Wahnhaft ist, wer Vermutungen zur Gewissheit erklärt, ohne zu erkennen, dass er ihre Gewissheit nicht erkennen kann.

Der Wahnhafte geht in die Irre, weil er sich durch das Wahrscheinliche nicht beirren lässt. Er nimmt das Unwahrscheinliche als Gewissheit an, um nicht wahrzunehmen, dass er alleinsteht.

Systematischer Wahn ist ein Missbrauch des Denkens zum Schutz der Person.

Die Grundsubstanz des Wahns sind Gedanken.

Wahn ist nicht nur Krankheit. Er ist auch Lösungsversuch seelischer Probleme.

Wahn und Wahrnehmung

Typisch für paranoides Erleben sind sogenannte Wahnwahrnehmungen.

Als ein roter Wagen um die Ecke bog, wusste ich, dass ich bis aufs Blut würde kämpfen müssen.

Die Wahnwahrnehmung zeigt, wie neutrale Wahrnehmungen durch Vorstellungsinhalte überlagert werden. Statt die Wahrnehmung so stehen zu lassen, wie sie ist, werden Vermutungen und subjektive Deutungen hinein­interpretiert. Resultat sind privatistische Weltbilder, deren Struktur von den Ängsten und Wünschen des Ego bestimmt wird.

Wahn


  1. Begriff und Prinzip
  2. Vorkommen
  3. Wahnthemen
  4. Entstehungsmechanismen
  5. Abgrenzung und Übergang
  6. Wahn und Religion
  7. Therapie

1. Begriff und Prinzip

Wer wähnt, geht von irrigen Vermutungen aus, die er selbst in die Welt setzt oder die er ungeprüft von anderen übernimmt.So kennt die Psychiatrie die sogenannte Folie à deux (französisch für: Verrücktheit zu zweit). Darunter versteht man den gemeinsamen Wahn zweier Personen. Bei der Folie à deux geht der Wahn zunächst nur von einer Person aus. Da die zweite aber psychologisch so abhängig von der ersten ist, dass sie es nicht wagt, sich eine eigenständige Weltsicht zu erhalten, übernimmt sie den Wahninhalt der ersten.

Ähnliche psychologische Mechanismen spielen bei der Ausbreitung dogmatischer Glaubensbekenntnisse, die sich im Besitz göttlich vermittelter Wahrheit wähnen, eine große Rolle. Zur Identifikation mit dem Wahninhalt führt dabei auch die Drohung mit Ausgrenzung und Gewalt, die stets zum Werkzeug solcher Lehren gehört.
Statt wahrzunehmen, was wahrnehmbar ist, entwirft der Wahn­kranke Vorstellungsbilder, die er mit der Realität verwechselt.

Sprachgeschichtlich gehen Wahn und wähnen auf dieselbe indo­germanische Wurzel wie gewinnen zurück. Zur Grundbedeutung dieser Wurzel gehört die Tätigkeit des Umherstreifens, Trachtens und Nach-etwas-Suchens.

Wahn ist daher nicht einfach nur abwegig, sinnlos und absurd. Wahn hat vielmehr ein Ziel. Er entzündet sich am Unterschied zwischen dem, was wirklich ist, und dem, wie der Kranke sich und die Welt gerne sähe. Wahn ist der Versuch, einen Kampf gegen die Wirklichkeit durch Bilder zu gewinnen. Je mehr der Wahnkranke seinen Irrtum verleugnet, desto weiter versteigt er sich in egozentrische Sichtweisen. Die gesteigerte Verirrung wird zum Werkzeug des Wahnkranken, um ein Eingeständnis der Verirrung zu vermeiden.

So entsteht ein paranoider Kreislauf: Je schwerer der Irrtum ist und je länger er behauptet wird, desto mehr Mut bräuchte der Kranke, sich den Irrtum einzugestehen. Oft hat er ihn nicht.

Wahnhaftes Erleben


2. Vorkommen

Wahn ist ein häufiges Symptom der Psychose. Er kommt bei verschiedenen Erkrankungen vor und ist dann mit typischen Begleitsymptomen verwoben. Bei der Wahnhaften Störung, der sogenannten Paranoia, ist die Wahnbildung in der Regel das einzige Symptom der Krankheit. Treten weitere psychotische Symptome hinzu, schließt das die Diagnose einer Wahnhaften Störung aus.

Krankheiten mit Wahnbildung gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO

Name ICD Merkmale
Alzheimerkrankheit F00 Meist kein systematischer Wahn
Begleitet vom Abbau kognitiver Funktionen
Gedächtnisstörungen, Desorientierung, Verwirrtheit
Vaskuläre Demenz F01 Ähnlich wie bei der Alzheimerkrankheit
Delirium tremens F10.4 Flüchtige wahnhafte Verkennungen im Rahmen des Alkoholentzugs
Psychotische Störung bei Konsum psychotroper Substanzen F11.5
-19.5
Wahnbildungen unter Drogeneinfluss
Schizophrenie F20 Systematischer oder flüchtiger Wahn, begleitet von Ich-Störungen und Halluzinationen
Wahnhafte Störung
Paranoia
F22 Systematischer Wahn ohne Begleitsymptome
Akute vorübergehende psychotische Störung F23 Wahnbildungen bei vorübergehenden psychotischen Zuständen
Induzierte wahnhafte Störung F24 Übertragung eines Wahninhaltes von einer dominanten auf eine regressive Person (Folie à deux)
Schizoaffektive Störung F25 Schizophrener Wahn bei zeitgleich depressiver oder maniformer Störung
Manie F30 Größenwahn bei gehobener Stimmung
Depression F32.3 Bei schweren depressiven Episoden kann es zu Verschuldungs-, Versündigungs- oder Verarmungswahn kommen.
Borderline-Syndrom F60.3 Flüchtige Wahnbildungen bei Erregungszuständen

3. Wahnthemen

Obwohl im Grundsatz jede Überzeugung wahnhaft werden kann, also durch gegen­läufige Beweise und Indizien unkorrigierbar, kreist wahnhaftes Denken meist um bestimmte Themen, die mit der existenziellen Position des Menschen in Gesellschaft und Kosmos in Verbindung stehen. Dazu gehören:


Typische Wahnbilder und ihre Themen

Name Erscheinungsbild
Verfolgungswahn Überzeugung, durch andere Leute oder anonyme Mächte überwacht, beobachtet, verfolgt oder bedroht zu werden
Beeinträchtigungswahn Überzeugung, durch Gedankeneingebung, leibliche Beeinflussung oder physikalische Kräfte gesteuert, verändert, beherrscht oder beeinflusst zu werden
Hypochondrischer Wahn Überzeugung, schwer erkrankt zu sein
Im Gegensatz zur hypochondrischen Störung finden sich dabei oft skurrile Vorstellungen über Anatomie und Funktionsweise des Körpers; zuweilen verbunden mit zoenästhetischen Halluzinationen, also Wahrnehmungsstörungen, die sich nicht auf die Felder der Sinnesorgane beziehen, sondern auf die Binnenwahrnehmung leiblicher Prozesse.
Nihilistischer Wahn Überzeugung, nicht mehr zu existieren oder Überzeugung, dass die ganze Welt nicht existiert
Verarmungswahn Wahnhafte Überzeugung, finanziell ruiniert zu sein
Schuldwahn Wahnhafte Überzeugung, sich durch verwerfliches Handeln versündigt zu haben
Sexueller Wahn Wahnhafte Überzeugungen, die sich um sexuelle Themen ranken: zum Beispiel, dass sexuelle Phantasien von anderen ausgelesen werden können
Liebeswahn Wahnhafte Überzeugung mit einer anderen Person in einem geheimen Liebesverhältnis zu stehen, oder von einer Person geliebt und begehrt zu werden, obwohl diese Person das nicht offen äußert
Größenwahn Wahnhafte Überzeugung, besondere Fähigkeiten zu haben
Berufungswahn Wahnhafte Überzeugung, zu einer besonderen Rolle berufen zu sein

4. Entstehungsmechanismen

Wahn kann flüchtig sein. Dann wird er eher auf Irrtum beruhen und im Nichts verschwinden, wenn der Irrtum erkannt wird. Wahn kann aber auch systematisch sein. Dann sind psychologische Mechanismen am Werk, die dafür sorgen, dass das Eingeständnis der Verirrung vor sich selbst und anderen verhindert wird. Zum besseren Verständnis der psychologischen Besonderheiten, die ins Wahnerleben führen, mag eine Hervorhebung von fünf Aspekten nützlich sein:

  1. der Verbindung von Wahn und psychologischem Grundkonflikt
  2. der Rolle des Denkens bei der Entstehung des Wahns
  3. der Störung der Selbstakzeptanz des Wahnkranken
  4. des psychologischen Interesses, am Wahn festzuhalten
  5. des Zusammenhangs zwischen mangelnder Selbstwahrnehmung und Beziehungserlebnissen
4.1. Wahndynamik und psychologischer Grundkonflikt

Beim Wahn treffen beide Impulse des Grundkonflikts mit Wucht aufeinander. Sie verschmelzen zu einer krankhaften Legierung, bei der der Kranke weder zwischen Ich und Nicht-Ich noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie eindeutig unterscheidet.

Wahnarbeit

Flüchtige Wahnbildungen können im Rahmen illusionärer VerkennungenIm Delir verwechselt Erwin den Krankenpfleger kurzfristig mit seinem Onkel. durch verschiedene organisch oder toxisch bedingte Beein­trächtigungen der Sinneswahrnehmung oder der zentralnervösen Informationsverarbeitung angestoßen werden. Erst beim systematischen Wahn, wie er bei der Paranoia, also der Wahnhaften Störung oder der Schizophrenie vorliegt, spielen Abwehrmechanismen zur Festigung des wahnhaften Weltbilds eine maßgebliche Rolle.

Im Wahn werden Meinungen willkürlich zu unumstößlicher Wahrheit erklärt und jeder Abgleich mit anderen Sichtweisen verweigert. So wird ein autonomer Binnenraum gegen Einflüsse von außen abgesichert. Je weniger der Wahninhalt aber von anderen bestätigt wird, desto mehr verliert der Kranke das Gefühl der Zugehörigkeit. Die Unerträglichkeit des zunehmenden Abgesondertseins treibt ihn schließlich in die Phantasie, dass alles um ihn herum auf ihn selbst bezogen ist. Man spricht von einem Beziehungserleben. Der Kranke sieht sich nicht nur als Zentrum des eigenen Erlebens, sondern zunehmend als Zentrum der Ereignisse überhaupt.

Durch die Phantasie der paranoiden Bezogenheit wird eine wahnhafte Zugehörigkeit erlebt. Durch den meist feindselig gedeuteten Bezug bleibt die Distanz zugleich gewahrt und das brüchige Autonomiegefühl wird aufs Neue gefestigt.

4.2. Entgleisung des Denkens
Die Deutung des Unangenehmen als Machenschaft der Außenwelt macht aus dem Unangenommenen etwas Unannehmbares.

Je systematischer ein Wahngebäude wird, desto geringer ist die Aussicht, dass der Wahnkranke den Ausgang findet.

Dem Denken kommt bei der Wahnbildung eine zentrale Rolle zu. Einerseits neigt der Kranke dazu, Gedachtem, also Vorstellungsbildern, bei der Wahrheitsfindung mehr Bedeutung beizumessen, als dem, was durch Wahrnehmung überprüft werden kann. Die normale Reihenfolge...

... wird beim Wahn außer Kraft gesetzt. Was er sich denkt, ist dem Wahnkranken bereits gewiss; auch ohne dass es einer Überprüfung bedürfte. Wird der primäre Wahngedanke durch das Umfeld angezweifelt oder sprechen andere Indizien gegen ihn, setzen neue Denkprozesse ein. Der Kranke zieht alle Register der theoretischen Argumentation um Zweifel abzuwehren.

Ein flüchtiger Wahn, zum Beispiel im Rahmen einer Demenz oder eines Delirs, kann am nächsten Tag schon wieder vergessen sein. Im Gegensatz dazu wird ein Wahn systematisch, wenn der Kranke beharrlich sämtliche Aspekte seines Weltbilds in das Wahngebäude einwebt. Die Einarbeitung der Aspekte der Wirklichkeit in das Wahngebäude nennt man Wahnarbeit. Durch Wahnarbeit wehrt sich das wahnhafte Ego gegen die Infragestellung seiner Wahninhalte.

4.3. Vom Annehmen und Ablehnen

Eine weitere Grundlage des Wahns ist eine übermäßig wählerische Selbstakzeptanz. Der Wahnkranke lehnt so viele Aspekte, Gefühle, Impulse und Erlebnisweisen seiner selbst als nicht zu seinem Selbstbild gehörig ab, dass der Zusammenhang des Ich-Erlebens verloren geht. Er entwickelt sogenannte Ich-Störungen.

Abwehrstrategien

Das Ich will wissen, wie, was und wer es ist. Es macht sich ein Bild davon.

Das gesunde Ich ist bereit, sein Selbstbild bei Bedarf an die Wirklichkeit anzupassenBis ich es selbst erlebt habe, hätte ich nie gedacht, dass ich auf ein schreiendes Baby so unbeherrscht reagieren könnte..

Das neurotische Ich sträubt sich, zur Kenntnis zu nehmen, was seinem Bild widerspricht... und gibt halbherzigEigentlich bin ich nicht so. Dass mir da mal die Hutschnur geplatzt ist, lag an meiner Übermüdung. Und außerdem hat mich das Blag ja auch wirklich genervt. nach, wenn Widerstand zwecklos erscheint.

Das psychotische Ich lässt sich durch nichts beirren; schon gar nicht durch Beweise der Wirklichkeit. Was es nicht als zu sich selbst gehörig akzeptieren will, schreibt es komplett der AußenweltDas war nicht meine Wut. Die Wut wurde mir von meinen Widersachern eingeflößt, um einen Keil zwischen mich und die Mutter des Kindes zu treiben. zu. Den Mangel an Selbstbestimmung ersetzt es durch Willkür.

Im Gegensatz zum Neurotiker, der sein Selbstbild durch bloße Verdrängung, Verleugnung und Verharmlosung unliebsamer Tatsachen verteidigt, rechnet der Wahnkranke wichtige Teile seiner selbst entweder vollständig der Außenwelt zu oder er deutet sie als bloße Auswirkung der Außenwelt, die sein Inneres unangenehm bestimmt.

Die Ablehnung eigener Erlebnisweisen durch das vom tatsächlichen Selbst entfremdete Selbstbild wird von der Psyche als Abgelehntsein erlebt, und im nächsten Schritt als Folge fremder Machenschaft gedeutet.

4.4. Psychologisches Interesse

Wahn und Irrtum ist gemeinsam, dass das Bild der Wirklichkeit nicht mit ihrer realen Struktur übereinstimmt. Bemerkenswert beim Wahn ist aber, dass der Wahnhafte die Aufklärung des Irrtums auch dann nicht begrüßt, wenn sie ihn erleichtern sollte; sondern dass er ihr sogar beharrlich Widerstand entgegensetzt. Das deutet darauf hin, dass es beim systematischen Wahn ein psychologisches Interesse an seiner Aufrechterhaltung gibt.

Offensichtlich ist das psychologische Interesse bei Wahninhalten, die das Selbstwertgefühl unmittelbar steigern: beim Größenwahn, beim Liebeswahn oder beim Berufungswahn.

Aber auch bei bedrohlichen Wahninhalten findet man den gleichen Widerstand:

Sie sind es aber nicht. So etwas wollen sie gar nicht hören. Das belegt, dass Wahn mehr ist als eine bloße Fehlfunktion... etwa durch Transmitterstörungen... kognitiver Prozesse. Wahn ist auch ein Lebensstil, den der Kranke gewissermaßen wählt, weil ihn die Bedrückungen des Krankseins weniger erschrecken, als die Begegnung mit der Wirklichkeit.

Vom Trema zur Apophänie - Krankheitsgewinn des Wahns

Im Vorfeld des Wahns kommt es gehäuft zu Erlebnissen des Unbehagens oder einer bangen Erwartung. Der Kranke lebt im Gefühl, dass etwas Grundsätzliches nicht in Ordnung ist, ohne zu verstehen, woher das Unbehagen kommt. Diesen Zustand nennt man Trema. Als ApophänieVon griechisch apo (απο) = von und phainein (ψαινειν) = zeigen. bezeichnet man den Übergang vom unverstehbaren Unbehagen in die Erleichterung eines wahnhaften Erklärungsmodells.

Plötzlich zeigen sich dem Kranken Sinnzusammenhänge, die ihm seinen misslichen Zustand endlich erklären:

Die wahnhafte Verknüpfung bedeutungsloser Einzelheiten zu einem geschlos­senen Erklärungsmodell befreit den Kranken von Ungewissheit, Vereinsamungs­angst und Selbstwertzweifeln. Der Wahn liefert einen Krankheitsgewinn.


4.5. Selbstwahrnehmung und Beziehungswahn
Wer sichWohlgemerkt: Wer sich selbst zu wenig beachtet. Nicht, wer die Rolle zu wenig beachtet, die er in der Welt spielt. Mit der Rolle, die er spielt, befasst sich der Wahnkranke durchaus. selbst zu wenig beachtet, glaubt, die Welt täte es zu viel. Statt sein Zentrum zu sehen, wähnt der Kranke, im Zentrum zu stehen. Beim Paranoiden ist das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, so groß, dass er fehlende Selbstwahr­nehmung durch die wahnhafte Gewissheit, beobachtet zu werden, ausgleicht.

Selbstwert

Die Bedeutungsbeimessung, die dem parano­iden Wahn inneliegt, hat mit der Selbstwert­regulation zu tun. Gehäuft haben Wahnkranke bereits vor dem Wahn entwertende Botschaf­ten problematischer Bezugspersonen verinner­licht.Der Fachbegriff dafür heißt Introjektion. Bei der Introjektion (lateinisch: dem Hineinwerfen) werden Sichtweisen ungeprüft ins Weltbild aufgenommen. Im zweiten Schritt vertieft der Wahn selbst das Problem. Der Wahnkranke wird nicht mehr ernst genommen. Das Umfeld geht irritiert auf Distanz; was die Überzeu­gung des Kranken bestätigt, Zielscheibe von Ablehnung und Feindschaft zu sein.


Der Selbstwahrnehmung kommt eine wichtige Aufgabe bei der Regulation des seelischen Erlebens zu. Nur wer sich selbst sieht, ist gesund; und je weniger man sich selbst erkennt, desto kränker wird man.

Typisch für den wahnhaften Menschen ist sein Mangel an Selbstwahrnehmung. Seine ganze Aufmerksamkeit ist nach außen gerichtet; wo er nach Widersachern und Verfolgern Ausschau hält. So entsteht ein Rückkopplungs­mechanismus. Die Psyche bedarf zur erfolgreichen Eigenregulation, dass sie wahrgenommen wird. Dementsprechend erwartet sie, Zuwendung zu bekommen und beachtet zu werden. Da der Wahnkranke das nicht selbst tut, meint er, dass die Welt es täte. Er entwickelt den Wahn, dass sich alles Mögliche auf ihn bezieht und sich das Umfeld in ausgeprägt einseitiger Weise mit ihm befasst; so als hätten die Leute nichts Wichtigeres zu tun, als sich, wenn auch in boshafter Weise, ständig um den Kranken zu kümmern.

Ein Beziehungswahn geht meist davon aus, dass der Zuwendung des Umfelds Ablehnung oder gar Feindschaft eingewoben ist. Dabei handelt es sich um projizierte Selbstablehnung. Das Selbstwert­gefühl Wahnhafter ist entweder unauthentisch durch Größenideen ersetzt; oder es ist kaum vorhanden.

5. Abgrenzung und Übergang

Von der Paranoia, also der Wahnhaften Störung, ist die paranoide Persönlichkeits­störung abzugrenzen. Die paranoide Persönlichkeit neigt zu besonderer Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Zurückweisung. Indem sie anderen unlautere Absichten unterstellt und alles und jedes zu deren Ungunsten auslegt, verstrickt auch sie sich in Erklärungsmodelle, deren Realitätsgehalt strittig ist. Solange die Sichtweisen aber nicht unkorrigierbar sind, bleibt man bei der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung und sieht von der einer Psychose ab.

Paranoide Persönlichkeiten werden gelegentlich auch als sensitiv bezeichnet. Über­gänge zum sensitiven Beziehungswahn sind wahrscheinlich.

6. Wahn und Religion

Die Zusammenhänge von Wahn und Religion sind vielschichtig. Zum einen werden Wahnbildungen durch dogmatische Kulte gefördert. Fundamentalistischer Glaube entspricht pathogenetisch einem induzierten Wahn. Zum anderen ist fraglich, ob ein überzeugt nicht-religiöses Bewusstsein überhaupt als wahnfrei aufgefasst werden kann.

6.1. Wahndynamik dogmatischer Kulte

Konfessionelle Kulte versprechen für bedingungslosen Glauben absolutes Heil. Hier sind Elemente der Wahndynamik erkennbar. Der Gläubige ist vom Impuls zur Zugehörigkeit bestimmt; der Zugehörigkeit zu einem Gottesvolk. Als Bedingung für den Beitritt benennt der Glaube Dogmen, die ebenso unverrückbar wie ein individueller Wahn für wahr zu halten sind. Die Unbelegbarkeit der Lehrsätze und die Forderung, sie kritiklos zu bejahen, bilden dabei eine Einheit. Als Preis der Zugehörigkeit hat der Gläubige die Autonomie seiner Urteilskraft an die Gruppenführer... die sich zuweilen in ebenfalls wahnhafter Überzeugung für unfehlbar halten. abzutreten.

Dem, was tatsächlich wahrzunehmen ist, messen dogmatische Kulte nur wenig Bedeutung zu. Wie beim individuellen Wahn, wird der Wahrheitsgehalt des Vorstellungs­inhalts für größer gehalten, als der der erkennbaren Wirklichkeit. Vom Baum der Erkenntnis zu essen, gilt folglich als Sünde.

Das Bedürfnis nach Autonomie wird als kollektive Dogmentreue an die Außengrenze der Glaubensgemeinschaft verschoben und in die Phantasie investiert, als auserwählteIn der Auserwähltheitsphantasie religiöser Propheten klingt das Kriterium des von außen Gemachten an, das als diagnostisches Merkmal psychotischen Erlebens gilt. Der "Auserwählte" sagt nicht: Ich will euer Führer sein. Er sagt: Ich wurde dazu gemacht. Gruppe stehe man über dem Rest der Welt. Religiöse Konfessionen sind als pathologische Lösungen des psychologischen Grundkonflikts zu erkennen.

Wohlgemerkt

Natürlich ist kaum ein Anhänger konfessioneller Kulte wahnhaft im schulmedi­zinischen Sinn. Das liegt aber nicht am Wesen der Ideologien, sondern daran, dass sich die Mehrzahl ihrer Anhänger nur oberflächlich damit identifiziert; oder die Identifikation bezieht sich nur auf abgeleitete Werte und Kultur­routinen, nicht aber auf die dogmatischen Grundaussagen.

Im medizinischen Sinn spricht man erst dann von Religiösem Wahn, wenn der Kranke aus seinen Überzeugungen einen persönlichen Auftrag Gottes ableitet, als auserwähltes Individuum auf das Weltgeschehen einzuwirken.

Inhalt eines religiösen Wahns kann aber auch die Überzeugung eines depres­siven Menschen sein, durch nicht wiedergutzumachende Sünden, der Verdammnis anheimgefallen zu sein. Man spricht dann von einem Versündi­gungswahn, dessen Inhalt aus verinnerlichten religiösen Überzeugungen hervorgeht.

6.2. Wahnhafter Charakter des profanen Bewusstseins

Dass überzeugter Dogmenglaube wahnhaft ist, heißt nicht, dass man das profane Abgeleitet von lateinisch profanus = sich vor dem heiligen Bereich befindend. Bewusstsein sorglos als wahnfrei bezeichnen könnte.

Jede Vorstellung ist wahn­haft, wenn der virtuelle Cha­rakter des bloß Vorgestellten nicht verstanden wird.

Als profanes Bewusstsein wird hier eine positivis­tische... also ein Wirklichkeitsmodell, dass nur solche Fakten als wirklich anerkennt, die experimentell nachweisbar sind. Weltsicht verstanden, die jede religiöse Dimen­sion verneint und das Ich als abgegrenzte Einheit auffasst, die dem Nicht-Ich gegenübersteht und deren Existenz sich im Horizont der Person erschöpft.

Fasst man das Ich aber als Ausdruck der Wirklichkeit auf und nicht nur als einen seiner Inhalte, ist das Konzept des abgegrenzten Ich eine verkürzende Vorstellung und eine zweifelsfreie Identifikation mit diesem Bild ebenfalls wahnhaft.

Falls das Ich tatsächlich Ausdruck der Wirklichkeit ist, kann nur ein religiöses Weltverständnis wahnfrei sein, während die gedankliche Verkürzung der Subjektivität auf ein objektivistisches Denkmodell im Grundsatz ebenso wahnhaft ist wie jeder Dogmenglaube.

7. Therapie

Wahndynamik und doppelte Buchführung

Wahnhafte Überzeugungen können das gesamte Verhalten des Kranken steuern, oder sie existieren parallel zu einem oberflächlich angepassten Normverhalten. Je mehr sie das Verhalten bestimmen, desto höher ist die Wahndynamik. Bestehen sie parallel zum Normverhalten, spricht man von doppelter Buchführung.

Zwei Kranke können jeweils glauben, dass der Geheimdienst sie verfolgt. Der eine verbarri­kadiert sich in seiner Wohnung. Der andere geht zur Arbeit.

7.1. Psychotherapie

Wahn ist psychotherapeutisch schwer zu beeinflussen. Beim Versuch, ihn mit Argumenten zu entkräften, versteift sich der Kranke erst recht auf den Inhalt. Oft wird der, der dem Wahn widerspricht, ins Wahngebilde eingebaut und gilt als Komplize der vermeintlichen Widersacher.

Wenn überhaupt ein Zugang zu finden ist, so dadurch, dass man den Kranken ermutigt, abgelehnte Anteile seiner selbst als wertvoll zu betrachten; wertvoll auch dann, wenn sie nur schwer zu akzeptieren sind.

Da Akzeptanz und Ablehnung Schlüsselbegriffe der Wahnbildung sind, wird man als Therapeut wohl nur erfolgreich sein, wenn man auch den Wahn des Kranken als werthaltigen Aspekt seines seelischen Ausdrucks begreift. Wenn man den Wahn bloß beseitigen will, statt ihn zu verstehen, macht man das Gleiche, was der Kranke mit wesentlichen Teilen seiner selbst bereits tut. Der Kranke lehnt so vieles von sich ab, dass er die Ablehnung seines Wahns als Schlag in die gleiche Kerbe erleben wird.

Explosionen

Gesetzt, es erzählt Ihnen jemand, in seiner Küche sei die Backofentür ohne erkennbaren Einfluss von außen spontan explodiert. Würden Sie ihm glauben? Wäre es ein guter Freund, täten Sie es; wenn auch erstaunt. Wären Sie jedoch Psychiater und beim Berichterstatter wäre eine Psychose bekannt, dächten Sie an eine Erhöhung der Medikation.

Intellektuelle Redlichkeit

Intellektuelle Redlichkeit im Umgang mit Wahnkranken bedeutet zweierlei:

  1. dem Kranken gegenüber zu bekennen, dass man den Wahninhalt für realitätswidrig hält; falls man das tut.
  2. sich und dem Kranken einzugestehen, dass man nicht mit absoluter Sicherheit wissen kann, ob der Inhalt tatsächlich wahnhaft ist.

Zugegeben: Wenn ein Kranker berichtet, Satelliten beeinflussten das Erdmagnetfeld, was dazu führe, dass seine Gedanken von außen verändert werden, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das eine bloße Vorstellung ist, die ein seelisches Erleben des Kranken wahnhaft erklärt. Solange die physikalische Struktur des Universums aber nicht vollständig verstanden ist, ist die Behauptung, die Aussage des Kranken sei mit absoluter Sicherheit falsch, ihrerseits wahnhaft. Sie erklärt etwas zur Gewissheit, was nicht als gewiss erkannt werden kann.

7.2. Medikamentöse Behandlung

Sobald sich ein geschlossenes Wahnsystem entwickelt hat, prallt die Wirkung der Neuroleptika, die psychotische Symptome einschließlich flüchtiger Wahnbildungen meist gut erreichen, am ausgearbeiteten Wahn ebenso ab, wie rationale Argumente.

Immerhin dämpfen Neuroleptika die emotionale Spannung, die ein systematischer Wahn erzeugen kann und mildern so die Wahndynamik. Der Kranke bleibt wahnhaft. Der Wahn wirkt sich aber weniger auf sein Verhalten aus. Er ist eher zur doppelten Buchführung bereit und leidet weniger unter angsterzeugenden Wahnbildern.

Für die soziale Integration kann das ein wesentlicher Beitrag sein. Da soziale Desintegration Wahnbildung zusätzlich begünstigt, hat Medikation auch vorbeugende Effekte.

Nicht selten führt die medikamentöse Dämpfung von Wahn und Wahndynamik jedoch zu depressiven Verstimmungen. Daran mag der Krankheitsgewinn abzulesen sein, der Wahninhalten als komplexe Abwehrstrategien gegen innerseelische Widersprüche inneliegt. Wahn ist nicht nur Bürde. Oft hat er auch entlastende Funktion.