Leiden motiviert zum Handeln. Wer es betäubt, schränkt den Grund zum Handeln ein. Wer nicht handelt, hat bald Grund noch mehr zu leiden. Wer dann meint, dass er mehr Betäubung braucht, wird süchtig.
Psychische Abhängigkeit liegt vor, wenn die langfristige Wirkung der Substanz das Motiv, sie zur kurzfristigen Entlastung einzunehmen, verstärkt.
Körperliche Abhängigkeit liegt vor, wenn der Körper sich so an die Gegenwart der Substanz angepasst hat, dass Körperfunktionen entgleisen, wenn sie wegfällt.
Je einseitiger eine Substanz einen Pol im Spannungsfeld des Grundkonfliks bedient, desto schneller macht sie den süchtig, dessen entsprechendes Bedürfnis unbefriedigt ist.
Die Welt um den Tresen reicht bis zur Kneipentür. Die neben dem Spritzbesteck endet bereits an der Haut.
Vom Opiatrausch lässt sich am schnellsten verführen, wer in der Kindheit am wenigsten geborgen war.
Stoffe mit Suchtpotenzial verändern das Bewusstsein. Sie verändern Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Person und der Umwelt. Deshalb nimmt man sie ein. Wer Suchtmittel einnimmt, erzeugt eine künstliche Psychose. Er erwartet, dass er die Dinge mit verändertem Bewusstsein gelassen hinnimmt oder dass er besser als im nüchternen Zustand handeln kann.
Die Mehrzahl der Menschen geht mit Suchtstoffen kontrolliert um. Kontrolliert ist der Umgang, wenn er keine Dynamik anstößt, die die Neigung zum Konsum verstärkt.
Suchtstoffe erleichtern es, unangenehme Bewusstseinsinhalte zu verdrängen. Unangenehmes gerät vorübergehend in Vergessenheit. Das ist die angestrebte Wirkung. Missbrauch betreibt, wer unangenehme Themen mit Betäubungsmitteln so aus dem Bewusstsein verdrängt, dass er damit den Impuls schwächt, Lösungen durch selbständiges Handeln zu finden.
Typische Wirkungen suchterzeugender Substanzen
| Substanz | Subjektives Erleben | Körperliche Symptome |
| Opiate, Heroin, Morphium | Wärmegefühl, Entspannung, Gefühl der Geborgenheit, Apathie, Dämpfung des Schmerzempfindens Abschirmung gegen Außenreize, behagliches Tagträumen | Enge Pupillen, Verlangsamung, verwaschene Sprache, Übelkeit, Erbrechen, Blutdrucksenkung |
| Tranquilizer, Hypnotika, Benzodiazepine | Entspannung, Entängstigung, Müdigkeit. Auch paradoxe Wirkung mit Enthemmung und Erregung möglich | Verwaschene Sprache, psychomotorische Verlangsamung, Gangstörungen, muskuläre Entspannung |
| Cannabis, Haschisch, Marihuana | Entspannung, Intensivierung der Selbstwahrnehmung, Tagträumen, Passivität, Umschlag in Angstpsychosen möglich | Mundtrockenheit, Cannabisgeschmack, gesteigerter Appetit, beschleunigter Puls, Lust auf Süßes |
| Kokain | Enthemmung, gesteigertes Selbstwertgefühl, gesteigerter Antrieb, sexuelle Erregung, Größenideen, Umschlag in paranoide Ängste und wahnhafte Verkennungen möglich | Weite Pupillen, beschleunigter Herzschlag, Blutdrucksteigerung, Schwitzen |
| Amphetamine, Speed | ähnlich Kokain | ähnlich Kokain |
| Entactogene, Extacy | Gesteigerte Kontaktbereitschaft, Gefühle mystischer Verbundenheit | ähnlich Kokain |
| Halluzinogene, LSD, Psylocybin, Meskalin | Intensivierung der sensorischen Wahrnehmung, Veränderungen des Raum- und Zeiterlebens, Halluzinationen, gehäuft Umschlag in paranoide Verkennungen und Angstpsychosen | Weite Pupillen, beschleunigter Puls, Zittern, vegetative Übererregung |
| Alkohol | Je nach Menge und individueller Neigung: Enthemmung mit gesteigerter Kontaktbereitschaft, Entängstigung, erhöhte Risikobereitschaft, Reizbarkeit, Aggressiondurchbrüche | Verlangsamung, lallende Sprache, Gangstörungen |
Abkürzung oder Umweg
Wie es einem geht, hängt zu jedem Zeitpunkt auch von Umständen ab, die man nicht unmittelbar beeinflussen kann:
Das Befinden ist abhängig. Der Konsum von Suchtstoffen ist ein Versuch, sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen, indem man das Befinden durch ein chemisches Werkzeug selbst bestimmt. Setzt man das Mittel zu oft ein, befreit man sich nicht aus der Abhängigkeit. Man verstrickt sich tiefer in sie hinein. Die Abkürzung wird zum Umweg.
Von Sucht bedroht sind vor allem Menschen, die beim Lösen ihrer Probleme ineffektive Verhaltensweisen benutzen. Häufig wenden sie abhängige, depressive, ängstlich-vermeidende, emotional-instabile oder andere problematische Muster an.
Diese Muster führen dazu, dass sie bei der Vertretung ihrer Interessen hinter dem Notwendigen zurückbleiben. Dadurch stauen sich Wut, Angst und Unzufriedenheit auf, was einen wachsenden Handlungsdruck bewirkt. Eigentlich müssten sie etwas tun, um die Probleme zu lösen. Entweder sie wissen aber nicht was, oder es fehlt der Mut dazu. Daraus resultieren Schuld- und Schamgefühle.
Sobald sie bemerken, dass eine Substanz den Leidensdruck mindert, sind sie versucht, das Mittel öfter zu nutzen. Tun sie es, verfallen sie bezüglich des verdrängten Problems in Passivität. Sie wachsen nicht mehr daran. Sie lernen im Umgang damit keine neuen Strategien. Sie verlernen womöglich auch noch das, was sie bereits konnten.
Der Teufelskreis beginnt sich zu schließen. Je mehr sie hinter dem Notwendigen zurückbleiben, desto mehr fühlen sie sich von Notwendigkeiten bedrängt. Es droht zunehmender Kontrollverlust. Die Substanz nach der sie süchtig sind, erscheint als einziger Retter in wachsender Not. Dabei ist der Griff nach dem Retter genau das, was die Not vertieft.
Statt aus unliebsamen Erfahrungen zu lernen, blendet man die Erinnerung daran aus. Hat man dank des Alkohols vergessen, wie man sich missachtet, ungeliebt und wertlos fühlte, fürchtet man sich weniger, dass es erneut passiert und ist in der Folge enthemmt. Erfahrungen, die man ausblendet, kann man aber nicht für künftiges Wachstum nutzen. So bremst man die eigene Reifung aus und sorgt dafür, dass man sich auch in Zukunft missachtet und wertlos erlebt.
Will man von den Sorgen der Zukunft nichts wissen, lässt Alkohol die Erinnerung daran verblassen. Wer trinkt weiß, dass er sich wegen des Trinkens dem nächsten Tag nur angeschlagen stellen kann. Also ist der nächste Tag erst recht zu fürchten und der Trinker trinkt noch ein Glas, um genau das zu vergessen. So entsteht Kontrollverlust. Man trinkt, um zu vergessen, dass man das Trinken bereuen wird. Hat man sich durch den nächsten Tag in den Abend gerettet, will man im nächsten Umtrunk vergessen, wie mühsam das war.
Konsumiert man große Mengen, kommt es zum "Filmriss". Die Erinnerung an den Abend wird über Nacht gelöscht. Trinkt man dauerhaft, führt der fortgesetzte Versuch, das Gedächtis abzuschwächen, zu einer dauerhaften Störung seiner Funktion (Korsakow-Syndrom).
Manche Suchtstoffe führen zu strukturellen Veränderungen am Körper. Oder der Organismus reagiert auf die ständige Reizung durch die Substanz mit einer Umstellung von Stoffwechselprozessen. Eine körperliche Abhängigkeit ist entstanden. Zu den Substanzen, die dazu führen, gehören vor allem Alkohol, Opiate und Tranquilizer.
Wird der Suchtstoff entzogen, entgleist das krankhafte Gleichgewicht. Das kann zu heftigen Entzugserscheinungen führen. Vor allem beim Alkohol können sie unbehandelt tödlich enden. Die Angst vor den Entzugserscheinungen vertieft die Abhängigkeit des Süchtigen von seiner Substanz.
Geht dem Trinker der Alkohol aus, fällt die dämpfende Wirkung weg. Entzugserscheinungen treten auf. Sie sind Ausdruck einer überschießenden Erregung des Organismus, der nach Wegfall der Dämpfung Zeit braucht, um sich wieder umzustellen.
| Entzugserscheinungen / Alkohol |
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Bei starker Abhängigkeit beginnen Entzugserscheinungen bereits wenige Stunden nach dem letzten Konsum. Nach 3-7 Tagen klingen sie in der Regel vollständig ab.
Opiate, allen voran Heroin, blockieren sogenannte "Nocizeptoren". Nocizeptoren sind "Schadensmelder". Sie melden dem Gehirn, dass etwas nicht in Ordnung ist, meist in Form von Impulsen, die das Gehirn dem Bewusstsein als Schmerzerlebnis zur Verfügung stellt. Neben dem Schmerz blockieren Opiate auch das Empfinden von Hitze, Kälte, Spannung, Angst, Hunger und Unbehagen.
| Entzugserscheinungen / Opiate |
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Wie beim Alkohol reagiert der Körper auf die Gegenwart der Substanz mit Gegenmaßnahmen. Er versucht die Blockade der Schadensmelder zu überwinden. Dazu sendet er verstärkte Impulse ans Gehirn. Kann der Süchtige keinen Stoff mehr beschaffen, fällt die Barrikade vor der überlauten Schadensmeldung weg. Das Bewusstsein wird mit negativen Nachrichten aus dem Körper überschwemmt. Resultat sind die typischen Entzugserscheinungen des Opiums. Der Zeitverlauf der Entzugserscheinungen ähnelt dem beim Alkohol.
Tranquilizer von Typ der Benzodiazepine wirken auf das sogenannte gabaerge System im Gehirn. Dadurch wirken sie dämpfend. Sie mildern Angst, Wut und Erregung. Sie dämpfen die Wachsamkeit. Der Konsument nimmt gelassen hin, was ihn sonst aus der Fassung brächte.
Auch hier kommt es bei dauerndem Gebrauch zu Gegenmaßnahmen des Körpers. Der Körper weiß, dass Wachsamkeit sinnvoll und es durchaus nicht immer ratsam ist, alles gelassen hinzunehmen. Daher versucht er, den Substanzmissbraucher aus seiner Fügsamkeit zu scheuchen. Fällt die Substanz weg, ist der Weckreiz des Körpers übergroß. Folgendes hat der Süchtige womöglich zu erdulden.
| Entzugserscheinungen / Tranquilizer |
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Beim Entzug stimulierender Substanzen wie Kokain und Amphetamin stehen psychische Symptome im Vordergrund. Der Entzug wirkt wie die Kehrseite der Substanzwirkung. Während die Substanzen euphorisch machen, das Gefühl vermitteln, über gesteigerte Kraft und Dynamik zu verfügen, zu gesteigerter Aktivität führen und das Schlafbedürfnis reduzieren, ergeht es dem Konsumenten im Entzug gerade umgekehrt.
Statt euphorisch ist er depressiv, statt aufgedreht wird er antriebslos, statt hellwach zu sein, plagt ihn lähmende Müdigkeit. Die größte Gefahr besteht darin, dass der Verlust des geborgten Selbstwertgefühls in eine Depression mündet, in der sich der Patient umbringt.
Die Entzugserscheinungen bei chronischem Cannabiskonsum sind selten spektakulär oder gar gefährlich. Trotzdem kann es einem Konsumenten schwer fallen von seiner Droge abzulassen. Bei chronischem Konsum steht meist die entspannende und schlaffördernde Wirkung im Vordergrund. Fällt die Droge weg, wird der Konsument überempfindlich, reizbar und unzufrieden. Er kann nicht mehr abschalten, schläft schlechter und fühlt sich durch die nüchterne Aufdringlichkeit der Außenwelt bedrängt.
Suchtstoffe vermitteln unterschiedliche Gefühle. Großen Einfluss auf die Substanzwahl hat die persönliche Stellung des Konsumenten im Grundkonflikt. Nicht bei allen Substanzen entspricht die Wirkung so deutlich wie bei Opiaten und Kokain dem Bedürfnis nach beruhigender Zugehörigkeit bzw. ungehemmter Handlungsmacht.
Das Zusammenspiel zwischen der Wirkung von Alkohol, Cannabis, Tranquilizern und Drogen wie LSD oder Extacy einerseits und der Psyche des Konsumenten andererseits lässt sich nur ungenau skizzieren. Auch die Psychodynamik des Opiat- und Kokainkonsums weist individuelle Varianten auf, die nur bei Betrachtung des Einzelfalls zu verstehen sind. Trotzdem gibt es typische Konstellationen:
Die Wirkung des Alkohols ist vielschichtig. Er bedient sowohl das Bedürfnis nach Zugehörigkeit als auch das nach autonomer Selbstbestimmung.
Alkohol verengt das Bewusstsein auf das Hier-und-Jetzt. Er blendet die anonyme Weite des Daseins aus und erleichert es dem Trinker, sich in einer vereinfachten Gegenwart heimisch und vertraut zu fühlen. Das erfüllt zwar das Bedürfnis nach Zugehörigkeit noch nicht, es mildert jedoch die Angst vor der Verlorenheit.
Indem Alkohol die Sorge vor dem, was morgen kommen mag, vergessen lässt, setzt er Impulse frei, sich ohne Skrupel auszudrücken. Mit Alkohol im Blut ist man enthemmt. Man erspart es sich, vor allem, was man sagt und tut, zu überprüfen, ob es auch den anderen passt. Der Mut, im vertrauten Horizont der Trunkenheit selbstbestimmt über eigene Rede und Tat zu entscheiden, führt dann dazu, dass die Entfremdung von den anderen, die durch die Angst vor Ablehnung entstand, entfällt. Wie ein kleiner König, der alles sagen darf, fühlt man sich dem Kreis sorgloser Genießer zugehörig.
Die Wirkung der Opiate ist einseitiger als die des Alkohols. Opiate vermitteln fast ausschließlich ein Gefühl geborgener Zugehörigkeit. Heroin wirkt schmerzlindernd, einlullend und wärmend. Unter Opiateinfluss erlebt sich der Süchtige geborgen wie im Schoß einer Mutter, die ihn vor dem gefürchteten Kampf um Selbstbestimmung bewahrt. Da keine Störmeldung mehr das Bewusstsein erreicht, erlaubt es sich, ungestört vom Ruf der Probleme nach aktiver Lösung, passiv zu sein.
Dem entsprechend entwickelt man im Opiatrausch kaum jemals Tatendrang. Solange die Wirkung anhält, döst und träumt man vor sich hin. Man hat nur wenig Impuls, Zugehörigheit im Kontakt zu andern zu suchen. Das Bedürfnis danach ist durch die Droge gestillt. Warum sollte man also echte Bezogenheit zu anderen Leuten auf dem steinigen Weg der Realität erkämpfen?
Lässt die Wirkung aber nach, prasseln die verdrängten Hiobsbotschaften wieder auf den Konsumenten ein. Sie lassen ihn mit wachsender Getriebenheit nach der nächsten Mutter Ausschau halten, die ihm ein paar Stunden sorglose Kindheit gewährt.
Opiate sind illegal. Daher ist die Außenwelt für den Konsumenten umso mehr feindliches Terrain. Je mehr er sich bei der Beschaffung der chemischen Mutter die Haut zerkratzt, desto süchtiger sehnt er die schmerzlindernde Wirkung der Droge herbei. Die starke Suchtpotenz der Opiate entsteht aus der einseitigen Polarität zwischen der Hetze des Ausgeliefertseins an eine erschreckende Außenwelt und der phantasierten Geborgenheit, die die Droge vermittelt.
Die Wirkung des Kokains ist gegenteilig zu der der Opiate. Ähnliches gilt für Amphetamine. Kokablätter sind ein Stärkungsmittel südamerikanischer Indios. Der Wirkstoff setzt Kraftreserven frei, damit man den langen Weg ins Hochland der Anden schafft.
Dem entspricht die Wirkung des Kokains. Plötzlich hat man neue Kraft. Ungeachtet der lästigen Tatsache, dass man einer leiblichen Existenz angehört, die dem Willen, selbst über sich zu bestimmen, Grenzen setzt, spürt man neuen Tatendrang. Man fühlt sich hochpotent und glaubt, man könne sich alles aus eigener Kraft beschaffen. Kokain katapultiert den Süchtigen in einen Zustand befreiter Autonomie. Dort braucht er nichts und niemanden mehr, um großartig zu sein.
Die Beschaffung des wenigen, was man an Zugehörigkeit noch braucht, hat man voll im Griff. Ohne die Angst, dass man durch Zurückweisung ernsthaft zu verletzen wäre, geht man ungehemmt auf andere zu. Bekommt man in der Disco von der ersten einen Korb verpasst, spricht man eben die nächste an. So wichtig ist die Person des anderen schließlich nicht, wenn man ihn bloß noch als Mittel für die eigenen Zwecke braucht!
Lässt die stimulierende Wirkung nach, kommt dem Kokainkonsumenten die Erlebnisfähigkeit seiner nüchternen Existenz erbärmlich vor. Von Selbstwertzweifeln bedrängt, droht er aus der eben noch erlebten Handlungsmacht in Depressionen zu verfallen. Es sei denn, der Stoff ist noch nicht alle...
Tranquilizer dämpfen die Wachsamkeit. Sie machen aus Stieren Lämmer. Sie melden der Psyche, dass alles in Ordnung ist. Nichts Drängendes steht zur Erledigung an. So hemmen Tranquilizer autonome Impulse. Ist der Impuls, im eigenen Interesse zu handeln abgeschwächt, nimmt man leichter hin, was vorliegt. Weder der Ärger über die anderen kommt auf, noch die Angst vor der eigenen Aggression. So braucht man nicht mehr zu fürchten, dass man beim Kampf gegen missliche Zustände mit dem Umfeld ernsthaft aneinander gerät. Der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem nach autonomer Selbstbestimmung lässt nach...und damit die Angst, die durch diesen Konflikt entsteht.
Cannabis intensiviert die Wahrnehmung. Das betrifft sowohl das sinnlich Erlebbare als auch die assoziative Fülle der eigenen Phantasie. Dadurch lenkt es die Aufmerksamkeit auf die Reichhaltigkeit des Hier-und-Jetzt und steigert das Gefühl der Zugehörigkeit des Konsumenten zu seiner unmittelbaren Gegenwart. Indem Cannabis das Interesse auf das fokussiert, was in der Nähe des Subjekts liegt und von diesem sowohl erlebt als auch beeinflusst werden kann, blendet es Aspekte, die aus der Ferne das Ich bedrohen, aus. Die Angst vor anonymer Verlorenheit in der unpersönlichen Weite wird schwächer.
Da Cannabis es dem Konsumenten erleichtert, das als Reichtum zu empfinden, was auch ohne Kampf gegeben ist, schwächt es Impulse zum autonomen Handeln ab. Da autonomes Handeln zu Rivalitäten mit dem Umfeld führt und zur Gefahr, soziale Zugehörigkeiten einzubüßen, mindert es daraus resultierende Ängste.
Dem entsprechend führt dauerhafter Cannabis-Konsum häufig zu einem sogenannten demotivationalen Syndrom. Salopp gesagt: Der Dauerkiffer ist nicht gerade der, der Probleme als erster erkennt und tatkräftig zupackt. "Demotivational" heißt: Es fehlt an der Motivation zum Handeln.
Grundregel der Sucht
Sucht ist jedes Verhalten, das langfristig den Grund verstärkt, es kurzfristig zur Entlastung einzusetzen.Der Suchtbegriff kann auf Verhaltensmuster angewandt werden, bei denen keine Substanz konsumiert wird. Die Dynamik solcher Muster zeigt Parallelen zu dem, was beim Konsum suchterzeugender Substanzen vor sich geht. Zugleich gibt es aber Unterschiede: So fällt bei den Süchten, die an keine Suchtstoffe gebunden sind, die spezifische Substanzwirkung auf das Zentralnervensystem weg. Es kommt zu keinen Bewusstseinsveränderungen, die durch die Stimulation spezifischer Rezeptoren im Gehirn hervorgerufen werden.
Kriterien der GlücksspielsuchtIn Anlehnung an DSM-VI
Bei der Glücksspielsucht mag die Hoffnung, vom Schicksal zum Glückspilz befördert zu werden, zunächst das treibende Motiv sein. Neben dem materiellen Vorteil, den ein Gewinn brächte, wäre auch der emotionale Vorteil beträchtlich. Die Glücksgöttin Fortuna hätte eine Wahl getroffen, die nicht nur durch den Gewinn autonomes Handeln erleichtert, sondern die den Spieler aus der Anonymität seiner Bedeutungslosigkeit in die Zugehörigkeit derer hebt, die von höheren Mächten beachtet werden.
Mit wachsenden Verlusten wird das Motiv, das Schicksal zur Umkehr zu zwingen, stärker. Der Spieler will nicht akzeptieren, dass ihm das Schicksal statt der erhofften Erhöhung eine Demütigung zuweist.
Gefährden die Verluste die Zugehörigkeit zu realen Gemeinschaften jenseits des Spielsalons, wird der Impuls immer stärker, sich vor der drohenden Ausgrenzung in die Spielwelt zu flüchten. Obwohl er nicht mehr wirklich glaubt, dass er gewinnen kann, kauft sich der Spieler ein paar Stunden Geborgenheit in einer Welt aus schützenden Schatten und wärmendem Licht. Koste es, was es wolle!
Beim Glücksspiel kommt es zu einer Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Spielgeschehen. Analog zur Wirkung des Alkohols werden Bewusstseinsinhalte, die mit Kränkungen oder Sorgen verknüpft sind, dadurch ausgeblendet. Der Spieler kann "endlich abschalten". Für die Dauer des Spiels ist er von der Welt da draußen befreit.
Ebenfalls analog zum Alkohol kommt es zum Kontrollverlust. Solange sich der Spieler aufs Spiel konzentriert, bleiben die Sorgen auf Abstand. Je länger er spielt, desto mehr verliert er jedoch. Also hat er wachsenden Grund zur Sorge und spielt weiter, um gar nicht erst daran zu denken. So kommt der Teufelskreis in Gang.
Im Grundsatz hofft der Spieler auf Gewinn, der ihn womöglich von allen Sorgen befreit und ihm beweist, dass er dem Schicksal etwas wert ist. Weil er sein Spiel jedoch als Schuld erlebt, nimmt er den Verlust als Buße dafür hin.
Computerspiele bieten virtuelle Wirklichkeiten, in denen der Spieler ein bergendes Zuhause findet. Er schlüpft in die Rolle eines Helden, der mit vergleichsweise geringen Mitteln große Erfolge feiert. Über kurz oder lang werden alle Feinde besiegt. Alle Widrigkeiten werden überwunden, nach jedem Tod erfolgt die Auferstehung. Jeder Sprung auf den nächsten Level hebt den Spieler hinauf zum Olymp. Dort wird er unangreifbar sein, bewundert, geehrt und respektiert.
Süchtig wird das Spiel, sobald tatsächliche Bezüge zur realen Welt in Vergessenheit geraten. Der Spieler kümmert sich nicht mehr um seinen Freundeskreis. Für Hausaufgaben, Studium und Beruf bleibt kaum noch Zeit, weil er den Anschluss an die Gilde in der Cyberwelt nicht verpassen will. Mit dem Umfeld gerät er in Konflikt, weil er sich dem Spielerfolg zuliebe kaum noch um das Umfeld kümmert.
Der Teufelskreis beginnt, wenn das Spiel die Position des Spielers in der realen Welt verschlechtert, sodass ihn die Flucht ins Spiel immer mehr verlockt. Warum sollte man sich um den öden Mist da draußen noch kümmern, wenn es drinnen erregend und behaglich ist?
Bei der Magersucht (Anorexie) und der Ess-Brechsucht (Bulimie) spielen komplexe Motive ein Rolle, die sich meist um die Ablösung aus dem Elternhaus ranken.
Je mehr Probleme Essstörungen sekundär erzeugen, desto stärker wird das Motiv, die Angst vor der Selbstbehauptung im Leben durch eine Verengung des Bewusstseins auf das "richtige Körpergewicht" auszublenden. Daher haben auch Eßstörungen durch Kontrollverlust und Selbstverstärkung süchtigen Charakter.
Der Kaufsüchtige wird vom Drang beherrscht, unliebsame Stimmungen durch den Kauf von Gegenständen zu verdrängen. Der Erwerb von Sachwerten verschafft ihm ein wohltuendes Gefühl, weil die äußerliche Bereicherung die vermeintliche Armut der eigenen Existenz übertönt. Gefördert wird die Kaufsucht durch ein gesellschaftliches Klima, das Konsum und Besitz von Waren einseitig als Zeichen des Erfolgs propagiert.
Da der Kaufsüchtige sich selbst nur wenig gilt, schenkt er sich selbst nur wenig Beachtung. Das führt zu zweierlei: Er übersieht den Reichtum seiner innerer Dynamik und er kann seine tatsächlichen Bedürfnisse nur unscharf orten. Als Folge davon hält die Dämpfung des Selbstwertzweifels nach einem Kauf nur kurze Zeit und er kauft Sachen, die er eigentlich kaum gebrauchen kann.
Indem er die Torheit seiner Käufe immer wieder aufs Neue erlebt, untergräbt er sein Selbstwertgefühl durch jenes Tun, durch das er es zu heben versucht. Auch hier wird die Grundregel der Sucht erkennbar.
Der Begriff Workaholic hat die Tatsache ins Bewusstsein gerückt, dass auch Arbeit als Suchtmittel dienen kann. Das Motiv, sich exzessiv in Arbeit zu stürzen, ist das gleiche, wie bei anderen Süchten: es dient dem Versuch, unliebsame oder schmerzhafte Gefühle, Erkenntnisse und Wirklichkeiten zu verdrängen.
Die typischen Merkmale der Sucht - Dosissteigerung, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung - markieren auch die Arbeitssucht.
Als Folgeerkrankung der Arbeitssucht kann es zu einem Burn-out-Syndrom kommen. Der hohe Energieverbrauch, den die Verdrängung gefürchteter Bewusstseinsinhalte durch die einseitige Bündelung der Achtsamkeit auf berufliche Aufgaben mit sich bringt, führt zu einem energetischen Ausbrennen mit rascher Erschöpfbarkeit und verminderter Regenerationsfähigkeit durch Pausen. Hinter der Problematik des Burn-out-Syndroms drängen - sobald die Arbeitswut wegen Ernergiemangels nicht mehr aufrecht erhalten werden kann - die ungelösten seelischen Konflikte hervor, die durch den arbeitssüchtigen Abwehrmechanismus bis dahin verdrängt wurden. Resultat sind oft schwere depressive Krisen.
Obwohl die arbeitssüchtige Fehlentwicklung längst als Gefährdung der seelischen Gesundheit erkannt ist, gibt es in der Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) keine entsprechende Kategorie. Vielleicht hängt das mit einem Zeitgeist zusammen, der die Maximierung des wirtschaftlichen Erfolgs als zentrale gesellschaftliche Zielsetzung sieht.