Wahnhaft ist, wer Vermutungen zur Gewissheit erklärt, ohne zu erkennen, dass er ihre Gewissheit nicht erkennen kann.
Beim Wahn treffen beide Impulse des Grundkonflikts mit großer Wucht aufeinander. Sie verschmelzen zu einer pathologischen Legierung, bei der der Kranke weder zwischen Ich und Nicht-Ich noch zwischen Realität und Phantasie eindeutig unterscheidet. Im Wahn werden Meinungen willkürlich zu unumstößlicher Wahrheit erklärt und jeder Abgleich mit anderen Sichtweisen verweigert. So wird ein autonomer Binnenraum gegen Einflüsse von außen gesichert. Gleichzeitig lockt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit den Kranken in die Phantasie, dass sich alles um ihn herum auf ihn selbst bezieht. Man spricht auch von einem paranoiden Erleben.
Wahnhaftes Erleben
Ein flüchtiger Wahn, zum Beispiel im Rahmen einer Demenz oder eines Delirs, kann am nächsten Tag schon wieder vergessen sein. Im Gegensatz dazu wird ein Wahn systematisch genannt, wenn der Kranke beharrlich sämtliche Aspekte seines Weltbildes in das Wahngebilde einwebt.
Wahn ist ein häufiges Symptom der Psychose. Er kommt bei verschiedenen Erkrankungen vor und ist dann mit typischen Begleitsymptomen verwoben. Bei der Wahnhaften Störung, der sogenannten Paranoia, ist die Wahnbildung in der Regel das einzige Symptom der Krankheit. Treten weitere psychotische Symptome hinzu, schließt das die Diagnose einer Wahnhafen Störung aus.
Krankheiten mit Wahnbildung gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.| Name | ICD | Charkteristika |
| Alzheimerkrankheit | F00 | Meist kein systematischer Wahn. Begleitet vom Abbau der kognitiven Funktionen. Gedächtnisstörungen, Desorientierung, Verwirrtheit. |
| Vaskuläre Demenz | F01 | Ähnlich wie bei der Alzheimerkrankheit |
| Delirium tremens | F05 | Flüchtige wahnhafte Verkennungen im Rahmen des Alkoholentzugs |
| Schizophrenie | F20 | Systematischer oder flüchtiger Wahn, begleitet von Ich-Störungen und Halluzinationen |
| Wahnhafte Störung | F22 | Systematischer Wahn ohne Begleitsymptome |
| Manie | F30 | Größenwahn bei gehobener Stimmung |
| Depression | F32.3 | Bei schweren depressiven Episoden kann es zu Verschuldungs-, Versündigungs- oder Verarmungswahn kommen |
| Borderline-Syndrom | F60.3 | Flüchtige Wahnbildungen bei Erregungszuständen |
Obwohl im Grundsatz jede Überzeugung wahnhaft werden kann, also durch gegenläufige Beweise und Indizien unkorrigierbar, kreist wahnhaftes Denken meist um bestimmte Themen, die mit der existenziellen Position des Menschen in Gesellschaft und Kosmos in Verbindung stehen. Dazu gehören:
In der folgenden Übersicht typischer Wahnbilder sind die Themen erkennbar:
| Name | Erscheinungsbild | |
| Verfolgungswahn | Überzeugung, durch andere Leute oder anonyme Mächte, überwacht, beobachtet, verfolgt oder bedroht zu werden. | |
| Beeinträchtigungswahn | Überzeugung, durch Gedankeneingebung, leibliche Beeinflussung oder physikalische Kräfte gesteuert, verändert, beherrscht oder beeinflusst zu werden. | |
| Hypochondrischer Wahn | Überzeugung, schwer erkrankt zu sein. Im Gegensatz zur hypochondrischen Störung finden sich dabei oft skurrile Vorstellungen über Anatomie und Funktionsweise des Körpers. Zuweilen auch verbunden mit zoenästhetischen Halluzinationen, also Wahrnehmungsstörungen, die sich nicht auf die Felder der Sinnesorgane beziehen, sondern auf die Binnenwahrnehmung leiblicher Prozesse. | |
| Nihilistischer Wahn | Überzeugung, nicht mehr zu existieren oder Überzeugung, dass die ganze Welt nicht existiert. | |
| Verarmungswahn | Wahnhafte Überzeugung, finanziell ruiniert zu sein. | |
| Schuldwahn | Wahnhafte Überzeugung, sich durch verwerfliches Handeln versündigt zu haben. | |
| Sexueller Wahn | Wahnhafte Überzeugungen, die sich um sexuelle Themen ranken. Zum Beipiel, dass sexuelle Phantasien von anderen ausgelesen werden können. | |
| Liebeswahn | Wahnhafte Überzeugung mit einer anderen Person in einem geheimen Liebesverhältnis zu stehen, oder von einer Person geliebt und begehrt zu werden, obwohl diese Person das nicht offen äußert. | |
| Größenwahn | Wahnhafte Überzeugung, besondere Fähigkeiten zu haben. | |
| Berufungswahn | Wahnhafte Überzeugung, zu einer besonderen Rolle berufen zu sein. |
Wahn ist psychotherapeutisch ausgesprochen schwer zu beeinflussen. Beim Versuch ihn mit Argumenten zu entkräften, versteift sich der Kranke erst recht auf den Inhalt. Oft wird der, der dem Wahn widerspricht, ins Wahngebilde eingebaut und gilt dann als Komplize der vermeintlichen Widersacher.
Auch die Wirkung der Neuroleptika, die andere psychotische Symptome oft gut erreichen, prallt am Wahn oft ab; besonders wenn sich bereits ein geschlossenes Wahnsystem entwickelt hat. Immerhin dämpfen Neuroleptika die emotionale Spannung, die ein paranoider Wahn erzeugen kann und mildern so die Wahndynamik. Der Kranke bleibt wahnhaft, der Wahn wirkt sich aber weniger auf sein Verhalten aus.
Monopoltheologien versprechen für bedingungslosen Glauben absolutes Heil. Auch hier sind Elemente der Wahndynamik erkennbar. Der Gläubige ist vom Impuls zur Zugehörigkeit bestimmt; der Zugehörigkeit zum "Gottesvolk". Als Bedingung für den Beitritt benennt der Glaube Dogmen, die ebenso unverrückbar wie ein individueller Wahninhalt für wahr zu halten sind. Die Unbelegbarkeit der Lehrsätze und die Forderung, sie kritiklos zu bejahen, bilden dabei eine dialektische Einheit. Für die Zugehörigkeit hat der Gläubige die Autonomie seiner Urteilskraft an die Gruppe abzutreten. Vom Baum der Erkenntnis zu essen, gilt als Sünde. Das Bedürfnis nach Autonomie wird als kollektive Dogmentreue an die Außengrenze der Glaubensgemeinschaft verschoben und in die Phantasie investiert, als "auserwählte" Gruppe stehe man losgelöst über dem Rest der Welt. Monopoltheologien sind als pathologische Lösungen des psychologischen Grundkonflikts zu erkennen.
Wohlgemerkt:
Natürlich sind die meisten Anhänger der Monopoltheologien nicht wahnhaft. Das liegt aber nicht am Wesen der Ideologien selbst, sondern daran, dass die Mehrzahl ihrer Anhänger nur oberflächlich damit identifiziert ist. Im medizinischen Sinne spricht man von Religiösem Wahn erst dann, wenn der Kranke aus seinen religiösen Überzeugungen einen persönlichen Auftrag Gottes ableitet, als auserwähltes Individuum auf das Weltgeschehen einzuwirken. Inhalt eines religiösen Wahns kann aber auch die Überzeugung eines depressiven Menschen sein, durch nicht wieder gut zu machende Sünden, der Verdammnis anheim gefallen zu sein. Man spricht dann von einem Versündigungswahn, dessen Inhalt aus den verinnerlichten religiösen Überzeugungen hervorgeht.