Wahre Religion ist Mystik. Was keine Mystik ist, ist bloßer Glaube. Mystik bemüht sich, Wahrheit zu ergründen; und nichts als reine Wahrheit. Glaube begnügt sich mit den Bildern, die er für wahr hält. Glaube will Wahrheit bestimmen, indem er sich an Vorstellungen klammert. Mystik vertraut, indem sie Vorstellungen preisgibt.

Offensichtlichkeit und Geheimnis

Wirklichkeit ist Offenbarung erkennbarer Inhalte. Dass Inhalte nicht erkannt werden, liegt nicht daran, dass der Himmel sie geheim hielte. Es liegt daran, dass der potenziell Erkennende sie nicht erkennen kann oder nicht erkennen will.


Der Mystiker glaubt nicht an diese oder jene Aussage über Gott. Er geht davon aus, dass alle Aussagen irreführend sind.

Mystik betreibt Religion als Wissen­schaft. Glaube pflegt mythologische Bilder und erklärt sie zum Dogma. Jeder Dogmenglaube tanzt um ein goldenes Kalb.

Wie soll der Geist sich spüren, wenn er sich ständig mit Erbärmlichem befasst? Jedes Denken ist Geplapper, das unterhalb der Wirklichkeit verbleibt.

Mystik


  1. Begriffsbestimmung
  2. Funktionen des Schweigens
  3. Verwechslungen und Unterschiede
  4. Mystik und seelische Gesundheit
  5. Methoden und Ziele der Mystik

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Mystik bezeichnet einen religiösen Ansatz; den Ansatz reiner Religiosität ohne politische Verfälschung. Der Mystiker strebt die unmittelbare...also die nicht durch Sinnesorgane oder Lehrmeinungen vermittelte... Wahrnehmung des Urgrunds der Wirklichkeit an. Diesen deutet er als heilig. Sprachgeschichtlich geht das Wort auf griechisch mystos (μυστος) = verschwiegen bzw. myein (μυειν) = sich schließen zurück. Der Mystiker verschließt Augen und Lippen. Das verweist auf das Wesen der Mystik an sich.

Sprachverwandt mit Mystik ist Mysterium. Es ist von mystes abgeleitet, womit man im alten Griechenland einen Eingeweihten des Eleusinischen MysterienkultsDer besagte Mysterienkult war nur einem ausgesuchten Zirkel von Personen zugänglich. Sie hatten bei Androhung der Todesstrafe über den Ablauf der Rituale zu schweigen. bezeichnete. Der Begriff mystes geht auf myeein (μυεειν) = einweihen zurück. Wie das Wort mysteriös erahnen lässt, wurden religiöse Mysterien als Geheimlehren gedeutet oder betrieben.

2. Funktionen des Schweigens

Das Motiv des Schweigens hat grundlegende Funktionen:

  1. Der Mystiker sucht den Zugang zum Heiligen in sich selbst. Er versucht, sich damit zu verbinden. Die Suche im Inneren wird durch zeitgleiche Betrachtung der Außenwelt oder Gespräche - also verbalisierte Denkakte - gestört. Das mystische Bemühen wird erleichtert, wenn man Augen und Lippen verschließt.

  2. Was der Mystiker sucht, ist für das organische Auge unsichtbar. Organische Augen sind auf die diesseitige Welt des Unterscheidbaren ausgerichtet. Das Ziel mystischer Erkenntnis ist der Blick darüber hinaus. Ihr Ziel ist es, die dualistische Unterscheidbarkeit zu überschreiten. Der Mystiker hält nach dem Jenseits Ausschau; also dem gemeinsamen Nenner der diesseitigen Unterschiede. Dazu braucht er keine Sinne, sondern geistige Präsenz.

  3. Da Sprache auf unterscheidende Begriffe angewiesen ist, ist die mystische Erkenntnis verbal nicht mitteilbar. Mystische Erkenntnis ist kein Wissen über dies oder das, kein Wissen über Details der Wirklichkeit. Sie ist die Erfahrung ihrer Einheit. Sprache kann sie nicht vermitteln. Sprache kann nur in ihre Richtung deuten. Der Mystiker schließt die Lippen, weil man über das Höchste nicht reden kann.

  4. Dem Schweigen des Mystikers nach außen entspricht ein inneres Schweigen. Das innere Schweigen ist grundlegend. Erst wenn das Denken, also die innere Verbalisierung von Urteilen, Vermutungen und Vorstellungen aussetzt, hat das mystische Erlebnis der Einheit Gelegenheit aufzutauchen.
Wissen und Ego
In Unkenntnis der kategorischen Unterschiede werden mystische, esoterische und okkultistische Denkansätze oft miteinander vermengt. Esoteriker und Okkultisten neigen dazu, ihr Bemühen um geheimes Wissen oder ihren Glauben, in dessen Besitz zu sein, für Mystik zu halten. Das stiftet Verwirrung. Das Interesse an geheimem Wissen ist egozentisch motiviert. Es dient dazu, Unwissenden... und dem vermeintlich Wissenden ebenfalls... eine Überlegenheit vorzugaukeln, die dem Selbstwertempfinden des Geheimnisträgers auf die Beine helfen mag, die aber kaum je auf echtem Wissen beruht. Das Ziel der Mystik ist anders: Sie zeichnet nicht den einen gegenüber dem anderen aus, sondern schiebt jede Auszeichnung des einen beiseite, damit er sein wahres Wesen erkennt. Deshalb sind auch nebelverhangene Landschaften nicht mystisch, wie es zuweilen heißt. Nebelverhangene Landschaften sind nebelverhangen. Mystisch ist kristallene Klarheit.

3. Verwechslungen und Unterschiede

Um das Wesen der Mystik besser zu verstehen, sind Unterschiede hervorzuheben:

  1. Unterschied zwischen Mystik und Okkultismus
  2. Unterschied zwischen Mystik und Esoterik
  3. Unterschied zwischen schweigender und sprechender Religion
  4. Unterschied zwischen Vermittler und Berater
  5. Unterschied zwischen Dualismus und Monismus
3.1. Schweigen und Verschweigen

Die sprachliche Verwandtschaft von Mysterium und Mystik zeigt keines­wegs an, dass es sich bei der Mystik um eine GeheimlehreEine Geheimlehre ist eine Lehre, deren Wissen geheim gehalten wird. handelt. Das Gegenteil ist der Fall. Hält man Wissen über das, was man für heilig hält, geheim, handelt man nicht mystisch, sondern okkultistisch (von lateinisch: occultus = verborgen)

Okkultismus versucht, echtes oder vorgebliches Wissen für den Vorteil dessen auszunutzen, der okkulte Rituale ausübt. Die Trennung zwischen Wissendem und Unwissendem ist für den Okkultisten unentbehrlich. Er strebt Trennung aktiv anWie zum Beispiel beim Eleusinischen Mysterienkult..

Meist synonym mit dem Begriff Okkultismus wird der der Esoterik gebraucht. Er geht auf griechisch esotericos [εσωτερικος] = innerlich, zum inneren Zirkel gehörig zurück. Ein Wissen ist esoterisch, wenn es nur einem Kreis Eingeweihter zugänglich ist.

Die mystische Erfahrung ist kein Gruppenerlebnis... obgleich mystische Wahrnehmungs- und Versenkungsübungen sehr wohl in der Gruppe ausgeübt werden können.. Sie steht für die unmittelbare Suche des Einzelnen nach dem, was er für göttlich hält. Mystik braucht keine Vermittler.

Konfessioneller Religiosität dient auch dem LebensunterhaltGalater 6, 6:*
Wer sich unterweisen läßt im Worte, gebe dem, der ihn unterweist, Anteil an allen Gütern.

1 Timotheus 5, 17:*
Presbyter, die gute Vorsteher sind, halte man doppelter Ehre wert...Denn es sagt die Schrift: "Du sollst einem dreschenden Ochsen das Maul nicht verbinden" (5 Moses 25,4).
ihrer Funktionsträger. Daher wird Mystik von dort aus misstrauisch beäugt.... oder gar als Mystizismus verächtlich gemacht. Da Mystik zugleich Wesenkern religiösen Strebens ist, wird konfessionelle Religiosität sich wahrem Glauben stets widersetzen.

Mystik strebt keine Trennung an, sondern die unio mysticaDas Erlebnis der Einheit des Ich mit der Ganzheit der Wirklichkeit. Je nach weltanschaulicher Tradition wird sie auch als Verschmelzen des Ich mit Gott verstanden; wie bei Meister Eckhart. mit dem Ganzen. Anderen aktiv Wissen um das gemeinsame Ganze vorzuenthalten, ist Mystik wesensfremd. Mystik kennt unterschiedliche Reifegrade des Erkennens, aber keine Hierarchie vermeintlichen Wissens.

Ursachen der Verwechslung

  1. Der schweigende Blick nach innen ist ein tragendes Mittel mystischer Erkenntnis. Wer schweigt, teilt nicht mit.

  2. Die Erkenntnis, um die sich ein Mystiker bemüht, ist begrifflich nicht zu fassen. Dass Mystiker oft wortkarg sind, ist keine Geheimnistuerei. Es ist der Tatsache gezollt, dass ihre Erkenntnisse durch Erfahrung zwar nachvollziehbar sind, aber weder gepredigt noch verbal vermittelt werden können. Wer das nicht versteht, neigt dazu, das Schweigen des Mystikers als ein Verschweigen... also zu glauben, dass das Schweigen dazu dient, anderen Erkenntnisse vorzuenthalten. fehlzudeuten.

  3. Das Bedürfnis des Menschen nach persönlicher Aufwertung ist groß. Sich im Besitz eines geheimen Wissens zu wähnen oder so zu tun, als ob man es sei, ist ein Mittel, um Selbstwertzweifel zu dämpfen... denn Geheimnisträger zu sein, ist etwas besonderes.. Seit der erste Schamane den Willen der Götter im Vogelflug zu erkennen glaubte, haben viele ihre Lebensangst durch die Illusion bewältigt, ihnen sei ein Wissen anvertraut, das anderen vorenthalten oder gar vorzuenthaltenDer okkultistische Charakter der biblischen Lehre ist offensichtlich. Selbst den einfachen Priestern, die am Offenbarungszelt (der Wohnstätte des Herrn) Dienst taten, war es auf Geheiß Moses' bei Todesstrafe untersagt, den Vorhang zu lüften; also durch eigene Erkenntnis etwas in Erfahrung zu bringen.

    2 Moses 19, 21:*
    Steige hinab und befiehl nachdrücklich dem Volke, daß es zu dem Herrn nicht durchbreche, um ihn zu sehen; denn viele von ihnen müssten sonst umkommen.
    4 Moses 17, 17 -28:*
    Wer der Wohnstätte des Herrn sich nur nähert, muss sterben!
    4 Moses 3, 10:*
    "...jeder Unbefugte, der herantritt, soll getötet werden."
    ist. Da Schweigen und Verschweigen oberflächlich betrachtet ähnlich sind, wurden Mystik und okkultistische Bünde miteinander verwechselt.

  4. Das Zeitalter des Glaubens war für Mystiker lebensgefährlich. Die konfessionelle Religiosität, die das europäische Mittelalter beherrschte und die anderswo immer noch alle Macht in Händen hält, war Mystik gegenüber zwiespältig oder feindselig eingestellt. So hatten Mystiker tatsächlich etwas zu verbergen: aber nicht mystisches Wissen, sondern ihr Interesse daran; denn dafür, dass Mystik den Glauben an Dogmen hinter sich lässt, haben die Befürworter des gehorsamen Glaubens so manchen Mystiker umgebracht.


3.2. Sprechende und schweigende Religion
Ein BekenntnisBe-kennen heißt: ein Kennzeichen hinzufügen. In vielen Verben bezeichnet die Vorsilbe be- den Akt des Hinzufügens. Zum Beispiel in: bezeichnen, beurteilen, bewässern, bekleben, benennen... ist die Markierung einer Person. Markierungen dienen der Unterscheidung. Die Bedeutung des Bekenntnisses geht auf die jüdische TraditionDas Pessah-Fest feiert die erfolgreiche Markierung von Menschen zum Zwecke schützender Unterscheidung.

2 Moses 12, 3-27:*
Am Zehnten...nehme jeder ein Lamm für seine Familie... dann soll es die ganze Gemeinde Israels... schlachten! Von dem Blut sollen sie... die beiden Türpfosten... an den Häusern bestreichen, in denen man es essen wird... Ihr sollt es essen in Hast, es ist ein Pascha (ein Vorübergehen) für den Herrn. Ich will in dieser Nacht durch Ägypten schreiten, werde alle Erstgeborenen schlagen... Das Blut an den Häusern, in denen ihr weilt, soll euch zu einem Schutzzeichen sein; wenn ich das Blut sehe, dann schreite ich an euch vorüber. So wird euch kein Vertilgungsstreich treffen, wenn ich das Ägypterland schlage...
zurück. Da diese zwischen dem "lebenswerten" Volk und "nicht-lebenswerten" Menschen und Völkern unterscheidet, ist es ihr wichtig, dass sich ihre Parteigänger durch ein Bekenntnis markierenDazu gehört auch die Beschneidung..

Für die einen findet der eigentlich religiöse Akt im Schweigen statt, für die anderen beim Reden. Für die einen ist es eine Ausschau nach dem, was ihr Wesen begründet. Für die anderen ist es das Bemühen, jene Rolle zu spielen, die Ihnen von außen vorgegeben wird. Zwischen der sprechenden und der schweigenden Religion gibt es grundsätzliche Unterschiede. Sie sind so groß, dass man fragen kann, ob der gemeinsame Begriff Religion für so unterschiedliche Ausrichtungen anwendbar ist.

Inhalt und Form

Mystisch KonfessionellVon lateinisch con-fiteri = bekennen
Sucht Inhalt (Was bin ich?). Gibt Formen vor (Du sollst sein!).
Will möglichst wenig glauben. Will möglichst fest glauben.
Will das Ich vom Personsein befreien. Will das Ich als Person unterwerfen.
Hält Ausschau und schweigt. Predigt und spricht Gebete. Verkündet das Wort.
Versucht, Inhalte zu verstehen. Versucht, Ereignisse zu beeinflussen.So soll der Laie durch Predigten und Gott durch Gebete beeinflusst werden.
Betreibt Hinsichten:
Wenn ich erkenne, was ich wirklich bin, genügt es mir, nichts anderes als das zu sein, was ich entdecke.
Verfolgt Absichten:
Ich trachte danach, die Entscheidungen Gottes und mich selbst so zu verändern, dass es zu meinem Vorteil ist.
Versucht, Vorstellungsbilder zu überwinden. Legt Vorstellungsbilder fest.
Versucht, im Unbegreifbaren zu stehen. Packt Begriffliches in Worte.
Deutet die Welt holozentrischDer Mittelpunkt der Welt ist überall. (Oben ist unten und unten ist oben). Vertritt hierarchische Strukturen (Oben ist oben und unten ist unten).
Ent-kennt sich:
Ich lege keinen Wert darauf, als diese oder jene Person erkennbar zu sein. Jenseits von Gott habe ich keine bedeutsame Form.
Be-kennt sich:
Ich kennzeichne meine Person als dies oder das. Diesseits von Gott lege ich Wert auf die Form, als die ich erscheine.
Ich will das Gegebene als Gutes erkennen. Ich will von Gott als ein Guter erkannt werden.
Sucht reine Zugehörigkeit in unio mystica. Formuliert Gruppenzugehörigkeit in Abgrenzung gegenüber anderen.
Forscht und nimmt wahr. Denkt und urteilt.
Fragt, was wahr ist. Sagt, was für wahr zu halten ist.
Authentizität Rollenspiel

Wer missioniert, zeigt an, dass er vom Wesen der Religion nur wenig verstanden hat.

Der Mystiker benutzt wenig Worte, weil er das, womit er sich befasst, nur schwer in Worte fassen kann. Der Prediger verkündet Botschaften durch viele Worte; wobei es unwesentlich ist, ob er weiß, wovon er redet, weil die offiziell gültigen Inhalte der Botschaften und Worte vorgegeben sind.

Zwei Formen der Verbundenheit

Konfessionell Mystisch
Unsere Verbundenheit ist ein Bündnis Gleichgesinnter. Wir haben ein gemeinsames Selbst.

Zwei Menschen sind niemals die gleichen, aber immer Derselbe.


Hölle und Spaltung

Konfessionelle Religion bleibt dem Ego verhaftet. Sie glaubt, dass es tausend Selbste gibt. Sie spaltet die Welt in gut und böse. Sie unter­scheidet zwischen lebenswert und -unwert. Sie verkündet, dass die, die sich als unwert erweisen, in die Hölle zu verstoßen sind.

Mystik geht von einem gemeinsamen Selbst allen Lebens aus. Für Mystik gibt es keine endgültige Hölle, in dem sich ein Teil dieses Selbst von einem anderen quälen lässt. Alles Quälenwollen deutet Mystik als Folge irrtümlicher Spaltung.

3.3. Vermittler und Berater

Die mystische Erfahrung ist kein Gruppenerlebnis; so wie es zum Beispiel ein gemeinsamer Gottesdienst ist, der spezifische Rituale zelebriert. Das heißt aber nicht, dass mystische Religion eine Angelegenheit einsamer Asketen wäre. Mystik stiftet vielmehr eine Verbundenheit, die kategorisch über jede Verbundenheit hinausgeht, die Bekenntniskulte vermitteln.

Die Verbundenheit konfessioneller Religion führt zum Erleben sozialer Gemeinschaft. Zur Gemeinschaft konfessioneller Gruppen gehören Vermittler, die anderen übergeordnet sind. Sie teilen mit, was der Untergeordnete zu denken, zu tun und zu lassen hat. Im abrahamitischen Kulturkreis handeln sie angeblich im konkreten Auftrag Gottes. Solche Strukturen geben vielen Menschen Sicherheit. Sie sind geeignet, politische Verhältnisse stabil zu halten.

Die Verbundenheit mystischer Religion liegt im Erleben existenzieller Identität. Da der Mystiker das Selbst des Anderen als das eigene anerkennt, gibt es faktisch keine Hierarchie. Statt Vermittler mit Sonderstatus im Rahmen einer sozialen Organisation ist der Mystiker Berater. Er sagt nicht, was Untergebene tun sollen, sondern was Ebenbürtige tun können, um die gleiche Einsicht zu erreichen wie er selbst.

3.4. Dualismus, Geheimnis, Paranoia

Die Verwechslung von Mystik und Geheimlehre basiert auf zwei grundsätzlich unterschiedlichen theologischen Ansätzen: Monismus und Dualismus. Die dualistische Sicht spaltet zwischen Gott und Geschöpf, die monistische geht von Wesensgleich­heit aus. Mystik ist monistisch, Konfession ist dualistisch.

Wer monistisch denkt, versteht, dass Geheimlehre keine Mystik ist. Wer dualistisch denkt, riskiert sie zu verwechseln.

Man kann schweigen, um Wahrheit zu entdecken und man kann schweigen, um sie geheimzuhalten. Das eine Schweigen ist Weisheit, das andere Verblendung.

Das dualistische Bild betont die Rivalität von Menschen und Gruppen. Damit verbunden sind typische Vorstellungen über den Zugang zur Wahrheit. Wahrheit ist dem Dualismus kein Gemeingut, das Gott als Substanz seiner selbst jedem Einzelnen zwecks Erkenntnis offenlegt. Wahrheit wird im Dualismus zu einem Werkzeug der Konkurrenz. Sie wird zum Besitz derer, die von einem parteiischen Gott als Besitzer bestimmt sind. Deshalb glaubt der Okkultist, der immer dualistisch denkt, er handele in irgendeiner Weise religiös, wenn er Wahrheit geheimhält. Und er glaubt, Gott selbst verheimliche absichtlich Wahres. Der Okkultist glaubt, Gott verschlüssele Botschaften,So glaubten die Kabbalisten, im hebräischen Text der Bibel seien Botschaften versteckt, die Eingeweihte mit Methoden der sogenannten Zahlen- und Buchstabenmystik (Gematrie, Temura, Notarikon) entschlüsseln könnten. Tatsächlich ist ein solcher Denkansatz nicht mystisch, sondern esoterisch bzw. okkultistisch. damit nicht jeder sie lesen kann. Das ist paranoid.Eine ähnlich paranoide Vorstellung wäre der Glaube, die Chinesen hätten ihre Schriftzeichen mit der Absicht gestaltet, dass Nicht-Chinesen nichts verstehen. Tatsächlich versteht der Nicht-Chinese nichts, weil er nichts versteht aber nicht, weil ihm das Verständnis vorenthalten werden soll.

4. Mystik und seelische Gesundheit

Selbsterkenntnis ist der Königsweg mystischer Bemühung. Zugleich ist sie ein wesent­liches Mittel der Psychotherapie. Je nach Brennweite, mit der man sich betrachtet, kann eine Aufteilung in drei Stufen der Introspektion beschrieben werden.

Die ersten beiden Schritte der Selbsterkenntnis ermöglichen eine verbesserte Einbindung der Person ins soziale Umfeld, und damit eine Milderungen psychischer Leiden. Trotzdem bleibt auch nach der Behandlung der klassischen Neurose durch psychotherapeutische Verfahren eine Urangst bestehen, die je nach Lage der Dinge rasch in neues Leid eskalieren kann. Die Beseitigung dieser Grundangst liegt in den Händen der Mystik. Durch sie ist eine vollständige seelische Heilung erreichbar.

Eine Begegnung mit der Wirklichkeit

Unterwegs hatte sich Roon in eine Situation gebracht, in der er glaubte, sterben zu müssen. Sobald er vom unausweichlichen Ende überzeugt war, änderte sich sein Selbsterleben. Er sah sich nicht mehr als Person, die dem Tod geweiht auf einem Felsen saß. Er sah sich als das situative Ganze, in der das Schicksal seiner Person vonstatten ging. Den Felsen, das Meer, die Steilwand im Rücken, das Gleißen der Sonne, ihr Glitzern auf dem Wasser und die Hitze um sich herum empfand er als sich selbst; und da klar war, dass all das den Tod des Körpers überdauern würde, hatte der Tod seinen Schrecken eingebüßt. Da Roons persönliches Ich offensichtlich nichts mehr für ihn tun konnte, löste es sich in der Umgebung auf.

Als ein Boot kam und sich das Sterben damit erübrigte, zog sich das Ich prompt in Roons Person zurück. Es sprang auf, winkte und rief den Bootsleuten zu. Seitdem ist es wieder im Dienst für Roons persönliche Vorteile gefangen.

5. Methoden und Ziele der Mystik

Jetzt, damals und dann
Jetzt ist alle Wirklichkeit. Jeder mentale Inhalt, der sich mit Vergangenheit oder Zukunft beschäftigt, wird nicht allein durch wahrnehmbare Wirklichkeit bestimmt, sondern durch Vorstellungen, deren Ausgangpunkt Erinnerungen oder Pläne sind. Unverstellt kann Wirklichkeit nur wahrnehmen, wer Vergangenheit und Zukunft außer Acht lässt.
5.1. Ziele

Das Ziel mystischen Strebens ist das Erleuchtungserlebnis. Im westlichen Kulturkreis wird es als unio mystica bezeichnet und unter dem Einfluss der personalisierten Gottesbilder Europas als Verschmelzen von Gott und Mensch gedeutet.

Ostasiatische Kulturen messen der mystischen Erfahrung eine zentrale Bedeutung zu. Gläubige Laien und Mönche ostasiatischer Religionen... besonders des Buddhismus, Taoismus, Hinduismus und Jainismus. wenden meditative Techniken an, deren Endziel das ErleuchtungserlebnisDort als Bohdi = Erwachen, Satori = Verstehen oder Samadhi = Sammlung bezeichnet. ist. Sie tun das weit häufiger als die Gläubigen abrahamitischer Kulte.

Teils wird das Erleuchtungserlebnis als singulärer Vorgang aufgefasst, bei dem die Vermutung, dass das individuelle Ich wesensgleich mit der göttlichen Ganzheit ist, durch die mystische Erfahrung plötzlich in Gewissheit übergeht. Im Regelfall geht einem solchen Erkenntnisakt ein Prozess meditativer Übung voraus, die den Umschlag von gläubiger Vermutung in erlebnisgestützte Gewissheit vorbereitet.

Voraussetzung des vollen Erleuchtungserlebens ist die Unterscheidung von Vorstellung und Wirklichkeit. Um diese Unterscheidung bis zum letzten Schritt zu treffen, bedarf es unbedingter Achtsamkeit, da sich der Geist die mystische Verbundenheit so lebhaft vorzustellen weiß, dass die vorgestellte Verbundenheit die Erfahrung der wirklichen durch das Vorstellungsbild überdeckt.

Die tatsächliche Erfahrung der Seinsgleichheit wird nur selten erreicht. Die Ausrichtung des Selbstbilds entlang mystischer Glaubensvorstellungen und die meditative Achtsamkeit wirken jedoch - lange bevor Gewissheit erreicht wird - heilsam bei vielen seelischen Erkrankungen. Deshalb führt die Begehung mystischer Erkenntniswege auch dann zu gesteigertem Wohlbefinden, wenn das Endziel nie erreicht wird.

Erkenntnis und Nichtigkeit

Je mehr sich der Erkenntnishorizont erweitert, desto mehr verschieben sich die Relationen. Je weniger man vom Rest der Wirklichkeit weiß, desto wichtiger erscheinen die persönlichen Belange. Je mehr Komplexität man erkennt, desto deutlicher tritt die Bedeutungsarmut der eigenen Person zutage. Tatsächlich spielt sie im Kontext der Wirklichkeit eine verschwindend kleine Rolle. Ihre Bedeutung geht gegen Null.

Wachsende Erkenntnis stellt den Erkennenden damit vor die Entscheidung: Versucht er seine Bedeutungslosigkeit als Person zu verleugnen oder akzeptiert er sie? Da das Denken ein Werkzeug der Person ist, um ihre Stellung im Kosmos zu stärken, geht das Aussetzen des Denkens mit der Akzeptanz der persönlichen Bedeutungslosigkeit Hand in Hand.

5.2. Methoden

Mystik findet als schweigende Betrachtung statt. Sie ist eine kontemplativeVon lateinisch contemplare = betrachten. Haltung. Während das äußere Schweigen leicht zu verwirklichen ist, ist inneres Schweigen die zentrale Herausforderung des mystischen Übungswegs. Fast jeder trifft dabei auf große Schwierigkeiten.

Inneres Schweigen heißt Stillstand aller Denkvorgänge. In der Regel beschäftigt sich das Bewusstsein unentwegt mit den Belangen der Person. Es denkt, erinnert sich, urteilt, stellt Vermutungen an, sucht nach Rechtfertigungen für zweifelhafte Taten, diskutiert im Geiste mit Bezugspersonen, macht sich selbst, der Wirklichkeit und anderen Leuten Vorwürfe. Bei all dem gibt es einen gemeinsamen Nenner: Das auf das Interesse der Person zentrierte Bewusstsein ist davon überzeugt, dass es zum Vorteil der Person in die Wirklichkeit eingreifen müsse... und es ist so verbissen überzeugt, dass es den Vorsatz, etwas zum eigenen Vorteil zu tun, nicht fallenlassen kann. Deshalb denkt es immer weiter. Es dreht sich unaufhörlich um die beschränkte Themenwelt der eigenen Person. Es kann die Wirklichkeit nicht lassen, wie sie ist.

Mystische Befreiung heißt: aus der Umlaufbahn um den Kleinplaneten Ego auszubrechen und die Identität mit der Unendlichkeit des Raumes einzusehen. Um das zu erreichen, haben Mystiker aller Kulturkreise zahlreiche Techniken entwickelt, die je nach Temperament und Beharrlichkeit für den Einzelnen mehr oder weniger geeignet sind. Vier davon seien vorgestellt:

  1. Fokussierung der Aufmerksamkeit
  2. Offene Achtsamkeit
  3. Fokussierung des Denkens
  4. Zurückweisung des egozentrischen Denkens

Alle vier Methoden werden im Rahmen der Meditation eingesetzt. Zwei davon schulen die Wahrnehmung, zwei nutzen das Denken.

5.2.1. Fokussierung der Aufmerksamkeit

Die wohl bekannteste Art der Aufmerksamkeitsfokussierung richtet das Bewusstsein auf den Atemrhythmus aus. Sobald Gedanken aufkommen, die das Bewusstsein vom Atemvorgang ablenken - und das tun sie beharrlich -, wendet sich der Meditierende aktiv vom Denkinhalt ab und fokussiert erneut den Atem.

Anstelle des eigenen Atems kann grundsätzlich jeder anderer wahrnehmbare Vorgang oder Zustand als Meditationsobjekt verwendet werden; zum Beispiel: die Lage der Zunge im Mund, das Ticken einer Uhr, das Rauschen des Windes in den Bäumen.

5.2.2. Offene Achtsamkeit

Statt die Aufmerksamkeit aktiv auf einen Punkt zu bündeln, kann man sie auch offen lassen. Offene Achtsamkeit heißt: Ich nehme alles wahr, was auf der Lichtung des Bewusstseins auftaucht. Dabei bleibe ich Beobachter. Als Beobachter stelle ich fest, was meine Person gerade beschäftigt. Ich lasse mich aber nicht auf Denkvorgänge ein, die das aufgetauchte Thema fortentwickeln.

5.2.3. Fokussierung des Denkens

Um dem ständigen Kreisen des Denkens entgegenzuwirken, kann man es auf eine bestimmte Vorstellung ausrichten. So eine Vorstellung nennt man Mantra. Als Mantra kann jedes Wort, jeder Satz, jede Vorstellung verwendet werden. In Ostasien wird oft die Silbe OM als Mantra benutzt; oder man wählt einen Namen, der Gott oder das Göttliche bezeichnet. Die ständige Wiederholung des einen Gedankens soll das Kreisen des Denkens um egozentrische Themen verhindern. Gelingt das, steigt die Chance, dass auch der letzte Gedanke aussetzt und das Bewusstsein in einen Zustand völligen Schweigens springt.

5.2.4. Zurückweisung des egozentrischen Denkens

Eine ruppige,Wohlgemerkt:
Diese Methode ist nur für Personen mit stabilem Selbstwertempfinden geeignet.
aber effektive Variante kann die unmittelbare Zurückweisung egozentrischer Denkinhalte durch ihre gedankliche Aburteilung sein.

Wohlgemerkt

Nicht die Belange der Person an sich sind als erbärmlich aufzufassen. Als erbärmlichDas Eigenschaftswort erbärmlich ist willkürlich gewählt. Nicht für jeden ist es passend. Alternativ kommen nebensächlich, unbedeutend, bedeutungslos, unwichtig, jämmerlich, kleinkariert und andere in Betracht. Wählen Sie ein Wort, das sich für Sie am besten anfühlt. Wichtig ist, dass der Begriff nicht dazu dient, das Ego abzuwerten, sondern sich selbst aus seinen Diensten zu entlassen. zu betrachten ist die ständige Beschäftigung damit; zumindest, wenn man den Ehrgeiz hat, sich mystisch zu erleben. Die Belange der Person sind angemessen, wenn sich der Geist nicht mehr damit befasst als es der Bedeutung der Person im Ganzen zukommt.

Spirituelle Meditation betreibt die Lossagung von speziellen Zu-mir-Gehörigkeiten zugunsten einer umfassenden Zugehörigkeit.

Es ist doch so: Wäre der Meditierende mit seinem Dasein auf der Umlaufbahn des Kleinplaneten glücklich, würde er nicht meditieren. Er meditiert jedoch, weil er das Dasein in der Gefangenschaft des Kleinplaneten vor dem Hintergrund des Universums eigentlich als jämmerlich erkennt. Da er aber unter der Vormundschaft des Ego steht und das Ego die Kümmerlichkeit seines Horizonts nur widerstrebend anerkennt, sagt er das nicht offen. Dem Ich fällt es schwer, sich einzugestehen, dass es sich für die Bereitschaft, dem Ego zu dienen, verachtet.

Unterschiede
Sich Verachtung einzugestehen ist etwas anderes, als sie zu betreiben.

Bei der "Erbärmlichkeitsmeditation" beobachtet der Meditierende aufkeimende Gedanken und Impulse. Er entscheidet, ob sie egozentrischen Zielen dienen, ob sie sich also mit Vor- und Nachteil für die Person befassen.

Sein ist kein Nichtsein. Meist glauben wir, Dies zu sein heiße, das nicht zu sein. Das ist nur eine Ebene der Betrachtung. Es gibt kein Sein, das zugleich Nichtsein wäre.

Je genauer man hinschaut, desto mehr erkennt man, hinter wie vielen Gedanken das Trachten nach persönlichen Vorteilen steht. Ist das der Fall, spricht der Meditierende sein Urteil. Er sagt: Dass ich mich schon wieder damit beschäftige.... das ist erbärmlich. Dabei geht es nicht darum, Gedanken und Impulse unmittelbar zu steuern. Es gilt zu erkennen, mit welchem Selbstbild man sich identifiziert.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.