Weniger ist mehr.
Wer beharrlich über die Verhältnisse lebt, verkauft zuerst das Tafelsilber und schließlich ist er pleite.
Auszubrennen riskiert, wer zu viel nach außen und zu wenig nach innen schaut.
Das Burn-out-Syndrom zeigt sich als Erschöpfungszustand, der sowohl die körperliche Leistungsfähigkeit als auch die mentalen Funktionen betrifft. Körpernahe Symptome können alle Organsysteme betreffen:
Diagnostische Einordnung
Im Klassifikationssystem der WHO (ICD-10)Diagnose-Manual der WHO wird das Burn-out-Syndrom nicht erwähnt. Die Zuordnung ist daher unklar. Das Erscheinungsbild des Syndroms kann folgenden Erkrankungen ähneln; je nachdem ob psychische oder körperliche Symptome im Vordergrund stehen:
| Name | ICD-10 |
| Anpassungsstörung | F43.2 |
| Somatisierungsstörung | F45.0 |
Diese Zuordnungen sind jedoch nicht befriedigend, da beim Burn-out-Syndrom eine Überlastung durch Leistungsdruck als spezifische Ursache mitgedacht wird.
Plausibel erscheint daher eine Klassifikation unter:
Von gleicher Bedeutung sind psychische Symptome:
Bei einer Chronifizierung des Erschöpfungssyndroms über das Auftreten der oben genannten Symptome hinaus, ist außerdem mit schwer wiegenden Komplikationen zu rechnen: Zu nennen sind vor allem Herzinfarkt und Schlaganfall.
Die Begriffe "Burn-out" und "Erschöpfungssyndrom" weisen auf ihre Ursache hin. Das Syndrom ist eine Folge fortgesetzter Überforderung der organismischen Kraftreserven. Die Akkus sind ausgebrannt, die Quellen der Kraft überfischt.
Helfer beim Verdrängen
Der Krankheitsursache entsprechend ist der Beginn des Burn-out schleichend. Meist fängt es damit an, dass die Schlafqualität sinkt und der Nachtschlaf nicht mehr genügt, um den Energieverbrauch vom Vortag auszugleichen. Da die Last des nächsten Tages in der Folge mit geschwächter Vitalität zu bewältigen ist, entsteht ein Teufelskreis. Der Organismus greift zunehmend auf Reserven zurück. Er fängt an, sich selbst zu plündern. Bald sind die Systeme derart überdreht, dass man abends nicht mehr abschalten kann. Man liegt im Bett und ruht doch nicht. Es kreisen die Gedanken um tausend Probleme, ohne dass man einer Lösung näher kommt.
Im Grundsatz kann ein Burn-out-Syndrom jeden treffen. Jeder kann von den Notwendigkeiten des Lebens chronisch überfordert sein. Zur alleinigen Erklärung des Syndroms reicht die Belastung durch äußere Faktoren jedoch nur selten aus.
Als innere Bedingung ist oft eine Störung des Selbstbezugs zu finden, die den Patienten dazu treibt, sich an einem starren Selbstbild zu orientieren, statt sein tatsächliches Befinden zu beachten. Dem entsprechend gibt es innerseelische Muster und Bereitschaften, die das Risiko erhöhen. Dazu gehören...
In der Folge nimmt der zukünftige Patient sein Problem anfangs gar nicht wahr. Er ist so damit beschäftigt, Messlatten zu überspringen, dass er das Ziehen im Sprunggelenk verdrängt. Trotz des schleichenden Beginns wird daher das Ausgebrannt-Sein oft erst bewusst, wenn sich die Symptome aufsummieren.
Vermutlich leiden heute mehr Menschen unter Erschöpfungssyndromen als früher. Gesellschaftliche Entwicklungen, denen man sich als Einzelner nur schwer entziehen kann, tragen dazu bei:
Opfer oder Täter
Beim Burn-out-Syndrom spielen externe Faktoren eine eindeutige Rolle. Die Erschöpfung hängt mit Forderungen des Umfelds zusammen; besonders in der Arbeitswelt. Nicht selten erleben sich Betroffene daher in einer bloßen Opferrolle. Obwohl es sachlich richtig ist, die Opferkomponente zu beachten, ist es in der Therapie genau so wichtig, sich den eigenen Anteil anzusehen. Die Heilung des Burn-out-Syndroms stellt den Patienten vor zwei Fragen:
Kreisläufe
Überforderung durch Leistungsdruck und Arbeitsplatzkonflikte führt zu erhöhter psychosomatischer Labilität. Gesteigerte Labilität führt zu mehr Fehlern, zu verminderter Kommunikationsfähigkeit und Fehlzeiten. Das wiederum verschlechtert das Arbeitsklima.
Zu den gesellschaftlichen Faktoren gehört auch das Arbeitsklima. Nicht nur die Leistungsmenge, die am Arbeitsplatz gefordert wird, auch das Kommunikationsklima, in dem betriebliche Abläufe vonstatten gehen, trägt wesentlich zum Risiko bei. Zu nennen sind:
Kausalitätsbedürfnis
Missstände können wir leichter ertragen, wenn wir die Ursache zu erkennen glauben. Wenn wir wissen, woher das Leiden kommt, fühlen wir uns weniger ausgeliefert. Wissen ist eben Macht. Aus dem sogenannten Kausalitätsbedürfnis heraus, schreiben wir die Verantwortung für ein bestimmtes Leiden oft willkürlich beliebigen Ursachen zu.
Die Symptome des Burn-out-Syndroms sind von denen einer Depression kaum zu unterscheiden. Es ist daher plausibel, das Krankheitsbild als Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik aufzufassen.
Die Begriffe Anpassungsstörung und Depression legen die Verantwortung jedoch einseitig in die Hand des Patienten. Da es zum besseren Verständnis des Problems aber zweckdienlich ist, auch die äußeren Ursachen mitzubedenken, ist der Begriff Burn-out-Syndrom eine Bereicherung der diagnostischen Möglichkeiten.
Umgekehrt ist zu beachten, dass der Begriff fehlverwendet werden kann. Von der Arbeitswelt überfordert zu sein, muss nicht primär an der Arbeitswelt liegen. Es kann Folge einer depressiven Erkrankung sein, die ausschließlich der individuellen Psyche des Patienten entspringt.
Höher, schneller, weiter! So lautet die Parole der Gegenwart. Zum einen sind wir Opfer der Parole, zum anderen geben wir sie selber aus. An dem, was die Gesellschaft für richtig hält, kann der Einzelne nur wenig ändern, am eigenen Lebensstil dagegen viel. Wen die Parole der Gegenwart krank macht, findet die Heilung darin, ihr nicht zu folgen. Er kann....
Kurzum: Er kann eine Menge tun, was dazu führt, dass ihn das Äußere weniger beschäftigt und er mehr Zeit für den Blick nach innen hat.
Unmittelbare Reduktion äußerer Belastungen kann in vielen Fällen helfen. Damit die Bewältigung einer Burn-out-Krise nachhaltig wird, ist der Blick nach innen aber oftmals unentbehrlich. Erst wenn man erkennt, wieviel Mühe man sich gibt, um Anerkennung, Bestätigung und Geltung zu erreichen, kann man sich vor einem der mächtigsten Ausbeuter schützen, denen man im Leben begegnet: dem eigenen Ego.