Wenn Klaus Meier sagt: Ich bin Klaus Meier, dann glaubt er, dass er alles, was ihn ausmacht, benennt. Das ist normal. Aber ist es auch gesund?

Psychische Normalität

  1. Begriffe
  2. Psychische Normalität und seelische Gesundheit
  3. Maßstäbe
  4. Der ganz normale Wahnsinn...
  5. ...und der zwanghafte Charakter des Denkens

1. Begriffe

NormalitätVon lateinisch norma = Regel, Richtschnur. ist ein statistisches Maß. Das durchschnittliche Verhalten der Mehrzahl einer Bevölkerung wird als normal bezeichnet. Ein Mensch gehört zu "den Normalen", wenn sein Verhalten dem der meisten ähnelt. Das Maß des Normalen liegt außerhalb von ihm selbst.

Gesund geht auf das germanische [ga]sunda = stark, kräftig zurück. Kraft und Stärke sind Eigenschaften, die innerhalb dessen verankert sind, der sie trägt. Das Maß des Gesunden liegt in ihm selbst.

2. Psychische Normalität und seelische Gesundheit

Namen

Namen wählt man nicht selbst. Sie werden von außen vergeben. Zunächst dienen Sie anderen zur Kennzeichnung einer aufkeimenden Person. Später übernimmt man sie selbst. Die Übernahme des Namens bündelt den Blick auf die Person, die durch den Namen gekenn­zeichnet wird. Als definierteVon lateinisch: definire = abgrenzen. Rolle im sozialen Umfeld ist die Person auf sich beschränkt. Tatsächlich ist man aber namenlos. Der Name ist ein Beiwerk, der nicht zu einem selbst gehört.

Bei der Beurteilung seelischer Gesundheit ist es üblich, das Normale im statistischen Sinne zugleich als Norm des Gesunden aufzufassen. Verhält sich jemand abweichend vom Durchschnitt, heißt es: Der ist ja nicht normal. Spricht man so, klingt darin der Gedanke an, dass der Nicht-Normale sie nicht mehr alle hat. Mit dem Nicht-mehr-alle-haben sind die Regeln des Norm­verhaltens gemeint, die dem Nicht-Normalen abhanden gekommen sind.

Die Untersuchung der Begriffe hat ergeben, dass Gesundheit und Normalität zwei verschiedene Kategorien sind. Der eine verweist auf äußere Angleichung, der andere auf innere Resonanz. Also gibt es zwei Maßstäbe, an denen das eine und das andere gemessen wird. Normalität kann ungesund sein.

3. Maßstäbe

Was das Normverhalten der Mehrheit normiert, ist deren einheitliche Ausrichtung an einem egozentrischen Weltbild. Der normale Mensch geht davon aus, dass es zu einer egozentrischen Selbstdefinition keine sinnvolle Alternative gibt. Jeder ist sich selbst der Nächste. So heißt es. Dabei wird jedoch verkannt, dass zwischen dem Selbst, dessen Nächster man sein könnte und der Person, deren Interessen man als Ego vertritt, eine Lücke klafft.

Normalerweise glauben wir, dass der Horizont unserer Person uns selbst vollständig umfasst. Dem entsprechend zielt unser Tatendrang fast vollständig darauf ab, der eigenen Person Vorteile zu besorgen und ihr Nachteile vom Leibe zu halten. 95 Prozent dessen, was wir tun, stimmt mit egozentrischen Absichten überein.

AltruismusVon lateinisch alter = der Andere. Altruismus bezeichnet die Ausrichtung des Handelns an den Interessen anderer. als absichtliche Leitschnur des Handelns ist eine Erscheinungsform eines umfassenden Egoismus. Da Menschen in Gemeinschaft leben, endet schiere Rücksichtslosigkeit gegenüber allen anderen meist übel. Der klugeOhne dass darin eine böse Absicht steckte ist absichtliches Gutsein eine Taktik, die egozentrischem Denken nicht prinzipiell widerspricht. Egoist ist einer, der die Interessen anderer mitbesorgt. Nur dann empfängt er die nährenden Sympathien der Gemeinschaft. Ein Egoist bleibt er damit aber allemal.


Die Befreiung aus den Grenzen des Ego erklärt selbstloses Wohlmeinen nicht zum Ziel. Sie bringt es mit sich.

Egoistischer Altruismus

95 Prozent? Ist das nicht zu pessimistisch?

Und doch: Genau betrachtet sind es mindestens 95 Prozent. Dem Ego ist so leicht nicht zu entkommen.

Es ist nun mal so: Selbst Weltanschauungen, die Altruismus ausdrücklich propagieren, begründen es mit dem unfassbaren Gewinn, der der "selbstlosen Person" im Jenseits winkt. Und jene die für solidarische Gemeinschaftlichkeit auf Erden kämpfen, gehen selbstverständlich davon aus, dass auch sie Nutznießer des Glücks einer solchen Gesellschaft wären.

Deshalb sei es ein zweites Mal gesagt: Dem Ego ist so leicht nicht zu entkommen. Fast alles was wir tun, hat den eigenen Vorteil zum Ziel; auch wenn man den der anderen dabei mitdenkt.

Der Maßstab der Normalität ist in jener Rolle verankert, die man normalerweise im sozialen Umfeld spielt: dem Ego. Die Aufgabe des Ego ist es, als Anwalt der Person deren Vorteile zu vertreten. Dazu befasst es sich mit zweierlei: Es bewertet vergangene Erlebnisse und versucht, die Wirkungen anstehender Entscheidungen vorauszusehen. Mit der Gegenwart befasst sich das Ego nur nebenbei. Es deutet sie als Trampelpfad in ein glückliches Dort-und-Dann. Um seine Arbeit gut zu machen, vereinnahmt es das Bewusstsein möglichst ganz.

Inhalt des Normalen sind Gedanken über Damals, Dort und Dann.

Inhalt des Gesunden ist die Wirklichkeit des Hier-und-Jetzt.

Hoffnungen

Im Hier-und-Jetzt begegnen wir Leid. Daher bezweifeln wir, dass sich die Anwesenheit in der Gegenwart tatsächlich lohnt. In der Hoffnung auf das gelobte Land entwerfen wir ein Dort-und-Dann. Die Gegenwart, die wir zum Jammertal erklären, würdigen wir nur eines abschätzenden Blickes; um festzustellen, was man von ihr als Baumaterial fürs Dort-und-Dann verwerten kann. Die Hoffnung auf ein gelobtes Land, in dem sich Anwesenheit angeblich erstmals lohnt, festigt eine Kultur der Wirklichkeitsmissachtung.

Tatsächlich befindet man sich niemals im Dort-und-Dann. Die Erinnerungen und Pläne, mit denen sich das Ego befasst, sind nur ein schwacher Abklatsch dessen, worin wir selbst als Wirklichkeit verankert sind. Die Kraft dieser Wirklichkeit ist dasselbe Potenzial, das psychische Normalität von seelischer Gesundheit unterscheidet.

4. Der ganz normale Wahnsinn...

Viele sprechen vom ganz normalen Wahnsinn. Sie meinen damit den Stress, den sie im Alltag der normalen Menschenwelt erleben. Nur wenige machen sich dabei klar, dass der eigene Stress tatsächlich einer Bewusstseinsform entspringt, die wahnhafte Züge trägt.

Die Beschäftigung mit der Verwaltung persönlicher Glücksentwürfe führt dazu, dass das normale Bewusstsein sich kaum je auf jene Wirklichkeit ausrichtet, die wahrgenommen werden kann. Das vom Ego bestimmte Bewusstsein umgibt sich mit einem Vorhang persönlicher Vorstellungen. Es beachtet die Wirklichkeit aus dem Augenwinkel und zwar um festzustellen, ob sie bereits seinen Vorstellungen entspricht. Entspricht sie nicht, was die Regel ist, wendet es sich seinen Absichten zu, um herauszufinden, wie es die Wirklichkeit seinen Vorstellungen anpassen kann. Dabei verheddert es sich in ein Vorstellungskonstrukt, dessen Wahnhaftigkeit aus zwei Gründen kaum auffällt:

Der normale Mensch ist nicht in einer Matrix gefangen, die von Maschinen gesteuert wird. Er hängt in einer Traumwelt fest, die sein eigenes Selbstbild spinnt.
  1. Die Grundstruktur des Wahns wird von fast allen geteilt...und damit als scheinbar richtig bestätigt.
  2. Die Ablösung aus dem Filter der in Ich und Nicht-Ich gespaltenen Weltsicht ist ohne beharrliche Ausrichtung der Achtsamkeit auf das, was im Jetzt tatsächlich geschieht, nicht zu machen.

5. ...und der zwanghafte Charakter des Denkens.

Der Versuch, die Wahnwelt persönlicher Vorstellungen zu überwinden und das unverfälschte Sosein des Wirklichen zu sehen, ist das Kernthema jeder echten Religiosität. Ein Wesenzug des normalen Bewusstseins hat sich dabei als entscheidende Hürde erwiesen: unsere kaum überwindbare Neigung, die Betrachtung des Hier-und-Jetzt nach einem flüchtigen Blick auf die Wirklichkeit zu verlassen und uns dem Sog endloser gedanklicher Verkettungen anzuvertrauen. Dort führt eine AssoziationVon lateinisch ad = hinzu und sociare = verbinden. Assoziationen entstehen durch formale oder thematische Zugehörigkeiten geistiger Bilder. Zu gelb assoziiert man Post, zu Post den Brief, zu Brief Papier, zu Papier weiß und zu weiß Schnee. Eigentlich wollte man eine Banane essen. Statt dessen beschäftigt man sich mit der Gefahr, auf Glatteis auszurutschen. zur nächsten, kreuz und quer, bis in die Winkel unserer virtuellen Vermutungswelt. Mit wirklichem Leben hat das wenig zu tun.

Der zwanghafte Charakter psychischer Abläufe wird erst bewusst, wenn man sie stoppen will. Da wir im Alltag kaum je versuchen, die Gedankenketten im Kopf zu unterbrechen, erleben wir sie erst als Problem, wenn sie uns die Ruhe rauben oder wenn wir versuchen, mehr als ein paar Sekunden der Gegenwart gegenüber achtsam zu sein. Ohne dass es uns bewusst wird, rauben sie uns ein gutes Maß an Ruhe aber ständig.

Die Vereinnahmung des Bewusstseins durch Gedankenketten ist ebenso normal wie ungesund. Sie schwächt den Bezug zur Wirklichkeit, und somit zur einzigen Quelle, aus der die Kraft seelischer Gesundheit hervorgehen kann. Die Hartnäckigkeit, mit der sich bewertendes Denken entgegen unserer bewussten Absicht in den Vordergrund drängt, trägt Züge einer weiteren Psychopathologie. Sie ähnelt einem Zwangssymptom.

Unterschiede

Wohlgemerkt: Weder die wahnhaften Züge des Normalbewusstseins noch sein Hang zu zwanghaftem Denken sind mit den gleichnamigen Symptomen der psychiatrischen Diagnostik gleichzusetzen. Besonders der "normale" Wahn unterscheidet sich vom klinischen deutlich. Beim klinischen werden Teile der Wirklichkeit verleugnet und durch Deutungen ersetzt, die das Umfeld nicht teilt. Beim "normalen" wird die Wirklichkeit grundsätzlich akzeptiert. Ihr Licht wird jedoch durch eine Brille gefiltert, die die Wahrnehmungstiefe auf jene Farben und Pixel vermindert, die unmittelbare Vorteile verheißen. Weil alle Welt ein derart gefiltertes Bild für die Wirklichkeit hält, wird der Unterschied nur bewusst, wenn man die Brille verliert. Meist ist sie aber festgewachsen.

Der Weg vom normalen Zwangsdenken zum pathologischen ist kürzer. Während sich der Zwang zum Denken im Alltag meist so ins Bild des Normalen fügt, dass man ihn nicht als Zwang erlebt, wird sein zwanghafter Charakter doch erkennbar; wenn man unter besonderen Druck gerät. Wohl jeder kennt solche Nächte: in denen man nicht schläft, weil man das Denken nicht stoppen kann.