Wahrheit ist die Substanz der Seele. Mit der Wahrheit, die sie annimmt, nimmt sie zu.

Wer immer wieder scheitert, nimmt zu wenig wahr und vermutet zu viel.

Je mehr man von sich weiß, desto besser kann man mit anderen kommunizieren.

Wenn ich sehe, bin ich ein Punkt. Wenn ich höre, bin ich der Raum. Wenn ich rieche, schmecke oder fühle, bin ich die Fläche, an der sich innen und außen berührt.

Wahrnehmung

  1. Überblick
  2. Grundformen
    1. 2.1. Mittelbare Wahrnehmung
    2. 2.2. Unmittelbare Wahrnehmung
  3. Störungen der Wahrnehmung
    1. 3.1. Körperliche Ursachen
    2. 3.2. Seelische Ursachen
  4. Das Wahre annehmen

1. Überblick

Wahrnehmung ist Grundlage seelischer Gesundheit. Sie ist die Bedingung dauerhaften Glücks. Erst wenn wir Wahres erkennen und von Wahrem ausgehen, passen unsere Entscheidungen so zur Realität, dass sie uns förderlich sind. Jede Ausrichtung des Bewusstseins an Vermutungen steigert das Risiko, dass wir an der Wirklichkeit scheitern.

Ein vollständiger Wahrnehmungszyklus besteht aus zwei Schritten:

  1. Zuerst werden Sachverhalte mittelbar oder unmittelbar erkannt. Dabei gilt es, sie von Vermutungen und Urteilen zu unterscheiden.
  2. Im zweiten Schritt wird das Wahrgenommene nicht nur als als wahr erkannt, sondern als wahr angenommen. So wird es zum Baustein der seelischen Entwicklung.

2. Grundformen

2.1. Mittelbare Wahrnehmung

Zur mittelbaren Wahrnehmung gehört, was uns durch Sinnesorgane und das körpereigene Nervensystem erreicht. Dazu zählt, was man sehen, hören, riechen, schmecken sowie durch Berührungs-, Druck-, Wärme- und Schmerzrezeptoren der Haut und des Körperinneren spüren kann. Die mittelbare Wahrnehmung informiert uns über Außenwelt und Körper.

Hauptfunktion der mittelbaren Wahrnehmumg war ursprünglich die Orientierung des Körpers im Bezug zur physikalischen und sozialen Umwelt. Mit der Entwicklung der Sprache ist besonders dem Gehörsinn eine besondere Bedeutung im sozialen Austausch zugefallen.

2.2. Unmittelbare Wahrnehmung

Für die unmittelbare Wahrnehmung sind außer dem Gehirn keine organischen Strukturen notwendig. Unmittelbar nehmen wir Gefühle, Impulse und das eigene Denken wahr.

Die Hauptfunktion der unmittelbaren Wahrnehmung besteht im Bezug zu sich selbst. Die unmittelbare Wahrnehmung richtet sich auf die Dynamik innerseelischer Prozesse aus, die uns die Psyche im Bewusstsein als wahrnehmbare Phänomene zugänglich macht.

Der Vollzug der bewussten Existenz ist ein komplexes System sich ergänzender Rückkopplungen, das auf innere und äußere Informationsquellen zugreift. Die Wahrnehmung des Selbst entscheidet wesentlich mit, wie sich das Ich im Bezug zum sozialen Umfeld verhält und verhalten kann. Da sich der Schwerpunkt des menschlichen Lebensvollzugs weg von der Auseinandersetzung mit der physikalischen Realität und hin zur Dynamik der sozialen Wirklichkeit verschiebt, kommt der unmittelbaren Wahrnehmung des Inneren eine wachsende Bedeutung zu.

Kurz gesagt: Die Aufmerksamkeit eines gesunden Tieres richtet sich nach außen. Ein Mensch bleibt nur im Gleichgewicht, wenn er einen Teil der Aufmerksamkeit nach innen lenkt.

3. Störungen der Wahrnehmung

3.1. Körperliche Ursachen

Funktionsstörungen der Sinnesorgane (Blindheit, Taubheit, neurologisch bedingte Gefühlsstörungen etc) spielen in der Psychiatrie eine untergeordnete Rolle. Immerhin ist bekannt, dass Schwerhörigkeit zu einer Häufung paranoider Erlebnisweisen führt. Wer schlecht hört, bekommt weniger mit, was andere besprechen. Ist er misstrauisch oder hat er ein brüchiges Selbstwertempfinden, vermutet er gehäuft, dass etwas gegen ihn im Gange ist.

Psychologische Experimente mit Versuchspersonen in schallisolierten, abgedunkelten und mit lauwarmen Wasser gefüllten Kontainern, haben außerdem gezeigt, dass eine extreme Abschirmung gegenüber sinnlich wahrnehmbaren Außenreizen zu Halluzinationen, also Trugwahrnehmungen führen kann.

Störungen der unmittelbaren Wahrnehmung durch körperliche Ursachen spielen dagegen eine wichtige Rolle. Zahlreiche Erkrankungen, die die Struktur oder den Stoffwechsel des Gehirns betreffen, verursachen Psychosen. Zu den wichtigsten Symptomen der Psychosen zählen Trugwahrnehmungen und Ich-Störungen.

Zu den körperlich verursachten Störungen der Wahrnehmung zählt grundsätzlich auch die Wirkung von Alkohol und Drogen. Obwohl der Wirkmechanismus solcher Substanzen am Körper ansetzt, sind die Folgen, mit denen sich die Psychiatrie befasst, eigentlich als seelisch verursacht aufzufassen; denn der Konsum von Drogen und Alkohol geht in der Regel von seelischen Ursachen aus.

3.2. Seelische Ursachen

Wahrnehmungsstörungen, die seelisch verursacht sind, beziehen sich in der Regel auf unmittelbar Wahrnehmbares, vor allem auf Gefühle und Impulse. Man spricht auch von einer Alexithymie, also vom Unvermögen, die eigenen Gefühle auszulesen. Mehr oder weniger starke Störungen der Gefühlswahrnehmung sind sehr verbreitet. Sie reichen so tief in die Normalpsychologie hinein, dass der "Normale" gelegentlich als "Normopath" bezeichnet wurde.

Zwei wichtige Ursachen für Störungen der Gefühswahrnehmung sind hervorzuheben:

Um sich unliebsame Gefühle und Impulse von Halse zu halten, setzt man eine ganze Palette psychischer Werkzeuge ein: die sogenannten Abwehrmechanismen. Ein sehr verbreiteter Abwehrmechanismus ist die Rationalisierung. Beim Rationalisieren werden Gefühle womöglich wahrgenommen, ihre Wirkung wird aber entkräftet, indem sie beurteilt und vorschnell auf Kausalzusammenhänge und vermutbare Folgen hin analysiert werden. Wer rationalisiert, bleibt zu seinen Gefühlen auf Distanz. Die Wirkung der Gefühle im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung wird gestört.

Seelisch bedingte Störungen der mittelbaren Wahrnehmung, also Störungen auf den Gebieten der Sinneswahrnehmungen gibt es ebenfalls, allerdings eher selten. Hierzu zählen psychogene Psychosen, die bei schweren seelischen Erschütterungen vorkommen oder bei extremen Spannungszuständen von Menschen mit ausgeprägten emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen von Borderline-Typ.

Unter Umständen kann man auch die selektive Wahrnehmung als seelisch bedingte Wahrnehmungsstörung auffassen. Allerdings ist sie in der Regel gesund.

Die selektive Wahrnehmung filtert die Wirklichkeit je nach Bedürfnis nach bestimmten Suchregeln. Drängt ein ehrgeiziger Vater seine Tochter jedoch ständig zum Leistungssport, ohne zu erkennen, dass das Kind ihm mit zusammengebissenen Zähnen bloß folgt, um seine Liebe zu gewinnen, könnte man durchaus von einer seelisch bedingten Wahrnehmungsstörung sprechen.

4. Das Wahre annehmen

Der Zyklus vollständiger Wahrnehmung ist nicht damit abgeschlossen, dass man einen Sachverhalt erkennt. Zur Wahr-nehmung gehört auch das An-nehmen des als wahr Erkannten. Geschieht das nicht, beobachtet man das Wahrgenommene aus der Ferne. Die heilende Wirkung, die vom Wahren ausgeht, kann bei dem, der auf Distanz bleibt, nicht wirken.

Das Annehmen des als wahr Erkannten erfordert eine bestimmte Stellungnahme. Erst, wenn man sich dem Wahren zuwendet und sich seiner Wirkung bejahend überlässt, fließt seine Kraft ungehindert in die seelische Entwickung ein.

Praktische Konsequenz: