Der Gescheite ist gescheit, weil er die Dinge zu unterscheiden weiß...
...und, weil er den Mut hat, danach zu entscheiden.
Gleich zwei mal weist der Begriff Entscheidung auf Trennung hin. Die Vorsilbe ent- entstammt dem indogermanischen and[a]- = entgegen, von etwas weg.
Jede Entscheidung ist eine GeburtGebären besteht aus zwei Teilen: der Vorsilbe Ge- = zusammen und einer Abwandlung des althochdeutschen Verbs beran = tragen.. Durch eine Geburt wird das, was zusammengehört, zusammengetragen.
Der Sinn des Scheidens muss nicht eigens erklärt werden. Die Grundbedeutung des Spaltens und Trennens leuchtet in Wörtern wie Abschied, verschieden, verscheiden, Scheidung und Holzscheid auf.
Alle Entscheidungen der Vergangenheit waren richtig.
Der Mensch macht immer das, was er für richtig hält. Zu etwas anderem ist er nicht fähig.
Ein gescheiterter Versuch zu tun, was man für falsch hält
Selbst wenn ich den Kaffee in die Tastatur kippe, um zu beweisen, dass man etwas tun kann, was man für falsch hält, tue ich das, weil ich es jetzt für richtig halte. Ich weiß zwar, dass meine Entscheidung Nachteile hat - die Tastatur wird zerstört -, ich entscheide mich aber trotzdem dazu, weil ich glaube, dass ein erbrachter Beweis mehr wert wäre als eine Tastatur. Also tue ich das, was ich für richtig halte. Der Beweis, dass ich zum Gegenteil fähig bin, ist somit nicht erbracht.
Was der Mensch für richtig hält, hängt davon ab, was er weiß und was er glaubt. Zu jedem Zeitpunkt, an dem man eine Entscheidung trifft, hat man einen bestimmten Wissensstand und ein persönliches Repertoire an Meinungen darüber, wie die Dinge sich verhalten. Aus diesem Weltbild heraus tut man das, was man für richtig hält. Selbst wenn man zum Gegenteil fähig wäre, wäre es absurd es zu tun.
Einwände
Eigentlich hielt ich es für richtig, nach Hause zu gehen. Alle haben aber gesagt, ich solle bleiben. Indem ich geblieben bin, habe ich also gemacht, was ich nicht für richtig hielt.
Nein. Denn ich hielt es für richtig, zu tun, was andere mir sagten.
Hätte ich damals dem Für und Wider mehr Beachtung geschenkt, hätte ich anders entschieden. Also wäre ich fähig gewesen, eine andere Entscheidung zu treffen, als die, die ich damals für richtig hielt.
Gewiss, aber damals hielt ich es für richtig, zu entscheiden, bevor das Für und Wider mehr beachtet war.
Dass eine Entscheidung richtig war, meint nicht, dass eine andere Entscheidung nicht bessere Folgen hätte haben können. Es sagt, dass das Weltbild dessen, der entschieden hat, mit seiner Entscheidung in Einklang stand. Insofern war es richtig, dass er die Entscheidung dem entsprechend traf.
Strafe und Gerechtigkeit
Wenn jeder nur tun kann, was er für richtig hält, sind Strafen dann gerecht? Schwer zu sagen. Vermutlich muss man soziale und existenzielle Gerechtigkeit unterscheiden.
Strafen sind als Mittel der Abschreckung notwendig. Wenn jemand Raubmord für richtig hält, dann hält er die Umsetzung womöglich für falsch, wenn ihm eine Strafe droht. Egal ob Strafen gerecht oder ungerecht sind, zum Schutz der Gemeinschaft sind sie kaum entbehrlich.
Hat sich das Weltbild geändert, weil er neue Erfahrungen gemacht hat und mehr über die Wirklichkeit weiß, kann er wohl sagen: Hätte ich heute das Gleiche zu entscheiden, entschiede ich anders. Das setzt den, der einst entschieden hat, aber nicht ins Unrecht.
Entscheidungen sind umso klüger, je besser man die Wirklichkeit beachtet. Die Wirklichkeit ist das, worüber man etwas wissen kann. Da man oft nur wenig weiß, stellt man zusätzlich Vermutungen an. Man glaubt, dass es so und so ist, obwohl es falsch sein könnte. Aus Wissen und Glauben setzt sich das Weltbild zusammen, von dem ein wesentlicher Teil aus dem Selbstbild besteht.
Das Risiko, Entscheidungen zu treffen, die man hinterher bereut, hängt vom Verhältnis zwischen Wissen und Vermuten ab. Das Risiko sinkt, wenn man den Anteil des Wissens steigert. Das Wissen wird gesteigert, indem man die Wirklichkeit beachtet. Achtsamkeit ist die Hinwendung der Sinne und des Geistes zu dem, was wahrgenommen werden kann.
Träfe man Entscheidungen ausschließlich aus gesichertem Wissen heraus, wären sie immer absolut richtig. Das Leben lässt das aber nicht zu. Ständig treffen wir Entscheidungen, deren Konsequenzen nicht absehbar sind. Die Welt ist zu komplex als dass man die Folgen jeder Entscheidung im Voraus erkennen könnte.
Viele plagen sich vor Entscheidungen damit ab, zukünftige Folgen im Detail vorauszusehen. Manchmal sind sie deshalb nicht mehr fähig, sich überhaupt noch zu entscheiden. Das liegt an der Ausrichtung ihrer Aufmerksamkeit. Sie wenden sich zu viel dem zu, was man nicht wahrnehmen kann: nämlich der Zukunft, über die sie tausend widersprüchliche Vermutungen anstellen. Und sie achten zu wenig auf das, wo tatsächlich Erkennbares zur Verfügung steht: die Gegenwart.
Kaum jemand entkommt der Reue. Kaum jemand schafft es, sich immer so zu entscheiden, dass er niemals an einer einmal getroffenen Entscheidung zweifelt. Eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass man Fortschritte macht.
Statt sich dafür zu verachten, dass man früher nicht achtsamer entschieden hat, ist es besser, heute darauf zu achten, dass man es tut.
Nur wer die eigene Vergangenheit respektiert, übernimmt die volle Verantwortung für sein Hier-und-Jetzt.
Was ist aber zu tun, wenn man auf die Folgen einer Entscheidung trifft, die man bereut? Reue ist ein unangenehmes Gefühl. Es setzt sich aus Schuld und Trauer zusammen. Manchmal sind auch Scham und Ärger dabei.
Aus dem Ärger, mit schmerzhaften Konsequenzen konfrontiert zu sein, entspringt oft ein Abwehrmuster, das wenig Sinn macht. Man neigt dazu, die Schuld am Schaden, für den das Schicksal einen haftbar macht, dem vorzuwerfen, der die Entscheidung traf. In gewissem Sinne ist man das ja selbst. Tatsächlich ist es aber jener, der man einmal war.
Die Vergangenheit ist eine virtuelle Welt. Sie existiert nicht wirklich. Sobald man Schuld in diese virtuelle Welt verschiebt, missachtet man die Gegenwart.
Was können Sie also tun?