Die Einteilung der somatoformen Störungen laut ICD-10 ist recht willkürlich. Im Grunde gehen alle Formen fließend ineinander über.

Vor der Diagnose einer somatoformen Störung empfiehlt sich eine gründliche Diagnostik.

Besonders gründlich sollte der Arzt hinschauen, wenn er sich durch die Klagsamkeit des Patienten bedrängt fühlt.

Somatoforme Störungen

  1. Gemeinsamer Nenner der somatoformen Störungen
  2. Wichtige somatoforme Störungen
  3. Ursachen und Auslöser
  4. Therapie

1. Gemeinsamer Nenner der somatoformen Störungen

Bei somatoformen Störungen erlebt der Kranke körperliche Symptome, für die keine körperliche Ursache aufgedeckt werden kann; oder aber, das Ausmaß des Leidensdrucks ist durch die geringen körperlichen Befunde, die doch bestehen, nicht erklärbar. Oft sucht der Kranke verschiedene Ärzte auf, um sich erneut untersuchen zu lassen. Typischerweise kann er beruhigende Untersuchungsergebnisse aber kaum glauben. Statt dessen ist er überzeugt, der Arzt habe etwas Wichtiges übersehen oder nehme sein Leiden nicht ernst.

Der Verlauf solcher Erkrankung ist meist chronisch. Die Symptomausprägung ist schwankend und hängt mit sozialen und zwischenmenschlichen Problemen zusammen.

Somatoforme Störungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO
Name ICD Kernsymptome
Somatisierungsstörung F45.0 Wechselnde körperliche Symptome
Undifferenzierte Somatisierungsstörung F45.1 Wie F45.0, aber unvollständige Ausprägung
Hypochondrische Störung F45.2 Besorgtes Grübeln über die Möglichkeit, an einer noch unentdeckten Erkrankung zu leiden
Somatoforme autonome Funktionsstörung F45.3 Symptomenkomplex, der einem vegetativ innervierten Organsystem zugeordnet werden kann
Somatoforme Schmerzstörung F45.4 Chronische Schmerzen
Sonstige somatoforme Störungen F45.5 Nicht an vegetatives System gebunden

2. Wichtige somatoforme Störungen

2.1. Somatisierungsstörung

Bei der Somatisierungsstörung kommt es zu häufig wechselnden körperlichen Symptomen. Sie können sich auf jeden Körperteil oder auf einzelne Organsysteme beziehen.

2.2. Hypochondrische Störung

Der Hypochonder beachtet nicht seinen Körper, sondern dessen Alarmsignale.

Bei der hypochondrischen Störung leidet der Patient weniger unter konkreten Symptomen und mehr unter seinen Befürchtungen, dass an sich harmlose Symptome auf schwere, aber noch unentdeckte Krankheiten hindeuten. Der Hypochonder neigt dazu, normale Körperwahrnehmungen, wie Herzklopfen, Darmgeräusche oder Knacken der Gelenke, als bedrohliche Vorboten des Untergangs anzusehen. Dementsprechend beobachtet er seinen Körper genau... und nimmt dadurch erst recht bedenkliche Symptome wahr.

2.3. Somatoforme autonome Funktionsstörung

Betroffene Organsysteme

Die autonome Funktionsstörung ähnelt der Somatisierungsstörung. Während die Symptome bei der Somatisierungsstörung aber wechselnder und diffuser über dem Körper verteilt sind, spricht man von einer autonomen Funktionsstörung, wenn der Patient sein Leiden auf ein spezifisches Organsystem bezogen erlebt, das vollständig der Kontrolle des vegetativen Nervensystems unterliegt.

Häufige Symptome sind:

2.4. Somatoforme Schmerzstörung

Bei der Schmerzstörung ist starker Schmerz das Leitsymptom, das alle anderen überschattet. Am häufigsten sind Kopf- und Rückenschmerzen. Es kommen aber auch Gesichtsschmerzen, Gelenk- und Gliederschmerzen sowie Leib- und Unterleibsschmerzen vor.

2.5. Sonstige somatoforme Störungen

Zu den sonstigen somatoformen Störungen zählt man Störungen, deren Art und Lokalisation nicht mit einem Versorgungsgebiet des vegetativen Nervensystems zusammenfallen. Zu nennen sind Bruxismus (Zahneknirschen), Schluckstörungen und Kloßgefühl im Hals, psychogener Juckreiz, Beschwerden rund um den weiblichen Zyklus. Auch der psychogene Schiefhals wird hier eingeordnet, obwohl seine Zuordnung zu den Konversionsstörungen schlüssiger wäre.

3. Ursachen und Auslöser

Denkbare Ursachen

Da bei den somatoformen Störungen kein körperlicher Befund erhoben werden kann, der die Beschwerden erklärt, bleibt die Diagnose grundsätzlich hypothetisch. Immerhin muss beachtet werden, dass die Medizin keineswegs alle Krankheitsprozesse bereits erschöpfend erforscht hat. Neben seelischen Ursachen sind bei somatoformen Beschwerden daher körperliche Ursachen denkbar; die bloß noch nicht erkannt sind.

Vieles deutet aber darauf hin, dass seelische und psychosoziale Faktoren eine wesentliche Rolle spielen. Zum einen findet man eine enge Verbindung zwischen Symptomintensität einerseits und dem jeweiligen Pegelstand interpersonaler Spannungen andererseits. Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Zusammenhang dem äußeren Betrachter oft plausibler erscheint, als dem Patienten selbst.

Die Fähigkeit, eigene Gefühle und Haltungen zu erkennen, wird bei psychosomatisch erkrankten Menschen durch unbewusste Ängste blockiert.

Daraus hat man den Begriff der Alexithymie (= Gefühlsleseschwäche) abgeleitet. Alexithymie benennt den Umstand, dass psychosomatisch erkrankte Menschen oft wenig Übung darin haben, ihre eigenen Emotionen, Widersprüche und Impulse "auszulesen".

Vermutlich besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der verminderten Wahrnehmung seelischer Inhalte und der verstärkten Beachtung körperlicher Phänomene. Im Sinne eines konversionsneurotischen Übertritts seelischer Konflikte auf die körperliche Ebene drückt der Patient seine seelische Not durch die Sprache der Symptome aus und vermeidet gleichzeitig, sie unverschlüsselt zu benennen.

4. Therapie

In der Therapie geht es zunächst darum, den Patienten zu ermutigen, die Symptomatik überhaupt als Folge innerseelischer Prozesse zu betrachten. Lässt er sich beharrlich darauf ein, wird sein Blick nach innen geschult und seine Selbstwahrnehmung vielschichtiger. Gelingt es ihm, seinen inneren Zwiespalt zwischen verschiedenen seelischen Motiven zu erkennen, lässt die Tendenz zu Konversion und Somatisierung nach. Aus einem gesteigerten Selbstbewusstsein heraus kann er seine jeweilige Position mit psychologischen Grundkonflikt in der Folge besser bestimmen.