Das Maß dessen, was man braucht, findet man umso besser, je weniger man tut, um geliebt zu werden.

Wer verzichtet, gewinnt.

Narzisstische Bedürfnisse entsprechen dem Wunsch des Ego, wichtig zu sein.

Bedürfnisse

  1. Einteilung
  2. Elementare Bedürfnisse
  3. Situative Bedürfnisse
  4. Narzisstische Bedürfnisse
  5. Unerfüllte Bedürfnisse

1. Einteilung

Man ist zufrieden, wenn die Wirklichkeit mit dem übereinstimmt, was man fürs Zufriedensein notwendig hält. Zufriedenheit hängt mehr von Erwartungen, Selbstbild und Ausmaß subjektiv empfundener Bedürfnisse ab als von realen Fakten. Der eine kann über einen Teller Nudeln glücklich sein. Ein anderer verzehrt sich aus Angst um seine Millionen.

Bedürfnisse können in drei Gruppen unterteilt werden:

  1. Elementare bzw. existenzielle Bedürfnisse
  2. Situative Bedürfnisse
  3. Narzisstische Bedürfnisse

Bedürfnisse im Überblick

Elementar Situativ Narzisstisch
Bestimmt von dem... ...was man biologisch ist. ...was man tut. ...was man gerne wäre.
Erfüllung ermöglicht das... Sein Handeln / Werden Gelten
Individuelle Variabilität gering Abhängig von persönlicher Aktivität Abhängig vom Bedürfnis nach Bestätigung
Psychologische Problematik gering gering groß

2. Elementare Bedürfnisse

Elementare Bedürfnisse

Selbst wenn es Asketen gibt, die auch dann zufrieden sind, wenn sogar der Teller Nudeln ausbleibt, gilt das für uns normale Menschen nicht. Offensichtlich gibt es Bedürfnisse, auf deren Erfüllung man ohne besondere seelische Fähigkeiten nur schwer verzichten kann. Solche Bedürfnisse hängen nicht von Erwartungen oder unserem Selbstbild ab. Sie werden durch biologische Fakten vorgegeben. Nennen wir sie daher elementar.

Elementar ist der Teller Nudeln, das Dach über dem Kopf, die Luft zum Atmen und das Hemd in der Hose. Elementar sind all jene Bedürfnisse, die mit der Sicherung der leiblichen Existenz zusammenhängen. Da das Notwendige zur Sicherung der leiblichen Existenz bei gesunden Menschen fast identisch ist, ist die individuelle Streubreite der biologischen Grundbedürfnisse gering.

Es sind aber nicht alle gesund. Daher gehört zu den elementaren Bedürfnissen auch die medizinische Versorgung im Krankheitsfall. Da der Bedarf an medizinischer Hilfe extrem unterschiedlich sein kann, ist die Streubreite dieses Teilbedürfnisses sehr groß. Seine Sicherstellung für alle in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen kann nur ein solidarisches Gesundheitssystem gewährleisten.

2.1. Psychologische Grundbedürfnisse

Als elementar sind auch zwei seelische Bedürfnisse aufzufassen; und zwar jene, die dem psychologischen Grundkonflikt entsprechen: das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und das nach Zugehörigkeit.

Psychologische Grundbedürfnisse

Gewiss: Nur beim Kleinkind und nur was die Zugehörigkeit betrifft, ist die hier genannte Bedürftigkeit elementar im definierten Sinne. Ein Säugling kann ohne Zugehörigkeit nicht überleben. Die psychologische Dimension des Menschseins ist jedoch so wesentlich, dass man die psychologischen Grundbedürfnisse generell als elementar bezeichnen kann. Ohne ein Mindestmaß an Selbstbestimmung ist ein gesundes Seelenleben ausgeschlossen. Der Impuls zur Selbstbestimmung ist beim Menschen so groß, dass er ohne schwere Schäden nicht gebrochen werden kann.

Reife oder Abwehr

Im Grundsatz gilt: Ein mutig vertretenes Bedürfnis nach Selbstbestimmung ist ein Zeichen der Reife. Es ist aber auch ein Zeichen der Reife, dass man auf Selbstbestimmung verzichten kann, wenn etwas Wichtigeres es erfordert. Und manchmal ist ein heftiges Bedürfnis nach Selbstbestimmung ein Zeichen der Unreife: Wenn es nämlich nicht der Selbstbestimmung dient, sondern der Vermeidung einer gefürchteten Zugehörigkeit.

Die Qualität der psychologischen Grundbedürfnisse ist bei allen Menschen gleich. Wieviel Bedeutung man dem einen oder dem anderen zumisst, schwankt individuell jedoch erheblich. Außerdem unterliegen die psychologischen Grundbedürfnisse im Laufe des Lebens Veränderungen. Ist die Zugehörigkeit für einen Säugling noch unverzichtbar, macht sich so mancher bereits als Dreikäsehoch zum Schrecken seiner Eltern daran, unbeirrbar über sich selbst zu bestimmen. In der Pubertät bekommt das Bedürfnis einen neuen Schub... und vor einem Erwachsenen, der so gar nicht um Selbstbestimmung ringt, verliert man den Respekt.

Der Verzicht auf die Erfüllung eines dieser Bedürfnisse dient meist der Abwehr entsprechender Ängste.

Ein geplanter Verzicht auf eines der Bedürfnisse dient meist spirituellen Zwecken. Sie bestehen ihrerseits im Versuch, reine Selbstbestimmung oder reine Zugehörigkeit zu erreichen.

3. Situative Bedürfnisse

Situative Bedürfnisse entsprechen der individuellen Lebenslage. Sie werden von den Rollen bestimmt, die man im sozialen Umfeld spielt und von authentischen Interessen.

Übergänge

Theoretisch lassen sich Bedürfnisse in drei Kategorien ordnen. Im Alltag überlagern sie sich oft.

Eins ist dabei klar: Je größer die Bedürfnisse sind, deren Erfüllung ich als Bedingung meiner Zufriedenheit auszumachen glaube, desto schwerer ist es, zufrieden zu sein.

Da Wünsche und Bedürfnisse nicht der Willkür gehorchen und wir ihnen nicht befehlen können, klein zu sein, gilt es daher, besser zu unterscheiden: Welche Bedürfnisse sind elementar, welche der Situation angemessen und welche bloß narzisstisch?

Einbildungen

Das narzisstische Bedürfnis orientiert sich am Selbstbild, das man zu verwirklichen versucht. Das Selbstbild entspricht nur zu einem Teil dem tatsächlichen Selbst. Große Teile davon sind irrige Vorstellungen. Sie nähren sich aus den Erwartungen und Botschaften des Umfelds. Oder wir erschaffen sie selbst. Wir eifern den Vorstellungen des Selbstbilds nach, weil wir glauben, es würde uns nützen, etwas anderes zu sein, als das, was wir sind. Da Vorstellungen Bilder sind, die wir vor uns stellen, sind narzisstische Bedürfnisse eingebildet.

4. Narzisstische Bedürfnisse

Narzisstische Bedürfnisse stehen dem Glück am meisten im Wege. Mehr als alle anderen haben sie mit dem Selbstbild zu tun; damit also, was wir gerne wären, oder was wir uns einbilden, bereits zu sein. Narzisstische Bedürfnisse gruppieren sich um zwei Impulse:

Tatsächlich gehen beide Themen fliessend ineinander über.

4.1. Bestätigung durch andere

Der Hunger nach Bestätigung durch andere ist eine mächtige Kraft. Sie durchdringt das Leben vieler Menschen auf breiter Front. Ein Beispiel verdeutlicht, wie sich narzisstische mit situativen Bedürfnissen vermischen.

Ein situatives Bedürfnis kann durch ein kleines Auto erfüllt werden. Kaufe ich ein großes, weil ich glaube, dass ich die Anerkennung der Nachbarn brauche, gebe ich viel für ein narzisstisches Bedürfnis aus. Wenn mir Geld zufällt wie Heu, ist das nicht schlimm. Wenn ich dafür aber buckeln muss, führt ein narzisstisches Bedürfnis dazu, dass mein elementares Bedürfnis nach Selbstbestimmung darunter leidet. Dem Glück gefallen solche Tauschgeschäfte nicht.

Steinige Wege

Zwischen der Bejahung des Selbstbildes und der Bejahung dessen, was man tatsächlich ist, liegen oft Welten. Meist ist die Aufmerksamkeit so auf die Verwirklichung des Selbstbildes gebündelt, dass man das echte Selbst übersieht. Zwischen dem Eifer fürs Bild und der Liebe zur Wirklichkeit liegen Trauer und Angst.

4.2. Selbstbejahung

Verwandt mit dem Bedürfnis nach der Bestätigung durch andere ist der Wunsch, vor sich selbst einem bestimmten Bild zu entsprechen. Beide Bedürfnisse sind oft Kehrseiten derselben Medaille.

Narzisstische Bedürfnisse stehen der Erfüllung situativer oder gar elementarer Bedürfnisse oft im Wege. Der Preis für ihre Erfüllung ist unverhältnismäßig hoch.

5. Unerfüllte Bedürfnisse

Meist glauben wir, die einzig vollgültige Bestimmung, die ein Bedürfnis haben könnte, sei es, über kurz oder lang befriedigt zu werden; vor allem, wenn es unsere eigenen sind. Das ist zu kurz gedacht. Bedürfnissen kann im Leben gerade dann eine wertvolle Rolle zukommen, wenn sie nicht erfüllt werden.

Im Umgang mit Kindern denken wir meist anders. Kaum einer meint, man müsse sämtliche Wünsche und Bedürfnisse von Kindern durchgängig erfüllen. Täte man es, würde man das kindliche Bemühen um Selbständigkeit schwächen. Je älter ein Kind wird, desto wichtiger ist es, zwischen dem zu unterscheiden, was man ihm von außen zur Verfügung stellt und dem, was man seiner eigenen Zuständigkeit zumuten kann.

Wunsch oder Bedürfnis
Psychologik der Begriffswahl

Wer jeden Wunsch für ein Bedürfnis hält, setzt sich und andere unter Druck.

Das Wort Bedürfnis wird inflationär gebraucht. Eine Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis wird selten gemacht.

Während der Wunsch etwas ist, was aus der Vorstellung einer intakten Person heraus formuliert wird, schwingt im Bedürfnis die Ansicht mit, dass die Person erst der Erfüllung des Bedürfnisses bedarf, um tatsächlich intakt zu sein. Bei elementaren Bedürfnissen trifft das zu. Ohne Nahrung, Atemluft und Schutz vor den Unbilden der Natur geht die Unversehrtheit des Menschen verloren.

Wenn man aber alles, was man sich sonst noch wünscht, zum Bedürfnis erklärt, erhöht man den Erfüllungsdruck. Man tut so, als ob die Erfüllung zwingend notwendig wäre; damit kein Schaden entsteht.

Der inflationäre Gebrauch des Begriffs Bedürfnis mag Folge eines Zeitgeistes sein, der sich umso höher einschätzt, je heftiger er haben willIch bin doch nicht blöd!. Der Schuss geht aber schnell nach hinten los. Wer vom Leben ständig fordert, dem fehlt die Zeit, es zu genießen. Und er versperrt sich den Weg zu dem, was man nur erreichen kann, wenn man nichts verlangt.

Als Erwachsene deuten wir die Unerfülltheit eigener Bedürfnisse oft als Scheitern am Soll der eigentlichen Lebendigkeit. Das kann zu Selbstabwertung und Hadern mit dem Schicksal führen. Tatsächlich geht aus Entbehrungen jedoch eine Triebkraft hervor, die für weiter reichende Aufgaben des Lebens notwendig ist. Manche Wünsche, die niemals in Erfüllung gehen, öffnen Türen, hinter denen sich etwas Wichtigeres erfüllt.