Treten Manien immer wieder auf, ist eine vorbeugende Medikation sinnvoll.

Wohl dem, der ein vernünftiges Stück Freiheit aus der Manie in die Nüchternheit retten kann.

Am meisten neben der Spur läuft oft der, der nichts davon weiß.

Hypomane Zustände sind weit verbreitet. Sie treten als Nachschwankungen depressiver Phasen auf und können als euphorische Reaktion auf die Befreiung von depressiver Bedrückung verstanden werden.

Immer weniger Schlaf und trotzdem voller Energie: Ob das mal gut geht?

Manie


  1. Begriffsbestimmung
  2. Symptome
  3. Einteilungen
    1. 3.1. Grundformen
    2. 3.2. Differenzialdiagnosen
    3. 3.3. Spielarten
  4. Ursachen
    1. 4.1. Biologische Faktoren
    2. 4.2. Biographische Belastungen
    3. 4.3. Psychosoziale Auslöser
    4. 4.4. Innerseelische Prozesse
  5. Risiken
  6. Lösungsstrategien
    1. 6.1. Psychoedukation / Psychotherapie
    2. 6.2. Medikation
    3. 6.3. Rechtliche Maßnahmen
    4. 6.4. Selbsthilfe

1. Begriffsbestimmung

Die begriffliche Verwandtschaft der Manie ist weit verzweigt. Unmittelbar abgeleitet ist der Begriff vom griechischen mania [μανια] = Raserei, Wahnsinn, das seinerseits zum Verb mainesthai [μαινεσθαι] = rasen, toben, verzückt sein, von Sinnen sein gehört. Beide gehen auf das indogermanische men- = denken, geistig erregt sein, sich begeistern zurück.

Entfernte Verwandte der Manie

Ein näherer Blick auf die Sprösslinge der indogermanischen Urmutter men- fördert eine Vielzahl von Begriffen zutage, die jeweils auf ihre Art das Wesen der Manie ins Gedächtnis rufen.

Der gemeinsame Nenner all dieser Begriffe und der Manie ist die Benennung des Gedanklichen als Gegenpol zum Wahr­nehmbaren. Die Manie ist ein begeistertes Von-Sinnen-sein, das das tatsächlich Wahrnehmbare vernachlässigt oder ganz außer Acht lässt und sich stattdessen einer Vorstellungswelt verschreibt, die dem Ego eine unrealistische Erhöhung, Entgrenzung und Erweiterung verspricht.

2. Symptome

Das Spektrum der maniformen Erlebnisweisen reicht von hypo­man gehobener Laune bis zum maniformen Größenwahn und schweren Erregungszuständen. Kernsymptome der manifor­men Erlebnisweisen sind...

Zu den Sekundärsymptomen, die sich daraus ableiten, gehören:

3. Einteilung

Maniforme Bilder treten in unterschiedlicher Form sowie im Zusammenhang mit unter­schiedlichen Krankheitsbildern auf. Daraus ergeben sich Möglichkeiten der Einteilung.

3.1. Grundformen

Kern- und Sekundärsymptome des maniformen Themas sind klar benennbar. Das heißt aber nicht, dass maniform erkrankte Menschen das Thema in immer gleicher Art zum Ausdruck brächten. Zu unterscheiden sind zunächst zwei Grundformen und eine abgeschwächte Variante:

Hypomane, euphorisch und gereizt maniforme Zustände können fließend ineinander übergehen.
3.2. Differenzialdiagnosen

Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) beschreibt maniforme Bilder entweder als...

Einteilung maniformer Störungen gemäß ICD-10

Name ICD-10 Beschreibung
Hypomanie F30.0 Leicht gehobene Stimmung mit überlebhaftem Antrieb, Neigung zur Geselligkeit, gesteigerte Libido, soziale Einbindung nicht gefährdet
Manie ohne psychotische Symptome F30.1 Antrieb soweit gesteigert, dass es zu leichtsinnigen und rücksichtslosen Entscheidungen kommt, die der sozialen Einbindung schaden.
Manie mit psychotischen Symptomen F30.2 Manifester Größenwahn, akustische Halluzinationen, massive Ideenflucht, Verlust des zielführenden Kommunikationsvermögens
Bipolare affektive Störung, hypomanische Phase F31.0 wie F30.0
Bipolare affektive Störung, manische Episode ohne psychotische Symptome F31.1 wie F30.1
Bipolare affektive Störung, manische Episode mit psychotischen Symptomen F31.2 wie F30.2
Bipolare affektive Störung, gemischte Episode F31.6 Mischbild aus depressiven und maniformen Symptomen, z.B. Antriebssteigerung bei depressiver Stimmung, oder rascher Wechsel zwischen depressiven und maniformen Stimmungen
Schizoaffektive Störung, gegenwärtig manisch F25.0 Maniforme Symptome vermischt mit schizophrenen Symptomen
Gemischte schizoaffektive Störung F25.2 Maniforme und depressive Symptome vermischt mit schizophrenen Symptomen
Zyklothymia
Zyklothyme bzw. Zykloide Persönlichkeit
F34.0 Neigung zu lebhaften affektiven Ausschlägen zwischen Begeisterung und Verzagtheit, die jedoch nicht ausreichen, um eine depressive oder maniforme Störung zu diagnostizieren.

3.3. Spielarten

Die drei oben genannten Grundformen des manischen Ausdrucks sind bloß ein grobes Raster. Je nach Temperament und Charakter des Betroffenen sind Bilder beschreibbar, bei denen die Symptome individuell abgewandelt oder nur teilweise erkennbar sind.

Erscheinungsformen maniformer und euphorischer Auslenkungen gemäß Leonhard

Name Beschreibung
Reine Manie Entspricht der oben genannten euphorischen Form
Unproduktive Euphorie Glückliche Zufriedenheit mit geringem Tatendrang
Hypochondrische Euphorie Lebhafte Schilderung körperlicher Beschwerden bei zeitgleich gehobener Stimmung
Schwärmerische Euphorie Lebhafte Ideenproduktion rund um die Erhöhung des eigenen Wertes oder die Beglückung anderer durch großartige Taten
Konfabulatorische Euphorie Erzählung großartiger Geschichten sensationeller Art
Teilnahmsarme Euphorie Verminderter Tatendrang bei bester Stimmung

Ob die von Leonhard beschriebenen Bilder als eigenständige Erkrankungen aufzufassen sind, bleibt fraglich. Die Schulpsychiatrie hat sein beschreibendes Konzept jedenfalls nicht aufgegriffen. Immerhin zeigt die Einteilung aber, wie unterschiedlich euphorische bzw. maniforme Syndrome in der Praxis erscheinen können.

4. Ursachen

Hypomane und maniforme Zustände werden durch Ereignisse und Veränderungen auf vier Ebenen verursacht:

  1. Biologische Faktoren, also Hirnstoffwechselprozesse
  2. Biographische Belastungen
  3. Psychosoziale Faktoren
  4. Innerseelische Entwicklungen
4.1. Biologische Faktoren

Manien mit eindeutig psychotischem Ausmaß kommen vor allem bei der Bipolaren Störung und bei der Schizoaffektiven Psychose vor. Bei der Bipolaren Störung wechseln maniforme und depressive Zustände einander ab. Bei der Schizoaffektiven Störung sind der bipolaren Symptomatik schizophreniforme Elemente beigemischt; also Symptome einer Schizophrenie.

Entgleiste Botenstoffe

  • Dopamin
  • Noradrenalin

Biographische Belastungen

  • Gewalterfahrungen in der Kindheit
  • Zerrüttete Elternhäuser
  • Sterbefälle wichtiger Bezugspersonen
  • Sexueller Missbrauch
  • Schwere körperliche Erkrankungen

Auslöser im Vorfeld

  • Veränderungen in der Partnerschaft
  • Berufliche Veränderungen
  • Umzug
  • Sterbefälle
  • Elternschaft

Wechselwirkungen

Zwischen Denken und Stimmungslage kommt es in der Manie zu einer starken Wechselwirkung. Beschönigende Vorstellungen über die Struktur der Wirklichkeit und die zukünftige Rolle, die man darin spielen wird, heben die Stimmung. Die gehobene Stimmung ihrerseits erleichtert es, realitätsnahe Bedenken vom Tisch zu wischen, sodass die Vorstellungen, in die sich der Maniker versteigt, immer optimistischer werden.

Sowohl für die Schizoaffektive Störung als auch für die Bipolare Störung weisen Zwillingsstudien auf einen erheblichen genetischen Faktor hin. Daraus ist abzuleiten, dass biologische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen. Das Risiko, maniform zu erkranken, hängt von Störungen des Hirnstoffwechsels ab. Heute geht man davon aus, dass dabei Störungen der sogenannten Neurotransmitter ausschlaggebend sind, also jener Botenstoffe, durch die Hirnzellen Impulse untereinander austauschen. Vor allem Dopamin und Noradrenalin scheinen in der maniformen Phase entgleist zu sein.

4.2. Biographische Belastungen

Studien zeigen, dass die biologische Bereitschaft in der Regel nicht als all­einige Ursache maniformer Erkrankungen anzunehmen ist. Biographische Belastungen, die die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit beein­trächtigen, kommen als bedeutsame Ko-Faktoren hinzu. Allerdings ist es keineswegs so, dass zwei Personen mit der gleichen biographischen Erfahrung später die gleiche Symptomatik entwickeln. Die Bedeutung solcher Faktoren ist daher nur statistisch nachzuweisen. Offensichtlich gleicht der eine die Belastung durch kreative Persön­lichkeitsentwicklung aus, ein anderer tut es nicht.

4.3. Psychosoziale Auslöser

Kaum je kommt eine Manie einfach angeflogen, so wie eine Erkältung, die man sich im Bus zuzieht. Meist werden Manien durch Ereignisse im psychosozialen Umfeld angestoßen. Dabei kann es sich sowohl um grundsätzlich erfreuliche als auch um erschütternde Ereignisse handeln. Sind Manien Reaktion auf erschütternde Erlebnisse, ist ihre Funktion als komplexer Abwehrmechanismus gegen Infragestellungen des Selbstbilds erkennbar.

Kommen Manien scheinbar aus dem Nichts, deckt die individuelle Betrachtung meist Ereignisverkettungen im Vorfeld auf, die für die Person des Kranken bedeutsam sind; auch wenn sie anderen als unbedeutend erscheinen mögen.

4.4. Innerseelische Prozesse

Die Manie ist der Gegenpol zur Depression. Während der Depressive auf die Vertretung autonomer Bedürfnisse verzichtet und sich in der Folge ohnmächtig an den Hürden der Realität scheitern sieht, leugnet der Maniker jedes Bedürfnis nach einer Zugehörigkeit, für die sich ein Zugeständnis an andere lohnt. Dementsprechend fühlt er sich entfesselt, autonom und unbesiegbar.

War er bis dahin gehemmt, ist das Glücksgefühl für ihn beträchtlich. In der Begeis­terung für die neu gewonnene Freiheit kann er mitreißend, charmant, wendig und ideenreich sein. Solange er bei guter Laune bleibt, steckt er andere damit an, die ihm ihrerseits Aufmerksamkeit entgegenbringen; was im Sinne eines sich selbst verstär­kenden Regelkreises zu zusätzlicher Begeisterung führt.

Der unerhörte Erfolg der ungebremsten Lebendigkeit verführt den ehemals gehemmten Menschen mehr und mehr dazu, soziale Grenzen und Tabus zu überschreiten, so als ginge sein Aufstieg kometengleich in immer neue Weiten. Dann kann es sein, dass er die Mahnungen der Realität vollends überhört und abwegige Entscheidungen trifft; die er hinterher bitter bereut.

Wirkt er aufs Umfeld schließlich nicht mehr mitreißend, sondern distanzlos, unver­schämt und wie besessen, verwandelt sich die ursprünglich positive Zuwendung des Publikums in wachsenden Widerstand. Solange der Maniker den Widerstand als harmlosen Kleingeist anderer abtun kann, mag er selbst bei guter Laune bleiben. Spürt er das Eis unter den Füßen aber dünner werden, kann es sein, dass er durch gereizte Aggression versucht, den Absturz zu verhindern. Gut für den, der ihm dann nicht im Wege steht. Die Aggression eines gereizten Manikers kann sehr gefährlich sein.

Selbst- und Fremdgefährdung

5. Risiken

Bei maniformen Zuständen kann es sowohl zur Gefährdung der eigenen Person als auch anderer kommen. Mit wachsender Enthemmung werden zunehmend problematische Entscheidungen getroffen, die erhebliche Risiken für Leib und Leben, für die soziale Einbindung oder das Vermögen nach sich ziehen können. Die Verkehrstauglichkeit und die Fähigkeit, gefährliche Maschinen zu bedienen, ist aufge­hoben.

Ein besonderes Risiko besteht bei der Bipolaren Störung. Dabei können depressive und maniforme Phasen einander ablösen, sodass es zu einem wechselseitigen Aufschaukeln gegenpoliger Zustände kommt.

6. Lösungsstrategien

6.1. Psychoedukation / Psychotherapie

Eine psychotherapeutische Behandlung der akuten Manie ist kaum möglich. In der Regel empfindet sich der Kranke nicht als krank. Im Gegenteil: So vital und gesund, wie in der Manie, hat er sich noch nie erlebt. Über den Versuch eines Therapeuten, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, wird er lachen oder er geht auf ihn los; weil der Therapeut ihm die grandiose Freiheit nehmen will. So ein Tor! So ein Schuft! Weg damit!

Erst wenn die Manie abgeklungen ist, kommen psychotherapeutische Ansätze ins Spiel. Ein wesentlicher Teil wird sich auf die Psychoedukation konzentrieren; also auf die Erar­beitung von Strategien, wie erneuten maniformen Entwicklungen frühzeitig begegnet werden kann.

Es ist davon auszugehen, dass maniformen Störungen eine bedeutende genetische Komponente zugrunde liegt, sodass Stoffwechselprozesse eine große Rolle spielen. Trotzdem ist die therapeutische Bearbeitung des psychodynamischen Hintergrunds nach Abklingen der akuten Phase sinnvoll; denn es ist ebenfalls davon auszugehen, dass seelische Reaktionen bei dem, der die entsprechende genetische Disposition trägt, übernormal stark auf Stoffwechselprozesse rückwirken.

Medikamente zur Behandlung der Manie

Substanz Dosierung Besonderheit
Neuroleptika
Risperidon 1-8 mg
Paliperidon 1-6 mg
Haloperidol 5-30 mg
Olanzapin 10-30 mg starke Gewichtszunahme
Quetiapin 25-800 mg starke Gewichtszunahme
Aripiprazol 15-30 mg
Ziprasidon 80-160 mg
Stimmungs­stabilisatoren
Lithium 600-1200 mg Serumspiegel 0.8-1.2 mmol
Valproat 1200-3000 mg nicht bei Frauen im gebärfähigen Alter
Carbamazepin 600-1200 mg Wechselwirkungen beachten

Zur Entstehung der Manie tragen schließlich nicht nur Stoff­wechselstörungen bei, sondern auch die besonderen Muster, mit denen der Patient seine Beziehungen zum Umfeld gestaltet sowie die Art, wie er sich selbst deutet.

6.2. Medikation

Beim Vollbild einer Manie behandelt man medikamentös mit Neuroleptika und/oder Stimmungsstabilisatoren. Eine statio­näre Behandlung ist sinnvoll; und sollte bei akuter Fremd- oder Eigengefährdung auch gegen den Willen des Kranken durchgeführt werden; denn oft kann eine notwendige Medikation nur durch äußeren Druck gewährleistet werden.

Bei hypomanen Nachschwankungen sollte eine bestehende antidepressive Medikation überprüft werden, da Antidepres­siva bei der Bipolaren Störung zum Übergang einer Depres­sion in eine Manie führen können (Switch). Besteht kein Reali­tätsverlust und ist sich der Patient der Problematik seines Ausnahmezustands bewusst, wird man oft abwarten können, bis das Leben ihn von selbst ernüchtert.

6.3. Rechtliche Maßnahmen

Bei erkennbarer Gefährdung sind auch freiheitsentziehende Maßnahmen zu erwägen. Dabei kommen länderspezifischeIn der Schweiz: Fürsorgerische Unterbringung.
In Österreich: Unterbringung gemäß Unterbringungsgesetz (UbG).
Unter­bringungsgesetze zur Anwendung: Psychisch-Kranken-Ge­setz (PsychKG) bzw. betreuungsrechtliche Unter­bringungen nach § 1906 BGB.

Sind gefährliche Manien bekannt, ist neben einer vorbeugenden Medikation mit Stimmungsstabilisatoren an die Einrichtung einer Betreuung zu denken, damit der Patient vor gesundheitlichen, sozialen und Vermögensschäden geschützt werden kann.

6.4. Selbsthilfe

Wer bereits maniforme Zustände erlebt hat... und vor allem deren unerfreuliche Folgen., ist womöglich durch Schaden klug geworden. Dann wünscht er sich aus eigenen Stücken, maniformen Entwicklungen frühzeitig entgegenzuwirken. Einige Strategien, die dabei hilfreich sein können, sind bekannt: