"Unangenehme" Gefühle sind bittere Medizin. Wer sie nicht einnimmt, wird krank.
Die verschiedenen Strategien der Gefühlsvermeidung sind Ausgangspunkt eines großen Teils der gesamten Psychopathologie.
Je mehr man Gefühle von sich weist, desto mehr drängen sie heran.
Von Gefühlen befreit man sich, indem man sie annimmt.
Seelische Gefühle sind unmittelbare Wahrnehmungen. Sie informieren uns über das grundlegende Muster unserer Einstimmung auf die Realität. Gefühle informieren jedoch nicht nur. Sie wirken auch auf uns ein; sowohl unmittelbar als auch langfristig. Sie sind notwendige Erfahrungen im seelischen Reifeprozess. Sie steuern seelische Entwicklungen, erweitern das Bewusstsein und führen das Ich an sich selbst heran.
Unmittelbar bahnen Gefühle die Wahrscheinlichkeit bewusster Entscheidungen.
Trotz gefühlshafter Vorgaben bleibt unsere Entscheidungsfreiheit in der Regel bestehen. Das heißt: Wer Angst hat, kann trotzdem mutig sein, wer wütend ist, kann sich auf die Vernunft besinnen.
Langfristig verbessern Gefühle die Fähigkeit, komplexe Strukturen der Wirklichkeit und die eigene Position darin zu erfassen. Dies gilt vor allem für die Muster zwischenmenschlicher Bezüge. Gefühle lenken die Aufmerksamkeit nach innen. Dadurch erhöhen sie das Selbstbewusstsein. Durchlebte Gefühle steigern in der Folge die Selbstsicherheit.
Der Übergang zwischen einem gesunden Gefühlsleben und seelischer Krankheit ist meist fließend. Die Gefühle, die auch der Gesunde kennt, machen in übersteigerter Form den größten Teil der Pathologie des seelisch Kranken aus. Als krankhaft kann dabei sowohl die gesteigerte Intensität des Gefühls erlebt werden als auch die Ausschließlichkeit mit der der Kranke an bestimmte Gefühlsqualitäten gebunden scheint.
Je nachdem wie sie uns "schmecken", teilen wir Gefühle in zwei Kategorien ein: angenehme und unangenehme. Freude, Heiterkeit, Lust und Glück sind uns angenehm. Wir suchen danach. Trauer, Angst, Schuld, Scham, Langeweile und Neid ist uns unangenehm. Diesen Gefühlen geht man lieber aus dem Wege.
Abweichungen von dieser Regel kommen aber vor:
Oft teilen wir Gefühle in "gute" oder "schlechte" ein, oder aber in "positive" und "negative". Solche Einteilungen führen in die Irre. Die Einteilung in "gute und schlechte Gefühle" ist ein Resultat willkürlicher Urteile. Entspricht die Wirklichkeit unseren Wünschen, bewerten wir die entstehenden Gefühle als "gut". Ist die Wirklichkeit anders, als wir es für richtig halten, bezeichnen wir die Gefühle als "schlecht".
Tatsächlich nehmen wir eine Wirklichkeit, die nicht unseren Erwartungen entspricht, als unangenehm wahr. Das unangenehme Gefühl jedoch als "schlecht" zu bezeichnen, verführt dazu, sich davon abzuwenden. Statt der Wirklichkeit zu begegnen und durch die Begegnung zu wachsen, vermeiden wir sie.
Im Umgang mit Gefühlen hat man im Grundsatz zwei Möglichkeiten:
Gefühle anzunehmen heißt nicht, ihnen die Steuerung des eigenen Verhaltens zu überlassen. Im Gegenteil: Gefühle blind auszuagieren ist eine Variante, sich der Wahrnehmung der eigenen Gefühle zu entziehen.
Gefühle anzunehmen heißt vielmehr, sie wahrzunehmen (= sie als wahr anzunehmen) und sie vertrauensvoll in den seelischen Entwicklungsprozess eingreifen zu lassen. Am besten gelingt das, wenn man Gefühle ohne sie zu bewerten aus achtsamer Stille heraus betrachtet. Je heftiger sich Gefühle bemerkbar machen, desto besser ist es meist, sie tatenlos zu erkennen statt unter ihrem Einfluss zu handeln.