Ethik und Moral können zum selben Ergebnis kommen. Das Gleiche sind sie aber nicht.
Moral kann Gegenstand gesellschaftlicher Absprachen sein. Ethik entspringt dem Verständnis der inneren Wirklichkeit. Sie ist daher nicht verhandelbar.
Den Regeln der Moral schließt man sich meist an. Den Weg zu einer Ethik muss man selbst entdecken.
Man kann das Individuum nicht zum Guten zwingen, weil das Gute in der Freiheit des Individuums liegt.
Die Begriffe Ethik und Moral werden meist so verwendet, als meinten sie dasselbe. Berücksichtigt man ihren sprachgeschichtlichen Ursprung, erkennt man, dass sie auf unterschiedliche Kategorien hinweisen. Um die Auswirkung ethischer und moralischer Haltungen auf die seelische Gesundheit zu verstehen, ist die Unterscheidung unerlässlich.
Der Begriff Ethik geht auf die indogermanische Wurzel suedhos = Eigenart, Eigenheit zurück. Über das griechische Ethos = Sitte, Brauch, Charakter erreichte er die deutsche Sprache.
Oberflächlich betrachtet ist ein Verhalten bereits sittlich, wenn es den Sitten und Bräuchen jenes Zeitgeistes entspricht, aus dem heraus es als "ethisch" beurteilt wird. Der Blick auf die indogermanische Wurzel verdeutlicht jedoch, dass Ethik mehr ist als Konformität. Tatsächlich ethisch ist ein Verhalten erst dann, wenn es mit der Eigenart dessen übereinstimmt, der es ausführt.
| Ethik | Moral |
| Orientiert sich am Wesen der Person Wie ich wirklich bin... |
Orientiert sich am Selbstbild der Person und/oder an sozialen Konventionen Wie ich sein will oder sein soll... |
| Schwerpunkte: Selbsterkenntnis Wahrnehmung Selbstbestimmung |
Schwerpunkte: Selbstformung Urteil Zugehörigkeit |
| Trägt Konflikte mit Umfeld aus | Trägt Konflikte in sich selbst hinein |
| Handlung als authentischer Ausdruck des Selbst | Handlung als Resultat gezielter Absicht des Ego |
| Offener Entwicklungsprozess im Rahmen wachsender Selbsterkenntnis | Geschlossenes System definierter Regeln |
Im Gegensatz zu Ethik stammt der Begriff Moral aus dem Lateinischen. Mos (moris) hieß Sitte, Brauch, Gewohnheit. Mos wiederum geht auf die indogermanische Wurzel mo = heftig wollen zurück.
Moralisch ist ein Verhalten also dann, wenn es von einem starken Willen durchgesetzt wird. Dabei ist klar, dass sich der starke Wille, der sich zur Herrschaft über gegenläufige Impulse beauftragt sieht, auf Bewertungen beruft, die ihm das Recht zur Herrschaft zusprechen.
Moralisches Handeln entspringt der Bewertung unterschiedlicher Möglichkeiten. Welche Handlungsmöglichkeit man dabei für höherwertig hält, bestimmt das Welt- und Selbstbild, aus dem heraus man urteilt. Identifiziert man sich mit gesellschaftlichen Normen, entspricht das eigene moralische Urteil dem, was der Zeitgeist vorgibt.
Eigenwillige Personen können im Gegensatz dazu eine eigene Moral entwickeln. Diese entspricht entweder dem eigenen Wesen - dann ist sie ethisch - oder sie dient der gezielten Abgrenzung des Ego gegenüber dem Umfeld.
Ehisches Verhalten entspringt der Übereinstimmung mit sich selbst. Um überhaupt ethisch handeln zu können, muss man in der Lage sein, die eigenen Impulse in ihrer Widersprüchlichkeit zu erkennen, ohne die Erkenntnis bereits durch ein moralisches Vorurteil verdunkelt zu haben. Während moralisches Verhalten durch eine absichtliche Wahl entschieden wird, setzt Ethik auf eine wechselseitige Befruchtung von Impuls und Erkenntnis. Die Entwicklung ethischen Verhaltens fußt auf zwei Grundsätzen:
Indem man das Selbstbewusstsein durch Selbstwahrnehmung steigert, führt man durch einen Rückkopplungsprozess eine Reifung der Handlungsimpulse herbei. Diese gereiften Impulse lösen dann das ethisch korrekte Verhalten aus.
Seelische Gesundheit resultiert aus der Übereinstimmung von Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Handeln. Da Moral auf der Anwendung eines Willens beruht, der gegenläufige Impulse niederhält, erzeugt sie einen innerseelischen Konflikt. Daher sind moralische Grundsätze ein Risikofaktor für die seelische Gesundheit.
Im Gegensatz dazu bedingen sich ethisches Handeln und seelische Gesundheit wechselseitig. Wer seelisch gesund ist, handelt ethisch korrekt.
Ethisch korrektes Handeln kann jedoch zu Konflikten mit dem Umfeld führen. Wie weit ein soziales Umfeld die Individualität seiner Mitglieder respektiert, bestimmt entscheidend darüber mit, ob man sich gefahrlos am eigenen Wesen orientieren kann. So ist das Leid, das aus dem innerseelischen Konflikt erzwungener Moralität entstehen kann gegenüber dem Leid abzuwägen, das Folge ethisch bedingter Konflikte mit dem Umfeld ist.
Das Zusammenspiel von Ethik und Moral einerseits sowie dem persönlichen Wesen und dem Selbstbild andererseits ist komplex. Das zeigt beispielhaft eine Untersuchung des Problems bezüglich der Bewertung der Homosexualität.
Homosexualität ist...| Einstufung | Bedingung | |
| Unmoralisch und unethisch | Die Handlung widerspricht dem Selbstbild und/oder den gesellschaftlichen Werten. Man empfindet nicht tatsächlich homosexuell, lässt sich aber auf homosexuelle Handlungen ein, um daraus Vorteile zu ziehen. | |
| Unmoralisch aber ethisch korrekt | Man selbst und/oder die Gesellschaft verurteilen Homosexualität. Tatsächlich empfindet man aber homosexuell. Tut man es doch, ist die Tat ethisch korrekt, gälte aber als unmoralisch. | |
| Moralisch korrekt aber unethisch | Man selbst und/oder die Gesellschaft befürworten Homosexualität (z.B. altes Griechenland). Man lässt sich darauf ein, obwohl man anders empfindet. | |
| Moralisch und ethisch korrekt | Selbstbild und/oder Gesellschaft befürworten Homosexualität. Man empfindet und handelt entsprechend. |
Selbstverständlich gilt das gleiche Schema auch für andere Fragen; ob etwa das Tragen eines Kopftuchs moralisch, unmoralisch oder ethisch ist etc.