Es ist besser, Angst zu spüren, als vor ihr zu fliehen; denn es ermutigt nicht, sich selbst auf der Flucht zu erleben.
Angstattacken können erstickte Wutausbrüche sein. Wenn Angst aufkommt, denken Sie an das, was Sie ärgert.
Angst ist nicht immer krankhaft. Die Angst vor echten Gefahren, also die Realangst, ist ein wichtiges Werkzeug des Lebens, um sich vor unkalkulierbaren Risiken zu schützen. Angst ist das Produkt eines unbewussten psychischen Prozesses, der Situationen oft blitzartig erfasst und dem Bewusstsein in Form des Angstgefühls eine alarmierende Risikoabschätzung zur Verfügung stellt. Dabei werden angeborene Entscheidungsmuster ebenso wie biographische Erfahrungen und persönliche Urteile berücksichtigt.
"Angst" heißt "Enge". Die Verengung der Wahrnehmung zum Angstgefühl entsteht beim Zusammenprall gegenläufiger Impulse.
Solange Ihre Impulse sich einig sind, meldet Ihre Psyche Sicherheit. Ihr Bewusstsein ist beim Spazierengehen an der langen Leine. Es darf sich mit beliebigen Fragen befassen. Taucht jedoch ein gegenläufiger Impuls auf, alarmiert Sie Ihre Psyche. Sie ruft Ihr Bewusstsein dazu auf, sich auf die Lösung des Widerspruchs zu konzentrieren. Je heftiger der Widerspruch der Impulse ist, desto intensiver erleben Sie die konzentrative Verengung des Bewusstseins. Von allen anderen Themen, mit denen Sie bis zum Auftauchen des Hundes befasst waren, zieht es sich auf die eine Frage zurück: Löse ich die Verengung durch Angriff oder durch Rückzug? Empfiehlt Ihre Psyche den Angriff, empfinden Sie die Verengung als Wut, empfiehlt sie den Rückzug, empfinden Sie die Verengung als Angst.
Bei der Realangst ist der Zusammenhang zwischen Angst und Auslöser direkt erkennbar. Deshalb kann man das Problem meist durch eine klärende Entscheidung lösen. Entweder ich zeige dem Hund, wer der Herr ist, oder ich beseitige meine Angst, indem ich mich aus der Gefahr zurückziehe.
Bei der krankhaften Angst ist der tatsächliche Auslöser nicht klar erkennbar. Er ist durch psychische Manöver verdeckt. Deshalb erscheint die krankhafte Angst als unsinnig. Die Angst und ihr Auslöser passen nicht zusammen. Wie soll man sich aber einer Angst stellen, wenn man nicht weiß, wovor man sich tatsächlich fürchtet. Erst durch eine Untersuchung des Sachverhalts wird erkennbar, worauf sich die Angst wirklich bezieht. Hat man den Auslöser erkannt, ist der Weg zu klärenden Entscheidungen gebahnt.
Angststörungen machen einen großen Teil der psychiatrischen Erkrankungen aus. Eine wichtige Ursache krankhafter Ängste sind Zuspitzungen des psychologischen Grundkonflikts. Krankhafte Ängste sind meist Ausdruck von Beziehungsstörungen. Häufig haben sie symbolischen Charakter. Ängste rund um den Konflikt zwischen den Bedürfnissen nach Schutz und Zugehörigkeit einerseits und Selbstbestimmung andererseits werden oft aus dem Spannungsfeld zwischenmenschlicher Beziehungen auf Felder verschoben, die thematisch oder assoziativ damit verbunden sind. Dabei überwiegt der Impuls zur Zugehörigkeit, ohne dass der Anspruch, über sich selbst zu entscheiden, jedoch so wie bei schweren Depressionen ganz aufgegeben wird. Durch die Verschiebung wird die Beziehung "geschützt".
Wichtige Ängste gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.| Name | ICD | Angstauslöser |
| Agoraphobie | F40.0 | Freie Plätze, Verlassen des Hauses, Menschenmengen, Reisen |
| Klaustrophobie | F40.2 | Fahrstühle, enge Räume, Computertomographen |
| Soziale Phobie | F40.1 | Prüfungen, Vorträge halten, Fremde ansprechen, gesehen und beurteilt werden |
| Generalisierte Angststörung |
F41.1 | Phantasie, dass etwas Gefährliches passieren könnte |
| Panikstörung | F41.0 | Angst vor der Angst |
| Tierphobien | F40.2 | Spinnen, Mäuse, Hunde |
Agoraphobie ist die Angst vor weiten Plätzen. Allerdings fürchtet ein Agoraphobiker nicht den Platz an sich, sondern die Herausforderung, sich raumgreifend zu behaupten und dabei unterlegen zu sein.
Wer mit Platzangst reagiert, vertraut oft nur wenig darauf, dass er seine Interessen aus eigener Kraft vertreten kann. So entsteht ein Teufelskreis: Im Glauben, ohne den Schutz anderer nicht zurechtzukommen, hält er autonome Impulse zurück, denn wer solchen Impulsen folgt, könnte es sich durch Rivalität mit den anderen verderben. Mit zurückgehaltener Kraft hat man draußen auf dem Platz aber keinen Mut, auf sich gestellt der Weite standzuhalten. Man fürchtet, ohnmächtig umzufallen und auf dem Boden liegend hilflos dem Getriebe ausgeliefert zu sein. Wenn man also überhaupt den Schutz des Hauses verlässt, dann möglichst nicht ohne den Geleitschutz deren, unter deren Vormundschaft man sich als Preis für den gewährten Schutz unterwirft. Wie alle Ängste kann sich auch Platzangst bis zur Panik steigern.
Klaustrophobie ist die Angst vor Einschränkung. Auch sie entsteht meist durch Verschiebung zwischenmenschlicher Konflikte auf symbolische Auslöser.
Enge schränkt den Ausdruck autonomer Impulse ein. Menschen, die unter Beengungsangst leiden, leben oft in Beziehungsfeldern, in denen die Möglichkeit, frei über sich selbst zu bestimmen, stark eingeschränkt ist. Entweder liegt ein äußerer Zwang vor, der nicht zu sprengen ist oder es besteht (gleichzeitig) eine Furcht vor Autonomie, was dazu führt, dass sich der Betroffene insgeheim mehr an andere klammert, als er sich selbst eingesteht. In beiden Fällen fördert die Beengung eine unterschwellige Wut, mit der sie eigentlich gesprengt werden könnte....wenn denn die Angst vor dem Verlust des Schutzes das Unbehagen des Beengtseins nicht überwöge. Gerät der Klaustrophobiker dann in eine Situation, die Beengung bildhaft verdeutlicht, läuft das Fass über. Die Angst vor der Umklammerung wird erlebt, ohne dass die eigentliche Ursache dabei verstanden wird.
Auslöser der Sozialen Phobie sind Situationen, in denen man die Führung übernimmt. Man steht im Fokus der Aufmerksamkeit und wird bewertet. Die Furcht, sich zu blamieren, ist vielen als Lampenfieber bekannt. Bei der Sozialen Phobie ist sie verstärkt oder tritt auch in Situationen auf, bei denen keine besondere Fähigkeit zu beweisen ist.
Ursache der Sozialen Phobie sind zwiespältige Erwartungen des Betroffenen an seine Umwelt. Sobald er die Führung übernimmt, gibt er autonomen Impulsen zuliebe Zugehörigkeit auf und versucht zugleich durch den Beweis seiner Autonomie Zugehörigkeit zu sichern. Schließlich hat er das Wort ergriffen! Da muss bewiesen sein, dass ihm die Führung zusteht und das Schicksal die Aufmerksamkeit aller nicht auf ihn lenkt, um ihn von dort aus zu verstoßen.
Während der Agoraphobiker zufrieden ist, wenn er ungeschoren davon kommt, möchte der Sozialphobiker mehr. Er will anerkannt sein als einer, der handeln darf und meint, dass er das Recht dazu nur dann erwirbt, wenn seine Handlungskompetenz durch die Zustimmung anderer bestätigt wird. Der Sozialphobiker hat Angst, dass er für die Loslösung aus der Zugehörigkeit bestraft werden könnte und glaubt, dass er der Strafe nur entkommt, wenn er sich durch Qualität entschuldigt. Die Anerkennung seiner Souveränität durch andere soll ihm den Platz in der Gemeinschaft, den er durch autonomes Handeln in Frage stellt, auf höherer Ebene wieder sichern. Daher setzt er sich gewaltig unter Druck, um seine Souveränität zu beweisen...so gewaltig, dass er aus Angst, dabei zu versagen so aufgeregt ist, dass er seinen Anspruch damit selbst untergräbt.
Wer unter einer Generalisierten Angststörung leidet, macht sich ständig Sorgen. Zwei Faktoren kommen hier zusammen. Zum einen vermeidet auch er offensive Impulse, was ihn gegenüber allfälligen Ereignissen schwächt...und er Grund hat, sie zu fürchten. Zum anderen staut sich durch beharrliche Selbstbeschränkung aggressive Energie auf, die nun ihrerseits als latente Bedrohung empfunden wird, ohne dass der generell Ängstliche die eigene Wut als Teil der Gefahr erkennt. Aus lauter Angst gesteht er sich nicht ein, dass er überhaupt wütend ist.
Das Element unterschwelliger Wut unterscheidet den generell Ängstlichen von dem, der ängstlich-vermeidende Verhaltensmuster praktiziert. Wer vermeidende Muster auslebt, wird, solange er nichts Gefährliches riskiert, von seiner Angst verschont. Dem generell Ängstlichen sitzt die Angst vor seiner verleugneten Wut ständig auf der Pelle.
Eine Panikstörung kann aus jeder der genannten Angststörungen heraus entstehen. Bei der Panikstörung kommt ein besonderer Effekt hinzu: Die Angst vor der Angst. Dadurch entwickeln sich Angstzustände auch ohne situative Auslöser. Die Angst, eine Panikattacke zu erleiden, lenkt die Aufmerksamkeit des Erkrankten auf banale Störungen des Befindens. In der Angst, dass ein leichtes Unwohlsein der Beginn eine Panikattacke sein könnte, konzentriert sich der Kranke so sehr auf die wachsende Angst, dass sie sein Bewusstsein wie eine Lawine überrollt. Die Panikattacke produziert sich wie von selbst, was dem Kranken bestätigt, dass auch banale Störungen des Befindens extrem zu fürchten sind.
Geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter, wird der Reflex so schnell, dass die Panikattacke hochkocht, bevor dem Kranken im Vorfeld überhaupt etwas bewusst wird.
Da panische Ängste erhebliche körperliche Begleitsymptome hervorrufen, mündet die Angst der Panikattacke oft in echte Todesangst. Der Betroffene glaubt, dass Herzrasen, Schweißausbruch, Schwindel und Übelkeit Zeichen des nahenden Todes sind. Ein Grund mehr, sich zu fürchten...
In der Regel identifiziert sich das Ich mit dem Ego. Als Ego definiert sich das Ich als eine vom Nicht-Ich abgetrennte Einheit, die der Welt in einem "Kampf ums Dasein" gegenübersteht. Das Ego ist eine Illusion. Tatsächlich ist das Ich keine abgetrennte Einheit, sondern individueller Ausdruck einer ungeteilten Welt.
Ist das Ich mit dem Ego identifiziert, ist es in dauernder Angstbereitschaft gefangen. Da das Ego nicht wirklich existiert, das Ich an die eigene Nicht-Existenz aber weder glauben will noch kann, steht es ständig unter Druck, sich seine Existenz durch Wert, Macht und Größe zu beweisen.
Ist das Ich ins Ego verliebt, kann es nicht mehr ruhen. Es hat Angst, etwas zu verpassen, es muss "höher, schneller, weiter", um dem drohenden Untergang zu entgehen. Weil Stillstand an Tod erinnert, fürchtet es jeden Augenblick, in dem zu wenig passiert, was seinen Wert bestätigt. So kann es das Wirkliche, das in der Gegenwart liegt, nicht als Reichtum empfinden, sondern sucht nach immer neuer Beute, an der es sich, im Kampf gegen die Angst, nichtig und wertlos zu sein, mästen kann. Das ins Ego verliebte Ich ist auf der Flucht vor Langeweile und Sinnlosigkeit.