Die Psychiatrie spricht von Persönlichkeitsstörungen. Der Begriff ist problematisch. Er unterstellt die Existenz einer gesunden Normpersönlichkeit, von der die gestörte Persönlichkeit grundsätzlich unterschieden werden kann. Da Personen aber Subjekte sind, ist die Definition einer Norm wissenschaftlich unkorrekt. Alternativ kann man von akzentuierten Persönlichkeiten oder Persönlichkeitsvarianten sprechen.
Persönlichkeitsstörungen fallen durch Häufung charakteristischer Verhaltensweisen auf, unter denen der Betroffene und / oder das Umfeld leidet. Obwohl Leid an sich kein hinreichendes Kriterium ist, um Krankheit zu definieren, ist der Begriff Persönlichkeitsstörung insofern passend, weil er eine Störung des Selbst- und Weltbezugs anzeigt, die durch das daraus entstehende Leid medizinisch bemerkenswert wird.
Hintergrund der Persönlichkeitsstörungen sind typische Muster im Umgang mit dem Zugehörigkeits-Autonomie-Konflikt, die einseitige Bevorzugung bestimmter Abwehrmechanismen, sowie der jeweils spezifische Umgang mit Wahrnehmungen, Gefühlsausdruck und Selbstbild.
Farbenspiele
Die Mischung der drei Grundfarben Anlage, Prägung und Entscheidungsfreiheit brachte Milliarden von Varianten hervor. Das Spiel der Wirklichkeit wird weitergehen.
Eins ist dabei sicher: Hinter jeder Variante steht die Entscheidung der Wirklichkeit, dass die Variante so sein soll, wie sie ist.
Niemals geht es darum, sich zu ändern. Immer geht es darum, sich so in Liebe anzunehmen, wie man sich gegeben ist.
Die Ursachen der Persönlichkeitsvarianten sind vielfältig. Zum einen kommt der Mensch nicht als leeres Blatt zu Welt, auf das das Leben seine Einträge macht. Tatsächlich sind wichtige Grundsteine zukünftiger Charaktermerkmale schon bei der Geburt gelegt. Zwillingsstudien zeigen bei eineiigen Zwillingen deutlich mehr charakterliche Parallelen als bei zweieiigen; wohlgemerkt auch dann, wenn die Zwillinge unmittelbar nach der Geburt getrennt wurden und in unterschiedlichen Umgebungen aufwuchsen. Offensichtlich wird vieles genetisch vemittelt.
Die Forschung hat außerdem gezeigt, dass nicht nur das Erbgut, das Eltern ihren Kindern vermitteln, eine Rolle spielt. Vielmehr wird der Ausdruck der vererbten Gene durch die Lebenserfahrungen der ElternDies wird als epigenetische Vererbung bezeichnet. selbst beeinflusst. Eltern, die einen Krieg erlebt haben, vererben eine andere Anlage als solche, die es nicht taten.
Die Entwicklung der Persönlichkeit wird stark von Erfahrungen beeinflusst. Diese Erfahrungen hängen mit den Verhaltensweisen und dem Kommunikationsklima des Umfeldes zusammen, in die ein Kind hineingeboren wird.
Je nach Art und Wucht der Prägungen, können ursprünglich angeborene Eigenschaften verstärkt, abgeschwächt, ins Gegenteil verkehrt oder in anderer Weise verändert werden.
Ob man als Kleinkind für jeden Pieps Schläge oder, egal was am Tage passierte, abends eine Geschichte vorgelesen bekam, hat weitreichende Folgen. Ein eher ängstlich-vorsichtiges Kind reagiert auf die Schläge womöglich mit gesteigerter Furcht, ein eigenwilliges womöglich mit Trotz. Oder auch der Mut des eigenwilligen Kindes wird gebrochen, sodass es entgegen der ursprünglichen Anlage ängstlich-vermeidende Züge entwickelt oder eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ.
Kollektive Weltanschauungen
Ein Kind wird nicht nur durch das individuelle Mikroklima...das seinerseits von den Persönlichkeitsstrukturen und Weltbildern der wichtigsten Bezugspersonen bestimmt wird. geprägt, dem es im unmittelbaren Umfeld ausgesetzt ist. Auch kollektive Weltanschauungen, die das kulturelle Klima weiträumig beherrschen, sind wesentlich an der Weichenstellung zwischen gesund und krank beteiligt.
Eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist unauflösbar mit der Unterscheidung zwischen wahr und unwahr verknüpft. Der Geist ist nur gesund, wenn er wahr und unwahr unbefangen unterscheidet und sich entlang überprüfbar wahrer Sachverhalte verhält.
Kollektive Weltanschauungen sind deshalb kollektiv, weil die Einheitlichkeit ihrer Sichtweisen durch Lehrsätze bewirkt wird, die nicht nur auf Überprüfbarkeit verzichten, sondern darüber hinaus die Anerkennung des Unüberprüfbaren als unbezweifelbar erzwingen.
Jede Weltanschauung, die die Zustimmung zu dogmatischen Lehrsätzen über die Struktur der Wirklichkeit verlangt, gefährdet deshalb die seelische Gesundheit derer, die sich ihrem Zugriff nicht entziehen.
Ein Kleinkind kann nicht bewusst-planend über seine Reaktionen auf die Wirklichkeit entscheiden. Obwohl seine Reaktionen instinktiv, also unbewusst erfolgen, wird das Leben es später dafür zur Verantwortung ziehen. Jedes Verhalten hat Folgen. Da man später auch jenen Folgen ausgesetzt sein wird, über deren Ursachen man nicht bewusst entscheiden konnte, fällt es uns schwer, das Leben nicht für ungerechtOb das Leben gerecht ist oder nicht, sei dahin gestellt. Selbst wenn es aber gerecht wäre, hätte der Mensch nicht das Recht, es für gerecht zu halten. zu halten.
Ebenso wie man für unbewusste Entscheidungen zur Verantwortung gezogen wird, so wird man es auch für jene, die man nach bewusster Abwägung trifft. Die Fähigkeit, Alternativen zu erkennen und sich bewusst zu entscheiden wächst nach erfolgtem Erwerb des begrifflichen Denkens in kleinen Schritten heran. Bis zur Pubertät hat sie ein erhebliches Ausmaß erreicht; und nimmt in Verlauf des Lebens in der Regel weiter zu.
Den Entscheidungen, die man aus freier Abwägung heraus willkürlich trifft, kommt daher für die weitere Entwicklung der Persönlichkeit eine zunehmend größere Bedeutung zu. Wer mit 18 entschuldigend auf die Umstände seiner Kindheit verweist, wird mehr Verständnis ernten als jemand, der es mit 48 immer noch tut.
Aufgabe oder Klotz am Bein
Am Anfang des Lebens ist man durch Umstände bestimmt. Sobald der Anteil der freien Entscheidung jedoch überwiegt, steht man vor der Wahl. Bezeichnet man die Erbschaft der Vergangenheit als Hypothek, unter deren Last man ein Leben lang zu stöhnen hat, oder begreift man sie als Aufgabe, das Beste aus dem zu machen, was vorgegeben ist. Statt das Schicksal anzunehmen und mutig zu handeln, begnügen sich viele mit der Illusion, dass das Leben ihnen eine andere Vergangenheit und ein anderes Selbstsein schuldet.
Zur Beschreibung von Persönlichkeitsvarianten gibt es eine Palette von Begriffen:
Im Folgenden werden zehn häufige Persönlichkeitsstörungen beschrieben. Typische Varianten in reiner Form sind selten. In Wirklichkeit gibt es nicht zehn Varianten, auch nicht 20 oder 100. Bei genauer Betrachtung ist vielmehr jeder Mensch einzigartig. Die Eigenschaften der typisierten Varianten gehen fließend ineinander über.
Persönlichkeitsstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.
| Name | ICD | Leitsymptom |
| Paranoide Persönlichkeit | F60.0 | Misstrauen |
| Schizoide Persönlichkeit | F60.1 | Sozialer Rückzug |
| Dissoziale Persönlichkeit | F60.2 | Rücksichtslosigkeit |
| Emotional-instabile Persönlichkeit | F60.3 | Stimmungsschwankungen |
| Histrionische Persönlichkeit | F60.4 | Theatralisches Verhalten |
| Zwanghafte Persönlichkeit | F60.5 | Perfektionismus |
| Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit | F60.6 | Übervorsicht |
| Abhängige Persönlichkeit | F60.7 | Unterordnung |
| Narzisstische Persönlichkeit | F60.8 | Selbstüberschätzung / Hochmut |
| Dysthymie / Depressive Persönlichkeit | F34.1 | Schwermut |
| Multiple Persönlichkeit | F44.81 | Erinnerungslücken / wechselhafte Verhaltensmuster |
Muster
Merkmale abhängiger Persönlichkeiten
Abhängige Persönlichkeiten überschätzen ihr Bedürfnis nach Liebe und Zugehörigkeit. Sie suchen ständig nach Bestätigung durch andere und leiden unter Trennungsangst. In der Folge stellen sie autonome Impulse zurück. Sie vermeiden Konflikte und eigene Entscheidungen. Sie fahren im Windschatten der Mutigen und sind schnell bereit, sich den Wünschen und Erwartungen anderer zu fügen. Wie brave Kinder hoffen sie auf den Schutz derer, denen sie das Feld überlassen.
Entwicklungsdynamik
Die Ursache der Abhängigkeit beginnt in der Kindheit. Statt die Risiken in Kauf zu nehmen, die Entwicklungsschritte mit sich bringen, geht der Abhängige auf Nummer sicher. Bevor er selbst etwas wagt, sucht er den Schutz Erfahrener. Statt seine Möglichkeiten auszutesten und an Erfolgen ebenso zu wachsen wie am Scheitern, verzichtet er auf neue Erfahrungen überhaupt.
Dadurch entsteht ein Mangel an eigener Lebenserfahrung, der im Laufe der Zeit immer größer wird und den Abhängigen in seiner Befürchtung bestätigt, dass andere zu mutigen Taten in der Lage sind; er selbst aber nicht.
Partnerschaft
Der abhängige Mensch sucht sich gerne einen Partner, der für ihn Entscheidungen trifft. Solange dieser Partner sein Wohl bedenkt, kann der Abhängige ein zufriedenes Leben führen, ohne dass er je tatsächlich Führung übernähme. Beachtet der Partner das Wohl des Abhängigen aber nicht, ist hilfloses Unglück vorprogrammiert; es sei denn, das brave Kind wird doch noch erwachsen und sorgt selber für sich.
Muster
Merkmale ängstlich-vermeidender Persönlichkeiten
Auch die ängstlich-vermeidende Persönlichkeit vertraut nur wenig auf die eigene Möglichkeit zur Selbstbehauptung. Auch sie sucht Zuneigung, Liebe und Schutz und reagiert beunruhigt auf kleinste Zeichen der Kritik. Während der Abhängige aber glaubt, es gebe keinen Grund mehr zur Sorge, sobald er sich der Führung eines Starken anvertraut, sorgt sich der Ängstliche immer weiter. Hinter allem, was das Leben bringt, sieht er zuerst Gefahr. Während der Abhängige Achterbahn fährt, wenn sein Partner sagt Wir machen das!, ruft der Ängstliche Um Himmels Willen, lass uns gemeinsam nach Hause gehen!
Entwicklungsdynamik
Die Entwicklungsdynamik des ängstlich-vermeidenden Lebensstils zeigt enge Parallelen zu der der Abhängigkeit. Aus einer Neigung, im Umgang mit den Gefahren des Lebens vorsichtig zu sein, wächst durch stetes Vermeiden, Umgehen und Auf-später-verschieben ein Mangel an bestärkenden Erfahrungen heran. Daraus resultieren Gefühle der Unsicherheit, der Minderwertigkeit und der Glaube daran, dass es ständig etwas Schlimmes zu befürchten gibt; dem man nur mit noch mehr Vermeidung und Vorsicht aus dem Wege gehen kann.
Partnerschaft
Bei der Wahl des Partners gerät der Ängstlich-vermeidende oft an Personen, die eigene Ängste verleugnen, die im Umgang mit der Außenwelt offensiv und streitbar sind. Solange das System im Gleichgewicht bleibt, sagt der Partner Hab keine Angst, wir machen das schon!. Kommt es in der Partnerschaft zu Spannungen, lässt der streitbare Partner seine Unzufriedenheit zuweilen am Ängstlichen aus. Aus dem Schäferhund, den der Ängstliche sich zu seinem Schutz gesucht hat, wird ein Wolf, der ihn frisst.
Muster
Merkmale depressiver Persönlichkeiten
Die depressive Persönlichkeit vermeidet ebenfalls Konflikte. Mehr als Abhängige und Ängstliche spekuliert sie jedoch auf Lohn und Dankbarkeit, wenn sie andere nicht nur bestimmen lässt, sondern deren Bedürfnissen vorauseilend dient. Sie denkt: Wer so bescheiden ist wie ich, hat sich tätige Zuwendung verdient. Bleibt der Lohn für den Verzicht auf die Vertretung eigener Interessen aus, verfällt sie in Schwermut und leidet am Undank der Welt.
Entwicklungsdynamik
Depressive Persönlichkeiten haben eine große Begabung, sich in Leiden und unerfüllte Bedürfnisse ihres Gegenübers einzufühlen. Aus dem Mitleid entspringt der Eifer, das Leiden des Anderen zu beheben. Da man für solche Taten Zuwendung und eine gewisses Maß man Dankbarkeit erwirbt, ist der Depressive schell bereit, die eigenen Interessen für das Wohl anderer zurückzustellen. Wer eine depressive Begabung hat, läuft Gefahr, sich einer altruistischen Weltanschauung zu unterwerfen oder aber einem Elternteil, das über ständiges Jammern und Klagen nach Aufmerksamkeit sucht.
Partnerschaft
Bei der Partnerwahl entscheidet sich der depressiv Strukturierte allzu oft für einen Menschen, der wie selbstverständlich glaubt, dass ihm alle Welt zu dienen hat. Ihm zuliebe verzichtet der Depressive auf den eigenen beruflichen Erfolg - was er nicht ungerne tut, weil er eh Angst hat, sich durchzusetzen -, ihm zuliebe schränkt er sich finanziell ein und wenn er sogar noch für die Schulden des Partners gebürgt hat, wird er von ihm verlassen.
Muster
Merkmale narzisstischer Persönlichkeiten
Die narzisstische Persönlichkeit glaubt, dass ihr jede Menge Liebe und Bewunderung zufällt, wenn sie begabt, leistungsfähig, selbständig und überlegen erscheint. Entweder bildet sie sich ein, genau das von jeher zu sein oder sie gibt sich Mühe, es zu werden. Bleibt die Bewunderung aus, ist ihr klar: Die anderen sind zu dumm dafür, wahre Größe gebührend zu beachten.
Entwicklungsdynamik
Narzisstisch veranlagte Menschen haben ein großes Bedürfnis nach gesellschaftlichem Erfolg und jener Unabhängigkeit, die ein solcher Erfolg oft mit sich bringt. Trafen sie in der Kindheit auf ein Umfeld, das ihnen wenig Anerkennung für erste Erfolge schenkte, haben sie die Kränkung kaum jemals als schmerzliches Erlebnis akzeptiert. Seit der Kränkung bemühen sie sich vielmehr darum, sich selbst und andere davon zu überzeugen, dass eine Missachtung ihres Wertes eigentlich unmöglich ist. Sind sie kreativ, fleißig und um den Erwerb Wert-beweisender Kompetenzen bemüht, rücken sie gesellschaftlich oft in hohe Positionen vor.
Partnerschaft
Bei der Partnerwahl gerät der Narzisst oft an einen bescheidenen Menschen, der ihn aus der Bescheidenheit heraus tüchtig bewundern kann. Insgeheim denkt der Narzisst jedoch, dass dieser Partner seiner nicht würdig ist. Begegnet er einem der wenigen Menschen, die er für ebenbürtig hält, kann es sein, dass er sich um dessen Zuwendung in ungewohnt demütiger Weise bewirbt.
Muster
Merkmale zwanghafter Persönlichkeiten
Die zwanghafte Persönlichkeit sträubt sich gegen die Verführungskraft der Welt und des Lebens an sich. Für sie riecht jede Fremdbestimmung durch die Außenwelt nach einer Unterwerfung, der man keinesfalls vertrauen kann. Im gleichen Zuge wünscht sie sich jedoch Sicherheit und Protektion; und schämt sich dann dafür. Am liebsten hätte sie daher alles unter Kontrolle. Aus Angst, es sich durch Machtansprüche mit anderen zu verderben, konzentriert sie ihre Herrschaft vordergründig auf die Welt der Dinge. Nein, es geht nicht darum, den anderen zu beherrschen, aber die Zahnpasta muss in dem Winkel zum linken Rand des Wasserhahns liegen, den der Zwanghafte als einzig richtigen Winkel ermittelt hat! Ist das denn so schwer zu begreifen?
Entwicklungsdynamik
Menschen mit zwanghaften Mustern brauchen viel Sicherheit. Statt Sicherheit aber wie der Abhängige bei anderern Leuten zu suchen, ist ihnen das zu unsicher. Zur zwanghaften Strategie gehört sowohl die genaueste Überprüfung aller Belange, für die man Verantwortung trägt, als auch die Reduktion der Zahl der Belange auf ein überschaubares Maß.
Oft gab es in der Kindheit des Zwanghaften Bezugspersonen, die in unerbetenem Ausmaß Einfluss auf ihn nehmen wollten. Die Antwort des Zwanghaften darauf war defensiv. Statt dem Angreifer auf offenem Feld zu begegnen, hat der Zwanghafte Schützengräben angelegt, die er bis zur letzten Patrone verteidigen will. Da der schlimmste Angreifer jedoch das Leben ist und dessen unermüdlicher Eifer, seine Insassen mit neuen Entwicklungen zu bombardieren, lebt der Zwanghafte in ständiger Angst, vom Trommelfeuer der Wirklichkeit zum Opfer zu fallen. Wie ist seine Antwort darauf? Defensiv! Noch mal kontrollieren, ob der Schützengraben tief genug im Boden verankert ist.
Partnerschaft
Da der sich Zwanghafte vor der eigenen Lebendigkeit fürchtet, ist er von der anderer fasziniert. So bietet er sympathischen Chaoten einen sicheren Hafen der Vernunft und nimmt durch die Ungezwungenheit seines Stellvertreters am Leben doch noch teil. Findet das Paar beim Kampf um den rechten Umgang mit Zahnpastatuben aber keinen Kompromiss, verfluchen beide den Tag, an dem sie sich begegnet sind.
Muster
Merkmale histrionischer Persönlichkeiten
Wie die narzisstische so wünscht sich auch die histrionischeDer Begriff hysterisch ist veraltet, da er umgangssprachlich abwertend benutzt wird. Persönlichkeit möglichst viel Beachtung. Während die narzisstische es jedoch durch distanzierte Überlegenheit und autonome Souveränität versucht, bleibt die hysterische (=histrionische) Persönlichkeit in der Nähe derer, denen sie gefallen will. Zugehörigkeit zählt für sie mehr als Selbstbestimmung. Daher überlässt sie sich auch gerne den Wogen der Gefühle.
Entwicklungsdynamik
Auch wenn dem Hysteriker Zugehörigkeit gefällt und ein Großteil seines Treibens auf den Erwerb von Zuwendung ausgerichtet ist, mag es es keineswegs, von außen fremdbestimmt zu werden; es sei denn, es handelt sich bei dem, was über ihn bestimmt, um flüchtige Impressionen, die seinem Spieltrieb dienen. Anders als der Zwanghafte, der Übergriffen durch den Bau von Wehranlagen begegnet, spezialisiert sich der Hysteriker darauf, einen Angreifer, der sich seiner bemächtigen will, durch ständige Wechsel der Positionen zu foppen.
Das schillernde Hin und Her des hysterischen Wesens ist zu Beginn einer Begegnung verführerisch. Wenn die Kontaktbereitschaft des Hysterikers aber oberflächlich bleibt, lässt das Interesse des Umfeld bald nach. Kann der Hysteriker das nachlassende Interesse gar nicht verkraften, entwickelt er zuweilen dissoziative Symptome, oder seine Phantasie schmückt Geschichten aus, deren Nähe zu realen Fakten in Lichtjahren gemessen wird.
Partnerschaft
Eine Partnerschaft zwischen zwei Hysterikern hält in der Regel nicht lang. Mehr Chancen auf ein dauerhaftes Jawort hat ein Zwanghaft-depressiver. Weil er zwanghaft ist, bietet er einen sicheren Boden. Dank seiner depressiven Anteile erträgt er es mit Geduld, wenn auf dem Boden zuweilen herum getrampelt wird. Als Lohn hat er immer eine bunte Blume am Revers.
Muster
Merkmale schizoider Persönlichkeiten
Die schizoide Persönlichkeit hat Angst, sich im Kontakt zu anderen zu verlieren. Lieber als auf ihre Autonomie zu verzichten, geht sie Kontakten daher aus dem Weg.
Entwicklungsdynamik
Schizoide Menschen sind oft sensibel. In der Regel haben sie verletzende Erfahrungen mit Menschen gemacht. Sie nehmen Feinheiten wahr und messen diesen große Bedeutung zu. Während Menschen schon generell nicht besonders zueinander passen, ist die Lage des Schizoiden noch schlimmer: Zwischen sich und den anderen sieht er eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Auf Verletzungen reagiert er deshalb mit Rückzug. Außerdem beschäftigt er sich gerne mit komplexen Problemen. Dabei vertieft er sich in Details und Fragestellungen, die anderen Menschen gleichgültig sind. Worüber sollte man sich also überhaupt noch unterhalten?
Der Rückzug des Schizoiden aus den alltäglichen Kontakten der banalen Geschäftigkeit führt zu einem Mangel an Erfahrungen, wie er angemessen mit all den fremden Leuten umgehen könnte, die er in der Fußgängerzone aus der Ferne beobachten kann. Aus der mangelnden Erfahrung entsteht neue Unsicherheit. Und wie anders ist man vor peinlichen Erlebnissen besser geschützt als durch weiteren Rückzug?
Partnerschaft
Partnerwahl ist für den Schizoiden ein Fremdwort. Aus der Einsamkeit heraus sehnt er sich zwar nach der Welt des Eros, wenn aber niemand kommt, der den Schizoiden trotz dessen Vorsicht seinerseits wählt, bleibt er mit seinen Phantasien über das Wesen des Eros allein.
Muster
Merkmale paranoider Persönlichkeiten
Auch die paranoideWörtlich heißt paranoid neben dem Verstand; abgeleitet von griechisch para = neben und nous = Verstand. Persönlichkeit wünscht insgeheim geliebt zu werden. In Sachen autonomer Selbstbestimmung macht sie dabei keine Kompromisse. Sie selbst hat Recht! Wer daran zweifelt, gehört zu jener Welt, die dem Paranoiden das Gute boshaft vorenthält.
Entwicklungsdynamik
Auch der Paranoide hat verletzende Erfahrungen gemacht. Statt sich wie der Schizoide aber bloß zurückzuziehen und sich selbst zu genügen, bleibt hinter dem nachtragenden Groll des Paranoiden ein lebhaftes Interesse an der Zuwendung durch andere lebendig. Resultat ist ein Gemenge aus Misstrauen, Forderungen, Feindseligkeit und dem Glauben, dass sich alles mögliche auf ihn bezieht. Da diese Haltung gehäuft neue Verletzungen nach sich zieht, wird die Weltsicht des Paranoiden aus der eigenen Dynamik heraus immer weiter verstärkt. Oft schlägt sie ins wahnhaft Psychotische um.
Partnerschaft
Paranoide Menschen leben häufig allein; zum einen, weil Einsamkeit paranoide Tendenzen fördert, zum anderen, weil das Misstrauen des Paranoiden auch enge Bezugspersonen erfasst, sobald diese sein Weltbild nicht nahtlos teilen.
Muster
Merkmale emotional-instabiler Persönlichkeiten
Die emotional-instabile Persönlichkeit, auch Borderline-Persönlichkeit genannt, ist ein Sonderfall. Wie die depressive Persönlichkeit gibt sie sich Mühe, durch Selbstverzicht und Dienstbarkeit Liebe zu verdienen. Während der Depressive sich aber erfolgreich der Verdrängung bedient, um den Misserfolg seiner Strategie zu ertragen, springt der Emotional-instabile in einem gespaltenen Selbstbild zwischen "gut" und "schlecht" hin und her. Zuerst ist er "gut", weil er dient und der Andere wird als ebenfalls "Guter" den Dienst einst mit Liebe belohnen. Bleibt die erhoffte Liebe aber aus, hält sich der Emotional-instabile für unwert und schlecht. Seine Wut lässt er wahlweise an sich selbst oder anderen aus.
Entwicklungsdynamik
Menschen mit Borderline-Strukturen wurden überdurchschnittlich häufig durch frühe Störungen geprägt. Unter frühen Störungen versteht man traumatisierende Erfahrungen, die die kindliche Psyche in den ersten zwei Lebensjahren treffen. Dadurch kommt es zur Beeinträchtigung grundlegender psychologischer Funktionen. Besonders betroffen ist die Fähigkeit, "gut" und "böse" nicht als zwei kategorisch getrennte Phänomene zu betrachten, sondern als ein fließendes Kontinuum voll kreativer Widersprüche. Wegen der mangelnden Fusion der beiden Kategorien, auch Spaltung genannt, deutet der Emotional-instabile die Welt als schwarz-weißes Raster.
Beim Versuch, in diesem kantigen Raster etwas eindeutig Gutes zu finden, eckt der "Borderliner" mehr als andere an; was ihn dazu treibt, das endgültig Gute immer enger zu definieren...und an der Enge seiner Definition erneut zu scheitern.
Partnerschaft
Die Beziehungen der Borderline-Persönlichkeit beginnen meist mit Überschwang. Endlich hat er den Partner gefunden, der selbstlos nur Gutes für ihn will. Da es solche Menschen kaum je gibt, schlägt die Begeisterung über kurz oder lang in Enttäuschung um. Dann erscheint ihm der andere nicht mehr "nur gut", sondern zweifelsfrei "schlecht" und die Beziehung endet in einer Kaskade schmerzhafter Affekte.
Muster
Merkmale dissozialer Persönlichkeiten
Die dissozialeWird auch als Antisoziale Persönlichkeit bezeichnet; oder abwertend als Psychopath. Persönlichkeit interessiert sich für ihren unmittelbaren Vorteil. Soziale Normen sind in ihren Augen Unfug, an den bestensfalls Dummköpfe glauben. Für das Wohl der anderen hat der Dissoziale keinen Blick. Dissoziale Persönlichkeiten finden sich gehäuft im kriminellen Mileu. Sie können aber auch im Wirtschaftsleben erfolgreich sein. Egal ob sie ganz unten oder ganz oben auf der Treppe stehen, führt Bestrafung bei ihnen kaum je zu echter Reue.
Entwicklungsdynamik
Kaum je kommt ein dissozialer Mensch aus einem liebenvollen Elternhaus. Meist hat er selbst Gleichgültigkeit, Gewalt und Zynismus erlebt, was ihn im Glauben stärkte, dass Moral sowieso geheuchelt ist und man sich am besten durchschlägt, wenn man enge Bindung vermeidet. Im Gegensatz zum Schizoiden verzichtet der Dissoziale aber keineswegs auf das, was er von anderen bekommen könnte. Wo sich eine passende Gelegenheit dazu ergibt, raubt er, was er haben will. Wer der Welt aber immer nur mit seinem blanken Ego gegenüber tritt, wird von dort aus Ablehnung ernten. Schon aus Stolz wird der Dissoziale an das vermeintlich Gute keine Zugeständnisse machen.
Partnerschaft
Partner betrachtet der Dissoziale nur soweit als nützlich, wie sie seinen unmittelbaren Bedürfnissen dienen. Konflikte löst er schnell mit Gewalt. Wenn Kompromisse nötig wären oder er gar Verantwortung für etwas anderes als das eigene Wohl übernehmen soll, macht er sich aus dem Staub. Die Verantwortung dafür, dass er untreu wird, schiebt er dem verlassenen Partner in die Schuhe. Irgendeinen Vorwand findet er immer.
Bei der multiplen Persönlichkeit lebt das Individuum phasenhaft unterschiedliche Ego-Varianten aus, die sich untereinander nicht als identisch anerkennen und die ihre jeweiligen Erlebnisse wechselseitigt durch Abspaltung der Erinnerung verleugnen.
Die multiple Persönlichkeit wird nicht zu den eigentlichen Persönlichkeitsstörungen gezählt, sondern zu den dissoziativen Störungen.
Muster
Je nach Lage der Dinge lebt die multiple Persönlichkeit ein anderes Ego aus. Die verschiedenen Egos, die zum Repertoire der multiplen Persönlichkeit gehören, sind auf unterschiedliche psychologische Zielsetzungen abgestimmt. Welches Ego gerade aktiv ist, hängt mit dem jeweiligen Kontext zusammen, in dem sich die Person befindet. Das Kernsymptom der multiplem Persönlichkeit liegt in der Tatsache, dass sich die unterschiedlichen Ego-Varianten nicht als ein und dieselbe Person...mit ein und demselben Erinnerungsumfang... empfinden, sondern - sofern sie voneinander Kenntnis haben - so über sich sprechen, als seien sie tatsächlich viele.
Entwicklungsdynamik
In der Vorgeschichte multipler Perönlichkeiten finden sich oft Missbrauchs- und Gewalterfahrungen. Man geht daher davon aus, dass die Abspaltung traumatisierender Erfahrungen aus dem Erinnerungsschatz und die Aufsplitterung des Selbstbildes in Zweit-, Dritt- oder Viertpersönlichkeiten, denen die abgespalteten Erlebnisse zugeordnet werden, Ausgangspunkt der multiplen Persönlichkeitsstruktur ist.
Partnerschaft
Die Partnerschaften der multiplen Persönlichkeit sind durch den Wechsel zwischen den Ego-Varianten und deren unterschiedlichen Verhaltensmustern belastet. Je nachdem, wie gründlich die multiple Persönlichkeit die Erinnerung an das abspaltet, was sie unter dem Einfluss einer anderen Variante gesagt, geleugnet, getan oder versprochen hat, kommt es zu Streit, Enttäuschung und Missverständnis.
Bei der Therapie der Persönlichkeitsstörungen muss man zwischen Grundproblem und Begleitsymptom unterscheiden. Das Grundproblem der Persönlichkeitsstörungen liegt in einem spezifischen Muster persönlicher Sichtweisen, Meinungen und Urteile über die Struktur der Wirklichkeit. Diese Sichtweisen betreffen sowohl die Außenwelt als auch die eigene Person und deren Rolle in der Welt. Sie sind teils bewusst, teils unbewusst. Aus den Sichtweisen resultiert das Verhalten, das zu Störungen führt.
Die Sichtweisen selbst und die Beziehungsstörungen, die Folge des Verhaltens sind, führen im zweiten Schritt zu Begleitsymptomen. Dazu gehören Depressionen, Ängste und Wutausbrüche, aber auch Essstörungen, Zwangserscheinungen somatiforme Störungen und Wahn.
Medikamentöse Behandlungen ändern am Grundproblem in der Regel nur wenig. Psychopharmaka können aber nützlich sein, wenn die Begleitsymptome so ausgeprägt sind, dass sie die Handlungsfreiheit des Patienten zusätzlich einschränken.
Zur Behebung des Grundproblems ist Psychotherapie das Mittel der Wahl. Ziel jeder Psychotherapie ist eine Veränderung der Sichtweisen, mit denen der Patient an das Leben herangeht. Veränderungen können sowohl durch verhaltenstherapeutische Übungsprogramme als auch durch tiefenpsychologisch-aufdeckende Verfahren erreicht werden.