Wer lernt, stellt fest, dass er dumm war. Wer viel lernt, stellt fest, dass er dumm ist. Wer das erkennt, verbessert die Chance, dass er weiter lernen wird.
Worunter man leiden kann, liegt in der Gegenwart...und der Zukunft. Falls sie eintrifft.
Wer tatsächlich in der Gegenwart ist, hat dieselbe Vergangenheit wie alle anderen.
In der Zeit steht alles Seiende dem Nicht-Sein zu, weil das Nicht-Sein der gemeinsame Nenner alles Seienden ist.
Verstehen ist Auslösung an dem Verstandenen. Wer die Zeit versteht, steht über ihr.
Die Vergangenheit hat erheblichen Einfluss auf das seelische Befinden. Neurotische Erkrankungen wurden durch vergangene Ereignisse verursacht. So sagt man.
Genau besehen wird neurotisches Leid aber nicht durch die Vergangenheit verursacht, sondern durch Spuren, die die Vergangenheit in der Psyche hinterließ. Die eigentliche Ursache neurotischen Leides liegt in der Gegenwart. Wäre es anders, könnte man es nicht beheben.
Mechanismen bei der Entstehung neurotischer Krankheiten
Erfahrungen bahnen zukünftige Reaktionsweisen. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass man mit der Gabel die Suppe nicht in den Mund bekommt, greift gleich zum Löffel. Das ist sinnvoll. Wer in der Schule ungerecht behandelt wurde, machte die Erfahrung, dass Lernen unangenehm ist. Das ist nicht sinnvoll.
Erfahrungen lösen oft unangenehme Gefühle aus. Unangenehme Gefühle sind un-angenehm, weil man sie nicht annehmen will. Statt es zu tun, versucht man, sie nicht wahrzunehmen. Die Erfahrung wird dadurch nicht zu Ende geführt. Man verbraucht Energie, um die Erfahrung aufzuhalten.
Jederzeit erprobt die Psyche Strategien zur Problembewältigung. Das Problem ist die Erfüllung ihrer Bedürfnisse und die Vermeidung von Gefahren. Ist eine Strategie erfolgreich, wird das Muster abgespeichert. Tritt eine neue Situation auf, die an Ähnliches aus der Vergangenheit erinnert, werden jene Muster angewandt, die früher passten. Man handelt aus Erfahrung.
Im Laufe der Zeit ändern sich sowohl die Bedürfnisse der Psyche als auch die Gegenwart, auf die sie trifft. Neue Situationen sind niemals gleich, sondern immer nur so ähnlich wie vergangene. Gespeicherte Verhaltensmuster sind daher oftmals überholt. Das führt zur Entstehung von Symptomen ...oder zur Erprobung neuer Muster.
Erfahrungen haben nicht immer den gleichen Wert. Meist sind sie nützlich. Oft führen sie aber in die Irre. Erfahrungen können drei Kategorien zugeordnet werden.
Grundregeln
Je mehr eine Erfahrung objektive Regeln erfasst, desto verlässlicher ist ihr Wert.
Je zufälliger eine Erfahrung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einschränkt.
Verstrickende Erfahrungen bergen die Gefahr, dass man als Konsequenz daraus korrigierende Erfahrungen vermeidet.
Klärende Erfahrungen vermitteln Erkenntnisse über die Regeln der Realität. Zu den Regeln der Realität gehören die Naturgesetze, aber auch die psychosozialen Regeln der menschlichen Gemeinschaft.
Hinter zufälligen Erfahrungen steht eigentlich keine Regel. Trotzdem können sie ganze Lebensläufe bestimmen.
Verstrickende Erfahrungen gehen oft aus zufälligen hervor. Verstrickende Erfahrungen vermitteln keine Erkenntnisse über wahre Regeln der Realität. Vielmehr führen sie dazu, dass man trügerische Regeln zu erkennen glaubt und sich durch die eigene Reaktion auf die vermeintliche Regel tiefer im Irrtum verstrickt.
Trifft sie einen Mann, der es gut mit ihr meint, vermeidet sie die Bindung. Zu groß ist die Furcht, dass er ihren "Unwert" erkennt und sie dann schmerzlich verwirft.
Vermeidungen entstehen als Reaktion auf unangenehme Erfahrungen. Das Unangenehme an vielen Erfahrungen sind die Erkenntnisse, die sie mit sich bringen.
Erfahrungen vermitteln Einblicke in die Struktur der Wirklichkeit. Der Mensch stellt sich aber nur selten vorurteilsfrei der Wirklichkeit, so wie sie ist. Statt dessen ist er mit seinem Selbst- und Weltbild beschäftigt. Während er sein Weltbild zu festigen versucht, damit er Sicherheit darin findet, bemüht er sich zugleich, sein Selbstbild zu verwirklichen, damit er so wird, wie er sich haben möchte.
Unangenehm erscheinen uns Erfahrungen dann, wenn die Erkenntnisse, die sie vermitteln, an unserem Weltbild rütteln oder erwünschte Aspekte des Selbstbildes in Frage stellen. Um die Verunsicherung zu verhindern, setzen wird Abwehrmechnismen ein. Ziel der Abwehrmechanismen ist zweierlei:
Erfahrung, Gefühle und Widerstand
Erfahrungen setzen sich aus zwei Teilen zusammen: dem Ereignis und der seelischen Reaktion darauf. Läuft die Reaktion ungehindert ab, werden Welt- und Selbstbild durch die Erfahrung korrigiert. Bricht der Ablauf vorzeitig ab, wird die Korrektur verhindert. Während man am Ablauf des Ereignisses oft nichts ändern kann, ist die Reaktion darauf durch Abwehrmechanismen zu manipulieren. Je mehr sich das Ego gegen eine Korrektur seiner Vorstellungen sträubt, desto mehr stört es den Ablauf der seelischen Reaktion.
Der ursprünglichste Faktor, durch den korrigierende Erkenntnisse vermittelt werden, sind die Gefühle.
Viele Vermeidungsstrategien setzen hier an. Um die gefürchtete Erkenntnis zu vermeiden, hindern sie Gefühle daran, auf die Psyche einzuwirken. Dabei werden unangenehme Gefühle ausgeblendet, rationalisiert, umgedeutet, dem äußeren Ereignis zugeschrieben oder verleugnet.
Man denke sich einen leeren Raum; ohne Inhalt, ohne Objekte und ohne Irgendwen, der die Unveränderlichkeit der Leere erkennt. Wann ist dort jetzt? Heute, gestern oder morgen? Wenn es zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keinen Unterschied gibt, ist "jetzt" immer und nie.
Zeit fließt nicht. Sie ist ewige Gegenwart. Was uns als Zeitfluss erscheint, ist die Veränderlichkeit unserer selbst und der Objekte im Raum. Wir liegen samt der Objekte in einer ewigen Gegenwart. Dort verwandeln wir uns.
Nur selten sind wir mit der Achtsamkeit tatsächlich in der Gegenwart; obwohl doch alle Wirklichkeit nur hier zu finden ist. Vermutlich haben wir Angst davor.
Statt wahrzunehmen, was uns gegenwärtig ist, spinnen wir endlos Gedankenketten aus. In der Vorstellung entwerfen wir ein Bild von uns: das Ego. Während Zeit faktisch nur als Gegenwart existiert, hantieren wir im Geiste zusätzlich mit zwei virtuellen Zeitaspekten: Als Ego haben wir eine Vergangenheit und eine Zukunft.
Die Vergangenheit bindet unsere Aufmerksamkeit durch Erinnerungen. Die Zukunft macht es durch Befürchtungen und Pläne. Fast die Hälfe unserer Kraft verwenden wir dafür, uns beharrlich gegen Erfahrungen zu sträuben, die das Leben uns verpassen will. Genauso viel geht für die Sorge drauf, in Zukunft so zu sein, wie es unseren Wünschen entspricht. Nur wenig bleibt übrig, um dorthin zu schauen, wo wir tatsächlich sind ... und wahrzunehmen, was uns wirklich ausmacht.
Hätten wir keine Zukunftsplanung im Kopf, wären wir keine Menschen. Im Gegensatz zum Schaf entwirft der Mensch die eigene Zukunft und steuert darauf zu.
Dass er es tut, macht ihn zum Menschen. Tut er es zuviel, wird er zur eigenen Marionette. Genauso, wie man sich selbst aus dem Blick verliert, wenn man sich gegen die Lehren der Vergangenheit sträubt, verliert man sich, wenn man wie besessen einmal gefasste Ziele verfolgt, ohne in der Gegenwart zu überprüfen, wie es der Seele bei der Jagd nach zukünftigen Erfolgen tatsächlich geht.
Sich aus Verstrickungen in Unerledigtes zu lösen, ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Heilung. Unerledigtes kann in Erfahrungen bestehen, gegen deren Abschluss man sich sträubt. Hier liegt der Schwerpunkt darin, zuzulassen.
Oft ist Unerledigtes aber auch an Gegenstände gebunden; und zwar dann, wenn die Gegenstände zu erledigten Zeiten gehören, man sich von ihnen aber nicht trennen will. Hier liegt der Ansatz darin, loszulassen.
Ziel jeder Psychotherapie ist es, unangemessene Strategien zur Problemlösung durch geeignete zu ersetzen. Tatsächlich ist es nicht die Vergangenheit, unter der man leidet. Es ist die Gegenwart, in die man nicht kommen will. Die Vergangenheit hat nur soweit Belang, wie man Verhaltensmuster, die früher angemessen waren, zum eigenen Schaden noch benutzt. Überholte Verhaltensmuster entsprechen Welt- und Selbstbildern, denen wichtige Aspekte fehlen; jene, die man nicht wahrhaben will.
Trennen oder Vermengen
Oft schreiben wir das Gefühl, mit dem wir auf ein Ereignis reagieren, einseitig dem Ereignis zu; so als gehöre das Gefühl zum Ereignis und nicht zu uns.
Diese Sichtweise fördert Verstrickung und Selbstverlust. Tatsächlich sind Gefühle Teile unserer selbst. Nur wenn wir sie als das begreifen, nehmen wir sie an. Und erst wenn wir sie annehmen, geht ihre Kraft auf uns über.
Der zentrale Ansatz zur Heilung liegt darin, den Widerstand gegen unangenehme Wahrheiten aufzugeben. Dazu gilt es, sich von den Gefühlen, die die entsprechenden Erkenntnisse transportieren, ungehindert berühren zu lassen.
Erfahrungen, die bis zu ihrem Ende durchlebt werden, aktualisieren das Verhaltensrepertoire und werden von der Psyche zu den Akten gelegt. Psychische Energie, die bis dahin zwecks Abwehr gefürchteter Erkenntnisse abgespalten wurde, wendet sich gebündelt der Gegenwart zu.
Vielen fällt es schwer, Gegenstände wegzuwerfen; obwohl deren Nutzwert ernsthaft in Frage steht. Schnell wird das Argument herbei geholt, dass die verschlissene Hose, das Geburtstagsgeschenk von 1972 oder das ausrangierte Radio später doch noch einmal zu gebrauchen sind. Zuweilen trifft das zu.
Jeder Gegenstand ist ein Werkzeug zum Schutz vor zukünftigen Gefahren. Gewappnet zu sein, macht also Sinn. Jeder Gegenstand ist aber auch ein Posten auf der Inventarliste, den die Psyche bewusst oder unbewusst zu verwalten hat. Drei Dinge kosten den Besitzer Energie:
Was kann man also tun?