Das Maß dessen, was man wirklich braucht, findet man umso besser, je weniger man tut, um geliebt zu werden.
Wer verzichtet, gewinnt.
Narzisstische Bedürfnisse entsprechen dem Wunsch des Ego, wichtig zu sein.
Man ist zufrieden, wenn die Wirklichkeit mit dem übereinstimmt, was man fürs Zufriedensein notwendig hält. Zufriedenheit hängt mehr von Erwartungen, Selbstbild und Ausmaß subjektiv empfundener Bedürfnisse als von realen Fakten ab. So kann der eine über einen Teller Nudeln glücklich sein, ein anderer verzehrt sich aus Angst um seine Millionen.
Bedürfnisse können in drei Gruppen unterteilt werden:
Bedürfnisse im Überblick
| Elementar | Situativ | Narzisstisch | |
| Bestimmt von dem... | ...was man biologisch ist. | ...was man tut. | ...was man gerne wäre. |
| Individuelle Variabilität | gering | Abhängig von persönlicher Aktivität | Abhängig vom Bedürfnis nach Bestätigung |
| Psychologische Problematik | gering | gering | groß |
Elementare Bedürfnisse
Selbst wenn es Asketen gibt, die auch dann zufrieden sind, wenn sogar der Teller Nudeln ausbleibt, gilt das für uns normale Menschen nicht. Offensichtlich gibt es Bedürfnisse, auf deren Erfüllung man ohne besondere seelische Fähigkeiten nur schwer verzichten kann. Solche Bedürfnisse hängen nicht von Erwartungen oder unserem Selbstbild ab. Sie werden durch biologische Fakten vorgegeben. Nennen wir sie daher elementar.
Elementar ist der Teller Nudeln, das Dach über dem Kopf, die Luft zum Atmen und das Hemd in der Hose. Elementar sind all jene Bedürfnisse, die mit der Sicherung der leiblichen Existenz zusammenhängen. Da das Notwendige zur Sicherung der leiblichen Existenz bei gesunden Menschen fast identisch ist, ist die individuelle Streubreite der biologischen Grundbedürfnisse gering.
Es sind aber nicht alle gesund. Daher gehört zu den elementaren Bedürfnissen auch die medizinische Versorgung im Krankheitsfall. Da der Bedarf an medizinischer Hilfe extrem unterschiedlich sein kann, ist die Streubreite dieses Teilbedürfnisses sehr groß. Seine Sicherstellung für alle in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen kann nur ein solidarisches Gesundheitssystem gewährleisten.
Als elementar sind aber auch zwei seelische Bedürfnisse aufzufassen; und zwar jene, die dem psychologischen Grundkonflikt entsprechen: das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und das nach Zugehörigkeit.
Psychologische Grundbedürfnisse
Gewiss: Nur beim Kleinkind und nur was die Zugehörigkeit betrifft, ist die hier genannte Bedürftigkeit elementar im definierten Sinne. Ein Säugling kann ohne Zugehörigkeit nicht überleben. Die psychologische Dimension des Menschseins ist jedoch so wesentlich, dass man die psychologischen Grundbedürfnisse generell als elementar bezeichnen kann. Ohne ein Mindestmaß an Selbstbestimmung ist ein gesundes Seelenleben ausgeschlossen. Der Impuls zur Selbstbestimmung ist beim Menschen so groß, dass er ohne schwere Schäden nicht gebrochen werden kann.
Reife oder Abwehr
Im Grundsatz gilt: Ein mutig vertretenes Bedürfnis nach Selbstbestimmung ist ein Zeichen der Reife. Es ist aber auch ein Zeichen der Reife, dass man auf Selbstbestimmung verzichten kann, wenn etwas Wichtigeres es erfordert. Und manchmal ist ein heftiges Bedürfnis nach Selbstbestimmung ein Zeichen der Unreife: Wenn es nämlich nicht der Selbstbestimmung dient, sondern der Vermeidung einer gefürchteten Zugehörigkeit.
Die Qualität der psychologischen Grundbedürfnisse ist bei allen Menschen gleich. Wieviel Bedeutung man dem einen oder dem anderen zumisst, schwankt individuell jedoch erheblich. Außerdem unterliegen die psychologischen Grundbedürfnisse im Laufe des Lebens Veränderungen. Ist die Zugehörigkeit für einen Säugling noch unverzichtbar, macht sich so mancher Dreikäsehoch bereits vehement daran, über sich selbst zu bestimmen. In der Pubertät bekommt das Bedürfnis einen neuen Schub... und vor einem Erwachsenen, der so gar nicht um Selbstbestimmung ringt, verliert man den Respekt.
Der Verzicht auf die Erfüllung eines dieser Bedürfnisse dient meist der Abwehr entsprechender Ängste.
Ein geplanter Verzicht auf eines der Bedürfnisse dient meist spirituellen Zwecken, die ihrerseits im Versuch bestehen, reine Selbstbestimmung oder reine Zugehörigkeit zu erreichen.
Situative Bedürfnisse entsprechen der individuellen Lebenslage. Sie werden von den Rollen bestimmt, die man im sozialen Umfeld spielt und von authentischen Interessen.
Übergänge
Theoretisch lassen sich Bedürfnisse in drei Kategorien ordnen. Im Alltag überlagern sie sich oft.
Essen zählt zu den elementaren Bedürfnissen. Wenn die Soße aber unbedingt mit einem 68-ziger Chateaux malroux de la flèche du Pape et des loisirs des royaumes célestes zubereitet werden muss, könnte es sein, dass auch narzisstische Bedürfnisse eine Rolle spielen.
Situative Bedürfnisse hängen von den Aktivitäten und Rollen ab, die man im Leben übernimmt. Welche Rollen man anstrebt und womit man sich beschäftigt, kann authentischen Interessen entspringen; oder dem Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein. Brauche ich eine Tauchausrüstung weil ich tauchen will, ist das Bedürfnis situativ. Brauche ich die Ausrüstung, weil ich etwas gelten will, ist es narzisstisch.
Eins ist dabei klar: Je größer die Bedürfnisse sind, deren Erfüllung ich als Bedingung meiner Zufriedenheit auszumachen glaube, desto schwerer ist es, zufrieden zu sein.
Da Wünsche und Bedürfnisse nicht der Willkür gehorchen und wir ihnen nicht befehlen können, klein zu sein, gilt es daher, besser zu unterscheiden: Welche Bedürfnisse sind elementar, welche der Situation angemessen und welche bloß narzisstisch?
Einbildungen
Das narzisstische Bedürfnis orientiert sich am Selbstbild, das man zu verwirklichen versucht. Das Selbstbild entspricht nur zu einem Teil dem tatsächlichen Selbst. Große Teile davon sind irrige Vorstellungen. Sie nähren sich aus den Erwartungen und Botschaften des Umfelds. Oder wir erschaffen sie selbst. Wir eifern den Vorstellungen des Selbstbilds nach, weil wir glauben, es würde uns nützen, etwas anderes zu sein, als das, was wir sind. Da Vorstellungen Bilder sind, die wir vor uns stellen, sind narzisstische Bedürfnisse eingebildet.
Narzisstische Bedürfnisse stehen dem Glück am meisten im Wege. Mehr als alle anderen haben sie mit unserem Selbstbild zu tun; damit also, was wir gerne wären oder uns einbilden, bereits zu sein. Narzisstische Bedürfnisse gruppieren sich um den Impuls, andere zu Anerkennung, Bewunderung und Liebe zu bewegen. Ein Beispiel macht den Unterschied zwischen situativen und narzisstischen Bedürfnissen deutlich.
Ein situatives Bedürfnis kann durch ein kleines Auto erfüllt werden. Kaufe ich ein großes, weil ich glaube, dass ich die Anerkennung der Nachbarn brauche, gebe ich viel für ein narzisstisches Bedürfnis aus. Wenn mir Geld zufällt wie Heu, ist das nicht schlimm. Wenn ich dafür aber buckeln muss, führt ein narzisstisches Bedürfnis dazu, dass mein elementares Bedürfnis nach Selbstbestimmung darunter leidet. Dem Glück gefallen solche Tauschgeschäfte nicht.
Das Beispiel zeigt, wie narzisstische Bedürfnisse der Erfüllung situativer oder gar elementarer Bedürfnisse im Wege stehen. Der Preis für ihre Erfüllung ist oft unverhältnismäßig groß.
Meist glauben wir, die einzig vollgültige Bestimmung, die ein Bedürfnis haben könnte, sei es, über kurz oder lang befriedigt zu werden; vor allem, wenn es unsere eigenen sind. Das ist zu kurz gedacht. Bedürfnissen kann im Leben gerade dann eine wertvolle Rolle zukommen, wenn sie nicht erfüllt werden.
Im Umgang mit Kindern denken wir meist anders. Kaum einer meint, man müsse sämtliche Wünsche und Bedürfnisse von Kindern durchgängig erfüllen. Täte man es, würde man das kindliche Bemühen um Selbständigkeit schwächen. Je älter ein Kind wird, desto wichtiger ist es, zwischen dem zu unterscheiden, was man ihm tatsächlich von außen zur Verfügung stellt und dem, was man seiner eigenen Zuständigkeit zumuten kann.
Wunsch oder Bedürfnis
Psychologik der Begriffswahl
Das Wort Bedürfnis wird inflationär gebraucht. Eine Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis wird selten gemacht.
Während der Wunsch etwas ist, was aus der Vorstellung einer intakten Person heraus formuliert wird, schwingt im Bedürfnis die Ansicht mit, dass die Person erst der Erfüllung des Bedürfnisses bedarf, um tatsächlich intakt zu sein. Bei elementaren Bedürfnissen trifft das zu. Ohne Nahrung, Atemluft und Schutz vor den Unbilden der Natur geht die Unversehrtheit des Menschen verloren.
Wenn man aber alles, was man sich sonst noch wünscht, zum Bedürfnis erklärt, erhöht man den Erfüllungsdruck. Man tut so, als ob die Erfüllung zwingend notwendig wäre; damit kein Schaden entsteht.
Der inflationäre Gebrauch des Begriffs Bedürfnis mag Folge eines Zeitgeistes sein, der sich umso höher einschätzt, je heftiger er haben willIch bin doch nicht blöd!. Der Schuss geht aber schnell nach hinten los. Wer vom Leben ständig fordert, dem fehlt die Zeit, es zu genießen. Und er versperrt sich den Weg zu dem, was man nur erreichen kann, wenn man nichts verlangt.
Als Erwachsene deuten wir die Unerfülltheit eigener Bedürfnisse oft als Scheitern am Soll der eigentlichen Lebendigkeit. Das kann zu Selbstabwertung und Hadern mit dem Schicksal führen. Tatsächlich kann aus Entbehrungen jedoch eine Triebkraft hervorgehen, die für weiter reichende Aufgaben des Lebens notwendig ist. Manche Wünsche, die niemals in Erfüllung gehen, öffnen Türen, hinter denen ein wichtiger Teil des Lebens liegt.