Wahnhaft ist, wer Vermutungen zur Gewissheit erklärt, ohne zu erkennen, dass er ihre Gewissheit nicht erkennen kann.
Wahn und Wahrnehmung
Typisch für paranoides Erleben sind sogenannte Wahnwahrnehmungen.
Als ein roter Wagen um die Ecke bog, wusste ich, dass ich bis aufs Blut würde kämpfen müssen.
Die Wahnwahrnehmung zeigt, wie neutrale Wahrnehmungen durch Vorstellungsinhalte überlagert werden. Statt die Wahrnehmung so stehen zu lassen, wie sie ist, werden Vermutungen und subjektive Deutungen hinein interpretiert. Resultat sind privatistische Weltbilder, deren Struktur von den Ängsten und Wünschen des Ego bestimmt wird.
Wer wähnt, geht von irrigen Vermutungen aus, die er selbst in die Welt setzt oder die er ungeprüft von anderen
übernimmtSo kennt die Psychiatrie die sogenannte "Folie à deux". Darunter versteht man den gemeinsamen Wahn zweier Personen. Bei der Folie à deux geht der Wahn zunächst nur von einer Person aus. Da die zweite aber psychologisch so abhängig von der ersten ist, dass sie es nicht wagt, sich eine eigenständige Weltsicht zu erhalten, übernimmt sie den Wahninhalt der ersten.
Ähnliche psychologische Mechanismen spielen bei der Ausbreitung pseudoreligiöser Kulte, die sich im Besitz göttlich vermittelter Wahrheit wähnen, eine große Rolle. Zur Identifikation mit dem Wahninhalt führt dabei auch die handfeste Drohung mit Ausgrenzung und Gewalt, die stets zum Repertoire pseudoreligiöser Kulte gehört..
Statt wahrzunehmen, was wahrnehmbar ist, formuliert der Wahnkranke Vorstellungsbilder, die er mit der Realität verwechselt.
Sprachgeschichtlich gehen Wahn und wähnen auf dieselbe indogermanische Wurzel wie gewinnen zurück. Zur Grundbedeutung dieser Wurzel gehört die Tätigkeit des Umherstreifens, Trachtens und Nach-etwas-Suchens.
Wahn ist daher nicht einfach nur abwegig, sinnlos und absurd. Wahn hat vielmehr ein Ziel. Er entzündet sich am Unterschied zwischen dem, was wirklich ist, und dem, wie der Kranke sich und die Welt gerne sähe. Wahn ist der Versuch, einen Kampf gegen die Wirklichkeit durch Bilder zu gewinnen. Je mehr der Wahnkranke seinen Irrtum verleugnet, desto weiter versteigt er sich in seine egozentrische Spekulation. Die gesteigerte Verirrung wird zum Werkzeug des Wahnkranken, um ein Eingeständnis der Verirrung zu vermeiden.
So entsteht ein paranoider Teufelskreis: Je schwerer der Irrtum ist und je länger er behauptet wird, desto mehr Mut bräuchte der Kranke, sich den Irrtum einzugestehen. Oft hat er ihn nicht.
Beim Wahn treffen beide Impulse des Grundkonflikts mit großer Wucht aufeinander. Sie verschmelzen zu einer krankhaften Legierung, bei der der Kranke weder zwischen Ich und Nicht-Ich noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie eindeutig unterscheidet.
Im Wahn werden Meinungen willkürlich zu unumstößlicher Wahrheit erklärt und jeder Abgleich mit anderen Sichtweisen verweigert. So wird ein autonomer Binnenraum gegen Einflüsse von außen abgesichert. Je weniger der Wahninhalt aber von anderen bestätigt wird, desto mehr verliert der Kranke sein Gefühl der Zugehörigkeit. Die Unerträglichkeit des zunehmenden Abgesondertseins treibt ihn schließlich in die Phantasie, dass alles um ihn herum auf ihn selbst bezogen ist. Man spricht von einem Beziehungsserleben.
Durch die Phantasie der paranoiden Bezogenheit wird eine wahnhafte Zugehörigkeit erlebt. Durch den meist feindselig gedeuteten Bezug bleibt die Distanz gewahrt und die brüchige Autonomie wird aufs Neue gefestigt.
Wahnhaftes Erleben
Ein flüchtiger Wahn, zum Beispiel im Rahmen einer Demenz oder eines Delirs, kann am nächsten Tag schon wieder vergessen sein. Im Gegensatz dazu wird ein Wahn systematisch genannt, wenn der Kranke beharrlich sämtliche Aspekte seines Weltbildes in das Wahngebilde einwebt. Die Einarbeitung der Aspekte der Wirklichkeit in das Wahngebäude nennt man Wahnarbeit.
Grundlage des Wahns ist meist eine übermäßig wählerische Selbstakzeptanz. Der Wahnkranke lehnt soviele Aspekte, Gefühle, Impulse und Erlebnisweisen seiner selbst als nicht zu seinem Selbstbild passend ab, dass der Zusammenhang des Ich-Erlebens verloren geht.
Im Gegensatz zum Neurotiker, der sein Selbstbild meist durch bloße Verdrängung und Verleugnung unliebsamer Wahrheiten verteidigt, rechnet der Wahnkranke wichtige Teile seiner selbst entweder vollständig der Außenwelt zu oder er deutet sie als bloß Auswirkung der Außenwelt, die sein Inneres unangenehm bestimmt.
Die Ablehnung eigener Erlebnisweisen durch das vom tatsächlichen Selbst entfremdete Selbstbild wird von der Psyche als Abgelehntsein erlebt, und im nächsten Schritt als Folge fremder Machenschaft gedeutet.
Wahn ist ein häufiges Symptom der Psychose. Er kommt bei verschiedenen Erkrankungen vor und ist dann mit typischen Begleitsymptomen verwoben. Bei der Wahnhaften Störung, der sogenannten Paranoia, ist die Wahnbildung in der Regel das einzige Symptom der Krankheit. Treten weitere psychotische Symptome hinzu, schließt das die Diagnose einer Wahnhafen Störung aus.
Krankheiten mit Wahnbildung gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.| Name | ICD | Merkmale |
| Alzheimerkrankheit | F00 | Meist kein systematischer Wahn. Begleitet vom Abbau der kognitiven Funktionen. Gedächtnisstörungen, Desorientierung, Verwirrtheit. |
| Vaskuläre Demenz | F01 | Ähnlich wie bei der Alzheimerkrankheit |
| Delirium tremens | F05 | Flüchtige wahnhafte Verkennungen im Rahmen des Alkoholentzugs |
| Schizophrenie | F20 | Systematischer oder flüchtiger Wahn, begleitet von Ich-Störungen und Halluzinationen |
| Wahnhafte Störung | F22 | Systematischer Wahn ohne Begleitsymptome |
| Manie | F30 | Größenwahn bei gehobener Stimmung |
| Depression | F32.3 | Bei schweren depressiven Episoden kann es zu Verschuldungs-, Versündigungs- oder Verarmungswahn kommen |
| Borderline-Syndrom | F60.3 | Flüchtige Wahnbildungen bei Erregungszuständen |
Obwohl im Grundsatz jede Überzeugung wahnhaft werden kann, also durch gegenläufige Beweise und Indizien unkorrigierbar, kreist wahnhaftes Denken meist um bestimmte Themen, die mit der existenziellen Position des Menschen in Gesellschaft und Kosmos in Verbindung stehen. Dazu gehören:
In der folgenden Übersicht typischer Wahnbilder sind die Themen erkennbar:
| Name | Erscheinungsbild | |
| Verfolgungswahn | Überzeugung, durch andere Leute oder anonyme Mächte überwacht, beobachtet, verfolgt oder bedroht zu werden. | |
| Beeinträchtigungswahn | Überzeugung, durch Gedankeneingebung, leibliche Beeinflussung oder physikalische Kräfte gesteuert, verändert, beherrscht oder beeinflusst zu werden. | |
| Hypochondrischer Wahn | Überzeugung, schwer erkrankt zu sein. Im Gegensatz zur hypochondrischen Störung finden sich dabei oft skurrile Vorstellungen über Anatomie und Funktionsweise des Körpers. Zuweilen auch verbunden mit zoenästhetischen Halluzinationen, also Wahrnehmungsstörungen, die sich nicht auf die Felder der Sinnesorgane beziehen, sondern auf die Binnenwahrnehmung leiblicher Prozesse. | |
| Nihilistischer Wahn | Überzeugung, nicht mehr zu existieren oder Überzeugung, dass die ganze Welt nicht existiert. | |
| Verarmungswahn | Wahnhafte Überzeugung, finanziell ruiniert zu sein. | |
| Schuldwahn | Wahnhafte Überzeugung, sich durch verwerfliches Handeln versündigt zu haben. | |
| Sexueller Wahn | Wahnhafte Überzeugungen, die sich um sexuelle Themen ranken. Zum Beipiel, dass sexuelle Phantasien von anderen ausgelesen werden können. | |
| Liebeswahn | Wahnhafte Überzeugung mit einer anderen Person in einem geheimen Liebesverhältnis zu stehen, oder von einer Person geliebt und begehrt zu werden, obwohl diese Person das nicht offen äußert. | |
| Größenwahn | Wahnhafte Überzeugung, besondere Fähigkeiten zu haben. | |
| Berufungswahn | Wahnhafte Überzeugung, zu einer besonderen Rolle berufen zu sein. |
Wahndynamik und doppelte Buchführung
Wahnhafte Überzeugungen können das gesamte Verhalten des Kranken steuern, oder sie existieren parallel zu einem oberflächlich angepassten Normverhalten. Je mehr sie das Verhalten bestimmen, desto höher ist die Wahndynamik. Bestehen sie parallel zum Normverhalten, spricht man von doppelter Buchführung.
Zwei Kranke können jeweils glauben, dass der Geheimdienst sie verfolgt. Der eine verbarrikadiert sich in seiner Wohnung, der andere geht zur Arbeit.
Wahn ist psychotherapeutisch schwer zu beeinflussen. Beim Versuch ihn mit Argumenten zu entkräften, versteift sich der Kranke erst recht auf den Inhalt. Oft wird der, der dem Wahn widerspricht, ins Wahngebilde eingebaut und gilt dann als Komplize der vermeintlichen Widersacher.
Wenn überhaupt ein Zugang zu finden ist, so dadurch, dass man den Kranken ermutigt, abgelehnte Anteile seiner selbst als wertvoll zu betrachten; wertvoll auch dann, wenn sie nur schwer zu akzeptieren sind.
Da Akzeptanz und Ablehnung Schlüsselbegriffe der Wahnbildung sind, wird man als Therapeut wohl nur erfolgreich sein, wenn man auch den Wahn des Kranken als werthaltigen Aspekt seines seelischen Ausdrucks begreift. Wenn man den Wahn bloß beseitigen will, statt ihn zu verstehen, macht man das Gleiche, was der Kranke mit wesentlichen Teilen seiner selbst bereits tut. Der Kranke lehnt so vieles von sich bereits ab, dass er die Ablehnung seines Wahnes als Schlag in die gleiche Kerbe erleben wird.
Auch die Wirkung der Neuroleptika, die andere psychotische Symptome oft gut erreichen, prallt am Wahn meist ab; besonders wenn sich bereits ein geschlossenes Wahnsystem entwickelt hat. Immerhin dämpfen Neuroleptika die emotionale Spannung, die ein paranoider Wahn erzeugen kann und mildern so die Wahndynamik. Der Kranke bleibt wahnhaft, der Wahn wirkt sich aber weniger auf sein Verhalten aus.
Die Zusammenhänge von Wahn und Religion sind vielschichtig. Zum einen werden Wahnbildungen durch dogmatische Kulte systematisch gefördert. Zum anderen ist fraglich, ob ein nicht-religiöses Bewusstsein überhaupt als wahnfrei aufgefasst werden kann.
Monopoltheologien versprechen für bedingungslosen Glauben absolutes Heil. Hier sind die Elemente der Wahndynamik deutlich erkennbar. Der Gläubige ist vom Impuls zur Zugehörigkeit bestimmt; der Zugehörigkeit zum "Gottesvolk". Als Bedingung für den Beitritt benennt der Glaube Dogmen, die ebenso unverrückbar wie ein individueller Wahn für wahr zu halten sind. Die Unbelegbarkeit der Lehrsätze und die Forderung, sie kritiklos zu bejahen, bilden dabei eine Einheit. Für die Zugehörigkeit hat der Gläubige die Autonomie seiner Urteilskraft an die Gruppenführer abzutreten.
Dem, was tatsächlich wahrzunehmen ist, messen dogmatische Kulte nur wenig Bedeutung zu. Wie beim individuellen Wahn, wird der Wahrheitsgehalt des Vorstellungsinhalts für größer gehalten, als der der erkennbaren Wirklichkeit. Vom Baum der Erkenntnis zu essen, gilt folglich als Sünde.
Das Bedürfnis nach Autonomie wird als kollektive Dogmentreue an die Außengrenze der Glaubensgemeinschaft verschoben und in die Phantasie investiert, als "auserwählte" Gruppe stehe man losgelöst über dem Rest der Welt. Monopoltheologien sind als pathologische Lösungen des psychologischen Grundkonflikts zu erkennen.
Wohlgemerkt:
Natürlich sind die meisten Anhänger der Monopoltheologien nicht wahnhaft im schulmedizinischen Sinne. Das liegt aber nicht am Wesen der Ideologien selbst, sondern daran, dass die Mehrzahl ihrer Anhänger nur oberflächlich damit identifiziert ist. Im medizinischen Sinne spricht man von Religiösem Wahn erst dann, wenn der Kranke aus seinen religiösen Überzeugungen einen persönlichen Auftrag Gottes ableitet, als auserwähltes Individuum auf das Weltgeschehen einzuwirken.
Inhalt eines religiösen Wahns kann aber auch die Überzeugung eines depressiven Menschen sein, durch nicht wieder gut zu machende Sünden, der Verdammnis anheim gefallen zu sein. Man spricht dann von einem Versündigungswahn, dessen Inhalt aus verinnerlichten religiösen Überzeugungen hervorgeht.
Dass überzeugter Dogmenglaube grundsätzlich wahnhaft ist, heißt nicht, dass man das profane Bewusstsein sorglos als wahnfrei bezeichnen könnte.
Als profanes Bewusstsein wird hier eine Weltsicht verstanden, die jede religiöse Dimension verneint und das Ich als abgegrenzte Einheit auffasst, die dem Nicht-Ich gegenüber steht und deren Existenz sich im Lebenshorizont der Person erschöpft.
Falls das Ich nämlich Ausdruck der Wirklichkeit ist und nicht nur einer seiner Inhalte, dann ist das Konzept des abgegrenzten Ichs nur eine verkürzende Vorstellung und die Identifikation mit diesem Bild ebenfalls wahnhaft.
Falls das Ich tatsächlich Ausdruck der Wirklichkeit ist, kann nur ein - wahrhaft - religiöses Weltverständnis wahnfrei sein, während die gedankliche Verkürzung der Subjektivität auf ein objektivistisches Denkmodell im Grundsatz ebenso wahnhaft wie jeder Dogmenglaube ist.