Wer schön und leicht ist, wird durchs Leben getragen. Oder doch nicht?
Bekannte Eßstörungen sind Magersucht (Anorexie) und Brechsucht (Bulimie). Vermischen sich beide Krankheitsbilder, spricht man auch von einer Bulimarexie. Eine dritte Variante ist das sogenannte "Binge-Eating".
Die Magersüchtige...
Die Brechsüchtige...
Beim Binge-Eating...
Abhängig vom Typ der Eßstörung sind Folgeschäden zu befürchten.
| Ort | Hormon | |
| Fettzelle | Leptin | ↓ |
| Schilddrüse | TSH, T4, T3 |
↔ ↓ ↓ |
| Gonaden | FSH, LH, Estradiol | ↓ |
| Nebenniere | Cortisol | ↑ |
Folgeschäden bei Anorexie und Bulimie
Folgeschäden beim Binge-Eating
Bulimie und Anorexie entwickeln sich vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Meist treten sie zwischen dem 15. und 21. Lebensjahr auf. Etwa 1-2% der Altersgruppe ist betroffen. Mager- und Brechsucht kommt bei Frauen 20 Mal häufiger vor als bei Männern. Bei etwa 50% der Patienten heilt die Eßstörung vollständig aus. Ein Viertel wird in unterschiedlicher Ausprägung chronisch krank. Bei den übrigen wechseln sich Rückfälle und symptomfreie Phasen ab. Auch wenn sich Essverhalten und Körpergewicht normalisiert haben, bleibt die Körperschemastörung oft lange bestehen.
Der Auslöser bulimischer und anorektischer Eßstörungen ist die Sorge, dick und damit hässlich zu werden. Vielfach besteht im Vorfeld ein leichtes Übergewicht. Viele der späteren Kranken wurden vom Umfeld wegen des Übergewichtes kritisiert oder verspottet. Auch hier ist der Grundkonflikt erkennbar. Hinter der Sorge, hässlich zu werden, steht die Angst vor Ausgrenzung und dem Verlust an Zugehörigkeit.
Eßstörungen beginnen meist mit dem Versuch, Gewichtszunahme durch Diäten zu verhindern. Da Diäten aus Sicht des Körpers jedoch Hungersnöte sind, kommt es zur Gegenregulation. Auf Hungersnöte reagiert der Körper mit dem Versuch, vorbeugend Nahrungsreserven einzulagern. Das steigert die Furcht der Magersüchtigen vor der Gewichtszunahme weiter. So entsteht ein Teufelskreis.
Bricht sich das gefürchtete Hungergefühl freie Bahn, kommt es zu Fressattacken. Nach der Fressattacke versucht die Kranke, die "gefährlichen" Nahrungsmittel wieder los zu werden. Sie erbricht, konsumiert Abführmittel oder betreibt bis zur Erschöpfung Leistungssport.
Mit dem Ende der Jugend wechselt man aus der Zugehörigkeit der Familie in das erweiterte Feld erwachsener Selbstbestimmung. Das Leben fordert zunehmend autonome Entscheidungen, was Ängste und Bindungsimpulse wachruft.
Essen fördert die Reifung des Körpers. Es führt kurzfristig zur Verstärkung, langfristig aber zu einer Lockerung der familiären Bindung. Wer Essen vermeidet, zögert somit die Entbindung aus der ursprünglichen Zugehörigkeit hinaus. Das Autonomiestreben verschiebt sich dabei auf die Beherrschung leiblicher Funktionen.
Bei schweren Formen wird darüber hinaus die Übernahme der eigenen Geschlechtsrolle vermieden. Mager zu sein aktiviert Fütterungsimpulse des Umfeldes, was die Angst der Betroffenen vor der Freisetzung in Geschlechtsreife und Selbständigkeit vermindert.
In weniger schweren Fällen wird die Geschlechtsrolle akzeptiert. Dann steht die Sorge, hässlich zu werden, im Vordergrund. Eßstörungen entwickeln sich vorwiegend bei jungen Frauen, weil Schönheit ein Mittel ist, das vor allem Frauen Zuwendung verschafft und dadurch den Druck zur autonomen Selbstbehauptung entschärft.
Das Selbstwertgefühl des "Binge-Eaters" ist in der Regel schlecht. Hier dient die Fressattacke der Verdrängung unangenehmer Gefühle, wie Scham, Wut oder Schuld und der Verschiebung gefürchteter Impulse auf das, was man sich zu tun getraut: essen. Essen wird zum Ersatz für all das übrige, was man sich vom Leben nicht zu nehmen wagt.
Bei der Psychotherapie der Eßstörungen kommen Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie, der Interpersonellen Therapie und tiefenpsychologische Ansätze zum Einsatz.
Neben der Bearbeitung unbewusster Ängste vor Ablösung und Autonomie steht auch die Klärung von Selbstwertzweifeln im Vordergrund, da essgestörte Patientinnen dazu neigen, ihren Selbstwert einseitig am weiblichen Schönheitsideal zu messen. Dadurch machen sie sich in besonderer Weise vom Werturteil anderer abhängig.
Eßstörungen werden oft von weiteren psychischen Symptomen begleitet. Häufig leiden eßgestörte Patientinnen zusätzlich unter Zwangserscheinungen, Depressionen, sozialen Phobien oder Stimmungsschwankungen als Folge von Persönlichkeitsstörungen (z.B. Borderline-Störungen). Dem entsprechend ist verständlich, dass Eßstörungen auch durch Psychopharmaka positiv beeinflusst werden können, die bei den genannten Symptomen wirksam sind. Die Wirksamkeit der Psychopharmaka ist jedoch nur schwach. Zudem ist bei Magersüchtigen, die in einem schlechten Allgemeinzustand sind, das Risiko gefährlicher Nebenwirkungen erhöht.
Grundsätzlich geeignet sind Antidepressiva. Da manche Antidepressiva jedoch unmittelbar zur Gewichtszunahme führen, sind viele Patientinnen zur Einnahme solcher Medikamente kaum zu motivieren. Eine Ausnahme bilden die SSRI. Dies sind Antidepressiva, bei denen Gewichtszunahme nicht als übliche Nebenwirkung beschrieben ist. Die meisten positiven Erfahrungen wurden für Fluoxetin bei der Bulimie beschrieben.
In jüngerer Zeit haben sich auch niederpotente Neuroleptika und Olanzapin als teilweise wirksam erwiesen.
In schweren Krankheitsfällen sind stationäre Behandlungen in einer Fachklinik für Eßgestörte notwendig. Wichtige Indikationen für eine stationäre Behandlung sind:
Therapeutische Schwerpunkte des stationären Behandlungsprogramms sind:
Die Einordnung des Night-Eating-Syndroms ist unklar. Bei dieser Verhaltensvariante kommt es zum Verzehr kleinerer Nahrungsmengen während nächtlichen Wachphasen. Dadurch findet ein ungewöhnlich hoher Teil der Nahrungszufuhr nach dem Abendessen statt, was zu vermindertem Appetit beim Frühstück führt. Da Schlafstörungen gehäuft bei seelisch angespannten und depressiven Personen vorkommen, ist klar, dass nächtliches Essen gehäuft bei entsprechenden Symptomen auftritt.
Fraglich ist aber, ob daraus eine eigenständige Krankheitseinheit abgeleitet werden kann. Womöglich liegt die Wurzel des nächtlichen Essens lediglich in der Hoffnung schlafloser Menschen, nach dem Essen wieder besser einzuschlafen.