Wer sich ständig in Nachbargärten nützlich macht, kommt irgendwann erschöpft nach Hause und stellt fest, dass der eigene brach liegt.

Das Opfer des Helfersyndroms ist stets zugleich sein Täter.

Helfersyndrom


  1. Definition
  2. Helfen als kommunikatives Grundmuster
  3. Pathologisches Helfen
  4. Vom Tauschgeschäft zur Leidensquelle
  5. Risikofaktoren
    1. 5.1. Persönlichkeitsstrukturen
      1. 5.1.1. Depressive Muster
      2. 5.1.2. Abhängige Muster
      3. 5.1.3. Borderline-Muster
    2. 5.2. Risikogruppen
  6. Symptome und Folgeerkrankungen
  7. Lösungsansätze

1. Definition

Der Begriff Helfersyndrom benennt die Neigung einer Person, sich in zwischen­menschlichen Begegnungen überwiegend als Helfer anzubieten. Der Begriff ist als Diagnose gedacht. Obwohl das "Krankheitsbild" des pathologischen Helfers gut beschreibbar ist, hat es keinen Eingang in die psychiatrischen Klassifikationssysteme (DSM und ICD) gefunden.

2. Helfen als kommunikatives Grundmuster

Einem Anderen zu helfen ist ein Grundmuster der zwischenmenschlichen Beziehungs­dynamik ohne das es keine Menschheit gäbe. Der Mensch ist Nesthocker. Er würde die ersten Lebenstage kaum überstehen, gäbe es nicht andere Menschen, die sein Überleben durch umfassende Hilfe sicherstellten.

Zwei Formen der Hilfe

Solidarische Hilfe ist primär am Nutzen dessen ausgerichtet, der die Hilfe empfängt.
Pathologische Hilfe ist an unbewussten psycho­logischen Bedürfnissen des Helfers ausgerichtet.

Die grundsätzliche Hilfsbedürftigkeit bleibt weit über das Säuglingsalter hinaus bestehen. Während die Hilfe beim Säugling das schiere Überleben sichert, rückt später der Erwerb von Kulturtechniken in den Vordergrund, deren Beherrschung es erleichtert, im sozialen Gefüge einen guten Platz zu finden.

Ohne Hilfe lernte kaum jemand lesen, schreiben oder rechnen. Viele Fähigkeiten, die über einfachen Werkzeug­gebrauch hinausgehen, lassen sich nur schwer durch bloße Nachahmung erwerben. Gezielte Hilfe beschleunigt die Übertragung nützlicher Kenntnisse enorm. Erst die Idee wechselseitigen Helfens bringt komplexe Kulturen hervor. Eine wechselseitige Hilfe, die Fähigkeiten des Helfers zur Bedürfniserfüllung des jeweils Anderen zur Verfügung stellt, ist solidarischSolidarisch ist von französisch solidaire = wechselseitig für das Ganze haftend abgeleitet. Es geht auf das lateinische solidus = echt, fest, unerschütterlich zurück. Die Wechselseitigkeit der Haftung für das Ganze kommt auch im Generationenvertrag zum Ausdruck. Das Ganze ist dabei das Wohl der familiären Gemeinschaft..

3. Pathologisches Helfen

Von der solidarischen Hilfe ist die pathologische abzugrenzen. Im Gegensatz zur solidarischen befasst sich die pathologische Hilfe nur zweitrangig mit dem Wohl des vermeintlich oder tatsächlich Hilfsbedürftigen. Das eigentliche Motiv des patho­logischen Helfers liegt in der eigenen Bedürftigkeit.

Wobei das Helfen dem Helfer hilft

Ich bin fähig. Sonst könnte ich nicht helfen.
Ich bin gut. Sonst täte ich es nicht.
Ich bin wertvoll. Denn ich nütze anderen.
Ich werde gebraucht. Auf mich kann man nicht verzichten.

Definition

Ein Helfersyndrom liegt vor, wenn der Helfer wegen eines eigenen Bedürfnisses nach Bestätigung so sehr von Dank und Zuwendung des Hilfsempfängers abhängt, dass er seine Hilfsbereitschaft auch dann nicht drosseln kann, wenn er sich ausgelaugt, ausgenutzt oder missbraucht fühlt.

Zur Position des Helfers gehören attraktive Attribute. Da man gut und fähig sein muss, um überhaupt zur helfen, kann sich ein Helfer als wertvoll empfinden. Da der Zweifel am eigenen Wert und damit die Angst vor Ausgrenzung, Schaden und Untergang ein wichtiger Motor menschlichen Handelns ist, ist die Position des Helfers ein wirksames Mittel zur Bekämpfung von Selbstwertzweifeln und eigener Lebensangst.

Wer als Helfer auftritt, lenkt Aufmerksamkeit auf sich. Der Hilfsempfänger wendet sich dem Helfer zu. Seine Zuwendung signalisiert Wertschätzung und Verbindlichkeit. Dadurch werden zwei Bedürfnisse des Helfers befriedigt:

  1. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
  2. Das Bedürfnis nach Bestätigung des Eigenwerts

Während die Befriedigung dieser Bedürfnisse bei der solidarischen Hilfe als Motiv im Hintergrund bleibt, ist sie beim pathologischen Helfen treibende Kraft. Der pathologische Helfer braucht den Bedürftigen zur Bestätigung seines eigenen Werts und zur Abwehr seiner Trennungsangst. Sein Motiv ist egozentrisch. Die psychologische Position des pathologischen Helfers ist abhängig. Er ist aufs Helfen angewiesen, weil er andernfalls aus dem Gleichgewicht gerät.

4. Vom Tauschgeschäft zur Leidensquelle

Solidarische und egozentrische Motive gehen beim Helfen fließend ineinander über. Im Einzelfall kann der Helfer durch gewissenhafte Selbstbefragung in Erfahrung bringen, wie viel eigene Bedürftigkeit sich im Akt des Helfens verbirgt. Beispiele, die egozentrische Motive beim Helfen ahnen lassen, durchsetzen den Alltag bis in alle Winkel.

Wohlgemerkt

Obwohl unangebrachte Hilfe auch dem Empfänger schaden kann, steht beim Helfersyndrom der Schaden, den der Helfer sich antut, im Vordergrund.

PathologischGriechisch pathos (παθος) = Leid ist eine Hilfe, wenn sie mehr Leid als Nutzen bewirkt.

Solange beiderlei Nutzen bei solchen Arrangements möglichen Schaden überwiegt, wird man nicht von pathologischem Helfen sprechen. Pathologisch, also Leid erzeugend, wird das Helfen erst, wenn es in der Summe dem Helfer oder dem Hilfsempfänger schadet.


Das Helfersyndrom schadet...
Helfern und Hilfsempfängern
Wegen seiner ständigen Mühe um das Wohl des Anderen verwendet der Helfer zu wenig Kraft für die Besorgung eigener Bedürfnisse. Durch die voreilige Entlastung bei Problemen verlernt der Hilfsempfänger eigene Fähigkeiten zu schulen.
Bleibt der Dank, den er für die Hilfe erntet, hinter den Erwartungen zurück, verstrickt sich der ausgelaugte Helfer oft in Vorwurf und Bitterkeit. Empfangene Hilfe und die Hoffnung des Helfers auf umfassenden Dank fördern beim Empfänger ein Schuldgefühl, unter dem er entweder leidet; oder das er zum Leidwesen des Helfers verleugnet.

5. Risikofaktoren

Zu den Risikofaktoren zählen spezifische Berufsfelder sowie Persönlichkeitsstrukturen, die gehäuft zur entsprechenden Berufswahl führen. Den Persönlichkeitsstrukturen ihrerseits liegen oft biographische Erfahrungen zugrunde, die den Eigenwert des Betroffenen infrage stellten.

5.1. Persönlichkeitsstrukturen

Das Helfersyndrom kommt in allen Bevölkerungsschichten vor. Dabei gibt es spezifische Persönlichkeitsmerkmale, die das Risiko erhöhen. Zu nennen sind:

5.1.1. Depressive Persönlichkeitsmuster

Die engste Verbindung besteht zur depressiv-strukturierten Persönlichkeitsvariante. Der Depressiv-strukturierte benutzt vornehmlich Abwehrmechanismen, deren Gebrauch schnell in eine fixierte Helferrolle einmünden kann. Dazu gehören:

Verdrängung oder Spaltung

Zwischen einer pathologischen Helferposition, die auf einer depressiven Struktur beruht und einer, der emotional-instabile Muster zugrunde liegen, gibt es einen wesentlichen Unterschied.

Der Depressiv-strukturierte verdrängt aggressive Impulse, mit denen er auf den Undank der Welt reagiert, auf Dauer. Das führt in der Folge zu einer chronisch-fluktuierenden Depressivität. Das Bild entspricht einer sogenannten Dysthymie.

Die Borderline-Persönlichkeit verdrängt aggressive Impulse nicht auf Dauer. Sie spaltet sie solange ab, wie es geht. Sobald sie nicht mehr glauben kann, dass der "Nur-Gute", dem sie alle Hilfe angedeihen ließ, tatsächlich nur gut ist, macht ihre Haltung einen radikalen Schwenk. Enttäuschte Erwartung verwandelt Opferbereitschaft in aufschäumende Wut.

Zum Repertoire des Depressiv-strukturierten gehört oft auch ein zwanghafter Zug, nämlich die...

Der zwanghafte Helfer neigt dazu, Impulse, die seiner altruistischen Grundhaltung zuwiderlaufen, durch entgegen­gesetztes Verhalten abzuwehren. Sobald der pathologische Helfer sich über ein Hilfsgesuch aus dem Umfeld eigentlich ärgert...weil er mit seiner Kraft nämlich fast am Ende ist., kann es sein, dass er sich vor der Gefahr seines Ärgers...dass der Ärger nämlich die Verbindung zum "Hilfsbedürftigen" beschädigen könnte. so sehr fürchtet, dass er stattdessen besonders fürsorglich hilft.

5.1.2. Abhängige Persönlichkeitsmuster

Als Risikofaktoren des Helfersyndroms sind in zweiter Reihe abhängige, also dependente Muster auszumachen. Der abhängige Mensch glaubt, sein Wert und die Wahl seiner Taten bedürften steter Bestätigung durch andere. Dementsprechend neigt der Abhängige dazu, sich so zu verhalten, dass andere damit einverstanden sind.

Genau das trifft auf viele Helfer zu. Wer hilft, kann damit rechnen, dass er als gut und wertvoll bestätigt wird. Wer nicht hilft, sondern desinteressiert am Wohl der anderen seinen eigenen Vorteil betreibt, muss an die Rechtmäßigkeit seines Tuns schon selber glauben. Er riskiert, dass man ihn als Egoisten erkennt. Der Egoismus des pathologischen Helfers ist im Gegensatz dazu ummäntelt.

5.1.3. Borderline-Muster (Emotional-instabile Persönlichkeit)

Was der Borderline-Persönlichkeit vor Augen kommt, hält sie entweder für absolut gut oder für absolut böse und schlecht. Die Relativität krasser Werturteile zu bedenken, ist nicht ihre Sache.

Narzisstische Muster
Es ist zwar nicht der Klassiker, aber auch narzisstische Muster können zum Helfer-Syndrom führen. Wenn sich der narzisstisch-strukturierte Helfer nämlich so gut in der Rolle des souveränen Machers gefällt, dass er gar nicht genug Hilfsbedürftige an Land ziehen kann, um sich stets auf neue zu beweisen, was er alles drauf hat.

Solange die instabile Persönlichkeit an das Gute in einem Menschen glaubt, ist sie in der Folge bereit, alles zu geben, um eine harmonische Verbindung zu dieser Person zu bewirken. Was liegt also näher, als sich für den idealisierten Anderen aufzuopfern;... damit auch der seinen Helfer als absolut gut erkennt und die ersehnte Bindung um jeden Preis erhalten will. zumindest solange, bis die Enttäuschung über dessen Undank und die Erkenntnis, dass auch er das Idealbild des absolut Guten verfehlt, alle Schranken durchbricht. Dann verwandeln sich Idealisierung und Selbstverzicht in Abwertung und Wut.

Die Neigung des emotional-instabilen Menschen, von einem Pol des Spektrums der Gefühle in den anderen zu springen, führt allerdings dazu, dass emotional-instabile Menschen nur selten berufliche Helfer werden. Dazu fehlt ihnen die Konstanz. Sie praktizieren pathologisches Helfer­verhalten bloß phasenweise und dann im persönlichen Bereich.

5.2. Risikogruppen

Am Helfersyndrom leiden viele. Doch wen wundert es? Am Helfersyndrom leiden vor allem Menschen in Helferberufen.

Helferberufe

Hilfsbedürftige

Es gibt leidende Menschen, die wirklich eines Helfers bedürfen. Es gibt aber auch solche, die sich in ihren Missständen eingerichtet haben, sodass sie die Missstände lieber hinnehmen, als sich um deren Behebung zu bemühen. So mancher ist ein guter Ökonom. Warum sollte er den eigenen Motor anwerfen, wenn von hinten jemand schiebt?


Nicht jeder muss den Ehrgeiz haben, dass sein Leben gut verläuft. Oft bleibt das bloß ein Wunsch.

Letztlich stellt fast jeder Beruf Leistungen zur Verfügung, die anderen helfen, Bedürfnisse zu erfüllen. So hilft der Bäcker bei der Bestückung eines schmackhaften Frühstücks und der Maurer zieht Wände hoch, die ohne seine fachliche Hilfe krumm aussähen. Trotzdem sind das keine Helferberufe.

Das besondere am echten Helferberuf ist die unmittelbare zwischenmenschliche Beziehungsebene, auf der die Hilfe abläuft. Der Fachbegriff für diese Berufsfelder lautet: Sozialberufler. Dazu gehören:

Die Häufung des Helfersyndroms in den genannten Berufen bedeutet nicht, dass es sich um eine Berufskrankheit handelte. Das Syndrom wird nicht durch die Struktur des Arbeitsfeldes verursacht. Vielmehr neigen Menschen mit entsprechenden psycho­logischen Mustern dazu, sich in solchen Berufen zu engagieren; obwohl die Berufe bei achtsamem Umgang mit der eigenen emotionalen und narzisstischen Bedürftigkeit durchaus auch ohne pathologische Hilfsbereitschaft zu bewältigen sind.

6. Symptome und Folgeerkrankungen

Typische Symptome des Helfersyndroms sind:

Solange ein pathologischer Helfer noch jung und energiegeladen ist, bleibt er trotz des Ungleichgewichts in seinen Beziehungen oft bei guter Laune. Wenn der Lohn für seine Selbstlosigkeit heute noch nicht eintrifft, dann kommt er eben später. Mit der Zeit laufen die Akkus aber leer. Die Erwartung eines angemessenen Honorars für die erbrachte Leistung lässt sich immer schwerer vor sich her schieben. Enttäuschung und Ärger über den Undank der Welt können nur noch mit wachsendem Aufwand verdrängt werden.

Irgendwann ist die Sollbruchstelle erreicht. Aus unterschwelliger Schwermut wird eine echte Depression. Der pathologische Helfer vermutet, dass er ein Burn-out-Syndrom entwickelt hat.

Das Drama-Dreieck

Die Transaktionsanalyse... ein psychotherapeutisches Verfahren... hat sich viel mit Beziehungsmustern befasst. Dabei hat sie das Konzept des Drama-Dreiecks entworfen. Das Konzept kann dabei helfen, der Falle pathologischer Hilfsbereitschaften zu entgehen.

Das Konzept des Drama-Dreiecks weist darauf hin, dass es zwischen drei typischen sozialen Rollen oft zu einer Dreiecksbeziehung kommt. Die besagten Rollen sind:

Nicht dass den Opfern von Verfolgern niemals Rettung gebührt. Kandidaten für ein Helfersyndrom springen aber allzu schnell auf jeden Fingerzeig von Opferrollen­spielern an.

7. Lösungsansätze

Sind Sie der Meinung, dass Sie sich bei der Unterstützung anderer chronisch verausgaben, ist Selbsterkenntnis das Mittel der Wahl. Stellen Sie sich folgende Fragen:

Machen Sie kleine Experimente. Unterlassen Sie Hilfsleistungen, die nicht eindeutig notwendig erscheinen. Wenden Sie sich schneller vom Klagen und Jammern anderer ab. Respektieren Sie das Gefühl, das dann in Ihnen aufkommt. Erleben Sie Ihre Angst, ein schlechter Mensch zu sein, der es riskiert von anderen ausgegrenzt zu werden. Unternehmen Sie nichts gegen diese Angst. Betrachten Sie sie als Ihr verleugnetes Kind, das endlich nach Hause kommen darf, ohne dass es dort vom gemeinsamen Tisch vertrieben wird.