Grundregeln

Je mehr Bedingungen man dem Leben stellt, bevor man es bejaht, desto abhängiger ist man.

Je weniger Ansprüche man hat, desto größer ist die Chance, glücklich zu sein.



Das Individuum ist die Situation, in der es sich befindet und aus deren Verständnis heraus es seine Beziehung mit der Wirklichkeit gestaltet. Ein Individuum, das die Situation nicht annimmt, verwirft sich selbst.

Der psychologisch Abhängige ist von Leuten abhängig, die bereit sind, genau die Erfahrungen zu machen, die er selbst scheut.

Abhängigkeit


  1. Definitionen
    1. 1.1. Existenzielle Abhängigkeit
    2. 1.2. Narzisstische Abhängigkeit
  2. Bedingungen
    1. 2.1. Bestätigung von außen
      1. 2.1.1. Physikalische Realität
      2. 2.1.2. Soziales Umfeld
    2. 2.2. Momentanes Befinden
    3. 2.3. Vergleich zwischen Selbst und Selbstbild
    4. 2.4. Extremsituationen
    5. 2.5. Persönlichkeitsvarianten
  3. Ausdrucksformen
    1. 3.1. Hilflose Abhängigkeit
    2. 3.2. Fordernde Abhängigkeit
  4. Motive und Formen der Deckung
    1. 4.1. Gefängnisse
    2. 4.2. Preise
  5. Abstand und Einbindung

1. Definitionen

Der Mensch hat mit zwei Formen der Abhängigkeit zu tun: der existenziellen und der narzisstischen. Die existenzielle Abhängigkeit bezieht sich auf seinen objektiven Bestand, die narzisstische auf sein Selbstwerterleben.

Zwischen dem Abhängigen und dem, wovon er abhängt, besteht ein Abstand. Zugleich hängt er mit dem, wovon er abhängt, zusammen; und ist damit unfrei.

1.1. Existenzielle Abhängigkeit

Das körperliche Überleben ist von existenziellen Bedingungen abhängig. Dazu gehören klimatische Voraussetzungen, die Versorgung mit Nahrung und Wasser sowie der Schutz vor fremder Aggression und biologischen Gefahren; zum Beispiel durch Krank­heitserreger.

Mehr als gesunde Erwachsene hängen Säuglinge, Kleinkinder und Schwerkranke existen­ziell nicht nur von physikalischen Gegebenheiten ab, sondern auch von schützenden Bezugspersonen, die die physikalische Umwelt im Interesse der Beschützten formen. Darüber hinaus brauchen Kinder ein soziales Umfeld, das ihnen eine angemessene emotionaleDie spätere Beziehungsfähigkeit wird wesentlich von emotionalen Erfahrungen in der Kindheit geprägt. und intellektuelle...zum Beispiel zum Spracherwerb. Entwicklung ermöglicht.

Je reifer man wird, desto geringer ist die Abhängigkeit von Beschützern. Durch gezielte Eigenaktivität ist man in der Lage, sich selbstständig gegen Umweltbedingungen zu wappnen. Trotzdem bleibt auch der psychologisch reife Erwachsene von existenziellen Bedingungen abhängig, ohne die sein Überleben unmöglich ist.

Abhängig oder autonom

abhängig autonom
Mein Ja zum Leben hängt von vielen Bedingungen ab. Mein Ja wird durch äußere Faktoren nur wenig beeinflusst.
Ohne dies oder das ist das Leben ungenügend. Ich bin mir selbst genug.
Sind die Bedingungen nicht so, wie ich sie für notwendig halte, setze ich mich und andere unter Druck. Werden meine Erwartungen nicht erfüllt, kann ich das nicht gelten lassen. Wechselnde Bedingungen nehme ich gelassen hin. Ich handele zwar, um zwischen mir und dem Umfeld Übereinstimmung zu schaffen, wenn es misslingt, werte ich aber weder mich noch das Umfeld ab.
Widrigkeiten sind Störfaktoren, die es eigentlich nicht geben sollte. Widrigkeiten sind Hürden, an denen das Leben seine Kräfte schult.

1.2. Narzisstische Abhängigkeit

Die narzisstische Abhängigkeit ist das wesentliche Merk­mal unreifer Persönlichkeiten. Narzisstisch abhängig bedeu­tet, dass das Selbstwertgefühl der Person und ihre Bereitschaft, das Leben so zu bejahen, wie es ist, an Bedingungen geknüpft ist, die nicht unmittelbar von ihr selbst bestimmt werden können.

Welche Umstände eine Person als notwendige Bedingung ihrer Lebensbejahung formuliert, hängt von ihrem Selbst- und Weltbild ab. Dabei sind Grundmuster zu erkennen:

2. Bedingungen

Die Bedingungen, deren Erfüllung der abhängige Mensch fordert, können in äußere und innere unterteilt werden.

Bedingungen
äußere und innere
Die Außenwelt muss auf die Bedürfnisse meiner Person zugeschnitten sein. Ich muss mich jetzt wohlfühlen.

Die Unterteilung in äußere und innere Bedingungen erleichtert das Verständnis der narzisstischen Abhängigkeit. Tatsächlich sind beide Ebenen eng miteinander verknüpft. Das innere Befinden hängt von äußeren Faktoren ab, und zwar umso mehr, je abhängiger man ist. Es wirkt sich seinerseits auf das Umfeld aus, indem es das Verhalten der Person gegenüber dem Umfeld beeinflusst... und zwar ebenfalls umso mehr, je abhängiger man ist.

2.1. Bestätigung von außen

Der Anspruch, von außen persönlich bestätigt zu werden, kann sich sowohl auf die physikalische Realität als auch auf das soziale Umfeld beziehen.

2.1.1. Physikalische Realität

Die Abhängigkeit der Situationsbejahung von physikalischen Bedingung ist für sich betrachtet das kleinere Übel. Trotzdem kann sie Affekte schüren, die das Wohlbefinden des Abhängigen ebenso beeinträchtigen wie das Umstehender, deren Gemüt ihrerseits nicht unabhängig von den Affektäußerungen anderer ist.Auch für einen Menschen, der in sich ruht, ist die Gegenwart eines anderen, der alle naslang über Banalitäten flucht, eine Belastung. Diese Abhängigkeit wird daran erkennbar, dass man mit abgrenzenderEine abgrenzende Emotion drückt sich als Ärger, Wut oder Hass aus, aber auch als schmollender Rückzug, selbstmitleidiges Jammern oder als eine lamentierende Vorwurfshaltung. emotionaler Beteiligung reagiert, wenn...

Unreifegrade

Wohlgemerkt: Die narzisstische Abhängigkeit von physikalischen Bedingungen ist nicht deshalb das kleinere Übel, weil sie einer geringeren Unreife entspräche als die Abhängigkeit von der Bestätigung durch Bezugspersonen. Im Gegenteil: Wer selbst eine rote Ampel persönlich nimmt, ist emotional noch weniger entbunden als der, der bloß auf mangelndes Lob reagiert.

Insgesamt ist sie aber das kleinere Übel, weil sich der Mensch als hoch­spezialisiertes Gemeinschaftswesen psychologisch überwiegend auf sein soziales Umfeld bezieht. Deshalb spielt die Abhängigkeit von Lob und Bestätigung durch andere eine größere Rolle.

Springt die Ampel auf Rot oder der Drucker nicht an, kann sich der Missmut des Abhängigen leicht über jene Personen empören, die man verdächtigen kann, schuldhaft hinter dem vordergründig physi­kalischen Ereignis zu stehen: der dreimal verfluchte Hersteller des Druckers oder der Baustelleneinrichter, der die Ampelschaltung verbrochen hat.

2.1.2. Soziales Umfeld

Im Alltag ist die Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere das größere Übel. Gewiss: Auch den streikenden Drucker kann man weder durch drohendes Geschrei noch dadurch, dass man ihm auf Knien schmeichelt, zur Kooperation bewegen. Wenn man es versucht, erschöpft sich der Schaden jedoch im momentanen Misserfolg.

Die narzisstische Abhängigkeit von Lob und Zustimmung anderer hat im Gegensatz dazu gefährliche Folgen. Je nachdem, wie man die Zustimmung zu bewirken versucht, ergeben sich drei Verhaltensmuster, die zu schwerwiegenden psychologischen und sozialen Problemen führen:

  1. Regressive Strategie

    Nutzt der abhängige Mensch eine regressiveVon lateinisch regredi = zurücktreten. Strategie, versucht er die Bestätigung vom Umfeld zu bewirken, indem er seinen eigentlichen Handlungsimpuls missachtet und stattdessen tut, was die anderen vermutlich erwarten. Er unterwirft sich; um andere durch Unterwerfung zu bestechen.

  2. Aggressive Strategie

    Nutzt der abhängige Mensch eine aggressiveVon lateinisch aggredi = herantreten. Strategie, versucht er offensiv die Meinung anderer an seine Sichtweisen anzupassen. Er verwickelt sich in ständige Diskussionen und Kämpfe. Er bäumt sich auf und droht; um andere einzuschüchtern oder zu erpressen.

  3. Manipulative Strategie

    Die manipulativeVon lateinisch manipulus = eine Handvoll (zusammengesetzt aus: manus = Hand, plere = füllen). Ursprünglich bezog sich der Begriff Manipulation auf eine Handvoll Substanzen, mit denen etwas bewirkt werden sollte, zum Beispiel die Heilung Kranker durch Anwendung heilsamer Kräuter. Strategie mischt regressive und aggressive Elemente. Die Regression ist bei der manipulativen Strategie nicht wirklich regressiv gemeint. Tatsächlich unterwirft sich der Stratege nur zum Schein. Er passt sich nicht wirklich an, sondern versucht das Gegenüber durch vorgetäuschte Anpassung zu steuern. Insofern ist die manipulative Strategie aggressiv, ohne dass sie ihre Aggression offen erkennbar werden lässt.

2.2. Momentanes Befinden

Das Selbstbild formuliert Bedingungen, deren Erfüllung der abhängige Mensch voraus­setzt, um sich und die Situation, in der er sich befindet, als lebenswert zu bejahen. Zum akzeptierten Selbstbild gehören bestimmte Stimmungen und Gefühlsqualitäten. Andere Qualitäten schließt das Selbstbild des Abhängigen als unannehmbar aus.

Methoden zur Manipulation des momentanen Befindens

Um welche Qualitäten es sich dabei handelt, ist von Person zu Person verschieden. Der gesunde Mensch erlebt sämtliche Gefühle wie sie kommen und gehen. Egal, ob er das Gefühl als angenehm oder unangenehm erlebt, geht er davon aus, dass ihn jedes Gefühl als Erfahrung bereichern kann.

Der abhängige Mensch filtert Gefühle heraus, die vermeintlich nicht zu seinem Wesen passen. Er glaubt, dass es Gefühle und Wahrnehmungen gibt, die ihm substanziell schaden. Er erkennt nicht, dass möglicher Schaden nicht von der Qualität des Gefühls ausgeht, sondern von der jeweiligen Abwehrstrategie, die er gegen das Gefühl ins Feld führt.

Wessen Selbstbild bestimmte Erlebnisqualitäten als lebensunwert ausschließt, neigt dazu, gegen genau diese Qualitäten unmittelbar vorzugehen. Er sucht nach Wegen, wie er das Nicht-akzeptierte unmittelbar aus seinem Bewusstsein beseitigen kann. Während sich die Abwehrstrategien dessen, der ohne Bestätigung von außen nicht zurechtzukommen glaubt, ans Umfeld richten, setzt die Manipulation des Selbst­erlebens unmittelbar am eigenen Bewusstsein an.

2.3. Vergleich zwischen Selbst und Selbstbild

Beiden beschriebenen Mustern...

  1. der Abhängigkeit von äußerer Zustimmung
  2. der Manipulation des momentanen Befindens

... liegt ein gemeinsamer Mechanismus zugrunde: Der Vergleich zwischen Selbst und Selbstbild und der Versuch, das Selbst dem Selbstbild anzupassen.

Ich verwerfe alle Bilder, die ich von mir haben könnte. Sie stören mich dabei, ich selbst zu sein.

Das Sein ist entbunden, wenn es sein Da- oder Dort-sein für unwesentlich hält.
2.4. Extremsituationen

Lebensgefahr beleuchtet eine radikale Konsequenz vollständiger Unabhängigkeit: die Ablösung von der Idee, jene Person zu sein, als die man der Welt begegnet. Diese Form der Unabhängigkeit wird im Leben nur selten erreicht. Erst kurz vor dem Tod, wenn alle Hoffnung verloren geht, ihn aufzuhalten, scheint sie öfter vorzukommen.

Mit und ohne Gewänder

Die Psychiatrie beschreibt die Abhängige Persönlich­keit. Das tut sie zurecht, denn die Mehrzahl der Menschen wendet im Laufe des Lebens klassisch abhängige Verhaltensmuster an; der eine durchgehend, der andere phasenhaft oder situations­gebunden. Indem sie es tut, bahnt sie jedoch die Vorstellung, Abhängigkeit spiele bei den übrigen Persönlichkeitsvarianten keine Rolle. Diese Vorstellung ist falsch. Auch andere Persönlichkeiten machen sich von der Bestätigung durch das Umfeld abhängig sowie von Vorstellungen und Erlebnisweisen, an die sie ihr Identitätsgefühl knüpfen. Die Abhängigkeit der Abhängigen Persönlichkeit liegt nackt zu Tage. Die der übrigen kleidet sich in spezielle Gewänder.

Zur vollständigen Überwindung der Abhängigkeit gehört die Preisgabe der Vorstellung, dass die Dinge nur richtig laufen, wenn das persönliche Überleben gesichert bleibt. Die Bereit­schaft, den Gang der Dinge zu bejahenSich dem Tod also nicht nur zu fügen, weil man ihn nicht verhindern kann, sondern ihn zu begrüßen, weil man ihn als Ausdruck seiner selbst erkennt., wenn dazu der Tod gehört, ist unmöglich, solange man sich für sein Ego hält; also für jene Person, die als benennbares Objekt die Wirklichkeit durchquert. Berichte von Sterben­den belegen, dass die Fähigkeit zur bedingungslosen Bejahung des Lebens sich häufig verwirklicht, wenn der Kampf gegen das Sterben ausgefochten ist.

2.5. Persönlichkeitsvarianten

Fast jeder Mensch betreibt Strategien, um sich von außen bestätigen zu lassen. Oft ist er sich dessen nicht bewusst. Meist handelt es sich um eine Mischung der drei genannten Muster (regressiv, manipulativ, aggressiv), die er je nach Lage der Dinge und instinktiver Einschätzung der Erfolgsaus­sichten zur Anwendung bringt. Personen, deren Verhaltensmuster den klassischen Persönlichkeitsstörungen zugeordnet werden können, neigen dazu, bestimmte Muster zu bevorzugen.

Persönlichkeitsvariante und bevorzugte Strategie

Variante / Strategie regressiv manipulativ aggressiv
Paranoide Persönlichkeit +++
Schizoide Persönlichkeit [x]
Dissoziale Persönlichkeit +++ +++
Emotional-instabile Persönlichkeit +++ +++ +++
Histrionische Persönlichkeit + +++ +
Zwanghafte Persönlichkeit ++ + ++
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit +++ +
Abhängige Persönlichkeit +++
Narzisstische Persönlichkeit ++ ++
Dysthymie / Depressive Persönlichkeit +++ +

[x]: Der schizoiden Persönlichkeit ist nur unter Vorbehalt eine Strategie im Kampf um Bestätigung zuzuordnen. Eigentlich wendet sich der Schizoide weder regressiv, noch manipulativ oder aggressiv ans Umfeld, um von diesem bestätigt zu werden. Vielmehr wendet er sich vom Umfeld ab: um Fremdbestimmung bzw. Demütigung zu vermeiden. Immerhin ist diese Strategie ein Rückzug; und damit als regressiv zu bezeichnen.

So wie man den Persönlichkeitsvarianten bevorzugte Strategien beim Bemühen um Bestätigung zuordnen kann, kann man sie auch entlang spezifischer Erlebnisweisen unterteilen, von deren Gegenwart oder Abwesenheit das Identitätsgefühl der Person abhängt.

Abhängigkeit betonter Persönlichkeiten von bestimmten Erlebnisweisen

Variante / Erlebnisweise akzeptiertMein Gefühl stimmt mit meinem Weltbild überein. verweigertMit mir stimmt etwas nicht... Das bin ich nicht...
Paranoide Persönlichkeit Wachsamkeit, Kampf Vertrauen, Hingabe, Sehnsucht
Schizoide Persönlichkeit Kühle Distanz Zugehörigkeit
Dissoziale Persönlichkeit Skrupellose Egozentrik Mitgefühl
Emotional-instabile Persönlichkeit Leidenschaft, "ganz oder gar nicht", Wut Kompromisse, Unentschiedenheit
Histrionische Persönlichkeit Beachtet-sein, Überschwang Übersehen-werden, Abseits-stehen
Zwanghafte Persönlichkeit Disziplin, Prinzipientreue Überschwang, Spontaneität, "Fünf gerade sein lassen"
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit Vorsicht Wagemut, Sorglosigkeit
Abhängige Persönlichkeit Nachgiebigkeit, Zustimmung Trotz, Eigensinn
Narzisstische Persönlichkeit Stolz, Selbstsicherheit Scham, Selbstwertzweifel
Dysthymie / Depressive Persönlichkeit Opferbereitschaft, Wehmut, Mitgefühl, Betroffenheit Eigennutz, Ausgelassenheit

3. Ausdrucksformen

Kraftentfaltung
Die asthenische (griechisch asthenes [ασθενης] = nicht kräftig) Persönlichkeit gilt als kraftlos; zumindest wendet sie ihre Kräfte nicht an. Sie wartet hilflos auf die Kraftentfaltung anderer. Viele narzisstisch Abhängige sind aber keineswegs kraftlos. Sie sind nicht a-sthenisch, sondern sthenisch. Mit großer Kraft fordern sie von anderen dies oder das.

Bei der Abhängigkeit können zwei typische Ausdrucksformen unterschieden werden.

  1. Hilflose Abhängigkeit
  2. Fordernde Abhängigkeit
3.1. Hilflose Abhängigkeit

Dem hilflos Abhängigen entspricht die Diagnose der abhäng­igen (asthenischen) Persönlichkeit. Wird niemand durch die Hilflosigkeit der asthenischen Persönlichkeit dazu angeregt, ihr beizustehen, bleibt ihr bloß übrig, in Ermangelung einer angemessenen Befriedigung ihrer Bedürfnisse immer weiter zu verkümmern; bis ihr erbarmungswürdiges Bild die Sollbruchstelle des Mitleids erreicht. Oder dem hilflos Abhängigen geht ein Licht auf und er erkennt in sich Kräfte, die er bislang übersah.

Öfter als der Einsicht gibt sich der hilflos Abhängige allerdings sichtbarem Leiden, Klagen und Jammern hin. Da Klagen und Anklagen ineinander übergehen, ist auch der Hilflose nicht völlig passiv. Die Umwege, die er unterwegs zu seinen Zielen einschlägt, sind jedoch ermüdend; sodass er tatsächlich kraftlos wirkt.

Vergeben Sie anderen Schuld. Nicht um den anderen Gutes zu tun, sondern sich selbst.Hier anderen nichts Gutes tun zu wollen, ist anderen gegenüber nicht gleichgültig. Im Gegenteil: Wer Schuld dem Schuldigen zuliebe vergibt, ordnet dem Schuldigen Dankesschuld zu. Statt neue Schuld entstehen zu lassen, machen Sie besser reinen Tisch. Nur für sich zu sorgen, ist hier die beste Sorge für die Welt.
3.2. Fordernde Abhängigkeit

Fordernd abhängig können Menschen verschiedener Persönlichkeitsprofile sein. Gemein­samer Nenner ihres Verhaltens ist der Glaube an die Schuld der anderen. Dabei kann es sich um tatsächliche Schuld handeln oder um eingebildete. Da Schuld kaum je objektiv zu messen ist, sondern aus persönlichen Sichtweisen heraus zugewiesen wird, ist es vom Prinzip her schwer, tatsächliche Schuld von unterstellter zu unterscheiden.

Solange Sie glauben, jemand schulde Ihnen etwas, werden Sie darauf warten, dass die Schuld beglichen wird. Während Sie warten, eilt das Leben davon.

Typische Felder, die zu Forderungen Anlass geben, sind persönliche Beziehungen sowie das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft als Ganzes.

Ungeachtet dessen, inwieweit all das zutrifft: Fordernde Abhängigkeit, also der Glaube, auf die Begleichung solcher Schuld angewiesen zu sein, um freudvoll zu leben, ist eine Sackgasse. Springen Sie über die Mauer. Dann entkommen Sie sich selbst.

4. Motive und Formen der Deckung

Jede Abhängigkeit ist ein Verlust. Jede Abhängigkeit schränkt das Leben ein. Nur wenn diese und jene Bedingung erfüllt ist..., meint der Abhängige, dass er dem Leben Recht geben kann. Sind die Bedingungen nicht erfüllt, widerspricht er ihm. Er versucht das vermeintlich falsche Leben aufzuhalten; und da er selbst das Leben ist, verbraucht er seine Kraft dafür, sich mutwillig selbst im Weg zu stehen. Er weicht aus, macht Winkelzüge, geht vor dem Leben, wie es kommt, in Deckung.

Damit sich das Potenzial des Lebens ungestört entfalten kann, ist es unverzichtbar, sich aus narzisstischen Abhängigkeiten zu befreien. Dazu ist die Kenntnis der Motive, Mittel und Wege nötig, durch die die Angst das Leben in den Käfig ihrer Bedingungen sperrt.

4.1. Gefängnisse
Gefängnisse schützen das Leben vor allerlei, außer vor der Gefahr, darin zu verkümmern.

Das Grundmotiv hinter jeder Abhängigkeit ist die Angst des Einzelnen, als Einzelner verloren zu gehen. Was der Einzelne an seinem Sosein fürchtet, ist die Tatsache, dass jedes SoseinEgal wie man ist, man trifft irgendwo auf Widerstand. durch seine Form mit dem Umfeld in Konflikt gerät. Wovon man sich abhängig macht, ist immer das, von dem man glaubt, dass es vor der Gefahr schützt, durch das eigene Sosein die Bestätigung durch das Umfeld zu verlieren.

Da es je nach Umfeld Formen gibt, die mehr oder weniger gefährlich erscheinen, sucht der Abhängige in solchen Formen Deckung, die ihn vor Ausgrenzung schützen:

Form und Angst

Angst entspringt der Vorstellung, diese oder jene Form zu sein. Abhängigkeit ist die Flucht aus der eigentlichen Form in eine scheinbar sichere. Wer sich für formlos hält, braucht keine Flucht mehr anzutreten.

Keine Form kann vor Aus­grenzung schützen, weil jede Form Ausgrenzung ist.
4.2. Preise

Das Wesen des Seins ist formlos. Jede Form ist eine Ausgrenzung aus der Formlosig­keit. Alle Formen sind vorübergehend. Deshalb geht die Strategie der Abhängigkeit nicht auf. Egal, in welche Form man flüchtet, keine bietet Schutz vor der Gefahr des Untergangs. Den Preis für den Schutz, den man sucht, muss man aber trotzdem zahlen... es sei denn, man löst sich von der Illusion, diese oder jene Form zu sein.

Wer davon ausgeht, dass er eigentlich weder dies noch das ist, weder der noch jener, sondern die Wirklichkeit selbst, verliert die Angst, dass er überhaupt untergehen könnte. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist ein anderer als der für den illusionären Schutz, den eine scheinbar sichere Form zu bieten scheint. Vollständig mit dem Ganzen verbunden erlebt sich nur, wer nicht mehr die Interessen eines bestimmten Teils betreibt, sondern die der unbestimmten Wirklichkeit.

5. Abstand und Einbindung

Oben hieß es: Zwischen dem Abhängigen und dem, wovon er abhängt, besteht ein Abstand. Zugleich hängt er mit dem, wovon er abhängt, zusammen; und ist damit unfrei. Abhängigkeit spielt sich überwiegend als psychosoziales Muster ab. Um Gemeinschaften eingehen zu können, ist der Abhängige auf Bezugspersonen angewiesen, die genau jene Erlebnisweisen praktizieren, von denen er selbst Abstand nimmt.

Abhängigkeit betonter Persönlichkeiten von Charaktermerkmalen ihrer Bezugspersonen

Die... ...ist auf jemanden angewiesen, der...
Paranoide Persönlichkeit sich dem Paranoiden vertrauensvoll überlässt und sein Misstrauen nicht infrage stellt.
Schizoide Persönlichkeit trotz des Rückzugs des Schizoiden die Verbindung zu ihm hält.
Dissoziale Persönlichkeit sich ständig Mühe gibt, sich in ihn einzufühlen.
Emotional-instabile Persönlichkeit immer neue Kompromisse macht.
Histrionische Persönlichkeit darauf verzichtet, selbst im Mittelpunkt zu stehen.
Zwanghafte Persönlichkeit sich der Starre des Zwanghaften flexibel anpasst.
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit wagemutig ist.
Abhängige Persönlichkeit eigensinnig entscheidet.
Narzisstische Persönlichkeit auf die Bewunderung ihrer Person verzichten kann.
Dysthymie / Depressive Persönlichkeit die Wohltaten des Depressiven eigennützig annimmt.

Dementsprechend besteht die Lösung aus der Abhängigkeit darin, die bislang vermie­denen Erlebnisweisen ins Repertoire des eigenen Erfahrungsfeldes einzubinden. Jede Heilung ist integrativ.