Wer schön und leicht ist, wird durchs Leben getragen. Oder doch nicht?
Bekannte Essstörungen sind Magersucht (Anorexie) und Brechsucht (Bulimie). Vermischen sich beide Krankheitsbilder, spricht man auch von einer Bulimarexie. Eine dritte Variante ist das sogenannte "Binge-Eating".
Die Magersüchtige...
Die Brechsüchtige...
Beim Binge-Eating...
Essstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO
| Name | ICD | Kernsymptom |
| Anorexia nervosa | F50.0 | Absichtlich bewirkter Gewichtsverlust als Folge einer Körperwahrnehmungsstörung mit realitätsfremder Überzeugung, zu dick zu sein |
| Atypische Anorexia nervosa | F50.1 | Wie F50.0, aber unvollständige Ausprägung / fehlende Überzeugung, zu dick zu sein |
| Bulimia nervosa | F50.2 | Wechsel zwischen Heißhunger mit begleitenden Essanfällen und absichtlichem Erbrechen, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden |
| Atypische Bulimia nervosa | F50.3 | Wie F50.0, aber unvollständige Ausprägung / zum Beispiel fehlende Sorge um Körpergewicht |
| Essattacken bei anderen psychischen Störungen | F50.4 | Vermehrtes Essen zur Bewältigung belastender Emotionen |
| Erbrechen bei anderen psychischen Störungen | F50.5 | Z.B.: Im Rahmen dissoziativer Störungen |
| Sonstige Essstörungen | F50.8 | Pica-Syndrom oder Appetitverlust bei seelischen Belastungen |
| Atypische Essstörung | F50.9 | Z.B.: Essstörung aus Angst, sich zu verschlucken oder aus Angst, Gegessenes wieder zu erbrechen |
Abhängig vom Typ der Essstörung sind Folgeschäden zu befürchten.
| Ort | Hormon | |
| Fettzelle | Leptin | ↓ |
| Schilddrüse | TSH, T4, T3 |
↔ ↓ ↓ |
| Gonaden | FSH, LH, Estradiol | ↓ |
| Nebenniere | Cortisol | ↑ |
Folgeschäden bei Anorexie und Bulimie
Folgeschäden beim Binge-Eating
Bulimie und Anorexie entwickeln sich vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Meist treten sie zwischen dem 15. und 21. Lebensjahr auf. Etwa 1-2% der Altersgruppe ist betroffen. Mager- und Brechsucht kommt bei Frauen 20 Mal häufiger vor als bei Männern. Bei etwa 50% der Patienten heilt die Essstörung vollständig aus. Ein Viertel wird in unterschiedlicher Ausprägung chronisch krank. Bei den übrigen wechseln sich Rückfälle und symptomfreie Phasen ab. Auch wenn sich Essverhalten und Körpergewicht normalisiert haben, bleibt die Körperschemastörung oft lange bestehen.
Der Auslöser bulimischer und anorektischer Essstörungen ist die Sorge, dick und damit hässlich zu werden. Vielfach besteht im Vorfeld ein leichtes Übergewicht. Viele der späteren Kranken wurden vom Umfeld wegen des Übergewichtes kritisiert oder verspottet. Auch hier ist der Grundkonflikt erkennbar. Hinter der Sorge, hässlich zu werden, steht die Angst vor Ausgrenzung und dem Verlust an Zugehörigkeit.
Essstörungen beginnen meist mit dem Versuch, Gewichtszunahme durch Diäten zu verhindern. Da Diäten aus Sicht des Körpers jedoch Hungersnöte sind, kommt es zur Gegenregulation. Auf Hungersnöte reagiert der Körper mit dem Versuch, vorbeugend Nahrungsreserven einzulagern. Das steigert die Furcht der Magersüchtigen vor der Gewichtszunahme weiter. So entsteht ein Teufelskreis.
Bricht sich das gefürchtete Hungergefühl freie Bahn, kommt es zu Fressattacken. Nach der Fressattacke versucht die Kranke, die "gefährlichen" Nahrungsmittel wieder los zu werden. Sie erbricht, konsumiert Abführmittel oder betreibt bis zur Erschöpfung Leistungssport.
Mit dem Ende der Jugend wechselt man aus der Zugehörigkeit der Familie in das erweiterte Feld erwachsener Selbstbestimmung. Das Leben fordert zunehmend autonome Entscheidungen, was Ängste und Bindungsimpulse wachruft.
Essen fördert die Reifung des Körpers. Es führt kurzfristig zur Verstärkung, langfristig aber zu einer Lockerung der familiären Bindung. Wer Essen vermeidet, zögert somit die Entbindung aus der ursprünglichen Zugehörigkeit hinaus. Das Autonomiestreben verschiebt sich dabei auf die Beherrschung leiblicher Funktionen.
Bei schweren Formen wird darüber hinaus die Übernahme der eigenen Geschlechtsrolle vermieden. Mager zu sein aktiviert Fütterungsimpulse des Umfeldes, was die Angst der Betroffenen vor der Freisetzung in Geschlechtsreife und Selbständigkeit vermindert.
In weniger schweren Fällen wird die Geschlechtsrolle akzeptiert. Dann steht die Sorge, hässlich zu werden, im Vordergrund. Essstörungen entwickeln sich vorwiegend bei jungen Frauen, weil Schönheit ein Mittel ist, das vor allem Frauen Zuwendung verschafft und dadurch den Druck zur autonomen Selbstbehauptung entschärft.
Das Selbstwertgefühl des "Binge-Eaters" ist in der Regel schlecht. Hier dient die Fressattacke der Verdrängung unangenehmer Gefühle, wie Scham, Wut oder Schuld und der Verschiebung gefürchteter Impulse auf das, was man sich zu tun getraut: essen. Essen wird zum Ersatz für all das übrige, was man sich vom Leben nicht zu nehmen wagt.
Bei der Psychotherapie der Essstörungen kommen Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie, der Interpersonellen Therapie und tiefenpsychologische Ansätze zum Einsatz.
Neben der Bearbeitung unbewusster Ängste vor Ablösung und Autonomie steht die Klärung von Selbstwertzweifeln im Vordergrund, da essgestörte Patientinnen dazu neigen, ihren Selbstwert einseitig am weiblichen Schönheitsideal zu messen. Dadurch machen sie sich in besonderer Weise vom Werturteil anderer abhängig.
Essstörungen werden oft von weiteren psychischen Symptomen begleitet. Häufig leiden essgestörte Patientinnen zusätzlich unter Zwangserscheinungen, Depressionen, sozialen Phobien oder Stimmungsschwankungen als Folge von Persönlichkeitsstörungen (z.B. Borderline-Störungen). Dem entsprechend ist verständlich, dass Essstörungen auch durch Psychopharmaka positiv beeinflusst werden können, die bei den genannten Symptomen wirksam sind. Die Wirksamkeit der Psychopharmaka ist jedoch nur schwach. Zudem ist bei Magersüchtigen, die in einem schlechten Allgemeinzustand sind, das Risiko gefährlicher Nebenwirkungen erhöht.
Grundsätzlich geeignet sind Antidepressiva. Da manche Antidepressiva jedoch unmittelbar zur Gewichtszunahme führen, sind viele Patientinnen zur Einnahme solcher Medikamente kaum zu motivieren. Eine Ausnahme bilden die SSRI. Dies sind Antidepressiva, bei denen Gewichtszunahme nicht als übliche Nebenwirkung beschrieben ist. Die meisten positiven Erfahrungen wurden für Fluoxetin bei der Bulimie beschrieben.
In jüngerer Zeit haben sich auch niederpotente Neuroleptika und Olanzapin als teilweise wirksam erwiesen.
In schweren Krankheitsfällen sind stationäre Behandlungen in einer Fachklinik für Eßgestörte notwendig. Wichtige Indikationen für eine stationäre Behandlung sind:
Therapeutische Schwerpunkte des stationären Behandlungsprogramms sind:
Atypische Störungen des Essverhaltens können verschiedene Ursachen haben. Beispielhaft seien drei Varianten genannt:
Sozialphobische Menschen leiden unter der Befürchtung, sie könnten sich vor anderen blamieren. Meist sind damit Sprechängste verbunden. Die Betroffenen haben Hemmungen, andere Leute anzusprechen und erst recht, vor einer Gruppe das Wort zu ergreifen. Wenn ein Sozialphobiker in der Kantine an einem Tisch mit lauter Kollegen sitzt, kann es sein, dass sich seine Angst vor der Blamage auf den Handlungsablauf des Essens erweitert:
Um der Blamage vorzubeugen, verzichtet er womöglich auf die Suppe, hat keinen Durst mehr oder er bemüht sich so sehr darum, sich bloß nicht zu verschlucken, dass der eigentlich automatisierte Schluckakt durch übermäßig bewusste Kontrolle gestört wird.
Menschen mit generalisierter Angststörung machen sich über alle möglichen Unglücke Gedanken; auch über solche, die ziemlich umwahrscheinlich sind. Zum Beispiel...
Um die befürchteten Gefahr zu umgehen, isst der eine nur winzige Portionen, damit das Volumen des eventuell Erbrochenen niemals die gesamten Atemwege verstopfen kann. Ein anderer isst nur die Soße und bloß kein Fleisch, weil er hofft, dass die Flüssigkeit allein den Magen so schnell verlässt, dass die Gefahr des Erstickens gemindert wird.
Im Rahmen zwischenmenschlicher Spannungen kann die Nahrungsaufnahme einer bewussten oder unbewussten Verweigerungshaltung zum Opfer fallen.
Chronische Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen Partnern, können das Bedürfnis nach Selbstbestimmung so sehr missachten, dass daraus sowohl typische als auch atypische Essstörungen entstehen.
Die Einordnung des Night-Eating-Syndroms ist unklar. Bei dieser Verhaltensvariante kommt es zum Verzehr kleinerer Nahrungsmengen während nächtlichen Wachphasen. Dadurch findet ein ungewöhnlich hoher Teil der Nahrungszufuhr nach dem Abendessen statt, was zu vermindertem Appetit beim Frühstück führt. Da Schlafstörungen gehäuft bei seelisch angespannten und depressiven Personen vorkommen, ist klar, dass nächtliches Essen gehäuft bei entsprechenden Symptomen auftritt.
Fraglich ist aber, ob daraus eine eigenständige Krankheitseinheit abgeleitet werden kann. Womöglich liegt die Wurzel des nächtlichen Essens lediglich in der Hoffnung schlafloser Menschen, nach dem Essen wieder besser einzuschlafen.