerfung ist die Maske des Gegenteils.

3. Sehen und gesehen werden

Wer sich unterwirft will seine Unterwerfung sichtbar machen. Der, dem er sich unterwirft, soll etwas sehen. Dem entsprechen die Gesten der Gehorsamsreligion. Der Gläubige blickt im Akt der Unterwerfung auf den Boden. Nicht er soll sehen, wem er sich tatsächlich unterwirft, sondern der Mächtige soll sehen, dass der Akt der Unterwerfung vollzogen wird. All das geschieht im Glauben, dass Mächtige Unter­werfung belohnen.... was für die Mächtigen der Erde zutreffen mag. Unterwirft man sich, wird man nicht erschlagen, sondern bloß versklavt oder zumindest tribut- und steuerpflichtig. Die Übertragung dieses Musters auf die transzendente Macht ist jedoch nur eine unbeweisbare Hypothese; die aber auch dann, wenn sie falsch ist, den Mächtigen der Erde dient.

Die große Macht im Universum ist das Sehen. Nicht dass die Macht des Sehens Gesehenes in irgendeinen Zustand beugt, sehen befreit vielmehr den Seher aus der Herrschaft dessen, was er sieht. Was beugt, ist kleine Macht. Was sieht, ist große Macht. Große Macht ist nicht, was unterwerfen will. Große Macht ist, was Unterworfenes befreit.

Dass der Griff zum Baum der Erkenntnis als Ursünde gilt, ist einer der beiden mythologischen Pfeiler der Gehorsamsreligion. Der Unter­worfene soll nicht sehen, sondern sich ohne Wissensmacht fügen.

Der zweite Pfeiler ist der Mythos von der göttlichen Gehorsamsprü­fung Abrahams. Der Gläubige soll seinen Gehorsam dadurch zeigen, dass er als Vater bereit ist, das Vertrauen seines Sohnes zu dessen Ermordung zu nutzen. Der Unterworfene soll sich vollständig entblößen, damit der Mächtige seine Unterwerfung kontrollieren kann.

3.1. Psychologische Aspekte

Das Verbot der unbefangenen Erkenntnis, durch das Gehorsamskulte ihren Glauben schützen, hat tiefreichende Folgen für den Bezug des Individuums zu sich selbst. Je mehr der Einzelne auf äußere Vorgaben und kollektiv-verbindliche Verhaltensregeln ausgerichtet wird, desto unfähiger wird er, sich selbst zu reflektieren. Statt sich seiner selbst bewusst zu sein, betreibt der Gehorsamsgläubige ein angepasstes Rollenspiel. Dazuzugehören wird überwertig. Sich selbst zu bestimmen und zu verstehen, gerät aus dem Blick.

3.2. Soziale und politische Aspekte

Auf sozialer und politischer Ebene ist Gehorsam Ausdruck und Garant hierarchischer Ordnung. Es ist daher kein Zufall, dass sich staatliche Macht fast immer auf konfessionelle Religionen stützt und kaum je für mystische Formen eintritt. Konfessionen bemächtigen sich staatlicher Strukturen. Staaten benutzen Konfessionen für Herrschaftszwecke. Keine Konfession hat sich je ohne die Unterstützung staatlicher Gewalt flächendeckendEs stimmt zwar: Das Christentum hat sich auch gegen den Widerstand des heidnischen Roms im römischen Reich ausgebreitet, katholisch - also alles umfassend - wurde es aber erst, als staatliche Macht dafür sorgte, dass sich niemand mehr dem Zugriff der Glaubensgemeinschaft entziehen konnte. verbreitet.


Religiöse Grundmotive im Überblick
Gehorsam Erkenntnis
politisch-konfessionell mystisch-spirituell
Schwerpunkt im Grundkonflikt Gehöre dazu. Bestimme dein Selbst.
Umgang mit Selbstwert Ordne dich unter. Richte dich auf.
Das Heilige ist... eine entrückte Obrigkeit, die straft, belohnt, fordert und verurteilt. das immanente Wesen aller, das der Freiheit zur Entscheidung VerantwortungNur weil das Heilige nicht beliebig ist und das, was es bewirkt, keine Willkür, ist es nicht egal, was der Mensch mit seiner Freiheit macht. Es hat Konsequenzen für das Ganze und nicht nur für seine Person. Im Himmel-Hölle-Schema der Gehorsamsreligion endet Verantwortung beim Eigennutz. In der Erkenntnis geht sie darüber hinaus. beilegt.
Man sollte das Richtige tun... weil es persönliche Vor- oder Nachteile einbringen kann. weil es ins Gewebe der Wirklichkeit einwirkt.
Was richtig ist... wird als Dogma vorgegeben. kann durch Achtsamkeit ermittelt werden.
Ausrichtung der Achtsamkeit Beachte, was von außen gefordert wird. Gehorche irdischen Stellvertretern. Beachte dein Inneres. Folge dem Gewissen. Erkenne dich selbst.
Endziel Etwas zu bekommen.Das gelobte Land ist nicht nur ein gepriesenes Land. Es ist auch ein ausgelobtes Land. Ausgelobt heißt: Sein Besitz ist als Preis für die bestmögliche Unterwerfung ausgesetzt. Unverfälscht zu sein.
Gesellschaftsmodell feudal / hierarchisch demokratisch / solidarisch
Grundentscheidung Der Mensch ist als etwas willkürlich von Gott Gemachtes bloß Objekt. Als Subjekt ist jeder Ausdruck dessen, was ihn erschafft.
Handlungsmaxime Erniedrige dich, damit du erhöht wirst. Entspreche dir selbst.
Menschenbild Der Mensch ist sein Ego. Als solches ist er grundsätzlich schlecht, bis er sich verworfen hat. Der Wesenskern des Menschen ist sein Selbst. Das Ego ist als Werkzeug gut, wenn es verantwortlich zum Einsatz kommt.
Motto Glaube! Du darfst nicht vom Baum der Erkenntnis essen. Zweifle! Nur wenn dein Zweifel das Falsche entlarvt, kannst du das Richtige tun.
Rückbindung... an Glaubensgemeinschaft und Stellvertreter. an die Gegenwart des Heiligen im eigenen Selbst.
Mentale Modi Gehorsam beurteilt. Erkenntnis nimmt wahr.

Manche Ideen verbreiten sich in Köpfen wie Viren im Netz. Der Code dazu heißt: Sorge dafür, dass deine Kinder so denken wie du. Sonst wirst du bestraft.

4. Rückbindungen

Sowohl die Gehorsams- als auch die Erkenntnisreligion betreibt Rückbindung; allerdings auf zweierlei Art und aus unterschiedlichem Menschenbild heraus.

Gehorsam sucht Zugehörigkeit durch Verzicht auf Selbstbestimmung.

Erkenntnis erkennt Zugehörigkeit, indem sie sich selbst bestimmt.

Die Rückbindung der konfessionellen Religion ist ihrem Wesen nach sozial und politisch.Das Muster dieser Rückbindungsform kommt im jüdischen Glauben an die Gehorsamspflicht des Einzelnen gegenüber der eigenen Gruppe in archetypischer Weise zum Ausdruck. Kein guter Jude - so lautet die Lehre - darf sich den politischen Vorsätzen des auserwählten Volkes straflos entziehen. Mehr noch: Die Regeln seiner Lehre gehorsam zu vollstrecken, gilt laut mosaischem Glauben als Seinszweck des Juden an sich. Er wurde von Gott in die Welt gesetzt, um vorgeschriebene Rituale durchzuführen. Zur Freiheit individueller Entscheidungen wurde er befähigt, um sie gehorsam zu verwerfen. Der Gläubige bindet sich an eine Gruppe, indem er deren Regeln gehorcht. Religiös im eigentlich religiösen Sinne ist erst die Rückbindung der mystischen Spiritualität. Indem er die Bindung zur Gruppe als zweitrangig erkennt, bindet er sich der Gläubige an das, wodurch er erstrangig verbunden ist: sein Selbst.

Gehorsam
wendet sich dem Ritus zu. Er gleicht Formen aneinander an.

Erkenntnis
verwendet meditative und intro­spektive Techniken. Sie versucht, Inhalte zu bestimmen und ihren Zusammenhang zu verstehen.
Konfliktlinien

Bei der Betrachtung des Gehorsams fallen zwei Begriffe: Zugehörigkeit und Selbst­bestimmung. Es sind dieselben Begriffe, die die Psychologie zur Beschreibung eines seelischen Grundkonflikts verwendet.

In der Religion ist der psychologische Grundkonflikt entschieden zugespitzt. Zuge­hörigkeit ist das entwicklungspsychologisch frühere Bedürfnis. Seine Macht zeigt sich am Sog konfessioneller Gemeinschaften. Sie bieten Zugehörigkeit für Unter­werfung. Im Schoß der Glaubensgemeinschaft fühlt der Vereinzelte Geborgenheit. Im Konflikt gibt er Selbstbestimmung zugunsten sozialer Verbundenheit preis.

Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und -erkenntis ist entwicklungspsycho­logisch reifer. Es wendet sich der Mystik zu. Um sich selbst zu erkennen, lockert das Ich die Loyalität zu kollektiven Werten. Es wechselt von kollektiver Moral zu individueller Ethik.

Die Eigenständigkeit des Glaubens an die Erkenntnis deuten die Parteigänger des Gehorsams als Bedrohung ihres schützenden Zusammenhalts. Je mächtiger das soziale Zugehörigkeitsbedürfnis konfessioneller Gruppen ist, desto feindseliger ver­halten sie sich gegenüber existenzieller Religiosität. Eigenständige Suche wird als Ketzerei verteufelt. Eine Übereinstimmung von Konfession und Religion wird es niemals geben.

5. Kulturgeschichte

Glaubensgehorsam erschwert den Weg zu existenzieller Religiosität. Das heißt nicht, dass er kulturgeschichtlich wertlos gewesen wäre. Die westlichen Gehorsams­kulte sind antikenJudentum und Christentum und mittelalterlichenIslam Ursprungs. Antike und Mittelalter waren vom Wogen gewaltsamer Gruppenkonflikte durchsetzt. Völker unter die Knute einheitlicher Dogmen zu zwingen, kann daher auch als Fortschritt verstanden werden. Für viele Untertanen wird ein Kalif, ein Papst, ein Monarch von Gottes Gnaden besser gewesen sein als zweihundert zankende Zwergfürstentümer.

Konfession hat Religion zugunsten der Politik zurückgestellt. Es täte uns gut, das Verhältnis zurechtzurücken.

Der historische Wert der Gehorsamskulte liegt aber nicht auf dem Feld des Religiösen, sondern auf dem der Ordnungs- und Sozialpolitik. Da man versuchen kann, Geschichte zu verstehen, der Vorsatz, ihre Entscheidungen für irrig zu erklären, jedoch belegbarer Beweise entbehrt, wird ein redliches Urteil letztlich so klug sein, ihre geschichtliche Berechtigung als schicksalhaft anzuerkennen... was uns aber nicht davon abzuhalten braucht, heute über die Denkmuster des Mittelalters hinauszugehen.