Urteil setzt sich aus dem Verb teilen und der Vorsilbe ur- zusammen. Ur- heißt ursprünglich aus heraus. Es bezeichnet somit den Beginn eines Geschehens. In seiner abgeschwächten Form er- taucht es vor vielen Verben auf. Es denkt dort nicht nur Beginn, sondern auch Abschluss und Zweck von Ereignissen mit.
Das Urteil der Rechtsprechung nimmt Güter (z.B. Land, Freiheit und Gerechtigkeit) aus dem Fundus des Verfügbaren heraus und teilt sie den streitenden Parteien zu. Das Urteil über den Angeklagten unterteilt dessen zukünftige Handlungsmöglichkeiten in zwei Kategorien: machbarIn der Zelle herumhocken. und nicht machbarDie Zelle nach Lust und Laune verlassen..
Nicht nur vor Gericht werden Urteile gefällt. Als Spielart des Denkens ist das Urteilen eine grundsätzliche Aktivität des Geistes. Die gesamte Auseinandersetzung des Einzelnen mit der Wirklichkeit ist von Urteilsbildungen durchsetzt. Meist werden sie unbewusst vollzogen. Urteilsbildungen führen zur Ur-teilung des Selbst- und Weltbilds in Gegensatzpaare. Dadurch steuern sie das Verhalten.
| Gegensatzpaare | ||
| Kategorie | Beispiele | Was bestimmt den Unterschied? |
| sinnlich | kalt-warm groß-klein hell-dunkel rot-grün |
Wahrnehmbare Eigenschaften der Dinge selbst |
| abstrakt | gut-böse gut-schlecht nützlich-nutzlos sinnvoll-sinnlos |
Erwartungen und Bedürfnisse, in deren Folge man den Dingen vermeintliche Eigenschaften zuordnet |
Die gedankliche Aufteilung der Welt in Gegensatzpaare hat praktische und psychologische Funktionen:
Die Welt ist kein Chaos. Wäre sie es, wären Urteile sinnlos. Da der Lauf der Dinge Regeln folgt und erkennbaren Mustern unterliegt, kann man sich durch geeignete Urteile im Netzwerk der Muster orientieren.
| Ur-teilungen | |
| Gegensatzpaar | Beispiel |
| genießbar-ungenießbar | Grüne Pilze mit Knollen am Fuß sind ungenießbarEigentlich: Sie gehören zur Kategorie der Ungenießbaren.. |
| verheißungsvoll-ernüchternd | NimmtEigentlich: Bettinas Akzeptanz meiner Einladung gehört in die Kategorie der verheißungsvollen Reaktionen. Bettina meine Einladung an, steigen meine Chancen. |
Die Aufteilung der Wirklichkeit in Gegensatzpaare hat große Vorteile.
Bettina ist keineswegs so leicht vorauszuberechnen, wie das einer lüsternen Absicht gut gefiele. Aber immerhin: StatistischMöglicherweise will sich Bettina bloß verköstigen lassen oder schlimmer noch: Sie lässt sich von mir ausführen, um Roger eifersüchtig zu machen. Dank meines Pauschalurteils verheißungsvoll lasse ich solche Möglichkeiten aber beiseite; denn statistisch gesehen findet bei vielen Dingen der dümmste Bauer die dicksten Kartoffeln und nicht der, der in die Beurteilung der Sinnhaftigkeit einer jeden Tat alle denkbaren Details miteinbezieht. gesehen ist die Akzeptanz meiner Einladung als verheißungsvoll zu werten. Mein Urteil dient daher als Grundlage weiterer TatenIch reserviere im Amore napolitano einen geeigneten Tisch und kaufe eine Flasche Herrenparfüm auf Basis andalusischen Stierdrüsenextrakts..
Die Aufteilung in Gegensatzpaare zwecks besserer Orientierung hat jedoch auch Nebenwirkungen. Sie vereinfacht das Weltbild und fördert damit die Bereitschaft, die Wirklichkeit als bekannt vorauszusetzen... und sie damit zu übersehen.
Bei den einfachen Gegensatzpaaren der sinnlichen Wahrnehmung (kalt-warm) sind die Nebenwirkungen gering. Die Unterscheidung von warm und kalt erleichtert Entscheidungen beim Essen, Baden, Anziehen und der Bergung gerösteter Kartoffeln aus dem Lagerfeuer, ohne dass durch die Urteilsfällung größere Nachteile zu erwarten wären. Hier sagen die Urteile viel über die Wirklichkeit. Je genauer man unterscheidet, desto besserVor allem beim Pilzesammeln....
Problematische Folgen hat die Vereinfachung bei abstrakten Gegensatzpaaren. Abstrakte Gegensatzpaare beurteilen komplexe Sachverhalte, deren Sinn sich nicht aus den Dingen allein ergibt, sondern nur in Bezug zu Bedürfnissen und Erwartungen verstanden werden kann. Ob wir etwas als gut oder schlecht bezeichnen, sagt wenig über die Wirklichkeit und mehr über uns selbst. Solche Urteile hängen davon ab, ob wir Vor- oder Nachteile vom beurteilten Sachverhalt erwarten. Je genauer man unterscheidet, desto gröber wird das Raster, dem man die Wirklichkeit unterwirft.
Wohlgemerkt
Man urteilt über etwas. So manches Über, zu dem man sich durch ein Urteil erhebt, verdeckt jedoch nur die Tatsache, dass man sich unterlegen fühlt.
Abwertungen
Urteile, die gezielte Abwertungen anderer enthalten, sind besonders verdächtig, nicht der Beurteilung von Sachverhalten zu dienen, sondern der Manipulation des eigenen Selbstwertgefühls.
Wahnbildung
Bei der Entstehung des akuten Wahns kommt es zum Phänomen der sogenannten Apophänie.Von griechisch phainein = zeigen. In der Apophänie zeigt sich dem Kranken vermeintlich die Wahrheit. Nachdem der Kranke lange unter rätselhaften Ängsten und Unbehagen litt, wird ihm plötzlich alles klar:Der Kranke fällt ein Urteil. Da ihm endlich alles klar wird, fühlt er sich erleichtert. Weil ihn das Urteil erleichtert, ist er kaum noch bereit, es in Frage zu stellen; selbst wenn alles, was er wahrnehmen kann, gegen seine Hypothese spricht. Sein Leid ist auf die Machenschaften des Nachbarn zurückzuführen.
Abgesehen vom rein praktischen Nutzen einer verbesserten Orientierung in der Außenwelt, hat das Urteil auch psychologische Funktionen: Es entängstigt. Indem es dem Urteilenden das Gefühl vermittelt, über den beurteilten Sachverhalten zu stehen, vermindert es scheinbar ihre Gefährlichkeit.
Auch die Entängstigung durch Urteilsakte hat Wirkungen und Nebenwirkungen zugleich.
Sinn und Zweck des Urteilens entspringt den existenziellen Grundbedingungen des Daseins. Das menschliche Dasein unterliegt einer Ur-teilung der Welt in Ich und Nicht-Ich, die den Prozess aller kognitiven Urteile in Gang setzt.
Im Modus der normalen Wirklichkeitsdeutung geht man davon aus, dass zwischen Ich und Nicht-Ich ein kategorischer Unterschied besteht. Im Modus des normalen Grundverhaltens konzentriert sich das Ich darauf, sich Nützliches einzuverleiben und sich Schädliches vom Leibe zu halten. Um das zu bewirken, be-ur-teilt es die Wirklichkeit und unterteilt sie in zahllose Gegensatzpaare. Das Weltbild wird dualistisch.
| Urteilsfreie Erfahrung |
Die Wahrnehmung der Wirklichkeit wird durch die Unterteilung in Gegensatzpaare verändert. Das Raster vollzogener Urteile überdeckt, was tatsächlich ist. Statt die Wirklichkeit zu sehen, sieht das Bewusstsein den Plan, den es von ihr hat; und weiß nicht, wie es nach hunderttausend Urteilsakten die Wirklichkeit vom Plan noch unterscheiden könnte. Die Ergebnisse der Quantenphysik legen nahe, dass sich die Wirklichkeit nicht nur aus Teilen zusammensetzt, sondern ebenso als ursprünglich Ganzes vor den Augen des Betrachters in Teilaspekte zerfällt. Dem normalen Betrachter fallen die Teile ins Auge, die er entlang kognitiver Urteile klassifiziert. Im mystischen Erleben strebt man einen nicht-dualistischen, ungespaltenen Zugang zur Wirklichkeit an. Wenn es gelingt, jedes Urteil über die Wirklichkeit als bloßes Hilfsmittel des Verstandes zu verstehen, ist es möglich, sie urteilsfrei als ungeteiltes Ganzes wahrzunehmen. Dabei fällt auch die Ur-teilung zwischen Ich und Nicht-Ich weg. |
Urteile bildet man aus den ErfahrungenSeit ich gestochen wurde, weiß ich, dass man Wespen besser in Ruhe lässt., die man im Laufe des Lebens macht; oder man übernimmt sie von AutoritätenVon meinem Vater weiß ich, dass der Nachbar ein Dummkopf ist., deren Schutz man sucht und denen man sich durch die Übernahme ihrer Urteile unterwirft. Zur Orientierung in passenden Situationen hält man Urteile als Vor-urteile für die Zukunft bereit. In neuen Situationen überprüft man - meist unbewusst -, ob man passende Vorurteile hat. Hat man eine passende Schablone gefunden, lässt das Bemühen nach, die Situation genauer zu erfassen.
Seelische Krankheiten beruhen auf einem Bruch zwischen der Wirklichkeit und dem Bild, das man sich von ihr macht. Je mehr das Bild von der Wirklichkeit abweicht, desto mehr krankt das resultierende Verhalten und seine gefühlshaften Folgen am Fehlurteil.Wer glaubt, dass das Postamt in der Luisenstraße liegt, wird - dort angekommen - womöglich verärgert sein. Wer glaubt, dass es eine Schande ist, nicht zu wissen, wo das Postamt ist, wird seinen Selbstwert in Frage stellen. Wer glaubt, dass der Tatsache, dass die Post nicht in der Luisenstraße zu finden ist, ein Komplott zugrunde liegt, wähnt sich von Verfolgern drangsaliert.
Störungen der seelischen Gesundheit durch "traumatisierende Erlebnisse" der Vergangenheit werden durch Urteile vermittelt, die man sich zum Schutz vor weiteren Traumatisierungen zurechtgelegt hat.
Je mehr Urteile man im Laufe der Zeit fällt, desto mehr zerfällt das Weltbild in ein Schachbrettmuster voreiliger Gewissheiten. Die Fähigkeit, sich seelisch gesund auf die Wirklichkeit einzustellen, nimmt damit ab.