Nicht: Wer ist schuld. Sondern: Was ist schuld.
Jede Schuld ist beglichen, wenn man vollständig in der Wirklichkeit lebt.
Alles was ist, ist in Ordnung. Es ist in der Ordnung dessen, was ist. Zur Ordnung dessen, was ist, kann gehören, dass man das, was ist, nicht akzeptieren kann.
Wenn man einen Schuldigen trifft, lohnt sich die Frage, ob man selbst nicht bloß aus Zufall unschuldig ist.
Die Begriffe Schuld und Verantwortung befassen sich mit Störungen der Gerechtigkeit. Schuld ist unerfüllte Verantwortung. Wer seiner Verantwortung nicht nachkommt, macht sich schuldig. Das Wort Schuld kommt von sollen. Der Schuldige soll eine Pflicht erfüllen, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt wird.
Im Begriff Verantwortung findet man die Vorsilbe ver- und das Verb antworten. Die Vorsilbe weist auf eine Veränderung hin.
Die Wahl zwischen den Begriffen hat weitreichende Folgen. Während die Frage nach der Verantwortung nach demjenigen sucht, der die Antwort auf ein Problem zu geben hat, fragt Schuld im moralischen Sinn nach dem, der zu bestrafen ist.
Die Zuweisung der Verantwortung ist konstruktiv. Sie sieht ein Problem, das gelöst werden soll. Sie wertet auf, da sie dem Verantwortlichen mit der Pflicht die Fähigkeit zuschreibt, Gutes zu tun. Wer aber Gutes tun kann, ist wertvoll. Verantwortliche haben einen Rang.
Die Zuweisung der Schuld ist destruktiv. Dem Schuldigen wird kein Wert zugeschrieben. Er wird ihm eher aberkannt. Beim Blick auf den Schuldigen denkt man nicht an das Gute, das er geben kann, sondern an den Schaden, den man ihm zufügen wird. Schuldige werden degradiert.
| Bei Störungen der Gerechtigkeit fragt man nach... |
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| Schuld | oder | Verantwortung |
| Schuld spricht davon, dass die Störung bereits eingetroffen ist und der Schaden des Opfers nicht mehr gut gemacht werden kann. | Verantwortung geht davon aus, dass der Schaden erst droht oder noch zu beheben ist. | |
| Spricht man von Schuld, will man die Waage ausjustieren, indem man dem Täter durch Strafe etwas nimmt. | Spricht man von Verantwortung, will man die Waage ausjustieren, indem der Täter dem Opfer etwas gibt. | |
| Der Täter soll leiden. | Das Leid des Opfers soll behoben werden. | |
Man kann vom Leben zur Verantwortung gezogen werden oder von der Gemeinschaft. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Kategorien.
Der Wirklichkeit entkommt man nicht
Die Wirklichkeit zieht jeden für das zur Verantwortung, was er entscheidet. Es mutet ihm die Konsequenzen zu, die seinen Taten folgen. Den Konsequenzen, die das Leben bestimmt, kann niemand entkommen.
Entscheidet man sich, die Übernahme der Verantwortung zu verweigern, hat man die Verantwortung für die Verweigerung zu tragen.
Das Leben...
...zieht zur Verantwortung, indem jede Entscheidung, die der Einzelne trifft, Folgen hat, mit denen er unweigerlich konfrontiert wird. Jede Entscheidung wählt zwischen unterschiedlichen Verläufen der Wirklichkeit. Je nachdem, was man früher entschied, steht man heute vor dieser oder jener Realität, auf die man erneut eine Antwort zu finden hat.
Das gilt auch dann, wenn man etwas entscheidet, was scheinbar nur andere trifft. Die Entscheidung hinterlässt eine Spur im Bild, das man von sich selber hat. Je nachdem, welches Bild entsteht, zieht das erhebliche Folgen für das eigene Leben nach sich.
Die Konsequenz, mit der das Leben zur Verantwortung zieht, bleibt konstruktiv. Das Leben versucht nicht dem Täter zu schaden. Es stellt ihn aber immer wieder vor die Wahl. Er kann entscheiden, ob er alte Schuld begleicht, oder erneut die Verantwortung zu umgehen versucht.
Umgeht er sie nicht, wird das Leben ihn nach seinen Regeln belohnen. Umgeht er sie doch, wird ihn das vor eine Aufgabe stellen, die unter Umständen umso schwerer zu lösen ist.
Die Gemeinschaft...
...zieht zur Verantwortung, wenn der Einzelne gegen ihre Regeln verstößt und sie seiner habhaft wird.
Die Gemeinschaft besteht aus Personen, deren Weltbild durch Ängste und Begierden beeinflusst wird. Ihr Weltbild wird zudem von willkürlichen Machtverhältnissen bestimmt, die die Geschichte des Kulturkreises in die Gegenwart überträgt. Die Regeln, die eine Gemeinschaft aufstellt, die Schuld, die sie zuweist und die Antworten, die sie vom Einzelnen fordert, weichen deshalb von dem ab, was das Leben von sich aus festlegt.
Je weniger Menschen von ihren Ängsten und Begierden wissen und je mehr sie dem Zufall ihrer Kultur unterworfen sind, desto eher werden sie von Schuld statt von Verantwortung sprechen. Je unreflektierter eine Gesellschaft handelt, desto schneller greift sie zur Strafe bevor sie nach Verantwortlichkeit fragt.
Gerechtigkeit
Über die Gerechtigkeit wird viel gestritten; obwohl jeder ihre Verwirklichung fordert. Das liegt daran, dass der Begriff Gerechtigkeit ein Behälter ist, den jeder nach Gutdünken füllen kann. Da der Mensch im Regelfall unter der Herrschaft seines Egos steht, befüllt ein jeder den Behälter mit dem, wovon sich sein Ego einen Nutzen verspricht. Das gilt auch dann, wenn der Nutzen bloß aus einem guten Gewissen besteht.
Aus dem gleichen Grund hat wohl jeder den Eindruck, dass die Verantwortung, zu der das Leben zwingt, nicht als gerecht bewertet werden kann. Soviele Mörder, Betrüger und Schinder entkommen dem Zugriff des individuellen Gerechtigkeitssinns; was man eigentlich nur akzeptieren kann, wenn man an einen jenseitigen Ausgleich glaubt.
Um über die Gerechtigeit des Lebens gerecht zu urteilen, müsste man die Wirklichkeit ohne eigenes Streben nach persönlichen Vor- und Nachteilen sehen. Solange man das nicht kann, bleibt unentschieden, ob es Gerechtigkeit als wirkliches Faktum oder bloß als menschlichen Anspruch gibt.
Schuldgefühle signalisieren einen Verstoß gegen die Zugehörigkeit. Zugehörigkeit ist kein bloßes Dabei-sein. Es ist ein Geben und Nehmen. Sobald wir anderen schuldig bleiben, was ihnen zusteht, spüren wir die Gefahr, unseren Platz in der schützenden Gemeinschaft zu verlieren. Schuldige werden aus der Gemeinschaft verstoßen, indem man sie umbringt, verjagt oder einsperrt. Das Schuldgefühl ist eine Form der Angst. Es macht uns auf eine Gefahr aufmerksam. Es ist somit ein wertvolles Regulativ unserer seelischen Entwicklung.
Die Regeln, die eine Gemeinschaft festlegt, definieren eine soziale Schuld. Soziale Schuld hängt von Zeitgeist und Kulturkreis ab. Ob eine Person beim Verstoß gegen soziale Regeln Schuld oder Angst empfindet, wird vom Grad ihrer Identifikation mit den Regeln der Gemeinschaft bestimmt.
Hat sie die Regeln verinnerlicht, wird sie beim Verstoß Schuld empfinden. Hat sie die Regeln nicht verinnerlicht, hat sie bloß solange Angst vor Bestrafung, wie sie nicht sicher ist, ob sie die fragliche Tat geheim halten kann.
Schuld und Schuldgefühl
Schuld ist eine objektive Größe. Sie liegt jenseits der Person in der Wirklichkeit. Wie groß sie tatsächlich ist, kann vom Individuum nur subjektiv gedeutet werden. Ihr Ausmaß wird nur durch Taten beeinflusst.
Schuldgefühle spiegeln die subjektive Einschätzung der Person bezüglich ihres Seins und Sollens. Sie werden unmittelbar wahrgenommen. Ihr Ausmaß wird durch Taten und Sichtweisen bestimmt.
Existenzielle Schuld ist eine Frage des Gewissens. Das Gewissen ist eine Versammlung des Wissens. Es prüft, ob eine Tat mit dem Wesen des Täters in Übereinstimmung steht. Das Wesen des Täters wird wesentlich von dem mitbestimmt, was er zum jeweiligen Zeitpunkt weiß oder glaubt.
Schuldgefühle sind nicht immer nützlich. Oft wird man in ihrer Gegenwart krank. Drei Gründe sind dafür zu nennen:
Schuld ist ein Verstoß gegen die Zugehörigkeit. Bei leichter oder mäßiger Schuld geht es meist um soziale Zugehörigkeit. Wir schulden anderen Personen, was diesen zusteht. Um die Zugehörigkeit zu sichern, reicht es, die Schuld aus dem zu begleichen, was wir haben. Bei sozialer Schuld wird unsere Person als solche nicht in Frage gestellt. Sträubt man sich aber, soziale Schuld zu begleichen, kann das zu chronischen Spannungen führen.
Schwere Schuld besteht, sobald wir anderen einen großen Schaden zugefügt haben, der nicht mehr gut zu machen ist. Hier geht es um existenzielle Zugehörigkeit. Es geht nicht nur um unseren Platz in der Gruppe. Es geht um den Platz in der Schöpfung.
Während man sich bei der sozialen Schuld nicht grundsätzlich hinterfragen muss, bedarf existenzielle Schuld einer Neubestimmung des Egos. Eine existenzielle Schuld, die nicht beglichen werden könnte, gibt es nicht. Die schwerste Schuld ist jedoch nur zu begleichen, wenn man die Bindung ans Ego aufgibt. Wer bei schwerster Schuld das Ego nicht aufgibt, wird durch das Schuldgefühl nicht geläutert, sondern krank.
Krankhafte Schuldgefühle entstehen auch, wenn man Angst vor Selbständigkeit mit Schuld verwechselt. Wer sich vor den Folgen eigenständiger Entscheidungen fürchtet, neigt dazu, jeden Impuls zur Vertretung seiner Interessen schuldhaft zu erleben. Da Schuldgefühle den Anspruch auf Selbstbestimmung schwächen, schützen sie den ängstlichen Menschen vor der eigenen Courage. Die Betonung der Zugehörigkeit durch den missbräuchlichen Gebrauch von Schuldgefühlen kann zu chronischen Depressionen führen.
Schuldgefühle sind unangenehm. Schuld wird als Gefahr erlebt. Man geht davon aus, dass das Risiko, Schaden zu nehmen durch Schuld gesteigert wird. Da man dazu neigt, Schuld und Schuldgefühl gleichzusetzen, neigt man auch dazu, Schuldgefühle zu verdrängen. Man meint, dass man mit dem Schuldgefühl auch die Schuld beseitigen kann. Tatsächlich geht das nicht.
Der Zusammenhang zwischen Schuld und Schuldgefühl ist locker. Die Stärke des Schuldgefühls sagt nur wenig über das objektive Ausmaß einer Schuld. Das objektive Ausmaß einer Schuld ist letztlich unbekannt.
Woran misst man Schuld?
Benjamin und Arnold fuhren von der Party betrunken nach Hause. Benjamin hatte Glück. Der Weg war frei. Er kam ohne Vorfall bis zur Garage. Arnolds Weg kreutzte ein Kind. Jetzt traut er sich kaum noch die Augen zu heben. Dabei hat er doch nichts anders als Benjamin gemacht.
Wenn Zufall mitentscheidet, ob man von Schuldgefühlen erdrückt wird oder keine hat, ist nur schwer zu entscheidenHat Arnold genauso wenig Schuld, wie Benjamin empfindet; weil er faktisch nichts anderes tat als der? Oder ist Benjamin ebenfalls schuldig, obwohl durch ihn niemand zu Schaden kam?, woran Schuld zu messen ist.
Die Verdrängung von Schuldgefühlen ist eine häufige Ursache seelischer Störungen. Vieles spricht daher dafür, Schuldgefühle bewusst zu durchleben:
Im europäischen Kulturkreis wurde der Umgang mit Schuld vom mosaischen Weltbild geprägt. Der bloßen Zugehörigkeit zum "auserwählten Volk", also einer sozialen Zugehörigkeit, wurde von der jüdischen Theologie eine existenzielle Bedeutung zugeschrieben. Jedes Abweichen von der verordneten Lehre wurde durch Androhung einer "gottgewollten" Vernichtung der "Schuldigen" eingeschüchtert.
1 Samuel 15, 23:
...Eigensinn ist Sünde wie schuldbarer Götzendienst...*
Psalm 101, 8:
Jeden morgen will ich alle Frevler im Land vernichten...*
Psalm 139, 22:
Mit äußerstem Haß hasse ich sie.*
Das Christentum hat die jüdische Theologie übernommen. Es hat Europa mit deren Fehldeutung sozialer Schuld überschwemmt. Das hat zu gesellschaftlichen Verhältnissen geführt, aus denen heraus neurotisch verbogene Menschen Taten begingen, die nach menschlichem Ermessen zutiefst schuldhaft sind.
* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.