Das Begriffspaar De-personalisation und De-realisation beschreibt psychische Erlebnisweisen mit veränderter Wahrnehmung entweder der eigenen Person oder der umgebenden Umwelt. Die Vorsilbe de- (= ent-) zeigt an, dass etwas verloren gegangen ist.
Beim Verlorenen handelt es sich nicht um ein geformtes Element des Wahrnehmungsfeldes, sondern um eine formlose Qualität, die in der Regel überhaupt erst wahrgenommen wird, wenn sie verloren geht: der Wirklichkeitscharakter. Das Depersonalisationssyndrom und das Derealisationssyndrom sind eng miteinander verwandt. Sie gehen fließend ineinander über.
In der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) werden die Syndrome unter F48 abgebucht und somit dem Sammelbecken der "anderen neurotischen Störungen" zugeordnet. Dazu gehört eine uneinheitliche Gruppe seelischer Erlebnisweisen, die andernorts keine Heimat fand.
Andere neurotische Störungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO
Als deutsche Sammelbezeichnung beider Syndrome kann der Begriff Entfremdungserlebnis verwendet werden.
Beim Depersonalisationssyndrom erlebt der Kranke sich selbst verändert. Sein Körper und/oder seine innerseelischen Befindlichkeiten - Gefühle, Impulse, Denkabläufe - erscheinen ihm unwirklich, entrückt, losgelöst, entseelt, automatisiert oder mit einer schwer benennbaren QualitätZum Beispiel wie in Watte gepackt. behaftet, die vom eigentlich Erwarteten abweicht.
Im Gegensatz zu wahnhaften Veränderungen der Selbstwahrnehmungen deuten die Kranken die veränderte Selbstwahrnehmung als irreal. Sie haben nicht den Eindruck, jetzt endlich wahrzunehmen, wie sie wirklich sind. Sie gehen vielmehr davon aus, dass ihre Wahrnehmung gestört ist und sie nicht mehr in der Lage sind, die Wirklichkeit so zu erfassen, wie sie tätsächlich ist.
Veränderte Selbst- und Weltwahrnehmung
| Depersonalisation Derealisation |
Mit meiner Wahrnehmung stimmt etwas nicht. |
| Rausch | Meine Wahrnehmung ist verändert, aber ich weiß ja, woher es kommt. |
| Wahnhaft | Endlich erkenne ich, wie die Dinge wirklich sind. |
Beim Derealisationssyndrom bezieht sich das gleiche Phänomen auf die Außenwelt. Sie erscheint unwirklich, fassadär, entrückt. Auch hier betrifft die Veränderung die Wirklichkeit als Ganzes; während die Eigenschaften alle Einzelelemente - wie deren Form und Farbe - korrekt wahrgenommen werden.
Isolierte Entfremdungserlebnisse als psychiatrische Syndrome sind selten. Sie kommen jedoch gehäuft als Teilaspekt anderer Erkrankungen vor. Bei schizophrenen Psychosen sind sie von wahnhaften Veränderungen der Selbstwahrnehmung abzugrenzen. Bei Depressionen, Angsterkrankungen oder Zwangstörungen werden sie manchmal als Begleitsymptom beklagt. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung deutet man sie als Schutzreaktion zur Abwehr überwältigender Emotionen.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Während das psychiatrische Syndrom mit echtem Krankheitswert selten ist, hat fast jeder schon Erfahrungen mit Erlebniswesien gemacht, die Depersonalisationen bzw. Derealisationen in manchem ähneln: nachdem er nämlich Alkohol getrunken hat oder Drogen einnahm.
Die veränderte Wahrnehmung im Alkohol- oder Drogenrausch - zum Beispiel unter Cannabis oder Opiaten - betrifft ebenfalls den formlosen Aspekt der Wirklichkeitserfahrung als Ganzes. Während die Wirklichkeit bei der Derealisation aber unwirklich, befremdlich oder entrückt erscheint, wird sie im Rausch meist vereinfacht, leibhaftig, zugehörig und intensiv erlebt. So kommt es, dass die veränderte Wirklichkeitserfahrung des Rausches bewusst herbeigeführt und die Depersonalisation im Gegensatz dazu als beunruhigend gefürchtet wird.
Mit der Einordnung der Entfremdungserlebnisse tut sich die Psychiatrie schwer. Während die ICD-10 sie nicht den dissoziativen Störungen zuordnet, macht die amerikanische Klassifikation DSM-III genau das.
Statt dessen führt die ICD-10 unter F44.3 Trance- und Besessenheitszustände an, bei denen es zu einem Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung komme. Zugleich betont sie, dass es sich nur dann um einen Besessenheitszustand handelt, wenn er ungewollt ist und außerhalb von religiösen oder kulturell akzeptierten Situationen vorkommt.
Der ebenso willkürliche wie unsystematische Gebrauch unscharf definierter Begriffe zur Einordnung von unterschiedlichen Wirklichkeitserfahrungen spiegelt ein grundsätzliches Problem: In der Wirklichkeitserfahrung begegnet das Bewusstsein formlosen Grundlagen der Realität, zu deren unverrückbarem Wesen es gehört, begrifflich nicht fassbar zu sein.
Psychodynamisch werden Entfremdungserlebnisse als Folge der Abspaltung (Dissoziation) übermäßig belastender Emotionen gedeutet. So scheint die Annahme plausibel, dass gefürchtete Affekte aus dem Bewusstsein abgespalten werden, um ein bestimmtes Selbst- oder Weltbild aufrecht zu erhalten.
Wahrscheinlich werden Gefühle im Vorfeld der Entfremdung aber nicht nur abgespalten, sondern auch durch andere Abwehrmechanismen (Verdrängung, Verleugnung, Affektisolierung) entkräftet.
Das Fehlen eines stimmigen emotionalen Bezugs zu sich selbst und der Umwelt wird dann als Depersonalisation bzw. Derealisation erlebt.
Normalität und Entfremdung
Die normale Wirklichkeitserfahrung ist von einem "normalen" Grad an Entfremdung geprägt. Emotionen zu entkräften, und damit deren Bedeutung für anstehende Entscheidungen abzuschwächen, ist eine alltägliche Strategie der Psyche im Kampf um den Erhalt ihres jeweiligen Weltbilds. Je mehr Gefühle im Laufe der Zeit entkräftet werden, desto mehr entfremdet sich das wahrgenommene Bild von der Wirklichkeit. Beim "Gesunden" entsteht die Entfremdung aber so schleichend, dass sie als Normalität empfunden wird und das Bewusstsein sie spontan nicht als Störung identifiziert.
Erst bei gezieltem Hinsehen erkennt der "normale" Mensch die eigene Entfremdung als...
Das manifeste Entfremdungserlebnis kann als Folge dissoziativer Prozesse gedeutet werden, die sich nicht wie beim "Normalfall" schleichend entwickeln, sondern rasch und in großem Umfang erfolgen.
Denkbare Verläufe
Im Rahmen einer Persönlichkeitsentwicklung kann es viele Wege geben. Das mögliche Schicksal abgespaltener Erlebnisse kann drei Verläufen folgen.
| Wege | Auswirkung |
Im Laufe ihrer Entwicklung wird die Person nicht mit abgepaltenen Inhalten konfrontiert. |
Keine Entfremdungserlebnisse. |
Im Laufe der Entwicklung kommt es zur Konfrontation mit abgepaltenen Inhalten. Dann gibt es zwei Möglichkeiten:
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Es kommt zu einem vorübergehenden Entfremdungserlebnis. |
Die abgepaltenen Inhalte drängen ins Bewusstsein. Der Betroffene verweigert die Integration. Er findet auf Dauer keine Möglichkeit, die abgespaltenen Inhalte zu umgehen. |
Es kommt zu einen chronifizierten Entfremdungserleben. Auf Dauer ist eine hohe dissoziative Aktivität nötig, um das Selbstbild vor den gefürchteten Inhalten zu schützen. "Die Platte hängt fest". |
Eine spezifische medikamentöse Behandlung des Entfremdungserlebens ist nicht bekannt. Treten die Symptome im Rahmen von Depressionen, Psychosen oder anderer seelischer Erkrankungen auf, können Antidepressiva oder Antipsychotika hilfreich sein.
Der Schwerpunkt bei der Behandlung der Depersonalisation bzw. der Derealisation liegt in der psychotherapeutischen Aufarbeitung. Dabei können alle Methoden angewendet werden, die zu einer Einbindung abgepaltener Emotionen ins Selbstbild beitragen.