Zur Wirklichkeit gehört, was in der Lage ist, auf andere Aspekte des Wirklichen einzuwirkenGespenster sind insofern unwirklich, wie sie nicht in der Lage sind, auf die Wirklichkeit einzuwirken. Die Idee des Gespenstes gehört im Gegensatz dazu durchaus zur Wirklichkeit; und kann erhebliche Folgen haben.. Die indogermanische Wurzel, die dem Wort wirken zugrunde liegt, bedeutete flechten. Sämtliche Teile der Wirklichkeit verflechten sich durch wechselseitige Einwirkungen zu dem, was durch seine grundsätzliche Verflochtenheit zu einem Ganzen wird.
Es ist davon auszugehen, dass die Teile nicht von irgend woher kommen...also zunächst außerhalb der Wirklichkeit entstehen. und sich erst in einem zweiten Schritt zur Wirklichkeit verflechten. Vielmehr bringt die Wirklichkeit im Laufe der Zeit Aspekte hervor, die als neue Teile auftauchen und für die Dauer ihrer Existenz durchgehend im Flechtwerk der Wirklichkeit verbleiben.
Dem Ganzen der Wirklichkeit kommt daher eine ursprünglichere Realität zu, als jedem ihrer Teile.
Ferner ist davon auszugehen, dass die Qualitäten der Teile nicht zufällig so sind, wie sie sind, sondern dass sie vom Wesen der Wirklichkeit bestimmt werden. Wenn dem so ist, sind alle Teile der Wirklichkeit Ausdruck der Wirklichkeit und nicht nur deren Komponente. Alles, was wirklich ist, hat einen gemeinsamen Nenner.
Das Ich, das sich seiner selbst bewusst ist, das Bewusstsein selbst, der Vogel, dessen Flug vom Bewusstsein wahrgenommen wird sowie die gedanklichen Assoziationen und resultierenden Handlungsimpulse, die der Wahrnehmung folgen, sind Aspekte eines Prinzips.
Das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit ist ausschlaggebend für sein seelisches Befinden. Wie man sich der Wirklichkeit gegenüber verhält, hängt davon ab, von welcher Sichtweise man ausgeht. Es gibt zwei Möglichkeiten:
...gehe ich davon aus, dass mein Wesenskern vom Wesenskern der übrigen Wirklichkeit getrennt ist; oder, dass die Wirklichkeit an sich keinen Wesenskern hat, sondern als Sammelbegriff ihrer Teile zu sehen ist.
... gehe ich davon aus, dass mein Wesenskern mit dem Wesenskern der Wirklichkeit zusammenfällt.
Die Wahl zwischen den Sichtweisen hat weitreichende psychologische und soziale Folgen. Die Auswirkungen der Wahl betreffen...
Sichtweisen und ihre Folgen
| Ich bin... | ||
| Themen | Insasse der Wirklichkeit | Ausdruck der Wirklichkeit |
| Grenzen | Für den Insassen ist die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich unverrückbar. Die anderen, die Welt überhaupt, sind etwas Fremdes, das die Existenz des Insassen in Frage stellt. | Für den Ausdruck der Wirklichkeit ist die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich transparent. Die Welt um ihn herum ist zwar ein Gegensatz, der Gegensatz bezieht sich aber nur auf die Rolle, die man jeweils spielt. Im Wesentlichen besteht kein Widerspruch, sondern unauflösbare Verbundenheit. |
| Ziele | Wer nichts von dem ist, was ihn umgibt, bemüht sich, möglichst viel davon auf die eigene Seite zu bringen. Dem entsprechend konzentriert sich der Insasse auf den Vorteil der eigenen Person, deren Absicherung er als vorrangiges Ziel empfindet. Das Verhältnis zwischen Insasse und Umfeld ist von Besitzstreben, Konkurrenz und Konflikt geprägt. | Wer im Wesentlichen bereits ist, was ihm begegnet, braucht nichts davon zu haben. Es reicht, wenn er es entdeckt. Dem entsprechend wird der Kampf um Vorteil und Absicherung der Person als Facette einer umfassenden Existenz betrachtet. Das Verhältnis zwischen Ausdruck und Wirklichkeit ist von Erkenntnis und Achtsamkeit geprägt. |
| Ausrichtung | Den Insassen treibt die Frage um, ob die Welt ihn annimmt oder nicht. Deshalb richtet er den Blick nach außen. Er sucht Hinweise darauf, wie er sich anzupassen hat und Gelegenheiten, die Welt im eigenen Interesse zu formen. | Der Ausdruck geht davon aus, dass er bereits passend ist; auch dann, wenn die Person zum Umfeld radikal im Widerspruch steht. Sein Blick pendelt frei zwischen innen und außen. |
| Wertschätzung | Der Insasse neigt dazu, den Wert anderer nur dann zu achten, wenn der Andere ihm nützlich ist. Sein Verhalten bleibt selbst im Bündnis egozentrisch. Liebe wird als ein Tauschgeschäft zum wechselseitigen Vorteil aufgefasst. | Der Ausdruck der Wirklichkeit geht davon aus, dass alle anderen ebenfalls Ausdruck dieser Wirklichkeit sind. Liebe als absichtsfreie (An-)Erkenntnis des jeweils Anderen wird selbst-verständlich. |
| Grundgefühl | Der Insasse erlebt sein Dasein als bedroht. Im Leben wie im Sterben geht es um Sein oder Nichtsein. Sein Grundgefühl ist Vernichtungsangst. Im Kampf dagegen will er immer mehr. Grenzen sind für ihn bedrohlich wie der Tod an sich. Im Bemühen, sie zu überschreiten, wird er selbst zerstörerisch. | Für den Ausdruck der Wirklichkeit gibt es zwischen Leben und Tod keinen Unterschied. Grenzen hält er nicht für Feinde, sondern als gestaltende Elemente der eigenen Existenz. Sein Grundgefühl besteht aus Neugier und Gelassenheit. |
Der Mensch betrachtet die Welt aus der Sicht eines beweglichen Tieres. Das erklärt, warum sich das normale Bewusstsein der Welt gegenüber meist so verhält, als sei es Teil und nicht Ausdruck der Wirklichkeit. Als Tier trägt man das Rüstzeug der Wahrnehmung - nämlich die Sinnesorgane - stets am Körper mit sich. Dadurch entsteht der Eindruck, vom Rest der Wirklichkeit abgelöst zu sein und der Welt als einem Gegenüber zu begegnen.
Verstärkt wird der Eindruck durch die Erfordernisse der Körperlichkeit. Um den Körper zu erhalten, muss man sich auf Konkurrenz und Konflikt mit dem Umfeld einlassen. Das betont erneut den Eindruck, dass ich hier bin und das Dort zu einem Nicht-Ich gehört, mit dem ich nicht mehr zu schaffen habe, als dass ich etwas davon nehmen muss und gezwungen bin, mich gegen seine Feindseligkeit abzugrenzen.
Erst wenn ich über das unmittelbar Erkennbare hinausblicke, wird klar, dass das Auftauchen meiner Person nahtlos aus einem Netzwerk unzählbar vieler...physikalischer, chemischer, biologischer, sozialer und psychologischer... Bedingungen und Ereignisse resultiert, die sich ohne erkennbare Grenze in die gesamte Raumzeit verästeln.
Betrachte ich mich aus dieser Perspektive, bin ich kein abgetrennter Ego-Körper mehr, der bloß die eigene Sache vertritt. Ich bin Ausdruck einer umfassenden Wirklichkeit, die mein Ego genauso geschaffen hat wie all das, was diesem Ego als Nicht-ich begegnet und die den Auftrag, die Interessen des Ego zu vertreten, für die Dauer seiner Existenz an dieses Ego abgetreten hat.
Betrachtet man sich bloß als Teil der Wirklichkeit, steht man mit ihr bereits im Konflikt. Je eindeutiger man meint, dieses zu sein und nicht das, desto mehr spitzt sich die Frage zu, wer über wen entscheidet. Bestimmt die Wirklichkeit über mich oder bestimme ich über sie?
Die Folgen von Rangfolgen
Sieht man sich als Teil der Wirklichkeit, stellt man die virtuellen Kategorien von gut und böse sowie richtig und falsch schnell über die wirkliche Kategorie von wahr oder unwahr. Je weniger man aber zwischen wahr und unwahr unterscheidet, desto egozentrischer wird die Wahl zwischen gut und böse.
Betrachtet man sich als Ausdruck der Wirklichkeit, hat man nichts, was man über sie stellen könnte. Über gut und böse entscheidet man erst, wenn man wahr und unwahr unterschieden hat.
Wer zwischen wahr und unwahr redlich unterscheidet, erkennt, dass ein Urteil über gut und böse oft unmöglich ist.
Während die Wirklichkeit über wahr und unwahr sowie über sein und nicht-sein entscheidet, hat das Ich als Teil der Wirklichkeit nur wenig Handlungsmacht. Weil es sich seine Ohnmacht nur ungern eingesteht, formuliert es eine virtuelle Gegenwelt, die sich um sein Selbstbild...das seinerseits Teil des Weltbildes ist. herum gruppiert.
Mit dieser Gegenwelt widerspricht es der Bestimmungsmacht der Wirklichkeit. Statt in Demut vor der Übermacht zu erforschen, was diese als wahr oder unwahr bestimmt, beschäftigt sich die virtuelle Gegenwelt mit moralischen Fragen und persönlichen Meinungen. Dabei legt sie aus der Perspektive egozentrischer Positionen fest, was als gut oder böse sowie als richtig oder falsch zu gelten hat.
Das tägliche Leben des egozentrischen Individuums wird vom Kampf gegen die Wirklichkeit überschattet. Das egozentrische Individuum, das sich als abgegrenzte Einheit empfindet, die der übrigen Wirklichkeit gegenübersteht, formuliert ein Selbstbild, dem es die Wirklichkeit anzupassen versucht. Der Kampf um die Anpassung der Wirklichkeit an egozentrische Sichtweisen ist die zentrale Quelle jenes pathologischen LeidensEs gibt existenzielles Leid und pathologisches Leid. Existenzielles Leid ist unvermeidlich. Es entspringt den Existenzbedingungen des Daseins und fördert das Leben unmittelbar; zum Beispiel das Gefühl des Ausgesetztseins, das man erleidet, wenn man mit einer abweichenden Meinung alleine da steht. Pathologisches Leid ist Resultat menschlicher Verirrungen. Es entsteht aus falschen Vorstellungen über die Wirklichkeit und Fehlentscheidungen, die diesen Irrtümern entspringen; zum Beispiel: Um ein guter Mensch zu sein, muss ich tun, was die anderen von mir erwarten, selbst wenn es meinem Wesen widerspricht., das die Psychiatrie in diagnostische Kategorien unterteilt.
Das Weltbild, also die Sichtweise, die man der Wirklichkeit gegenüber einnimmt, entscheidet maßgeblich darüber mit, ob man seelisch gesund bleibt oder erkrankt. Mehr noch: Seelische Krankheit im eigentlichen SinneSeelische Krankheiten im eigentlichen Sinne werden hier von eigentlich körperlichen Krankheiten abgegrenzt, zu deren Symptomatik psychische Veränderungen zählen: zum Beispiel Demenzen und organische sowie endogene Psychosen. ist die Folge eines verkrümmten Weltbilds.
Grundirrtümer des neurotischen Menschen
Identitätsgefühl des gesunden Menschen
Verkrümmungen des Weltbilds entstehen durch missbräuchliche Anwendung von Abwehrmechanismen, wodurch das Ego versucht, irrige Vorstellungen über das Wesen der Wirklichkeit aufrecht zu erhalten.
Der zentrale Irrtum, der die Mehrzahl der nachfolgenden Irrtümer steuert, ist die Neigung des Menschen, sich mit dem Bild einer fest definierten PersonIch bin der und der...und nichts anderes. zu identifizieren, als die er anderen Personen und der Welt begegnet.
Die Identifikation mit dieser Person führt zu einem latent paranoiden Weltbild, aus dem heraus sich das Ich als ein vom Nicht-Ich umzingeltes Ego deutet, dessen vordringliche Aufgabe darin besteht, die konkrete Form, als die es sich betrachtet, vor dem Untergang zu retten.
Resultat dieser Sichtweise ist ein ständiger Kampf um die vermeintlich "richtige" FormHinter dem Eifer für die "richtige" Form liegt in letzter Konsequenz Todesangst. Instinktiv meint der Mensch, dass die Welt nur richtig sein kann, wenn sie das "Richtige" vor dem Untergang schützt. Da der Mensch von seiner Sterblichkeit weiß, versucht er sich durch den Sprung in die "richtige" Form zu retten. Sobald er erkennt, dass sein Wesenskern formlos ist, kann er den Untergang dessen, was aus dem Formlosen übergangsweise erscheint, mit mehr Gelassenheit ertragen..
Die meisten Kämpfe um die "richtige" Form spielen sich auf dem Boden jener psycho-sozialen Vorgänge ab, die wir als normal bezeichnen. Der Übergang vom Normalen zum anerkannt Krankhaften ist fließend. Dabei gilt: Je unauflöslicher sich eine Person mit einer bestimmten Denk- oder Sichtweise identifiziert, desto größer ist die Gefahr, dass sie eine schwere psychiatrische Symptomatik entwickelt.
Der Kampf um die "richtige" Form führt zu einem Festhalten an jeder Vorstellung, die das Ego als Grundlage der eigenen Identität definiert. Es haftet an dem, was es für richtig hält.
Jedes Festhalten an einer Vorstellung, die man als Grundlage des eigenen Identitätsgefühls definiertNicht umsonst heißt definiert soviel wie von Grenzen umgeben., führt zu einer Verminderung der existenziellen Beweglichkeit. Durch das Festhalten sucht das Ego Sicherheit. Tatsächlich erreicht es das Gegenteil.
| Folgesymptome |
| Aus der existenziellen Grundangst des Ego, das die Wirklichkeit verkennt und sich an seine Vorstellungen bindet, kann die Mehrzahl der eigentlich psychiatrischen Symptome erwachsen:
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Je mehr ich meine Beweglichkeit durch Festlegung auf bestimmte Formen verenge, desto beängstigender ist der Ideenreichtum der Wirklichkeit, wenn es darum geht, mich vor neue Probleme zu stellen. Und je eindeutiger ich festlege, wie ich sein soll und wie nicht, desto mehr muss ich darum kämpfen, das Festgelegte gegen den ständigen Wandel der Wirklichkeit zu verteidigen. Da das Ego beim Kampf gegen die Wirklichkeit auf Dauer nur verlieren kann, steuert es sich durch sein Anhaften an bestimmten Vorstellungen in eine Position unterschwellig stets gegenwärtiger Angst.
Diese Angst ist ein Nährboden aller pathologischen Ängste, die sowohl zum krankhaften Leiden an der Normalität - der Normopathie - als auch zur Entwicklung komplexer psychischer Symptome führt.
Wie ist das Problem zu lösen?
Das Festhalten an definierten Vorstellungen über die eigene Identität lässt sich lösen, indem man sich klar macht, dass Vorstellungen mentale Formen sind, die wie alle Formen, die in der Wirklichkeit auftauchen, der Vergänglichkeit unterliegen und daher keine tatsächliche Identität beschreiben können. Eine tatsächliche Identität kann nur in dem liegen, was nicht von anderen Bedingungen bestimmt werden kann. Daher ist die tatsächliche Identität des Lebens formlos.
Glauben Sie nie, dass Sie irgendetwas sind, was Sie als Dies oder Das erkennen können. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf der Suche nach sich selbst an allen Formen vorbei.