Es ist besser, Angst zu spüren, als vor ihr zu fliehen. Es ermutigt nicht, sich selbst auf der Flucht zu sehen.
Angstattacken können erstickte Wutausbrüche sein. Wenn Angst aufkommt, denken Sie an das, was Sie ärgert.
Wenn Ihnen etwas Angst macht, sind es meistens Sie selbst. Manchmal ist es klug, sich Angst zu machen. Meistens ist es aber bloß ein Zeichen dafür, dass Sie nicht der eigenen Kraft vertrauen.
Angst geht auf das indogermanische Verb angh = einengen, zusammendrücken zurück. Die Abstammung von einem Tätigkeitswort regt dazu an, Angst nicht als passives Betroffensein zu betrachten, sondern als eine seelische Handlung. Wie allen Handlungen liegen auch der Angstreaktion Motive, Ziele und Absichten zugrunde. Meist sind uns diese nicht bewusst. Wir fassen Angst fälschlicherweise als etwas auf, was uns befällt...nämlich in Analogie zu einem Virus, das unsere Handlungsfreiheit dergestalt von außen beschränkt, dass wir kaum je auf die Idee kämen, uns selbst für die Einschränkung verantwortlich zu machen..
Mehr von der Angst verstehen wir jedoch, wenn wir uns als Täter betrachten und dann erst als Opfer; nämlich als Opfer unserer eigenen Täterschaft. Die Dinge so herum zu sehen, hat Vorteile. Als verantwortliche Täter der Beengung haben wir den Schlüssel zur Freiheit in der Hand. Als Opfer können wir nur hoffen, dass uns jemand oder etwas aus der Haft entlässt.
Angst ist nicht immer krankhaft. Die Angst vor echten Gefahren nennt man Realangst. Sie ist ein wichtiges Werkzeug des Lebens, um sich vor Risiken zu schützen. Angst ist das Produkt eines unbewussten psychischen Prozesses. Dabei werden Situationen oft blitzartig erfasst und dem Bewusstsein in Form des Angstgefühls eine alarmierende Risikoabschätzung zur Verfügung gestellt. Bei der Risikoabschätzung werden angeborene Entscheidungsmuster, biographische Erfahrungen und persönliche Urteile berücksichtigt.
Sinnvoll oder krankhaft?
Die Vielfalt des Lebens ist unermesslich. Daher gibt es keinen objektiven Maßstab, der verbindlich zwischen schädlicher, also krankhafter und nützlicher Angst unterscheidet. Krank geht auf die indogermanische Wurzel ger = biegen, krümmen zurück. Krank ist folglich, was durch Verbiegung seine eigentliche Form verfehlt.
So muss von Fall zu Fall entschieden werden:
Nun bleibt nur noch zu entscheiden, was die eigentliche Form dessen ist, der Angst erlebt. Das kann nur jeder für sich selbst.
Angst haben heißt sich zu verengen; und zwar in doppeltem Sinne:
Die Verengung der Wahrnehmung zum Angstgefühl entsteht beim Zusammenprall gegenläufiger Impulse.
Angst und Wut
Angst und Wut sind zwei Seiten einer Medaille. In beiden Fällen staut sich vor einem Hindernis seelische Energie. Während sich die Energie in der Wut entlädt, um das Hindernis zu durchbrechen, versucht eine Psyche in Angst, die Energie am Ausbruch zu hindern.
Solange Ihre Impulse sich einig sind, meldet Ihre Psyche Sicherheit. Ihr Bewusstsein ist beim Spazierengehen an der langen Leine. Es darf sich mit beliebigen Fragen befassen. Taucht ein gegenläufiger Impuls auf, alarmiert Sie Ihre Psyche. Sie ruft Ihr Bewusstsein dazu auf, sich auf die Lösung des Widerspruchs zu konzentrieren. Je heftiger der Widerspruch der Impulse ist, desto intensiver erleben Sie die Verengung des Bewusstseins. Von allen anderen Themen, mit denen Sie bis zum Auftauchen des Hundes befasst waren, zieht es sich auf die eine Frage zurück: Angriff oder Rückzug? Empfiehlt Ihre Psyche den Angriff, empfinden Sie die Verengung als Wut. Empfiehlt sie den Rückzug, empfinden Sie die Verengung als Angst.
Bei der Realangst ist der Zusammenhang zwischen Angst und Auslöser direkt erkennbar. Deshalb kann man das Problem meist durch eine klärende Entscheidung lösen. Entweder ich zeige dem Hund, wer der Herr ist, oder ich beseitige meine Angst, indem ich mich aus der Gefahr zurückziehe.
Einteilung
Krankhafte Ängste lassen sich in zwei Gruppen einteilen: je nachdem, ob sie an eine bestimmte Situation gebunden sind oder nicht.
Ein enger Bezug zur spezifischen Situation besteht bei der Agoraphobie (Platzangst), der Klaustrophobie, den Tierphobien, der Höhenangst und der Sozialen Phobie.
Kein oder wenig Bezug besteht bei der Generalisierten Angststörung und bei der reinen Panikstörung.
Bei der krankhaften Angst ist der tatsächliche Auslöser nicht klar erkennbar. Er ist durch psychische Manöver verdeckt. Deshalb erscheint die krankhafte Angst als unsinnig. Die Angst und ihr Auslöser passen nicht zusammen. Wie soll man sich aber einer Angst stellen, wenn man nicht weiß, wovor man sich tatsächlich fürchtet. Erst durch eine Untersuchung des Sachverhalts wird erkennbar, worauf sich die Angst wirklich bezieht. Hat man den Auslöser erkannt, ist der Weg zu klärenden Entscheidungen gebahnt.
Angststörungen machen einen großen Teil der psychiatrischen Erkrankungen aus. Bei der Hypochondrischen Störung und bei den Zwangsstörungen sind Ängste ebenfalls bestimmend.
Eine wichtige Ursache krankhafter Ängste sind Zuspitzungen des psychologischen Grundkonflikts. Krankhafte Ängste sind meist Ausdruck von Beziehungsstörungen. Häufig haben sie symbolischen Charakter. Ängste rund um den Konflikt zwischen den Bedürfnissen nach Schutz und Zugehörigkeit einerseits und Selbstbestimmung andererseits werden oft aus dem Spannungsfeld zwischenmenschlicher Beziehungen auf Felder verschoben, die thematisch oder assoziativ damit verbunden sind. Dabei überwiegt der Impuls zur Zugehörigkeit, ohne dass der Anspruch, über sich selbst zu entscheiden, so wie bei schweren Depressionen aufgegeben wird. Durch die Verschiebung werden Beziehungen vor den Gefahren sichtbarer Konflikte geschützt.
Wichtige Ängste gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.
| Name | ICD | Angstauslöser | Situationsbezug |
| Agoraphobie | F40.0 | Freie Plätze, Verlassen des Hauses, Menschenmengen, Reisen | + |
| Klaustrophobie | F40.2 | Fahrstühle, enge Räume, Computertomographen | + |
| Soziale Phobie | F40.1 | Prüfungen, Vorträge halten, Fremde ansprechen, gesehen und beurteilt werden | + |
| Generalisierte Angststörung |
F41.1 | Phantasie, dass etwas Gefährliches passieren könnte | - |
| Panikstörung | F41.0 | Angst vor der Angst | - |
| Tierphobien | F40.2 | Spinnen, Mäuse, Hunde | + |
| Höhenangst | F40.2 | Betreten des Balkons, Herantreten ans Fenster | + |
| Zahnarztphobie | F40.2 | Zahnbehandlungen | + |
| Hypochondrische StörungDurch die ängstliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, schwer erkrankt zu sein, konzentriert sich der Hypochonder oft so auf harmlose Körpersignale, dass er sie als bedrängende körperliche Symptomatik wahrnimmt. Die WHO hat die Hypochondrische Störung daher als Somatoforme Störung eingestuft. | F45.2 | Harmlose körperliche Symptome | + |
| ZwangsstörungZwangssymptome werden regelhaft durch Ängste ausgelöst. Durch die Zwangshandlung versucht der Kranke, das Angstgefühl sowie vermeintlich drohende Gefahren abzuwenden. | F42 | Gefahr des Kontrollverlusts | + oder - |
AgoraphobieGriechisch: Agora = Markplatz, phobos = Angst. ist die Angst vor weiten Plätzen. Allerdings fürchtet ein Agoraphobiker nicht den Platz an sich, sondern die Herausforderung, sich raumgreifend zu behaupten und dabei unterlegen zu sein. Er fürchtet sich vor den Gefahren offensiver Expansion.
Wer mit Platzangst reagiert, vertraut nur wenig darauf, dass er seine Interessen aus eigener Kraft vertreten kann. So entsteht ein Teufelskreis: Im Glauben, ohne den Schutz anderer nicht zurechtzukommen, hält er autonome Impulse zurück. Grund der Zurückhaltung ist die Furcht, es sich durch Rivalität mit den anderen verderben.
Übergänge
Agoraphobie und Klaustrophobie gehen zuweilen ineinander über. Das ist nicht verwunderlich: Steht hinter beiden Ängsten doch eine Störung des Ausdrucks autonomer, also raumgreifender Impulse.
Reagiert jemand in vollen Kaufhäusern panisch, kann entweder die Angst vor versperrten Fluchtwegen am Werke sein, oder die Angst, sich im Getümmel nicht durchsetzen zu können. Das eine Thema geht ins andere über.
Mit gebremster Kraft hat man draußen auf dem freien Platz aber nicht den Mut, der Weite oder anonymen Menschenmassen standzuhalten. Man fürchtet, ohnmächtig umzufallen und sich auf dem Boden liegend hilflos dem Getriebe auszuliefern. Wenn man überhaupt das Haus verlässt, dann möglichst nicht ohne den Geleitschutz anderer. Wer aber Geleitschutz braucht, gerät unter die Vormundschaft derer, die den Schutz gewähren. Und der Preis für den Schutz ist die Bereitschaft, auf autonome Impulse und klare Abgrenzungen gegenüber den Beschützern zu verzichten.
KlaustrophobieLateinisch: claudere = verschließen. ist die Angst vor Einschränkung. Auch sie entsteht meist durch Verschiebung zwischenmenschlicher Konflikte auf symbolische Auslöser.
Enge beschränkt den Ausdruck autonomer Impulse. Menschen, die unter Beengungsangst leiden, leben oft in Beziehungsfeldern, in denen die Möglichkeit eingeschränkt ist, frei über sich selbst zu bestimmen. Entweder liegt ein äußerer Zwang vor, der nicht zu sprengen ist oder es besteht (gleichzeitig?) eine Furcht vor Autonomie; was dazu führt, dass sich der Betroffene insgeheim mehr an andere klammert, als er sich selbst eingesteht. In beiden Fällen fördert die Beengung eine unterschwellige Wut, mit der sie eigentlich zu sprengen wäre ...wenn denn die Angst vor dem Verlust des Schutzes das Unbehagen des Beengtseins nicht überwöge.
Gerät der Klaustrophobiker in eine Situation, die Beengung bildhaft verdeutlicht, läuft das Fass über. Die Angst vor der Umklammerung wird erlebt, ohne dass die eigentliche Ursache dabei verstanden wird.
Symptome
Matthias vermeidet Kinobesuche, Kaufhäuser und Busfahrten. Einen Lift hat er seit Jahren nicht mehr betreten. Auf Tunnels, Verkehrsstaus und verengte Fahrstreifen reagiert er mit Schweißausbrüchen. Wenn Matthias nämlich in geschlossene Räume gerät, befällt ihn eine dumpfe Angst. Er fürchtet, da nicht mehr herauszukommen.
Seelischer Hintergrund
Matthias glaubt, er sei auf das Wohlmeinen anderer angewiesen. Deshalb vermeidet er, sich unbeliebt zu machen. Wenn er im Kino aber raus wollte, weil ihn der Film langweilt oder weil er eben mal muss, dann müsste er einen ganzen Saal voller Leute stören. Bevor er das riskiert, geht er lieber gar nicht erst hin. Auch im Gedränge des Kaufhauses oder ganz hinten im Bus drohen ähnliche Gefahren. Wenn man sich beherzt den Weg ins Freie bahnt, erntet man genervte Blicke.
Eigentlich liegt Matthias' Problem nicht an Kinos, Bussen und Bahnen. Er leidet unter der Furcht, dem eigenen Impuls auch dann zu vertrauen, wenn er nicht den Erwartungen des Umfelds entspricht.
Auslöser der Sozialen Phobie sind Situationen, in denen man die Führung übernimmt. Man steht im Fokus der Aufmerksamkeit, wird gesehen und bewertet. Die Furcht, sich zu blamieren, ist vielen als Lampenfieber bekannt. Bei der Sozialen Phobie ist sie verstärkt. Oder sie tritt auch in Situationen auf, bei denen keine besondere Fähigkeit zu beweisen ist.
Situationen mit
sozialphobischem Potenzial
Ursache der Sozialen Phobie sind zwiespältige Erwartungen des Betroffenen an seine Umwelt. Sobald er die Führung übernimmt, gibt er autonomen Impulsen zuliebe ein Stück Zugehörigkeit auf. Zugleich versucht er durch den Beweis seiner Autonomie Zugehörigkeit zu sichern. Schließlich hat er das Wort ergriffen! Da muss bewiesen sein, dass ihm die Führung zusteht; und das Schicksal die Aufmerksamkeit aller nicht auf ihn lenkt, um ihn zu verstoßen.
Während der Agoraphobiker zufrieden ist, wenn er ungeschoren davon kommt, möchte der Sozialphobiker mehr. Er will anerkannt sein als einer, der handeln darf. Er meint, dass er das Recht dazu nur erwirbt, wenn seine Kompetenz durch die Zustimmung anderer bestätigt wird. Der Sozialphobiker hat Angst, dass er für die Loslösung aus der Zugehörigkeit bestraft werden könnte und glaubt, dass er der Strafe nur entkommt, wenn er sich durch Qualität entschuldigt. Die Anerkennung seiner Souveränität durch andere soll ihm den Platz in der Gemeinschaft, den er durch autonomes Handeln in Frage stellt, auf höherer Ebene sichern. Daher setzt er sich gewaltig unter Druck, um seine Souveränität zu beweisen...so gewaltig, dass er aus Angst, dabei zu versagen so aufgeregt ist, dass er seinen Anspruch damit selbst untergräbt.
Wer unter einer Generalisierten Angststörung leidet, macht sich ständig Sorgen. Zwei Faktoren kommen hier zusammen. Zum einen vermeidet auch er offensive Impulse, was ihn gegenüber allfälligen Ereignissen schwächt...und er Grund hat, sie zu fürchten. Zum anderen staut sich durch beharrliche Selbstbeschränkung aggressive Energie auf, die nun ihrerseits als latente Bedrohung empfunden wird, ohne dass der generell Ängstliche die eigene Wut als Teil der Gefahr erkennt. Aus lauter Angst gesteht er sich nicht ein, dass er überhaupt wütend ist.
Das Element unterschwelliger Wut unterscheidet den generell Ängstlichen von dem, der ängstlich-vermeidende Verhaltensmuster praktiziert. Wer vermeidende Muster auslebt, wird, solange er nichts Gefährliches riskiert, von seiner Angst verschont. Dem generell Ängstlichen sitzt die Angst vor seiner verleugneten Wut ständig auf der Pelle.
Eine PanikstörungAngst vor einer Begegnung mit dem Waldgott Pan. Eine solche Begegnung kann gemäß griechischer Mythologie übel enden. kann aus jeder der genannten Angststörungen heraus entstehen. Bei der Panikstörung kommt ein besonderer Effekt hinzu: Die Angst vor der Angst. Dadurch entwickeln sich Angstzustände auch ohne situative Auslöser. Die Angst, eine Panikattacke zu erleiden, lenkt die Aufmerksamkeit des Erkrankten auf banale Störungen des Befindens. In der Angst, dass ein leichtes Unwohlsein der Beginn einer Panikattacke ist, konzentriert sich der Kranke so sehr auf die wachsende Angst, dass sie sein Bewusstsein wie eine Lawine überrollt. Die Panikattacke produziert sich wie von selbst. Das bestätigt dem Kranken, dass banale Störungen des Befindens extrem zu fürchten sind.
Geht die Entwicklung einen Schritt weiter, läuft der Reflex sekundenschnell ab. Die Panikattacke kocht hoch, bevor dem Kranken im Vorfeld überhaupt bewusst wird, dass sie kommt.
Da panische Ängste erhebliche körperliche Begleitsymptome hervorrufen, geht die Angst der Panikattacke in Todesangst über. Der Betroffene glaubt, dass Herzrasen, Schweißausbruch, Schwindel und Übelkeit Zeichen des nahenden Todes sind. Ein Grund mehr, sich zu fürchten...
Tierphobien beziehen sich oft auf Spinnen, Schlangen, Hunde, Mäuse oder Stechinsekten. Sie haben in der Psychiatrie eine zweitrangige Bedeutung. Tieren kann man aus dem Wege gehen.
Bei der Behandlung der Tierphobien wird meist eine Expositionstherapie eingesetzt. Dabei wird der Patient schrittweise an das gefürchtete Tier herangeführt. Da die Ursache einer Spinnenphobie nicht die Spinne ist, sondern die verzerrte Vorstellung, die man von Spinnen hat, führt die Korrektur des Vorstellungsbildes durch die Begegnung mit der Wirklichkeit zum Verschwinden der Angst; wenn man denn den Mut hat, sie bis zu ihrem Verschwinden zu ertragen.
Wurde man von Wespen gestochen oder von einem Hund gebissen, mag eine entsprechende Tierphobie unmittelbar verständlich sein. Die meisten Tierphobien haben jedoch einen symbolischen Charakter. Tiere repräsentieren bestimmte Eigenschaften, die in der Menschenwelt Entsprechungen haben. So kann eine Spinne den besitzergreifenden und verschlingenden Aspekt einer Bezugsperson versinnbildlichen. Von daher können Tierphobien tiefenpsychologisch gedeutet werden.
Der Höhenangst liegen biologische Schutzmechanismen zugrunde. Da der Mensch nicht fliegen kann, ist es sinnvoll, dass er vor Abgründen zurückschreckt. Zwischen sinnvoller Vorsicht und krankhafter Höhenangst liegen Welten.
Oft ist der Höhenangst eine Zwangssymptomatik beigesellt. Der Kranke fürchtet nicht nur durch Unachtsamkeit abzustürzen. Er hat Angst vor seinen eigenen Impulsen. Er fürchtet, seine Phantasie, er selbst könnte in die Tiefe springen, verwandelt sich in einen Impuls, den er nicht mehr kontrollieren kann.
Krankhafte Höhenangst kann mit unbewussten Motiven in Verbindung stehen, die um Rivalität, Unterwerfung und Rangordnungen kreisen. Die erklommene Höhe bringt den Kranken über die Köpfe der Welt. Er fürchtet, dass er eine solche Position nicht beanspruchen darf.
Auch die Höhenangst wird in der Regel durch Expositionstherapie angegangen. Durch zunehmende Konfrontation mit der gefürchteten Situation wird die Angstreaktion abgeschwächt.
Meist identifiziert sich das Ich mit dem Ego. Als Ego definiert sich das Ich als eine vom Nicht-Ich abgetrennte Einheit, die der Welt in einem Kampf ums Dasein gegenübersteht. Das Ego als abgegrenzte Einheit ist eine Illusion. Tatsächlich steht das Ich der Welt nicht nur gegenüber. Es ist zugleich individueller Ausdruck einer ungeteilten Wirklichkeit.
Hat sich das Ich mit dem Ego identifiziert, ist es in Angstbereitschaft gefangen. Das hat zwei Ursachen:
Mengenlehre
Das Ego ist ein Teil des Ichs. Der größte Teil des Ichs liegt jedoch außerhalb des Ego. Je mehr sich das Ich bemüht, ins zu enge Schuhwerk zu passen, desto mehr tut es an den Füßen weh.
Alle Angst stammt aus dem Ego: weil es ein- und ausschließt. Im Selbst gibt es keine Angst: weil es alles umfasst.
Wenn sich das Ich mit dem Ego verwechselt, kann es nicht mehr ruhen. Es hat Angst, etwas zu verpassen. Es muss "höher, schneller, weiter", um Untergang und Nichtigkeit zu entgehen. Weil Stillstand an Tod erinnert, fürchtet es jeden Augenblick, in dem nichts passiert, was seinen Wert bestätigt. So kann es das Wirkliche, das in der Gegenwart liegt, nicht als Reichtum empfinden, sondern sucht nach immer neuer Beute, an der es sich in seinem Kampf gegen die Angst vorübergehend stärken kann. Das vom Ego beherrschte Ich ist auf der Flucht vor Langeweile und Sinnlosigkeit.
Angst ist entweder sinnvoll oder krankhaft. Sinnvolle Angst wird meist als solche erlebt. Sie bedarf keiner Therapie.
Krankhafte Ängste können ein ganzes Leben überschatten. Dann sind sie ein Problem, dem genaue Betrachtung gebührt. Zu seiner Lösung können etliche Register gezogen werden.
Ob man bei der Behandlung auf Medikamente setzt, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
Überlegungen vor dem Einsatz angstlösender Medikamente
Den Wünschen des Patienten: Fühlt er sich von seinen Ängsten so gelähmt, dass er nicht glauben kann, sich aus eigener Kraft zu befreien? Kann er sich vorstellen, sich einem Arzneimittel anzuvertrauen?
Liegen organische Ursachen vor, die eine Angstsymptomatik auslösen; zum Beispiel Störungen im Hormonhaushalt, Verengungen der Atemwege usw? Dann wird man versuchen, diese Ursachen zu beheben.
Liegt der Angst eine faktische Bedrohung zugrunde? Zum Beispiel häusliche Gewalt oder bedrohliche körperliche Erkrankungen. Dann sollte man versuchen, die Bedrohung zu beenden.
Liegen Erkrankungen vor, die den Einsatz von Psychopharmaka gefährlich machen? Sind schwere Nebenwirkungen zu befürchten?
Liegt eine Schwangerschaft vor? Wird gestillt?
Kurzzeitige Angststörungen
Fällt die Entscheidung, Medikamente einzusetzen, steht man vor der Wahl des Präparats. Ein wichtiges Kriterium ist die Dauer der geplanten Medikation. Handelt es sich um kurzzeitige Angststörungen kommen andere Medikamente zum Einsatz als bei langwierigen.
Bei kurzzeitigen Störungen wählt man Substanzen, die schnell wirken: zum Beispiel Tranquilizer von Benzodiazepin-Typ. Da der geplante Einsatz begrenzt ist, spielt die Suchtgefahr, die von manchen angstlösenden Medikamenten ausgeht, nur eine zweitrangige Rolle; zumindest bei Menschen, die nicht bereits an Suchterkrankungen leiden.
Bei chronischen Angststörungen sind Antidepressiva heute die Mittel der Wahl. Vor allem Panikstörungen, Platzangst und die generalisierte Angststörung sind durch Antidepressiva zu bessern. Antidepressive wirken nicht sofort. Wenn sie wirken, kommt es aber auch bei langer Anwendung kaum je zu einem Wirkverlust.
Ist die Angst Teilsymptom einer Psychose wird man an den Einsatz eines Neuroleptikums denken. Aber auch bei Patienten ohne Psychose haben Neuroleptika oft angstlösende Wirkung.
Angstlösende Medikamente
| Mit Suchtgefahr | Ohne Suchtgefahr | |
| Substanzen | Benzodiazepine | Antidepressiva Neuroleptika |
| Einsatzgebiet | Kurzzeitige Störungen | Langwierige Störungen |
Egal ob beim Psychotherapeuten oder im Rahmen der Selbsthilfe: Die psychologische Klärung krankhafter Ängste steht auf zwei Säulen.
Je mehr man dazu neigt, beängstigenden Aspekten der Wirklichkeit aus dem Wege zu gehen, desto eher entwickelt man krankhafte Ängste. Statt die Engpässe des Lebens zu überwinden und durch den Erfolg Selbstvertrauen zu erwerben, weicht man vor dem Engpass aus. Tut man das zu oft, kommt man nicht voran. Man dreht sich statt dessen im Kreise. Man fühlt sich von Ängsten umzingelt.
Um sich zu befreien gilt es, der Welt zu begegnen wie sie ist. Gehen Sie auf Situationen, die Sie fürchten, schrittweise zu.
Beängstigende Aspekte der Wirklichkeit, ...von Ängsten umzingelt... So deuten wir die Dinge; und machen uns damit das Leben schwer. Tatsächlich ist Angst nur insofern ein Aspekt der Wirklichkeit, wie wir sie selbst produzieren. Die Angst lauert weder auf dem freien Platz, noch in der Enge, noch geht sie von Menschen aus, denen wir uns zeigen. Angst ist vielmehr unsere Reaktion auf das Stück Welt, dem wir begegnen. Sie ist ein Werkzeug, mit dem wir versuchen unser Selbstbild abzusichern. Sie ist eine Folge davon, wie wir die Wirklichkeit deuten.
Es erleichtert das Leben, wenn man als Verursacher der eigenen Ängste nicht mehr äußere Faktoren haftbar macht, sondern selbst die Verantwortung für das übernimmt, was man erlebt. Die bloße Tatsache, sich selbst als Verursacher der Angst zu erkennen, führt bereits zur Entlastung. Denn von diesem Zeitpunkt ab weiß ich: