Narzissmus

  1. Ursprung des Begriffs
  2. Narzissmus als psychologischer Fachbegriff
  3. Funktionen des narzisstischen Interesses
  4. Bild und Wirklichkeit
  5. Die narzisstische Persönlichkeit
  6. Auflösung des pathologischen Narzissmus

1. Ursprung des Begriffs

Die griechische Mythologie berichtet vom Jüngling Narziss. Als Narziss sein Spiegelbild im Wasser eines Teiches sah, fand er es so schön, dass er sich prompt in das Bild verliebte. Beim Versuch, sich dem geliebten Bild zu nähern, stürzte er ins Wasser und ertrank.

2. Narzissmus als psychologischer Fachbegriff

Die Psychoanalyse hat gezeigt, dass die Selbstwertregulation eine große Rolle im Gefüge der seelischen Dynamik spielt. Sind die Grundbedürfnisse erfüllt, hat das meiste, was der Mensch tut, auch etwas mit Aufbau und Sicherung seines Selbstwertgefühls zu tun; denn nur aus dem Gefühl des eigenen Wertes heraus, ist der Mensch in der Lage, seine Interessen unbefangen und nachhaltig zu vertreten.

Angeregt durch die griechische Mythologie hat die Psychologie das Interesse des Einzelnen am eigenen Wert als Narzissmus bezeichnet.

3. Funktionen des narzisstischen Interesses

Nützliche Nebenwirkungen

Das Streben nach Steigerung des Selbstwerts spielt eine wichtige Rolle; sowohl bei der Entwicklung persönlicher Fähigkeiten als auch in der menschlichen Evolution. Um etwas zu erlernen, bedarf es oft der Mühe. Wer etwas kann, wird aber meist mit größerem Respekt behandelt als der, der nichts kann. Das Bestreben, sich diesen Respekt zu verschaffen, war eine wichtige Triebkraft. Gemeinsam mit der Neugier auf die Wirklichkeit, hat sie den Menschen vom Affenbrotbaum zur Raumstation befördert.

Das narzisstische Interesse hat soziale und psychologische Funktionen.

Soziale Funktion

Innerhalb der menschlichen Gemeinschaft hat man Vorteile, wenn man als wertvoll angesehen wird. Wer als wertvoll gilt, erntet Anerkennung und Zuwendung. Menschen sind bereit, die Interessen dessen, den sie für wertvoll halten, tatkräftig zu fördern. Man macht ihnen Platz und gesteht ihnen Rechte zu, die man anderen verweigern würde. Dafür zu sorgen, dass man als wertvoll gilt, ist daher eine nützliche Strategie zur Sicherung des Überlebens.

Psychologische Funktion

Im normalen Funktionszustand des Bewusstseins deutet sich der Mensch als eine vom Umfeld abgegrenzte Person. Als solche Person steht der Einzelne als egozentrische Einheit einer übermächtigen Wirklichkeit gegenüber, von der er glaubt, dass sie ihn über kurz oder lang beseitigen wird. Aus dem Wissen um das grundsätzliche Ausgeliefertsein an die Übermacht der Wirklichkeit entsteht eine ständige Existenzangst.

Da der Wesenskern des Menschen zeitlos ist, kann er die Aussicht auf eine zukünftige Vernichtung nicht akzeptieren. Um seiner Angst Herr zu werden, benutzt der egozentrische Mensch verschiedene Abwehrmechanismen. Die bekannsteste davon ist vermutlich die Verdrängung. Eine weitere Möglichkeit ist das Bemühen um Steigerung des Eigenwerts; denn der Mensch kann und will nicht glauben, dass etwas wirklich Wertvolles tatsächlich vernichtet werden darf.

4. Bild und Wirklichkeit

Pathologischer, also Leid erzeugender Narzissmus hat etwas mit dem Bild zu tun, von dem sich bereits der Jüngling Narziss verführen ließ. Im Gegensatz zur Wirklichkeit, sind Bilder erdachte Konstruktionen oder substanzlose Reflexe im Spiegel. Es fehlt ihnen jener Realitätsgehalt, der etwas wirklich Wertvollem inneliegen muss, um glaubhaft wertvoll zu sein.

Darin liegt das Problem dessen, der sich einem glanzvollen Selbstbild verschreibt, um der Angst vor der Vernichtung des Wertlosen zu entkommen. Beim Bestreben, sich dem Bild zu nähern, blickt der narzisstische Mensch nicht auf sich selbst, sondern auf das substanzlose Bild, dem er zu gleichen versucht. Je mehr er sich aber mit dem Bild gleichsetzt, desto mehr wird die Angst, vor der er flieht, durch die Substanzlosigkeit des Bildes geschürt.

Narzisstische Themen

5. Die narzisstische Persönlichkeit

Als narzisstische Persönlichkeiten gelten Menschen, bei denen das Bemühen um den Eigenwert mehr Raum einnimmt als beim Durchschnitt. Ein narzisstischer Mensch neigt dazu, seine Qualitäten zu betonen. Je nachdem, wie er seine Qualitäten einschätzt, führt sein narzisstisches Interesse zu verschiedenen Verhaltensmustern:

Nicht jeder, dem der Zweifel am eigenen Wert zu schaffen macht, wählt manifest narzisstische Muster, um sich vor dem Zweifel zu retten. Daher spricht die Psychologie von progressivem und von regressivem Narzissmus.

5.1. Progressiver Narzissmus

Der progressiv narzisstische Mensch ist jener, von dem eben die Rede war. Er versucht, in den Augen allerVor allem in den Augen seiner selbst... als eine Person zu erscheinen, deren Wert den anderer Personen überragt. Gegenüber Abwertungen ist er empfindlich. Entweder reagiert er verärgert, wenn das Umfeld seinen Anspruch auf besondere Wertschätzung nicht erfüllt, oder er hält das Gleichgewicht, indem er den anderen die Fähigkeit abspricht, seinen Wert überhaupt zu erkennen.

Wenn der progressiv narzisstische Mensch um seine SchwächeNämlich abhängig von Lob und Anerkennung zu sein... weiß und sie sich nicht übel nimmt, kann er ein charmanter Zeitgenosse sein, der das Umfeld durch spritzige Lebendigkeit dafür entschädigt, dass er es für unterlegen hält.

Fehlen dem progressiven Narzissten Humor und Selbsterkenntnis, empfindet ihn sein Umfeld oft als arrogant. Aus der Angst heraus, abgewertet zu werden, wertet er selbst andere ab; zuweilen in grob verletzender Weise.

5.2. Regressiver Narzissmus

Regressiv narzisstische Menschen sind oft im Umfeld der progressiven anzutreffen. Dort spielen sie die Rolle der Bewunderer. Auch den regressiven Menschen treibt insgeheim die Sehnsucht, so schön wie Narziss zu sein, sodass sich niemand der Faszination des Bildes entziehen könnte.

Im Gegensatz zum progressiven, der die Courage hat, die glanzvolle Position zu beanspruchen, fehlt es dem regressiven Narzissten aber am Glauben, dass er gegen die Konkurrenz des progressiven bestehen könnte. Indem er ihn bewundert und sich in seinem Glanz zu bewegen versucht, macht er den progressiven Narzissten zu seinem Stellvertreter.

Gehen ein progressiv und ein regressiv narzisstischer Mensch eine Partnerschaft ein, spricht man von einer narzisstischen PartnerkollusionVon lateinisch co-ludere =zusammenspielen..

6. Auflösung des pathologischen Narzissmus

Narzissmus ist ein wesentlicher Faktor im Kräftespiel der Seele. Im Grundsatz ist er keineswegs pathologisch. Erst die einseitige Betonung des Strebens nach Eigenwert schafft Leiden. Dieses Leiden wird dadurch verursacht, dass sich der narzisstische Mensch nicht sich selbst zuwendet, sondern dem Bild, dem er gleichen will. Durch den Blick zum Bild entzieht er dem Selbst die Zuwendung seiner eigenen Achtsamkeit, was zu einen verstärkten Bedürfnis nach Bestätigung führt, mit dem er sich dann ans Umfeld wendet.

Die Heilung des pathologischen Narzissmus gelingt, wenn der Betroffene den Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit zu machen lernt; und durch die Unterscheidung erkennt, dass seiner Wirklichkeit bereits mehr Wert inneliegt, als er je durch die Angleichung an glanzvolle Bilder erreichen könnte.