Erwartungen sind Dominanzansprüche. Erwarten Sie nichts vom Leben. Es wird Ihre Herrschaft nicht dulden. Erfüllen Sie statt dessen, was das Leben von Ihnen erwartet. Dafür wird es Sie belohnen.

Erwartungen

  1. Begriffsbestimmung
  2. Erwartungen in zwischenmenschlichen Beziehungen
  3. Folgerungen

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Erwartung setzt sich aus zwei Teilen zusammen: der Vorsilbe er- und dem Verb warten. Führt man sich vor Augen, was beide Teile bedeuten, gewinnt man Einblick ins Wesen einer problemträchtigen psychologischen Grundhaltung: der Erwartung.

Er- signalisiert als Vorsilbe den Beginn eines Geschehens oder das Erreichen eines Zweckes. Bei Verben, die mit er- beginnen, weist der auslautende Bestandteil auf das Mittel hin, durch das der Zweck erreicht wird.

Erwarten und Bewirken

Erwarten ist das Gegenteil des Bewirkens. Während die Erwartung eine passive Grundhaltung benennt, spricht das Bewirken vom aktiven Pol. Wie nicht anders zu erwarten, bewirkt das Bewirken meist mehr als das bloße Erwarten.

Dem entsprechend spricht das Wort erwarten davon, das ein Ziel, nämlich die Verwirklichung des Erwarteten durch die Tätigkeit des Wartens erreicht werden soll. Zugleich besagt das Verb, dass die Tätigkeit des Wartens mit dem Erwarten beginnt.

Warten seinerseits geht auf das Hauptwort Warte zurück. Eine Warte ist ein Ausguck, von dem aus man Ausschau hält.

2. Erwartungen in zwischenmenschlichen Beziehungen

Je enger eine Beziehung wird, desto riskanter ist es, vom Anderen etwas zu erwarten. Nicht weil der Andere zu schlecht wäreMit so jemandem sollte man eine enge Beziehung gar nicht erst eingehen..., als dass man von ihm etwas erwarten könnte. Das wird er in der Regel nicht sein. Erwartungen führen jedoch zu Passivität. Und sie vergiften Beziehungen.

Wer etwas erwartet, ist in einer Warteposition. Statt im eigenen Interesse zu handeln, erwartet er, dass andere etwas für ihn tun: sich nämlich so zu verhalten, wie es zu den unerfüllten Bedürfnissen des Wartenden passt. So macht er sich abhängig. Abhängigkeit führt zu Gefühlen der Ohnmacht und, falls das Erwartete ausbleibt, zu Wut und Frustration.

Zwei Pole des Erwartens

Erwarten ist nicht gleich erwarten. Das Warten kann aus einer passiv-ergebenen Haltung heraus geschehen. Bleibt das Erwartete aus, führt das zur Resignation. Oder dem Erwarten ist ein Bewirken-Wollen beigemischt. Dann ist das Erwarten fordernd. Aus der Forderung entstehen Konflikte.

Zwei Formen des Bewirkens

Reifes Muster Unreifes Muster
Je reifer man ist, desto mehr versucht man, Bedürfnisse und Wünsche durch eigene Fähigkeiten zu erfüllen. Je unreifer man ist, desto mehr spannt man andere für die Erfüllung von Bedürfnissen und Wünschen ein.
Im reifen Muster strebt man nach Selbständigkeit. Man wirkt aus eigener Kraft unmittelbar auf die Wirklichkeit ein. Im unreifen Muster bleibt man abhängig. Man wirkt selektivAusgewählt, einseitig. auf den Anderen ein.
Das reife Muster setzt an objektiven Tatsachen an. Das unreife Muster setzt am Subjekt des Gegenübers an.

Zwei Muster der Beziehung

Ich lasse Dich sein, wie Du bist... Ich erwarte von Dir, dass...

Etwas vom Anderen zu erwarten, führt beim Anderen zu einer Zuspitzung des psychologischen Grundkonfliks. Wer etwas erwartet, weist dem Anderen eine bestimmte Rolle zu. Da der Impuls zur Selbstbestimmung angeboren ist, aktiviert er damit Widerstand. Der Andere fühlt sich durch die Erwartung in seiner Freiheit eingeschränkt. Entweder, er verweigert das Erwartete, um seine Autonomie zu bewahren, oder er beugt sich im Interesse der Zugehörigkeit. Beugt er sich, wird er den Verlust an Autonomie an anderer Stelle in Rechnung stellen.

2.1. Kinder und Erwachsene

Kinder sind von der Hilfe ihrer Eltern abhängig. Vieles können sie nicht selbstständig erreichen. Dem entsprechend sind viele Erwartungen von Kindern an Erwachsene ein stimmiger Ausdruck ihres Wesens. Werden kindliche Erwartungen zu früh und zu drastisch enttäuscht, weil ihre Eltern von ihrer Rolle überfordert sind oder schlicht zu egoistisch, um Elternpflichten zu erfüllen, wird die kindliche Entwicklung gestört.

Statt unter dem Schutz achtsamer Eltern Mut und Selbständigkeit zu entwickeln, verlieren solche Kinder das Vertrauen in den guten Gang der Dinge. Sie werden übervorsichtig. Statt eigene Fähigkeiten auszutesten und durch ein ausgewogenes Wechselspiel von Erfolg und Scheitern persönlich auszureifen, verlassen sie sich lieber auf andere.

Die Psychologie spricht von einer Fixierung. Das Festhalten an der kindlichen Vorstellung, dass es fürsorgliche andere geben sollte, die sich um das Wohl des Fixierten kümmern, führt in einen Kreislauf, der das Problem vertieft.

Riskante Methoden der fordernden Erwartungshaltung

Statt sich auf den Erwerb eigener FähigkeitenUnd dazu gehört auch die Fähigkeit, das Unerfülltsein von Bedürfnisse gelassen hinzunehmen... zu konzentrieren, spezialisiert sich so mancher auf die Techniken der Manipulation. Wer solche Techniken gut beherrscht und ein geeignetes Gegenüber findet, das unter Trennungs­ängsten leidet, kann damit recht erfolgreich sein. Auf Dauer werden asymmetrische Beziehungen, bei denen der Eine den Anderen für seine Bedürfnisse vereinnahmt, jedoch zerrüttet.

2.2. Ansatzpunkte

Erwartungshaltungen entsprechen einer passiven Grund­position. Die fordernde ErwartungshaltungEnglisch: demanding dependency. wird aber erst durch ihre aktive Komponente wirklich problematisch. Um das Grundprinzip zu verstehen, was diese Art des Bewirken-Wollens von der unproblematischen Art unterscheidet, gilt es zwischen den zwei Polen der menschlichen Existenz zu unterscheiden.

Der Mensch ist Subjekt und Objekt zugleich. Zum Wesen des Subjekt gehört eine besondere Dynamik. Zum einen ist es den Dingen ausgeliefert, zum anderen kann es sein Wesen nur erfüllen, wenn es die Erlösung aus diesem Ausgeliefert-Sein betreibt. Daher liegt das Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Wesen der Subjektivität verankert.

Je intimer eine zwischenmenschliche Beziehung ist, desto mehr gerät sie zu einer Begegnung zweierDer Begriff zwei Subjektivitäten ist ein sprachliches Hilfskonstrukt. Tatsächlich gibt es nur ein Subjekt. In einer absolut erwartungsfreien Begegnung wird den Beteiligten die Einheit ihrer Subjektivität gewahr. Die indische Philosophie spricht von Tat tvam asi = der Andere bist Du. Subjektivitäten. Da in der intimen Beziehung aber das Subjekt angesprochen ist, wirkt die Zuweisung einer objektiven Funktion durch eine Erwartung zerstörerisch. Je intimer eine Beziehung werden soll, desto mehr muss sie das ursprüngliche So-Sein des Anderen beachten.

Definierte Rollen

Begegnen sich Menschen nicht als Subjekte, sondern liegt der Schwerpunkt auf dem objektiven Pol, dann sind Erwartungen weniger problematisch. Der Schwerpunkt liegt auf dem objektiven Pol, wenn man sich im Rahmen definierter Rollen begegnet. Dass ein Kunde vom Verkäufer Beratung erwartet, wird das Verhältnis kaum trüben, ebenso wenig wie wenn ein Kellner vom Gast erwartet, dass er die Speisen bezahlt.

Das Erläuterte zeigt zweierlei:

3. Folgerungen

Größe erhebt keinen Anspruch.

Respektieren Sie das Selbstbestimmungsrecht der anderen. Unterlassen sie alle Versuche der Manipulation und erst recht jede Drohung. Statt dem Anderen die Freiheit streitig zu machen, genau das zu tun, was er für richtig hält, nehmen Sie sich selbst die Freiheit, konsequent im eigenen Interesse zu handeln.

Grundregel

Statt die Freiheit des Anderen zu beschränken, nehmen Sie sich mehr davon. Denn: Wer die Freiheit des Anderen beschränkt, macht sich unbeliebt. Wer den Mut zu freiem Handeln hat, wird respektiert.

Beispiel

Sie sind unzufrieden mit dem Beitrag, den Ihr Partner im Haushalt leistet. Sie haben ihn darauf angesprochen, um mit ihm einen Kompromiss zu finden. Ihr Partner hält Absprachen jedoch nicht ein. Die meiste Arbeit bleibt an Ihnen hängen. Falsch wäre, über das Thema zu streiten. Besser ist, keine Hemden mehr für ihn zu bügeln.

Indem Sie die Hemden liegen lassen, sparen Sie Arbeit ein. Das gestörte Gleichgewicht des Gebens und Nehmens wird um das Gewicht des eingesparten Bügelns ausgeglichen. Indem die Hemden liegen bleiben, entstehen Tatsachen, denen Ihr Partner deutlich schwerer als beschwörenden Worten ausweichen kann. Vermutlich wird er bald aktiv.