Bei der Pharmakotherapie fragt der Arzt den Patienten, was er für ihn tun kann.
Bei der Psychotherapie fragt der Patient den Arzt, was er für sich tun kann.
Der Therapeut ist nicht dazu da, den Patienten zu verändern. Seine Aufgabe ist es, ihm zu zeigen, dass er in Ordnung ist.
Wer akzeptiert, was er ist, setzt sich in Bewegung.
Symptome werden durch Verhaltensmuster, soziale Prägungen, Selbst- und Weltbilder, Gefühlsgewohnheiten sowie Umgangsformen verursacht. Änderungen des Verhaltens, der Denkweisen und Kommunikationsmuster führen daher zur Beseitigung der Symptome. Das ist der gemeinsame Ausgangspunkt aller psychotherapeutischen Ansätze.
Während die Pharmakotherapie psychischer Störungen am Körper ansetzt, versteht man unter Psychotherapie jede gezielte therapeutische Maßnahme, die sich unmittelbar an die Psyche des Patienten richtet.
Psychotherapie hilft nicht bei jedem Problem. Sie setzt voraus, dass die Ursache des Problems in der Person des Patienten selbst liegt und er sich aktiv an der Lösung beteiligen will - und kann. Mehr noch: Die Aktivität des Patienten ist die Grundbedingung für den Erfolg der Therapie.
Verantwortung
Kernprinzip der Psychotherapie ist die Übernahme von Verantwortung durch den Patienten für sich selbst. Wer Verantwortung nicht übernehmen will oder kann, wird von Psychotherapie nur flüchtig profitieren.
Die Klage über andere Leute oder situative Missstände kann eine Etappe zum Eigentlichen sein; aber nur, wenn die Etappe überwunden wird. Sonst ist sie die Fortsetzung eines Fehlverhaltens zu Lasten der Kasse.
Vor Beginn einer Psychotherapie ist Folgendes zu klären:
Folgende Tabelle gibt einen Überblick über das Gewicht der vier Grundmuster bei den häufigsten therapeutischen Schulen.
Therapeutische Prinzipien
| Therapieschule | aufdeckend | übend | suggestiv | bestärkend |
| Psychoanalyse | +++ | - | - | - |
| Tiefenpsychologisch | +++ | - | - | + |
| Gestalttherapie | +++ | - | - | + |
| Systemische Therapie | +++ | + | - | + |
| Kognitive Verhaltenstherapie | ++ | ++ | - | + |
| Klassische Verhaltenstherapie | - | +++ | - | + |
| Gesprächstherapie | + | - | + | +++ |
| Klassische Hypnose | - | - | +++ | + |
| Autogenes Training | - | +++ | ++ | ++ |
| Positives Denken | - | + | +++ | ++ |
Tatsächlich sind die Schwerpunkte aber nicht nur den Therapieformen zuzuordnen, sondern ihr Einsatz hängt von der Persönlichkeit des Therapeuten ab. Die Mehrheit der Therapeuten orientiert sich heute nicht mehr prinzipiell an einer therapeutischen "Weltanschauung", sondern mischt die Methoden je nach erhofftem Nutzen für den Patienten. Ein Beispiel für den Methodenmix ist die Kognitive Verhaltenstherapie, die den aufdeckenden Ansatz der Tiefenpsychologisch-analytischen Therapien mit dem übenden Ansatz der Klassischen Verhaltenstherapie kombiniert.
Unverstandene Motive haben großen Einfluss auf das Erleben. Vieles was wir tun, tun wir nicht, weil wir uns bewusst dazu entschieden hätten, sondern weil wir verborgenen Impulsen folgen. Diese Impulse entspringen zwei seelischen Bedürfnissen, die zeitlebens miteinander ringen: dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem nach Selbstbestimmung. Je nach biographischer Prägung und persönlichem Temperament entwickeln Menschen unterschiedliche Strategien, um mit der Rivalität beider Bedürfnisse angesichts realer Umweltbedingungen umzugehen. Diese Strategien nennt man Abwehrmechanismen.
Ändern oder Annehmen?
Viele kommen zur Therapie, weil sie sich ändern wollen. Aber damit hat ihr Problem doch angefangen - mit dem Versuch, sich zu ändern. Statt so zu sein, wie sie sind, haben sie Rollen gespielt. Sie haben geglaubt, es brächte mehr Erfolg, wenn sie etwas anderes wären, als das, was sie sind. Was sie tatsächlich sind, haben sie für das verleugnet, was sie für besser hielten.
Abwehrmechanismen sind Problemlösungsversuche. Oft lösen sie die zugrunde liegenden seelischen Konflikte jedoch nur unvollständig und produzieren dabei Symptome. Grundprinzip aller aufdeckenden Therapien ist es, sowohl die Kräfte der verborgenen Bedürfnisse als auch untaugliche Abwehrmanöver bewusst zu machen; denn wenn der Patient sein seelisches Innenleben besser kennt, kann er es angemessener mit den realen Gegebenheiten abgleichen. Und je besser der Abgleich gelingt, desto weniger Symptome hat er.
Das Bewusstmachen individualpsychologischer Dynamiken ist eine wesentliche Komponente bei der Psychotherapie komplexer psychologischer Probleme; vor allem dann, wenn ausgeprägte Störungen der Selbstwertregulation und heftige zwischenmenschliche Spannungen bestehen. Dazu gehören vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen sowie solche mit komplexen Angsterkrankungen und Depressionen.
Was Sie sind, hat das Schicksal Ihnen anvertraut. Nehmen Sie es in Liebe an. Mehr Erfolg, als das zu sein, was man ist, kann es nicht geben.
Zur Aufdeckung unbewusster Konflikte ermutigt die Psychoanalyse den Patienten, ungestört seinen Gedanken zu folgen, die Tiefenpsychologische Psychotherapie bietet einen aktiven Dialog über Ängste, Zweifel und Widersprüche im Erleben des Patienten an. Die systemischen Therapien, wie die Interpersonelle Psychotherapie und die Familientherapie, konzentrieren sich besonders auf den Umgang des Patienten mit seinen Bezugspersonen. Die Varianten der "humanistischen Psychotherapien", wie die Gestalttherapie und das Psychodrama, setzen zur Bewusstmachung auf Rollenspiele.
Therapiemethoden, deren wesentlicher Ansatz im Aufdecken unbewusster seelischer Motive liegt, werden als tiefenpsychologische Ansätze bezeichnet. Dazu gehören auch die psychoanalytischen Schulen, die sich auf Freud, Adler, Jung oder deren Schüler berufen.
Ziele und Methoden der Tiefenpsychologie
| Ziel | Methode | Frage |
| Gesteigerte Wahrnehmung der aktuellen innerseelischen Dynamik | Hinführung zur Introspektion (Innenschau) | Was geht jetzt in mir vor? |
| Aufarbeitung unverarbeiteter Traumata | Erinnerung an traumatische Erlebnisse Abschluss unterbrochener emotionaler Abläufe |
Was will ich bis heute nicht wahrhaben? |
| Einblick in individuelle psychodynamische Grundmuster | Analyse der Abwehrmechanismen |
Wie manipuliere ich mich selbst? |
| Stärkung des Selbst gegenüber dem Selbstbild | Unterscheidung zwischen Selbst und Selbstbild |
Wie bin ich tatsächlich? Was will ich sein? |
| Verständnis kausaler Zusammenhänge | Untersuchung der seelischen Entwicklung im Laufe der Zeit |
Wie bin ich geworden, was ich heute bin? |
Grundprinzip:
Erkenne Dich selbst. Dann ändert sich Dein Verhalten.
Übende Verfahren gehen davon aus, dass psychische Symptome Resultat "dysfunktionaler Verhaltensweisen" sind, die der Patient im Laufe des Lebens erlernt hat. Damit der Patient umlernt, entwirft der Therapeut für ihn ein Übungsprogramm, das solange eingehalten wird, bis das symptomerzeugende Verhalten durch ein "funktionales" ersetzt ist.
Übende Verfahren vom Typ der Verhaltenstherapie sind vor allem bei umschriebenen, gut abgrenzbaren Problemen nützlich. Ihr Haupteinsatzgebiet liegt bei den isolierten Phobien.
Grundsätzlich können aber auch bei Depressionen und bei der Behandlung von Suchterkrankungen Übungs- und Verhaltensprogramme entworfen werden, die maßgeblich zur Symptombehebung beitragen.
Übende Verfahren setzen eine besonders aktive Beteiligung des Patienten voraus. Er hat konkrete Hausaufgaben zu bewältigen und über den zeitlichen Verlauf der Symptomstärke Buch zu führen. Bei Expositionsbehandlungen, wenn er zum Beispiel wegen Höhenangst mit dem Therapeuten einen Turm besteigt, muss er unter Umständen erhebliche Ängste ertragen.
Den übenden Verfahren ist auch das Autogene Training zuzurechnen, bei dem durch ein abgestuftes Verhaltensprogramm Entspannung und damit Entängstigung und Linderung psychogener Schmerzen angestrebt wird.
Die ursprüngliche Verhaltenstherapie formulierte eine radikale Gegenposition zur älteren Tiefenpsychologie. Sie schloss reflektive Selbsterkenntnis als therapeutisches Element aus und konzentrierte sich auf das Training funktionaler Verhaltensmuster. Erst als sie das tiefenpsychologische Grundprinzip der heilenden Selbsterkenntnis wiederentdeckte, wurde sie als "kognitive Verhaltenstherapie" zu dem therapeutischen Ansatz, der heute angewendet wird.
Ziele und Methoden der Verhaltenstherapie
| Ziel | Prinzip | Methoden |
| Identifikation und Beschreibung der Probleme | Problemanalyse |
Identifikation von Problembereichen Entwicklung von Lösungsstrategien |
| Verbesserung der Fähigkeit, Probleme durch gezielte Verhaltensänderungen selbständig zu lösen | Training von Problemlösefähigkeiten | Umsetzen alternativen Verhaltens im Alltag oder im Rollenspiel Verhaltens- und Verstärkerpläne unter Anwendung von Selbstbeobachtung und Selbstbelohnung |
| Selbstsicheres Verhalten | Training sozialer Kompetenzen | Gezieltes Einüben selbstsicheren Verhaltens Rollenspiele |
| Ersatz dysfunktionaler durch funktionale Gedanken | Kognitive Umstrukturierung |
Hinterfragen negativer Bewertungen, prototollierte Selbstbeobachtung, Überprüfung der Richtigkeit gedanklicher Vorstellungen |
| Aktivitätsaufbau | Gezielte Verhaltenssteuerung |
Systematische Planung und Durchführung fruchtbarer Aktivitäten |
| Abbau von Angst und Spannung | Entspannungstraining |
Einüben von Autogenem Training oder anderen Entspannungsverfahren |
Grundprinzip:
Ändere Dein Verhalten. Dann geht es Dir besser.
Bei hypnotherapeutischen Ansätzen versucht der Therapeut seelische Muster durch Suggestion zu verändern. Die klassische Hypnose umgeht dabei die individuelle Selbstregulation des Patienten. Insofern ist sie eine Sonderform: Bei ihr gilt der Grundsatz vom aktiven Patienten nicht.
Bei anderen hypnotherapeutischen Ansätzen steht weniger die suggestive Verankerung stärkender Selbstbilder im Vordergrund und mehr die Hoffnung, durch Trancezustände verdrängte Bewusstseinsinhalte besser zu erreichen; entweder um sie so bewusst zu machen oder um ihre kreative Dynamik anzuregen.
Auch das Autogene Training und das sogenannte "positive Denken" kann den Suggestivmethoden zugeordnet werden. Hier ist die Aktivität des Patienten wiederum gefragt: Indem er nämlich Entspannungsübungen eintrainiert oder sich sprachlicher Formeln bedient, durch die er sein Selbstwertgefühl und sein Selbstvertrauen autosuggestiv bestärkt.
Bei der Gesprächstherapie nach Rogers ist Bestärkung und Bestätigung das tragende Element der Therapie. Aber auch in anderen Therapieformen spielt sie eine Rolle. Gerade ängstliche und selbstunsichere Patienten brauchen direkten Zuspruch und Ermutigung. Viele Menschen stehen extrem unter Druck und haben im Alltag keine Möglichkeit, überhaupt ein vertrauliches Gespräch zu führen, sodass es dem Therapeuten zunächst lediglich zukommt, aufmerksam zuzuhören. Dabei ist er bewusst parteiisch und hebt beharrlich den positiven Anteil des zwiespältigen Erlebens des Patienten hervor.
Unterschiede
Auch die Psychoedukation kann im weitesten Sinne als psychotherapeutisches Element aufgefasst werden. Sie spielt besonders bei solchen Erkrankungen eine Rolle, die auf körperliche Faktoren zurückzuführen und somit durch Psychotherapie im engeren Sinne nicht heilbar sind. Zu nennen sind Psychosen und affektive Störungen, die auf Stoffwechselstörungen beruhen. Aber auch bei Suchterkrankungen hat sie eine große Bedeutung.
Unter Psychoedukation versteht man die Aufklärung des Patienten über Art, Ursprung, Verlauf und Bewältigungsmöglichkeiten seiner Erkrankung. Der Kern besteht dabei in der Aufklärung darüber, was der Patient durch eigenes Tun zur Milderung des Krankheitsverlaufs beitragen kann.
Themen der Psychoedukation