Sobald ich nicht mehr glaube, es gäbe mich, gehöre ich für immer dazu. Sobald ich erkenne, dass ich wirklich bin, ist alles an mir selbstbestimmt.
Die meisten psychiatrischen Erkrankungen hängen mit dem psychologischen Grundkonflikt zusammen. Er verursacht sie oder gestaltet sie aus. Dieser Konflikt heißt Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt oder besser Zugehörigkeits-Selbstbestimmungs-KonfliktDer Grundkonflikt besteht zwischen zwei Bedürfnissen. Es gibt aber kein Bedürfnis nach Abhängigkeit, sondern eines nach Zugehörigkeit. Abhängigkeit ist eine einschränkende Folge fehlender Autonomie. Deshalb ist der eingebürgerte Gegensatz von Abhängigkeit und Autonomie im psychologischen Sprachgebrauch unglücklich gewählt. .
Das Erbe der Steinzeit
Wichtige Strukturen der menschlichen Psyche wurden von 100000 Generationen erprobt, deren Leben in der Steinzeit verlief. Die Mehrzahl unserer Vorfahren schlug sich in kleinen Gruppen durch die Wildnis. Da es dort von Hyänen, Löwen, Bären und Säbelzahntigern nur so wimmelte, hatte jeder ein großes Interesse daran, im Schoß der Gemeinschaft zu bleiben. Jenseits lauerte der Tod. Diese Erbschaft sitzt uns in der Seele. Oft sind wir bereit, unsere Selbstbestimmung der Zugehörigkeit zu opfern.
Die Ursache des Konflikts liegt in den Existenzbedingungen des Lebens selbst. Er ist unvermeidbar. Leben ist wachsende Selbständigkeit verbündeter Strukturen gegenüber dem Umfeld, in das sie eingebettet sind. Das Ziel des Lebens ist Selbstbestimmung, seine innere Struktur Zugehörigkeit. Leben setzt einfache Elemente gemäß passender Zugehörigkeit zu Strukturen entbundener Selbständigkeit zusammen. Gleichzeitig versucht es, den Kontakt zum Umfeld, aus dem heraus es entsteht, zu erhalten. Oft widersprechen sich beide Impulse.
Im Alltag zeigt sich der Konflikt, wenn man etwas will, was den Erwartungen anderer widerspricht. Dann muss man entscheiden: Bestimme ich über mich selbst oder gehöre ich dazu? Was ist mir wichtiger?
Je mehr ich glaube, auf die Zustimmung des Umfelds angewiesen zu sein, desto öfter werde ich auf Selbstbestimmung verzichten. Wenn ich mich dabei irre, widerspreche ich dem Leben in mir selbst. Resultat sind seelische Spannungen, die sich in zahlreichen Symptomen bemerkbar machen:
Der KonfliktLateinisch: confligere = zusammenprallen. zwischen den Grundbedürfnissen nach Zugehörigkeit einerseits und Selbstbestimmung andererseits durchsetzt das gesamte psychosoziale Verhalten. Wer die Verästelungen des Konfliks aufmerksam beobachtet, kann eine Menge typischer Probleme und Muster im Welt- und Selbstbezug des Menschen verstehen. Dadurch wird sowohl die Selbstfindung als auch die Kommunikationsfähigkeit verbessert.
Wichtige Aspekte werden bei genauerer Betrachtung der Begriffe deutlich.
Zugehörigkeit ist eine Ableitung des Verbs hören. Hören wiederrum geht auf die indogermanische Wurzel keu[s]- = beachten, bemerken zurück.
Das Wesen der Zugehörigkeit liegt sowohl in der Beachtung des Umfelds als auch darin, selbst vom Umfeld beachtet zu werden. Wer dazugehört, achtet auf die Strukturen der Gemeinschaft und richtet sein Verhalten daran aus. Er ordnet sich in eine bestehende Struktur ein.
Anderserseits wird der Zugehörige von der Gemeinschaft erkannt und damit anerkannt. Durch die Mitgliedschaft gewinnt der Zugehörige sowohl Schutz vor den Gefahren der Außenwelt als auch ein Betätigungsfeld persönlicher Selbstverwirklichung.
Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit liegt die Gefahr inne, in Hörigkeit zu geraten. Bei der Hörigkeit verschiebt sich der Schwerpunkt von der Einordnung zur Unterordnung. Hörigkeit entsteht immer dann, wenn es einem Mitglied der Gemeinschaft misslingt, sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit durch ein ausreichendes Maß an Selbstbestimmung auszugleichen. Aus dem Zugehörigen wird ein Abhängiger.
Zwei Komponenten der Selbstbestimmung
| Wahrnehmung | Entscheidung |
| Selbstbezug | Soziale Beziehung |
| Ich stelle fest wer, ich bin | Ich entscheide mich, dem gemäß zu handeln |
Selbstbestimmung besteht aus zwei Komponenten:
Selbstbestimmung beginnt mit Selbstwahrnehmung. Ein bloßes Ich-mache-das-was-mir-gefällt kann durchaus fremdbestimmt sein; nämlich dann, wenn es ein trotziges Anders-als-die-anderen ist, das sich aber gerade durch das bloße Tun des Gegenteils an dem orientiert, was andere vorgeben. Oder aber: Wenn sich das, was mir gefällt, nicht an mir selbst ausrichtet, sondern an einem Selbstbild, das der Zufall und mein Unverstand gemeinsam in die Welt gesetzt haben.
Analog zu einem Arzt, der bei der Bestimmung des Blutzuckers nicht etwa festlegt, wie hoch er ist, sondern den Zuckerspiegel ermittelt, kann auch jedes Individuum bei echter Selbstbestimmung nicht aus freier Willkür handeln, sondern nur aus dem Verständnis dessen heraus, was die Wirklichkeit als sein wahres So-sein vorgibt.
Dem entsprechend kann die Orientierung an dem, was andere vorgeben, in vielen Situationen eine Spielart angemessener Selbstbestimmung sein.
Selbstbestimmtes Handeln im sozialen Umfeld setzt Bindung und Ablösung voraus.
Grundregeln
Die Grundlage des Mutes, zu mir selbst zu stehen, beruht im Selbstvertrauen. Wer zu sich steht, vertraut darauf, dass das, was er in sich findet, in eine gute Richtung weist.
Im Laufe einer gesunden psychologischen Entwicklung verschiebt sich der Schwerpunkt der Bedürfnisse im Grundkonflikt von der Zugehörigkeit zur Autonomie. Dieser Prozess verstärkt sich durch sich selbst. Es ist logisch: Je autonomer ich werde, desto weniger bin ich auf die Gemeinschaft angewiesen. Je weniger ich angewiesen bin, desto freier werden meine Entscheidungen. Der Erfolg dieser Entwicklung wird durch zwei soziale Muster bedroht.
Erleben Kinder Desinteresse vonseiten ihrer Eltern und Ausgrenzung durch Altersgenossen, reagieren sie mit Angst. Instinktiv unterdrücken sie autonome Impulse, weil sie Selbstbestimmung als Gefährdung ihrer brüchigen Zugehörigkeit empfinden. Der Wunsch, geliebt zu werden, bleibt übermächtig.
Reagieren Eltern strafend auf zunehmend autonome Entscheidungen ihrer Kinder, weil sie sich aus eigenen Verlustängsten heraus vor deren Selbständigkeit fürchten, passiert ähnliches. Das Kind erlebt die Bestrafung seiner Autonomiebestrebungen als Liebesentzug und damit als Bedrohung seiner Zugehörigkeit. Auch hier besteht die Gefahr, dass es aus Angst darauf verzichtet, erwachsen zu werden.