Nicht: Wer ist schuld. Sondern: Was ist schuld.

Jede Schuld ist beglichen, wenn man sich vollständig Gott ergibt.

Alles was ist, ist in Ordnung. Es ist in der Ordnung dessen, was ist.

Schuld

  1. Schuld oder Verantwortung
  2. Schuld und psychologischer Grundkonflikt
    1. 2.1. Krankhafte Schuldgefühle
  3. Schuld und biblisches Weltbild

1. Schuld oder Verantwortung

"Schuld" und "Verantwortung" meinen eigentlich das Gleiche. Schuld ist unerfüllte Verantwortung. Wer seiner Verantwortung nicht nachkommt, macht sich schuldig. Das Wort "Schuld" kommt von "sollen". Es besagt, dass der Schuldige eine Pflicht erfüllen soll. Während "Verantwortung" pragmatisch nach dem fragt, der die Antwort auf ein Problem zu geben hat, fragt "Schuld" im moralischen Sinn heute jedoch eher nach dem, der zu bestrafen ist.

Die Frage nach der Verantwortung ist konstruktiv. Sie sieht ein Problem, das gelösen werden soll. Sie wertet auf, da sie dem Verantwortlichen mit der Pflicht die Fähigkeit zuschreibt, Gutes zu tun...und damit wertvoll zu sein. Verantwortliche haben einen hohen Rang. Die Frage nach der Schuld ist häufig destruktiv. Dem Schuldigen wird kein Wert zugeschrieben. Er wird ihm aberkannt. Beim Blick auf den Schuldigen denken wir nicht an das Gute, das er geben kann, sondern an den Schaden, den man ihm zufügen wird.

2. Schuld und psychologischer Grundkonflikt

Schuldgefühle signalisieren einen Verstoß gegen die Zugehörigkeit. Zugehörigkeit ist kein bloßes Dabei-sein. Es ist ein Geben und Nehmen. Sobald wir anderen schuldig bleiben, was ihnen zusteht, spüren wir die Gefahr, unseren Platz in der schützenden Gemeinschaft zu verlieren. Schuldige werden aus der Gemeinschaft verstoßen, indem man sie tötet, verjagt oder einsperrt. Schuld ist eine Form der Angst. Sie macht uns auf eine Gefahr aufmerksam. Sie ist somit ein wertvolles Regulativ unserer seelischen Entwicklung.

2.1. Krankhafte Schuldgefühle

Schuldgefühle sind jedoch nicht immer nützlich. Oft machen sie regelrecht krank. Zwei Gründe sind dafür auszumachen:

  1. Die Schuld scheint zu groß, als dass man sie noch begleichen kann.
  2. Schuld wird mit Angst vor Selbständigkeit verwechselt.
Soziale und existenzielle Schuld

Wohlgemerkt: Schuld ist ein Verstoß gegen die Zugehörigkeit. Bei leichter oder mäßiger Schuld geht es meist um soziale Zugehörigkeit. Wir schulden anderen Personen, was diesen zusteht. Um die Zugehörigkeit zu sichern, reicht es, die Schuld aus dem zu begleichen, was wir sind. Bei sozialer Schuld wird unsere Person als solche nicht in Frage gestellt.

Schwere Schuld besteht, sobald wir anderen einen Schaden zugefügt haben, der nicht mehr gut zu machen ist. Hier geht es um existentielle Zugehörigkeit. Das heißt: Es geht nicht nur um unseren Platz in der jeweiligen Gruppe. Es geht um den Platz in der Schöpfung. Während man sich bei der sozialen Schuld nicht grundsätzlich hinterfragen muss, bedarf existentielle Schuld einer Revision des Egos. Eine existenzielle Schuld, die nicht beglichen werden könnte, gibt es nicht. Die schwerste Schuld ist jedoch nur zu begleichen, wenn man die Bindung ans Ego völlig aufgibt. Wer bei schwerster Schuld das Ego nicht aufgibt, wird durch das Schuldgefühl nicht geläutert, sondern krank.

Schuld oder Angst vor Selbständigkeit

Krankhafte Schuldgefühle entstehen jedoch auch, wenn man die Angst vor Selbständigkeit mit Schuld verwechselt. Wer sich vor den Folgen eigenständiger Entscheidungen übermäßig fürchtet, neigt dazu, jeden Impuls zur Vertretung eigener Interessen schuldhaft zu erleben. Da Schuldgefühle den Anspruch auf Selbstbestimmung schwächen, schützen sie den ängstlichen Menschen gewissermaßen vor sich selbst. Die Betonung der Zugehörigkeit durch den quasi missbräuchlichen Gebrauch von Schuldgefühlen kann zu chronischen Depressionen führen.

3. Schuld und biblisches Weltbild

Im europäischen Kulturkreis wurde der Umgang mit Schuld nachhaltig vom mosaischen Weltbild geprägt. Der bloßen Zugehörigkeit zum "auserwählten Volk", also einer sozialen Zugehörigkeit, wurde von der jüdischen Theologie eine existenzielle Bedeutung zugeschrieben. Jedes Abweichen von der Staatsdoktrin wurde durch die Androhung einer "gottgewollten" Vernichtung der "Schuldigen" eingeschüchtert.

1 Samuel 15, 23:
...Eigensinn ist Sünde wie schuldbarer Götzendienst...*

Psalm 101, 8:
Jeden morgen will ich alle Frevler im Land vernichten...*

Psalm 139, 22:
Mit äußerstem Haß hasse ich sie.*

Da das Christentum die jüdische Theologie übernahm, hat es Europa mit deren Fehldeutung sozialer Schuld überschwemmt.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.