Verantwortung

Die Grundlage jeder psychischen Gesundheit liegt in der Bereitschaft, die Verantwortung für Art und Ausdruck der eigenen seelischen Inhalte zu übernehmen.
  1. Soziale Verantwortung
  2. Existenzielle Verantwortung
  3. Rangordnungen

Verantwortung kommt dem zu, der für die Beantwortung einer Frage zuständig ist.

Frage Antwort des Verantwortlichen
Wer ist dafür verantwortlich? Ich bin es.

Die Übernahme von Verantwortung ist unverzichtbar für das seelische Gleichgewicht. Dabei sind zwei Ebenen erkennbar. Sie bedingen sich wechselseitig. Es gibt...

  1. Soziale Verantwortung
  2. Existenzielle Verantwortung

1. Soziale Verantwortung

Sozial verantwortlich handelt, wer die Verantwortung für jene Rollen übernimmt, die er für sich beansprucht.

Jedes soziale Rollenspiel beinhaltet die Übernahme bestimmter Verantwortlichkeiten. Das Spektrum passender Antworten, die ein Verantwortlicher geben kann, wird durch die Rolle bestimmt, die er gerade ausfüllt. Ist die Verteilung der Verantwortung unklarStreunt ein Hund durch die Innenstadt, fragt das Ordnungsamt nach dem Besitzer., wird die Frage danach direkt gestellt. Meist werden Verantwortlichkeiten von den Beteiligten aus dem Zusammenhang herausgelesen; oder gemäß eigener Erwartungen spontan definiert.

Ein einfaches Rollenspiel

Komplexe Rollenspiele

Die Verantwortlichkeiten einfacher Rollenspiele sind leicht zu erkennen. Im Bäckerladen geht nur selten etwas schief. Unseren Alltag bestimmen jedoch Rollenspiele, die komplexer sind. Hier sind Unklarheiten bei der Verteilung der Zuständigkeiten unvermeidlich.

Gehen die Beteiligten mit Unklarheiten pragmatischVon griechisch pragma = Handeln, Tatsache, Wirklichkeit. Pragmatisch ist eine Haltung, wenn sie sich an Tatsachen orientiert, persönliche Meinungen als zweitrangig betrachtet und Problemlösungen durch gezieltes Handeln anstrebt. um, können viele Konflikte rasch beigelegt werden. In der Realität kommt es oft anders. Das hat drei Ursachen.

  1. Klare Absprachen werden vermieden.
  2. Absprachen werden nicht eingehalten.
  3. Einigung ist nicht möglich, weil die Erwartungen zu unterschiedlich sind.

Ist Einigung nicht möglich, weil die Erwartungen zu unterschiedlich sind, kann der Konflikt gelöst werden, indem man das Rollenspiel beendet. Besteht keine Einigkeit über den Preis der Brötchen, geht ein pragmatischer Kunde zur Konkurrenz. Oder er backt selbst.

Erwartungen

Erwartungen sind der Gegenpol der Verantwortlichkeit. Während der Verantwortliche die Führung übernimmt und das Problem aktiv angeht, gibt man beim Erwarten die Führung ab; und wartet darauf, dass die Lösung von außen kommt. Dabei schreibt man dem Gegenüber ein Soll zu, das es zu erfüllen hat.

Sind soziale Rollen klar definiert, sind Erwartungen meist unschädlich. Bei persönlichen Beziehungen liegt in jeder Erwartung jedoch der Keim einer Respektlosigkeit. Wer erwartet, schreibt dem Anderen die Verantwortung zu, nicht im eigenen Interesse zu handeln, sondern dem zu dienen, der die Erwartung erhebt. Damit stellt er das Recht des Anderen in Frage, über sich selbst zu bestimmen.

Soziale Beziehungen leiden oft darunter, dass Absprachen vermieden oder nicht eingehalten werden. Dahinter steckt meist der Versuch, der Übernahme sozialer Verantwortung aus dem Wege zu gehen.

2. Existenzielle Verantwortung

Existenziell verantwortlich handelt, wer das eigene Sosein niemandem anlastet.

Wird die Übernahme sozialer Verantwortung beharrlich vermieden, ist das entweder blanke Berechnung, oder es ist eine Störung der Ich-GrenzeDie Ich-Grenze ist ein wesentlicher Aspekt des Selbst- und Weltbildes. Entlang der Ich-Grenze trennt das Bewusstsein die Elemente der Wirklichkeit in Ich und Nicht-Ich auf. im Spiel. Ist die Ich-Grenze unklar, vermeidet man damit die vollständige Übernahme der existenziellen Verantwortung.

Statt für das eigene Sosein ohne Wenn und Aber einzustehen, schreibt man die Verursachung eigener Gefühle, Impulse und Regungen äußeren Faktoren oder Bezugspersonen zu. So schiebt man die Verantwortung für Innerseelisches nach außen ab. Dabei bedient man sich bestimmter Abwehrmechanismen: vor allem der Projektion, und der projektiven Des-Identifikation. Solche Zuschreibungen kommen sowohl für Angenehmes, als auch für Defizite und unangenehme Erlebnisweisen vor.

Zuordnungen

Das normale Bewusstsein neigt dazu, Gefühle äußeren Auslösern zuzuschreiben. So wird es nie erwachsen. Erst wenn es Gefühle als Reaktionen versteht, für die es selbst verantwortlich ist, kann es unabhängig sein.


Subjekt oder Objekt

Das Objekt ist das, mit dem etwas gemacht wird. Deute ich meine Gefühle als von außen gemacht, beschreibe ich mich als Objekt.

Das Subjekt ist das, was selbst etwas bewirkt. Erst wenn ich mich als die Ursache meiner Gefühle betrachte, beschreibe ich mich als Subjekt.

Nur wer sich zum Subjekt bekennt, erhebt glaubhaft den Anspruch, nicht als Objekt behandelt zu werden.

Angenehmes

Die Verschiebung der Verantwortung auf andere scheint bei angenehmen Erlebnissen unproblematisch zu sein.

Anderen Gutes zuzuschreiben, kann doch nicht schaden. Oder doch? Sagt man: Sie hat mich glücklich gemacht, liegt darin scheinbar nur wenig Konfliktpotenzial. Wohlgemerkt: scheinbar. Falls das Glück nämlich zu schwinden beginnt, wendet sich das Blatt. Aus dem Sie hat mich glücklich gemacht, wird ein Sie macht mich ja so unglücklich. Und schon wird Schuld zugewiesen, stehen Vorwürfe im Raum, werden Ansprüche erhoben und darum gekämpft, wer wem zu dienen hat.

Tatsächlich ist es nicht das Enkelkind, das der Großmutter Kraft gibt. Vielmehr mobilisiert sie die Kräfte, die noch in ihr stecken; weil ihr das Enkelkind nämlich etwas wert ist. Was zunächst nur als harmlose Verkennung der realen Abläufe erscheint, kann für das Enkelkind zu einer Bürde werden; wenn es aus der Fehldeutung nämlich die Pflicht herausliest, die Großmutter mit Kraft und Inhalt zu versorgen.

Unangenehmes

Von Anfang an problematisch ist die Zuweisung der Verantwortung nach außen, wenn es um eigenes Unvermögen geht; oder um unangenehme Impulse und Gefühle.

Grundmuster

Existenzielle Verantwortung kann man...
abschieben oder annehmen
Er, sie oder es hat mich wütend oder traurig gemacht. Ich habe mit Wut oder Trauer auf dies und das reagiert.
Das hat mir Angst eingejagt. Ich reagiere ängstlich.

Auch Aussagen, die die Verantwortung weniger offen von sich weisen, zeigen durch ihre logische Struktur die abwehrende Haltung dessen, der sie trifft.

Freiheit und Verantwortung

Frei wird man durch Verantwortung. Nur wenn man die Verantwortung für das übernimmt, was man ist, verhindert man, von dem, was man ist, beherrscht zu werden.

Übernimmt man die Verantwortung für eigene Gefühle und Impulse nicht, droht doppelter Schaden:

  1. Weise ich anderen die Schuld für Mißstände zu, riskiere ich damit Konflikte. Niemand wird gerne den Schwarzen Peter übernehmen, wenn ich mit meiner Gefühlslage nicht zufrieden bin.

  2. Wenn ich die Verantwortung für meine Gefühle nicht übernehme, erkläre ich mich zu einen passiven Objekt. Statt selbst um eine Lösung zu ringen, warte ich darauf, dass andere etwas für mich tun. Reifer wird man dadurch nicht.

3. Rangordnungen

Rangordnungen richten sich entlang der Bereitschaft zur Verantwortung aus. Das gilt für die soziale Verantwortung ebenso wie für die existenzielle. Wer sich mit dem Umfeld in Konflikte verwickelt, weil er es für die eigenen Gefühle haftbar zu machen versucht, verscherzt sich eine Menge Anerkennung, die seinem gesellschaftlichen Rang zugute kommen könnte.

Wer im Gegensatz dazu die Verantwortung für das eigene Erleben übernimmt, wird als Autorität empfunden, der man sich anvertraut.