Sich wahrnehmbar zu machen und wahr­zunehmen, wie der Andere tatsächlich ist...

...das zu tun, ist bereits die halbe Miete.

Was von innen kommt, kommt von innen. Was von außen kommt, kommt von außen. Wo Leben ist, fließt es ineinander.

Kommunikation heißt mitwissen lassen, was in mir vorgeht. Oft wird sie mit Manipulation verwechselt. Manipulation ist keine Mitteilung. Sie ist eine egozentrische Einflussnahme auf das Verhalten anderer.

Kommunikation

  1. Begriffsbestimmungen
  2. Kommunikationsstörungen
  3. Lösungen

Störungen der Kommunikation gehen mit Störungen der seelischen Gesundheit Hand in Hand. Sie bedingen und verstärken sich wechselseitig. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass der Begriff Kommunikationsstörung als Sammelbegriff verwendet wird. Tatsächlich ist Kommunikation im eigentlichen Sinne von anderen Formen des sprachlichen Austauschs abzugrenzen.

1. Begriffsbestimmungen

Zur Benennung des sprachlichen Kontakts zwischen Personen gibt es verschiedene Begriffe.

Kommunikationsbedarf

Technische Projekte Beziehungsgestaltung
Zur Lösung komplexer technischer Probleme muss das Fachwissen mehrerer Personen zusammengetragen werden. Zur Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen müssen Informationen über die jeweiligen Sichtweisen, Motive und Impulse ausgetauscht werden.

Ihre jeweilige Bedeutung spiegelt unterschiedliche psychologische Muster wider, die die Qualität des Kontakts entscheidend bestimmen.

1.1. Kommunikation

Kommunikation geht auf das lateinische communicare = gemeinschaftlich tun, mitteilen zurück. Communicare wiederum leitet sich von communis = allen gemeinsam ab, das seinerseits aus kon = mit, zusammen und munus = Leistung, Pflicht gebildet ist.

Bei der Kommunikation werden Informationen miteinander geteilt, um Pflichten zu erfüllen und Leistungen zu bewerkstelligen, die nur gemeinsam erbracht werden können. Erst das Zusammentragen von Informationen schafft die Basis, Aufgaben zu lösen, deren Lösung informativer Ergänzung und gemeinschaftlicher Absprache bedarf. Kommunikation weist ihrem Wesen nach auf weiterführende Ziele hin.

Taktik oder Ausdruck

Reden und Schweigen können Taktik oder Ausdruck sein. Sie sind Taktik, wenn der Schwerpunkt auf dem liegt, was sie beim Anderen bewirken. Sie sind Ausdruck, wenn der Schwerpunkt in dem liegt, was sie bei mir selbst bewirken. Ich merke, dass Reden und Schweigen Ausdruck sind, wenn die Tatsache allein, etwas gesagt oder geschwiegen zu haben, mich freier macht.

Je mehr das, was ich sage, bei anderen bewirken soll, desto mehr hänge ich von anderen ab.

Dient die Kommunikation der Beziehungsgestaltung, spielen neben dem verbalen Ausdruck nonverbale Botschaften eine große Rolle. Mimik, Gestik, Sprachmelodie sowie die Qualität der benutzten Wörter und WendungenSachlich, polemisch, metaphorisch, abwertend, schmeichelnd, etc. entscheiden maßgeblich darüber mit, welche Inhalte gesendet und empfangen werden.

1.2. Konversation

Konversation ist ebenfalls ein Begriff lateinischen Ursprungs. Er geht auf conversari = sich aufhalten, mit jemandem umgehen zurück. Auch hier ist die Silbe kon = mit, zusammen erkennbar; dieses Mal in Verbindung mit einer Abwandlung des Verbes vertere = wenden, drehen.

Der Begriff Konversation benennt eine zweifache Wendebewegung: Die Gesprächspartner wenden sich...

Im Gegensatz zur Kommunikation fehlt bei der bloßen Konversation ein konkretes Ziel, das über das Gespräch hinausweist. Wie das Verb conversari es anzeigt, hält man sich bei der Konversation am Thema auf...und wechselt es, wenn der Umgang mit dem anderen durch ein Aufbrauchen des Gesprächsstoffs auseinander zu fallen droht. Konversation hat eine Binde-, aber keine progressive Gestaltungsfunktion.

Der englische Begriff smalltalk = kleines Gespräch bezeichnet die klassische Form der Konversation. Er zeigt an, dass Konversation als qualitativ untergeordnete Spielart des Gesprächs anzusehen ist, die nicht dem hohen Anspruch vollgültiger Kommunikation zu genügen hat.

1.3. Dialog

Der Dialog ist eine griechisch-stämmige Wortbildung. Sie setzt sich aus dia = durch, hindurch, zwischen und dem Verb legesthai zusammen. Legesthai geht auf legein = aufsammeln, lesen, reden zurück, wovon seinerseits logos = Vernunft, Wort abgeleitet ist.

Im Dialog werden durch sprachlichen Austausch hindurch vernunfthafte Vorstellungsbilder begrifflich erfasst und aufgesammelt. Er führt zum Aufbau logisch stimmiger Anschauungen und somit zu Erkenntnisgewinn und Klärung persönlicher Positionen.

Der Nutzen des Dialogs ist dabei zweifach:

  1. Durch die Formulierung dessen, was man dem Anderen sagen will, unterzieht man die eigenen Anschauungen einer Überprüfung durch die eigene Vernunft. Man formuliert Gedanken aus, die sonst verschwommen blieben.

  2. Indem der Andere zum gleichen Thema Sichtweisen beisteuert, die durch einen anderen Erfahrungshintergrund geformt sind, erhält man logische Alternativen, auf die man selbst nur schwer gekommen wäre.

Wie das Wort Gespräch kann Dialog als neutraler Oberbegriff verwendet werden. Seine inhaltliche Bedeutung weist auf wesentliche Aspekte, Wirkungen und Funktionen sprachlicher Kontakte hin. In jedem Fall kommt dem Dialog eine beiläufig aufbauende Wirkung bewusster Vorstellungsbilder zu.

1.4. Diskussion

Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Begriffen, deren Grundtendenz konstruktiv aufbauend ist, hat die Diskussion einen destruktiven und feindseligen Charakter.

Diskussion geht auf lateinisch discutere = zerschlagen, zerteilen, zerlegen zurück. Bei der Diskussion geht es um kein Mitteilen von Information und auch um keine Hinwendung zu einem Thema. Vielmehr dient die Diskussion dem Versuch, die Sichtweise des Gegenübers zu zerstören um an ihrer Stelle die eigene Sichtweise einzupflanzen. Motiv der Diskutanten ist dabei die Überzeugung, bereits über alle wesentlichen Informationen zum Thema zu verfügen, im Besitz einer umfassend-objektiven Sichtweise zu sein und Vorteile davon zu haben, wenn auch der Andere die Dinge so sieht, wie man selbst.

Wie die Kommunikation hat die Diskussion eine Zielsetzung, die über das Gespräch hinausweist: Den Sieg über die gegnerische Meinung.

Konstruktion und Destruktion

Die Betonung bei der Diskussion liegt, wie der Name es verrät, auf der destruktiven Komponente. Trotzdem hat das Diskutieren auch einen aufbauenden und bewahrenden Charakter.


1.5. Gespräch

Das deutsche Wort Gespräch kann als neutraler Oberbegriff der verschiedenen sprachlichen Kontaktformen aufgefasst werden.

Die Vorsilbe Ge-Die Funktion der Vorsilbe ge- als Bezeichnung einer Versammlung zusammengehöriger Elemente ist in analogen Wortbildungen erkennbar: Gewässer, Gewölbe, Gebüsch, Gewürm. im Gespräch weist auf eine Zusammensetzung einfacher sprachlicher Elemente zu einem komplexen verbalen Kontaktablauf hin. Im Alltag gehen verschiedene Formen des Gesprächs oft ineinander über. Sie überlappen sich oder wechseln sich in unterschiedenlichem Tempo ab.

Gesprächsformen im Überblick

Kommunikation Konversation Dialog Diskussion
Zielsetzung ausdrücklich aufbauend beiläufig bindend beiläufig aufbauend ausdrücklich destruktiv
(beiläufig aufbauend)
Störanfälligkeit +++ + + (+)
Störfaktoren Egozentrische Ansprüche Sozialphobische Ängste variabel Abhängige, ängstlich-vermeidende oder passiv-aggressive Verhaltensmuster
Störfelder Gestaltung enger Beziehungen Kontaktanbahnung variabel Austrag von Konflikten

2. Kommunikationsstörungen

Diskussionsstörung?

Den Begriff Diskussionsstörung kennt die Sprache nicht; den der Kommunikationsstörung sehr wohl. Das ist kein Zufall. Im Vergleich zum konstruktiven Anspruch der Kommunikation ist die Diskussion nichts, bei dem viel misslingen könnte. Drauf zu hauen ist leichter als gemeinsam etwas aufzubauen; zumindest wenn man sich nicht vor einem Schlagabtausch fürchtet.

Störungen können bei allen Gesprächsformen auftreten. Umgangssprachlich kommt bei allen der Begriff Kommunikationsstörung zum Einsatz. Eigentlich sind aber drei psychologisch begründbare Störungen der Gesprächsführung voneinander abzugrenzen:

2.1. Eigentliche Kommunikationsstörung

Kommunikationsstörungen im eigentlichen Sinne kommen im Rahmen zwischen­menschlicher Beziehungsklärungen besonders häufig vor. Das ist nicht anders zu erwarten. Kommunikation ist die psychologisch anspruchvollste Form des verbalen Kontakts. Es gilt, den Wissenstand zweier oder mehrerer Personen miteinander abzugleichen. Das geht nur bei wechselseitigem Respekt vor unterschiedlichen Sichtweisen und bei tatsächlichem Interesse daran, zu erfahren, was der Andere fühlt, denkt, meint und will. Sowohl am Respekt als auch am Interesse mangelt es oft.

Kommunikationsstörungen werden durch Überaktivität des Ego verursacht.

Das Ego als Anwalt der Person versucht "seinem Mandanten" Vorteile zu verschaffen. Nachteile anderer nimmt es oft bedenkenlos in Kauf. Menschen, die sich ihrer selbst nicht sicher sind, neigen dazu, dem Ego eine Menge Raum Also: dem Anwalt eine Vollmacht zu erteilen. zu lassen. Aus dem Gefühl heraus, sich selbst nicht zu genügen, suchen sie nach Bestätigung. Abweichende Sichtweisen erleben sie zurecht als Infragestellung der eigenen Position. Es fehlt ihnen aber das Selbstvertrauen, dieser Infragestellung gelassen ins Auge zu sehen.

Bei der echten Kommunikationsstörung sind zwei Kernsymptome festzustellen:

Pilzgespräche

Pilzgespräche werden nach einer Szene in Tolstoi's Anna Karenina benannt. Einer der Romanhelden geht mit seiner heimlich Angebeteten spazieren. Eigentlich ist der Moment gekommen, Liebe, Lust und Leidenschaft zu offenbaren. Aber ach! Der Held findet nicht den Mut...und redet statt dessen über die Pilze am Wegesrand.

Statt Kommunikation zu wagen, beließ er es bei bloßer Konversation. Statt sich zu vertiefen, bleibt die Beziehung der Liebenden flach.

  1. Mangelnde Bereitschaft der Beteiligten, tatsächlich zuzuhören.
    • Statt an der Information interessiert zu sein, die der Andere geben kann, warten sie auf eine passende Lücke oder ein Stichwort, um die Sichtweise des Anderen anzugreifen. Die Kommunikation fällt dadurch auf die Stufe einer Diskussion zurück.

  2. Mangelnde Bereitschaft, zu bekennen, was man denkt und fühlt.
    • Um sich nicht angreifbar zu machen, werden wichtige Informationen zurückgehalten. Die Kommunikation verflacht.

2.2. Störung der Konversationsfähigkeit

Vielen fällt es schwer, unverbindliche Gespräche anzuknüpfen. Im Zugabteil, im Fahrstuhl oder an der Bushaltestelle weichen sie Blickkontakten aus. Partys vermeiden sie grundsätzlich; und wenn eine Einladung nicht abzuwehren ist, greifen sie zu Alkohol und Zigarettenrauch, um die Hemmungen zu beseitigen, die einem Smalltalk im Wege stehen.

Solche Störungen der Konversationsfähigkeit werden oft durch sozialphobische Ängste verursacht.

Sobald ich mich auf ein Gespräch einlasse, ziehe ich Aufmerksamkeit auf mich. Was ich im Gespräch von mir gebe, lässt Rückschlüsse zu, was von mir zu halten ist. Somit setze ich mich der Gefahr aus, beurteilt zu werden.

Grundlage der sozialen Phobie ist zum einen ein starkes Bedürfnis, positiv beurteilt zu werden, zum anderen die große Furcht, das Urteil des Anderen könnte negativ sein. Aus beidem entwickelt sich bei Begegnungen eine Spannung, die zur Blockade der Konversationsfähigkeit führt.

Statt über beliebige Themen munter zu plaudern und dabei ungefiltert von sich zu geben, was ihm in den Sinn kommt, zensiert der Phobiker die eigenen Gedanken: Ist das, was mir gerade einfällt auch wirklich klug oder witzig genug, als dass ich riskieren kann, es zu sagen. Bis die Zensur den Fall entschieden hat, ist die Gelegenheit, den Gedanken auszusprechen, vorüber. Resultat ist betretenes Schweigen.

2.3. Störung der Diskussionsfähigkeit

Auch wenn die Sprache Diskussionsstörungen nicht kennt, gibt es das Phänomen durchaus. Die Angst, eigene Positionen im Wortgefecht offen auszutragen, bremst vor allem Menschen aus, die sich so abhängig vom Wohlwollen anderer erleben, dass ihnen der Mut fehlt, sich durch eine eigenständige Position aus der Gemeinschaft mit dem Gegenüber abzunabeln. Dazu gehören vor allem Personen mit folgenden Verhaltensmustern:

Statt über strittige Fragen zu diskutieren, geben sie dem Gegenüber Recht, ohne es im Herzen tatsächlich zu tun. Auch das kann einer echten Kommunikationsstörung entsprechen: sobald das Vermeidungsverhalten Informationen verbirgt, die für eine kreative Beziehungsgestaltung notwendig sind.

3. Lösungen

Schwere Kommunikationsstörungen sind als Ausdruck und Ursache komplexer Persönlichkeitsproblematiken eng mit Psychodynamik und Lebenserfahrung verzahnt. Sinnvolle Kommunikation kann als funktionales Verhalten eingeübt und erlernt werden. Dem bloßem Einüben stehen verborgene Ängste entgegen. Daher ist eine aufdeckendeAufdeckend ist eine Therapie, wenn sie unbewusste Motive bewusst macht. Therapie oft unentbehrlich. Zum Einsatz kommen sämtliche Verfahren der Psychotherapie.

Auch ohne therapeutische Hilfe kann man im Alltag aber einiges tun, um zumindest echte Kommunikationsstörungen zu beheben. Ein gängiges Mittel dazu ist der verzögerte Dialog.

Der verzögerte Dialog

Enge zwischenmenschliche Beziehungen leiden unter hohen Ansprüchen. Jede Seite erwartet von der anderen, sich so zu verhalten, wie es dem eigenen Wohlbefinden entspricht. Das Problem ist in der Partnerschaft am größten, weil die wechselseitigen Erwartungen hier besonders groß sind. Der Andere wird in Haftung genommen, das ersehnte Glück zu garantieren...und durch diese Erwartung überfordert.

Statt sich der Tatsache zu stellen, dass der Andere Wünsche nur teilweise erfüllen kann und durch echtes Hinhören in Erfahrung zu bringen, wer der Andere tatsächlich ist, versucht man ihn den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Kommunikation entartet in fruchtlose Diskussion. Statt stehen zu lassen, holt man sekundenschnell zum Gegenschlag aus.

Dem kann man entgegenwirken:

Vereinbaren Sie mit ihrem Partner feste Zeiten, in denen immer nur einer spricht. Wer mit dem Sprechen an der Reihe ist, kann ungehindert darstellen, was ihn bewegt. Vereinbaren Sie eine ausreichende ZeitspanneMindestens 15 Minuten; oder gar einen Tag., nach der der Andere mit dem Reden dran ist. Durch die Verzögerung wird aus dem nutzlosen Schlagabtausch womöglich ein verzögerter Dialog, weil das Gesagte durch die Verzögerung eine bessere Chance hat, den Zuhörer zu erreichen.