Damit Schamgefühle nicht schaden, muss man sie zu Ende erleben.

Je mehr man aus Scham in Verstecke flieht, desto mehr schämt man sich dafür, dass man es tut.

Scham

  1. Begriffsbestimmung
  2. Psychologie des Schamgefühls
  3. Umgang mit Schamgefühlen
  4. Schamlos oder schamfrei

1. Begriffsbestimmung

Der etymologische Ursprung des Wortes "Scham" ist nicht endgültig geklärt. Etliche Autoren (1) sehen den Ursprung des Begriffs im althochdeutschen scama, das seinerseits auf die indogermanische Wurzel kâm bzw. kêm = verbergen, verhüllen, verdecken zurückzuführen sei. Das vorangestellte "s" ist dabei als verkürztes Reflexivpronomen zu erkennen, sodass "Scham" folglich sich verbergen heißt.

So-Sein und Selbstbild
Als was man gerne gälte Wie man womöglich ist
Unabhängig von Anerkennung Hungrig danach
Selbstsicher Unsicher
Großzügig Kleinlich
Mutig Ängstlich
Wissend Ahnungslos
Entschlossen Zwiespältig

Auf die gleiche Wurzel geht auch das englische skin = Haut zurück. Die Haut ist nämlich eine Hülle, die den darunter liegenden Rest des Körpers verbirgt. Sobald wir an die Schamesröte denken, wird der Sinnzusammenhang zwischen den Begriffen offenbar.

2. Psychologie des Schamgefühls

Schamgefühle haben großen Einfluss auf die Steuerung des Verhaltens. Ursächlich hängen sie mit dem psychologischen Grundkonflikt zusammen. Somit sind sie eng mit den Bedürfnissen nach Selbstbestimmung und Zugehörigkeit sowie mit dem Selbstwertempfinden vernetzt. Verdrängte Schamgefühle können ganze Biographien nachhaltig belasten.

Was man als Schande empfindet
Thema Jung / unreif Alt / reif
Mangel an Zugehörigkeit ++ +
Scheitern der Selbstbestimmung + ++
Leitangst Ich bin Außenseiter und werde nicht geliebt. Ich bin zu schwach, um über mich selbst zu bestimmen.

Schamgefühle tauchen auf, sobald sich zeigt, dass unser tatsächliches So-Sein hinter dem Selbstbild zurückbleibt. Da unser Selbstbild weitgehend dem entspricht, was wir in den Augen anderer sein möchten, schmerzt das Schamgefühl besonders dann, wenn auch andere Zeugen der Lücke geworden sind.

Da das Bild, das wir und andere von uns haben, maßgeblich den Rang bestimmt, auf den wir in der Gemeinschaft Anspruch erheben, gefährdet jedes Ereignis, das Lücken zu offenbaren droht, unsere Zugehörigkeit und erzeugt dadurch Existenzangst.

Im Laufe des Lebens wandelt sich das Selbstbild. Der Wandel hängt von persönlichen Ansprüchen und gesellschaftlichen Erwartungen ab. Während sich ein Säugling kaum schämt, wenn er in die Hose macht, ist das bei einem Dreikäsehoch bereits anders. Generell gilt: Die Hauptquelle des Schamgefühls verschiebt sich mit zunehmendem Alter vom Mangel an Zugehörigkeit hin zum Scheitern der Selbstbestimmung.

3. Umgang mit Schamgefühlen

Wie die Etymologie des Begriffs es bereits ankündigt, drängen Schamgefühle uns dazu, uns schamhaft zu verbergen. Der Sinn des Versteckens ist offensichtlich: Verbirgt man sich, ist auch das peinliche Defizit für die anderen nicht mehr erkennbar. Folglich zieht sich das Schamgefühl aus dem Bewusstsein zurück. Es verschwindet aber nicht. Aus dem Verborgenen steuert es das Verhalten. Aus dem Gefühlserlebnis ist ein Vermeidungsverhalten geworden.

Vermeidungsverhalten bei Schamangst

Schamgefühle sind unangenehm. Dem entsprechend wird viel getan, um sie zu vermeiden. Es liegt jedoch auf der Hand: Je mehr Situationen man grundsätzlich vermeidet, desto enger wird es auf der Welt.

Grundregel

Nehmen Sie Schamgefühle vollständig wahr. Seien Sie solange beschämt, bis das Gefühl von alleine verschwindet.

Um verschlossene Türen wieder zu öffnen, kann man zum Glück etwas tun. Es gilt von der Vermeidung zum Erlebnis zurückzukehren.

4. Schamlos oder schamfrei

Schamfreiheit ist eine seltene Tugend, Schamlosigkeit ein häufiges Laster. Der Unterschied zwischen beiden liegt einerseits im Verhältnis zwischen Selbst und Selbstbild, andererseits in der Art, wie man auf Schamgefühle reagiert.

Zwei Wege zur Schamfreiheit
  1. Passen Sie Ihr Selbst dem Selbstbild an:
    Wenn es zu Ihrem Selbstverständnis gehört, Italienisch zu sprechen, dann lernen Sie es.
  2. Passen Sie Ihr Selbstbild dem Selbst an:
    Richten Sie Ihre Achtsamkeit nach innen. Erforschen Sie, wie Sie tatsächlich sind. Seien Sie so weise, sich in Liebe zu akzeptieren.
Schamfreiheit

Oben haben wir gesehen, wie Scham durch Vermeidung aus dem Bewusstsein verschwindet. Schamfrei wird man durch Vermeidung jedoch nicht. Im Gegenteil: Je mehr man Schamgefühle vermeidet, desto hartnäckiger schmiert das Leben sie einem aufs Brot.

Sich ganz von Schamgefühlen zu befreien, ist im Grundsatz aber möglich. Da jedes Schamgefühl auf einer Lücke zwischen dem Selbst, also dem tatsächlichen So-Sein und dem Selbstbild beruht, kann Schamfreiheit erreicht werden, wenn man Selbst und Selbstbild einander anpasst.

Schamlosigkeit

Es gibt Menschen, die scheinbar kein Schamgefühl besitzen. Tatsächlich ist es aber anders; was daran liegt, dass es neben der Fusion von Selbst und Selbstbild sowie dem Vermeidungsverhalten noch eine weitere Möglichkeit gibt, Schamgefühlen zu begegnen: Die Verleugnung mit nachfolgender Reaktionsbildung. Dabei wird nach außen hin ein gegenläufiges Verhalten praktiziert, das über die tatsächliche Scham hinwegtäuschen soll. Hinter der Fassade scheinbar schamloser Menschen, verbirgt sich oft ein brüchiges Selbstwertgefühl, das durch unverarbeitete Demütigungen aufrecht erhalten wird.

Abwehrmechanismen beim Umgang mit Scham
Muster Abwehrmechanismus
Vermeidungsverhalten Regression, Fixierung, Verdrängung
Schamlosigkeit Verleugnung, Reaktionsbildung
Fusion von Selbst und Selbstbild Sublimation, Affektakzeptanz

Eigentlich ist die Affektakzeptanz kein Abwehrmechanismus, sondern ein Aufgeben der Abwehr.

Beispiele

Aber auch viele, die bloß der üblichen Lieblosigkeit anheim gefallen sind, versuchen durch scheinbar schamfreies Gebahren die Aufmerksamkeit des Umfeldes auf sich zu ziehen und ihr Selbstwertgefühl zu steigern, indem sie sich so verhalten, als stünden sie jenseits jeder Konvention. Ohne sie, wäre so mancher Privatsender ohne Programm.


Köbler, Gerhard; Althochdeutsches Wörterbuch.
Baer, Udo, Frick-Baer, Gabriele; Vom Schämen und Beschämtwerden.