Der gesunde Mensch erlebt sich als Einheit der verschiedenen Modalitäten seiner Selbstwahrnehmung. Er empfindet sein Ich als kohärenten Verbund seiner Empfindungen und Wahrnehmungen, seiner Gedächtnisinhalte, seiner Gedankengänge, seiner Handlungsentscheidungen und seiner Willkürbewegungen. Er definiert seine Identität als ununterbrochene Abfolge zusammengehöriger Daseinsweisen, die in den Kontext der Umwelt eingebettet ist.
Dissoziiert nennt man eine Selbstwahrnehmung dann, wenn dieser Zusammenhang verloren geht. Die integrative Funktion des Bewusstseins ist während solcher Zustände außer Kraft gesetzt, sodass der Kranke von einem oder mehreren Modi seiner persönlichen Identität "nichts mehr weiß". Der dissozierte Modus macht sich quasi selbständig. Im Gegensatz zu den Ich-Störungen, die insbesondere für schizophrene Psychosen charakteristisch sind, wird die Funktion des betreffenden Modus aber nicht als von außen beeinflusst erlebt.
Dissoziative Störungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.| Name | ICD | Abgespaltene Modi |
| Dissoziative Amnesie | F44.0 | Gedächtnisinhalte |
| Dissoziative Fugue | F44.1 | Gedächtnisinhalte, Handlungsentscheidungen, Kenntnis der persönlichen Position im Lebenskontext |
| Dissoziativer Stupor | F44.2 | Willkürbewegungen |
| Dissoziative Bewegungsstörungen | F44.4 | Willkürbewegungen, Handlungsentscheidungen |
| Dissoziative Anfälle | F44.5 | Willkürbewegungen, Handlungsentscheidungen |
| Dissoziative Sensibilitätsstörungen | F44.6 | Leibliche Empfindungen, Sinneswahrnehmungen |
| Multiple Persönlichkeitsstörung | F44.81 | Teilaspekte der Persönlichkeit |
Bei der dissoziativen Amnesie kommt es zu ausgestanzten Erinnerungslücken, die sich meist auf peinliche, erschütternde oder traumatisierende Ereignisse beziehen. So kann sich der Betroffene nach Unfällen, nachdem er gedemütigt oder misshandelt wurde, nachdem er Opfer einer Straftat geworden ist oder selbst etwas Verbotenes getan hat, nicht mehr an den Hergang der Ereignisse erinnern. Oder er vergisst das Ereignis überhaupt.
Fließende Übergänge bestehen zu Erinnerungsverfälschungen. Dabei besteht zwar eine Erinnerung an das Ereignis, die erinnerten Details erscheinen jedoch ebenso stark subjektiv verzerrt, wie die Deutung des Erlebten insgesamt. Untersuchungen zeigen, dass bereits die normale Gedächtnisfunktion Inhalte keineswegs objektiv abspeichert. Je länger Erlebtes zurückliegt, desto mehr verdichtet das Gedächtnis es zu einer individuellen Version, die stark von den Versionen anderer abweichen kann. Dabei scheint Verdrängung eine große Rolle zu spielen.
Der Betroffene einer dissoziativen Fugue bricht plötzlich aus einer alltäglichen Situation aus und macht sich auf den Weg nach sonstwohin. Er verlässt Wohnung oder Arbeitsplatz und wundert sich Stunden oder Tage später, wie er überhaupt an die Stelle kam, an der er wieder "zu sich kommt". Dabei vollzieht der Kranke von außen betrachtet ganz normale Handlungsabfolgen. Während der Reise kann sowohl die Erinnerung an seine Vergangeheit als auch an seine aktuelle Lebenssitution abgespalten sein. Im Nachhinein besteht Amnesie für den Hergang der Fugue und für die Motive die zum Aufbruch führten.
Beim dissoziativen Stupor verfällt der Kranke in einen Zustand geistesabwesender Bewegungslosigkeit, an den er sich danach nur verschwommen erinnern kann. Während des Zustandes reagiert er kaum auf äußere Reize.
Bei den dissoziativen Bewegungsstörungen kommt es zu "Lähmungen" oder vermeintlich "unwillkürlichen" Bewegungen einzelner Körperglieder, die sich der Kranke nicht erklären kann.
Dissoziative Anfälle ahmen körperlich begründete, epileptische Anfälle nach. Allerdings kommt es kaum je zu den typischen Begleiterscheinungen echter Krampfanfälle, wie Zungenbiss, Einnässen oder Einkoten. Auch Verletzung sind sehr selten.
Zu den dissoziativen Anfällen ist ebenfalls ein bestimmter Typus von Kollapsneigung zu rechnen, der heute selten geworden ist. In viktorianischen Zeiten fiel aber so manche Dame in Ohnmacht, wenn ein peinliches Thema aufkam, das mit damals noch stark tabuisierten Trieben in Verbindung stand.
Dissoziative Sensibilitätsstörungen treten als Taubheitsgefühl oder Kribbeln in unterschiedlichen Hautarealen auf oder sie betreffen die Funktion einzelner Sinnesorgane. Es kommt zu Seh- oder Hörverlust, der Kranke kann plötzlich nichts mehr Riechen oder Schmecken.
Bei der Multiplen Persönlichkeit lebt der Kranke zu verschiedenen Zeiten verschiedene Rollen aus, ohne dass er die Eigenschaften dieser Rollen einer einzigen - nämlich widersprüchlichen - Gesamtpersönlichkeit zuordnet. Während der gesunde Mensch weiß, dass er je nach Situation und innerem Werturteil lieb oder böse, pflichtbewusst oder gleichgültig, prüde oder sinnenfroh sein kann, geht das Bewusstsein der eigenen Widersprüchlichkeit bei der dissoziativen Identitätsstörung verloren.
Die verschiedenen Teilpersönlichkeiten ordnen sich selbst meist Namen zu, so als gäbe es tatsächlich 12 Seelen in einer Brust. Dann ist heute die pflichtbewusste Annegret am Werk, morgen die verruchte Chantal und übermorgen die boshafte Käthe. Was allerdings meist fehlt, ist eine konstante Persönlichkeitsinstanz, die Verantwortung für die Taten der Teilpersönlichkeiten übernimmt.
Parallelen zu den dissoziativen Störungen weisen zwei weitere Krankheitsbilder auf, die in der ICD-Klassifikation aber nicht dem gleichen Kapitel zugeordnet werden.
Störungen mit Bezug zur Dissoziation gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.| Name | ICD | Grundmuster |
| Depersonalisation / Derealisation | F48.1 | Entfremdungserlebnisse |
| Histrionische Persönlichkeitsstörung | F60.4 | Neigung zu dissoziativen Mustern im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung |
Bei der Depersonalisation kommt es zu einem Gefühl der Entfremdung gegenüber dem eigenen Körper oder der seelischen Selbstwahrnehmung. Die Betroffenen empfinden sich als Ganzes unwirklich, wie distanziert zu sich selbst ohne dass sie einen Teilaspekt ihrer selbst als konkret verändert wahrnehmen. Eigentlich ist alles wie immer, nur dass es irgendwie merkwürdig ist. Solche Zustände können heftige Ängste hervorrufen, vor allem die Angst "verrückt" zu werden. Diese Ängste können sich bis zur Panik steigern.
Bei der Derealisation bezieht sich das Empfinden von Fremdheit und Distanz auf die Außenwelt. Unterwegs in der Stadt wirken die Dinge befremdlich, ohne dass sich an den Details erkennbar etwas geändert hat.
Was die histrionische Persönlichkeitsstörung in die Nähe der dissoziativen Störungen rückt, ist die Häufung dissoziativer Symptome, die bei hysterischen Persönlichkeiten zu beobachten ist. Dazu zählen insbesondere die sogenannten Konversionssymptome, also pseudoneurologische Phänomene, die sich auf körperlicher Ebene manifestieren: dissoziative Bewegungsstörungen, Empfindungs- und Sensibilitätsstörungen sowie dissoziative Anfälle.
Zwillingsstudien belegen, dass es eine angeborene Neigung gibt, mit dissoziativen Symptomen auf seelische Belastungen und ungelöste Konflikte zu reagieren. Diese genetische Anlage geht oft Hand in Hand mit Charaktermustern, die einer histrionischen Persönlichkeit zugeordnet werden können. Dazu gehören:
Neben der "dissoziativen Grundbereitschaft" spielen als konkrete Auslöser emotionale Belastungen im Rahmen seelischer und zwischenmenschlicher Konflikte eine Rolle, vor allem wenn es der betroffenen Person nicht gelingt, im psychologischen Grundkonflikt einen tragfähigen Kompromiss zu finden. Da dissoziative Störungen oft durch zwischenmenschliche Konflikte ausgelöst werden, wirken sie zuweilen demonstrativ, appelativ oder manipulativ. Es hat dann den Anschein, als solle die Symptombildung im Interesse des Kranken etwas bewirken, was dieser nicht offen anzustreben wagt.
Nach Ausschluss eventuell körperlicher Ursachen der Symptome kommt die entscheidende Rolle bei der Behandlung dissoziativer Störungen der Psychotherapie zu. Häufig befürchtet der Kranke, an einer bedrohlichen körperlichen Erkrankung zu leiden oder "verrückt" zu werden. Zunächst gilt es daher, ihn über die prinzipielle Ungefährlichkeit der Störung zu informieren.
Bei der eigentlichen Psychotherapie werden die situativen Auslöser der konkreten Symptommanifestationen untersucht und die zugehörigen innerseelischen Konflikte analysiert. Tauchen dabei unverarbeitete Traumatisierungen auf, zum Beispiel Gewalterfahrungen oder sexueller Missbrauch in der Kindheit, sind diese therapeutisch so lange zu bearbeiten, bis die verdrängten Scham- oder Schuldgefühle in ein konsistent bejahendes Selbstbild integriert sind.
Belege für eine Wirksamkeit von Psychopharmaka sind spärlich. Immerhin gibt es Hinweise, dass bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung Naltrexon hilfreich sein kann und Paroxetin bei Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung wirkt.
Manche dissoziative Störungen gehen mit starker Angst einher. Das gilt insbesondere für die Depersonalisation und die Derealisation. Dann sind Maßnahmen zur unmittelbaren Selbsthilfe nützlich. Grundprinzip dieser Maßnahmen ist es, eine Fusion des dissoziativ unterbrochenen Selbsterlebens herbeizuführen. Dazu geeignet sind Strategien, die die Aufmerksamkeit ins Hier-und-Jetzt fokussieren; vor allem starke Reizung der verschiedenen Sinnesorgane.
Geeignet ist ein Schmerzreiz natürlich nur dann, wenn man sich dabei keinen objektiven Schaden zufügt. Die Selbstverletzungen durch Messer, Glasscherben oder brennende Zigaretten, die sich Patienten mit Borderline-Störung oder Psychosen zufügen, mögen ebenfalls eine Art "Selbsthilfe" sein, um quälende Gefühlszustände zu beenden. Eine geeignete Selbsthilfe sind sie aber nicht, weil die Selbstverletzung das Selbstwertgefühl untergräbt.