Die Bevorzugung des Denkens zum Nachteil der Wahrnehmung ist eine wesentliche Quelle seelischer Krankheit.
Der Gedanke liegt zwar in der Wirklichkeit, sein Inhalt bildet aber eine virtuelle Welt; die, der gedanklichen Vorstellung. Wer sein Denken wahrnimmt, statt sich mit ihm gleichzusetzen, findet auf den Boden der Tatsachen zurück.
Was uns vom Tier am meisten unterscheidet, ist die Fähigkeit zum komplexen Denken. Komplexes Denken kann Segen oder Fluch sein. Es ist Segen, weil es hilft, das Leben zu gestalten. Es ist Fluch, wenn es krank macht.
Der Betrachter bezieht sich auf die absolute Gegenwart. Die relative Gegenwart bezieht sich auf den Betrachter. Das Ganze ist nur im Jetzt zu finden.
Das Bewusstsein kann zwei verschiedene Inhalte haben: Wahrnehmungen und Vorstellungen. Das Wahrgenommene ist unmittelbar mit dem Hier-und-Jetzt verbunden. Es entspricht der Wirklichkeit, zumindest soweit es die Sinnesorgane erlauben, Strukturen des Wahrgenommenen ins Bewusstsein zu übertragen. Wahrnehmungen erreichen das Bewusstsein simultanSimultan kommt nicht von lateinisch simulare, sondern von simul = gleichzeitig.. Sobald wir Wahrnehmbares beachten, richten wir die Achtsamkeit auf die Ereigniskette, die in der absoluten GegenwartDie absolute Gegenwart ist das Jetzt. Der Begriff Gegenwart wird auch im Sinne von zeitnah verwendet. Genau betrachtet ist ein begrenztes Zeitfenster um das Jetzt herum aber keine Gegenwart. Es ist eine Verengung gedanklicher Simulationen auf egozentrische Themen. Was in dieser relativen Gegenwart geschieht, bezieht sich auf den Betrachter. abläuft.
Das Bewusstsein kann Wirklichkeit aber nicht nur wahrnehmen. Es kann sie auch simulieren. Simulieren entstammt dem lateinischen similis = ähnlich. Die Bedeutungen des Verbs simulare verweisen auf wesentliche Eigenschaften jener Vorstellungen, die das Bewusstsein als Denkinhalte erzeugt. Simulare heißt:
Denken besteht aus szenischen Vorstellungen und logischen Verknüpfungen vordefinierter Begriffe, durch die das Bewusstsein Wirklichkeitsverläufe simuliert. Dabei werden entweder erlebte Episoden aus dem Gedächtnis wachgerufen oder es werden erwartete oder erwünschte Abläufe im Geist vorweggenommen.
Sowohl das Wachrufen von Erinnerungen als auch die Vorwegnahme zukünftiger Abläufe ist zweckgerichtet. Verschiedene Zwecke sind auszumachen.
Zwecke des Denkens
| Wachrufen | Vorwegnahme |
| Untersuchung vergangener Erlebnisse auf verwertbare Regeln für zukünftige Entscheidungen | Probeläufe zukünftiger Herausforderungen |
| Ersatz gegenwärtigen Erlebens durch schöne Erinnerungen | Ersatz gegenwärtigen Erlebens durch angenehme Phantasien |
| Erzeugung von Affekten zur Selbst-Manipulation | Erzeugung von Affekten zur Selbst-Manipulation |
| Umdeutung von Erinnerungen zur Veränderung des Selbstbildes | Erzeugung virtueller Ersatzhandlungen zur Pflege des Selbstbildes |
Das Denken kann wachrufen oder vorwegnehmen. Die möglichen Zwecke, die das eine oder das andere hat, sind teils identisch, teils unterscheiden sie sich. Je mehr sie sich voneinander unterscheiden, desto sinnvoller scheinen sie zu sein. Je mehr sie sich ähneln, desto fragwürdiger werden sie.
Ursprüngliches Ziel des Wachrufens von Erinnerungen ist die Analyse vergangener Ereignisse. Erfahrungen sind eine wesentliche Voraussetzung für ein erfolgreiches Leben. Erfahrungen sind aber nur dann nützlich, wenn ihnen eine Lehre entspringt. Die Lehre, die man Erfahrungen entnimmt, liegt in regelhaften Kausalverbindungen, die die Struktur von Ereignisketten bestimmen. Untersucht man vergangene Erlebnisse, hält man Ausschau nach erkennbaren Zusammenhängen zwischen Ursachen und Wirkungen. Ursachen lassen sich zwei Gruppen zuteilen:
Ursachen, auf die man keinen Einfluss hat, die aber bedeutsame Folgen für den eigenen Lebensvollzug nach sich ziehen.
Falls man zum Spaziergang aufbricht, wenn sich Wolken türmen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man nass wird.
Heute war die Soße besonders lecker. Wie habe ich das noch mal gemacht?
Nachdem ich dem Patienten Doxepin verschrieben habe, wurde seine Stimmung besser.
Der Nutzen dieser Denkfunktion ist offensichtlich. Je besser ich die Regeln der Wirklichkeit als Auszug meiner Erfahrungen erkenne, desto bessere Entscheidungen kann ich künftig treffen.
Ruft man Erinnerungen als Ersatz, zum Zwecke der Umdeutung oder zur Erzeugung manipulativer Affekte wach, wird der Nutzen vom Schaden überlagert, der derartige Zwecke begleitet.
Ersatz
Gewiss: Erinnerungen als Ersatz für aktuelles Erleben müssen keine schlimmen Folgen haben. Je älter man wird, desto mehr Erinnerungen hat man. Gleichzeitig schrumpft die Möglichkeit, Neues zu erleben. Nicht umsonst sagt man über Greise: Sie leben in ihren Erinnerungen.
Endet die erste große Liebe eines jungen Menschen aber enttäuschend, ist es folgenschwer, wenn er an der Schwelle zum Alleinesein nicht weitergeht, sondern sich mit bittersüßen Erinnerungen tröstet. Statt neue Erfahrungen zu machen, klammert er sich an alte. Wenn er das zu lange tut, wird er es später bereuen.
Umdeutung
Viele Ereignisse, die uns betrafen, hielten schmerzliche Erkenntnisse bereit. Oft reagieren wird darauf mit Gefühlen, auf die man lieber verzichten würde. Statt diese Gefühle zu durchleben, rufen wir im Geist die betreffende Episode wach und deuten sie mit der Absicht um, unliebsame Erkenntnisse und Gefühle aus der Welt zu schaffen.
Beim Bogenschießen war Ulrike besser als ich. Drei Möglichkeiten habe ich, damit umzugehen:
- Die Dinge sind wie sie sind. Es ist in Ordnung.
- Ich schäme mich für meine Unterlegenheit, da ich sie nicht hinnehmen will. Ich durchlebe das Schamgefühl.
- Ich will weder meine Unterlegenheit noch mein Schamgefühl anerkennen. Ich deute die Dinge um. Eigentlich habe ich ja nur schlechter geschossen, weil ich durch Ralfs Geschwätz abgelenkt war.
Durch Umdeutungen manipulieren wir unser Selbstbild. Statt Wahrnehmungen ungehindert einwirken zu lassen, deuten wir sie um; denn wir fürchten die Auswirkungen ihres Wahrheitsgehalts. Umdeutungen sind fragwürdig, weil wir uns dadurch von der Wirklichkeit entfernen. Das wird uns in Zukunft schaden.
Erzeugung von Affekten zur Selbst-Manipulation
Dass Ulrike besser schießt als ich, erscheint mir unerträglich. Ich rufe die Erinnerung an mein Scheitern immer wieder wach; jedoch nicht, um die Erkenntnis aufzunehmen, die ihr entspringt, sondern um mich durch Erzeugung von Scham- und Wutgefühlen zu mehr Leistung anzustacheln.
Die Erzeugung überschüssiger Affekte kann zum Erfolg im Leben beitragen. Wenn ich mich durch Affekte zum Training zwinge, werde ich womöglich Schützenkönig. Tatsächlich ginge es mir dann aber nicht um die Kunst des Bogenschießens. Es ginge um die Bestätigung, die ich damit erreiche. Das kann eine Vergeudung von Ressourcen sein.
Eine wichtige Funktion des Denkens ist die Vorbereitung zukünftiger Handlungen. Dazu können geplante Abläufe simuliert, durch die Simulation auf Anwendbarkeit hin überprüft und einstudiert werden:
Wenn Ravissa morgen die Uni verlässt, werde ich sie am Trevi-Brunnen abfangen. Dann kniee ich vor ihr nieder und sage: Ravissa, der Himmel hat mir die Liebe ins Herz und die Leidenschaft in die Lenden gepflanzt. Deshalb nimmt unser Schicksal seinen Lauf. Wir werden eine Schar glücklicher Sprösslinge zeugen, deren liebliche Leiber Michelangelo als Modell für die Figuren dieses Brunnens wählen wird.
Eine weitere Funktion vorwegnehmenden Denkens ist die Analyse komplexer Probleme. Man kann zur Behebung eines Problems etwas ausprobieren. Schneller geht es, wenn man die Struktur des Problems begreift und gedanklich eine Lösung sucht.
Jennifer soll angeben, wieviel Meter das Spannseil der Akihiro-Kishigata-Hängebrücke 400 Meter vom ersten Stützpfeiler entfernt über der Fahrbahn hängt. Wie gut, wenn sie nicht ins Blaue hinein eine Zahl errät. Wie gut, wenn sie sich durch gedankliche Vorwegnahme der Berechnung von f(x) = ax² + bx + c die richtige Antwort beschafft.
Vorwegnehmendes Denken geht nicht immer Wege, die gezieltes Handeln vorbereiten. Auch die Vorwegnahme kann als Ersatz dienen, zu Zwecken der Selbst-Manipulation oder als Maßnahme zum Kitten eines irrigen Selbstbilds.
Ersatz zur Ablenkung von einer unangenehmen Gegenwart
Als Tagtraum kann vorwegnehmendes Denken das unmittelbare Erleben der Gegenwart überlagern. Statt mich mit Prüfungsvorbereitungen zu plagen, ist es schöner, mir vorzustellen, wie ich mit Ravissa den Tempel der Lüste betrete. Derlei Phantasien sind verbreitet. Wenn sie Handlung nicht verhindern, mögen sie harmlos sein. Oft gerät der Tagtraum aber zum Ersatz dafür.
Wenn ich Ravissa am Brunnen abfange, könnte ihre Antwort sein: Mein lieber Heinrich, das Schicksal geht seltsame Wege. Meines wird in die Arme Michelangelos führen und das Deine in Kummer und Gram.
Benutzt man die genüßliche Phantasie im Überfluss, scheitert man schließlich bei der Prüfung. Man ist den notwendigen Mühen durch Flucht in die Traumwelt aus dem Wege gegangen. Wenn ein Gemenge aus phantasierter Befriedigung und wirklicher Angst vor Ravissas Antwort dazu führt, dass man die Gefahr echten Erlebens vermeidet und man es bei der Phantasie des Erfolgs beruhen lässt, kann derart vorwegnehmendes Denken sein eigentliches Ziel gänzlich verfehlen.
Ersatzhandlungen zur Pflege eines spezifischen Selbstbilds
Zum Selbstbild gehören Fähigkeiten, die man sich als Besitz zurechnet oder die man zu erreichen wünscht. Der beste Weg wird sein, entsprechende Fähigkeiten anzuwenden oder sich um sie zu bemühen. Beides kann durch gedankliche Konstrukte gefördert werden. Gedankliche Konstrukte können es aber ebenso gut verhindern.
Silvia ist überzeugt, künstlerisch begabt zu sein. Sie stellt sich vor, wie sie die Presse zur Vernissage empfängt. Beflügelt von der verlockenden Phantasie opfert sie jede freie Minute, um ihre Begabung in Fähigkeiten umzuwandeln. Mit jedem Bild, das sie malt, steigt die Chance, dass sich ihre Phantasie verwirklicht.
Mechthild ist ebenfalls überzeugt, künstlerisch begabt zu sein. Sie ist mächtig stolz darauf. Statt aber mit Farbe und Pinsel zu malen, malt sie sich nach einer phantasierten Vernissage in Gedanken als nächstes aus, wie sie in Hong-Kong eine Modefirma gründet, deren Herbstkollektion in aller Munde ist.
Während Silvias Phantasien zu Handlungen führen, sind Mechthilds ein Ersatz dafür. Durch vorgestellte Taten und Erfolge vertreibt sie ihre Zweifel an sich selbst.
Erzeugung von Affekten zur Selbst-Manipulation
Wie die Erinnerung vergangener so kann auch die Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse Emotionen wachrufen, deren Funktion darin besteht, sich selbst zu beeinflussen.
Lars tritt bald eine neue Stelle an. Er stellt sich vor, wie ihn die Kollegen kühl empfangen. Schon im Elternhaus hatte er sich nicht willkommen gefühlt. Durch den Gedanken an den unfreundlichen Empfang steigert er sich in Rage. Unfassbar, wie unverschämt diese Leute sind! Die werden mich noch kennenlernen. Dank seiner Wut spürt Lars keine Furcht mehr vor erneuter Demütigung. Die Selbstmanipulation zum Verdecken seiner Ängste ist gelungen. Wenn er aber schon streitlustig in die erste Begegnung mit den Kollegen geht, kann es passieren, dass er dafür kühl empfangen wird.
Chancen der Freiheit
Die Gedanken sind frei. Das ist ihr Potenzial. Im Potenzial liegt zugleich das Risiko, dass man mit den Gedanken in die Irre geht.
Die Freiheit des Denkens hat aus AffenNicht dass Affen nicht ebenfalls dächten. Sie tun es. Aber nicht soviel als dass aus ihnen bereits Menschen geworden sind. Menschen gemacht. Dank des Denkens kann der Mensch das Hier-und-Jetzt verlassen. Dazu schafft er sich eine virtuelle Eigenwelt, die aus Bildern und Begriffen besteht. In dieser Eigenwelt kombiniert er das Inventar zu endlosen Varianten und berechnet dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Tat erfolgreich wird. Wir wissen, dass uns das Denken unfassbare Erfolge ermöglicht hat.
Während sich auf der einen Seite die Erfolge türmen, herrscht auf der anderen Verwirrung. Der Genuss der Erfolge wird zum großen Teil zunichte gemacht. Wahrscheinlich sind die meisten Menschen heute nicht glücklicher als früher.
Ursachen der Verwirrung
Auch die Verwirrung ist eine Folge des Denkens. Neben dem Missbrauch des Denkens zu fragwürdigen Zwecken, hat sie vier weitere Ursachen:
Die Möglichkeiten der ausgedachten Eigenwelt fesseln den Menschen so, dass er fast nur noch auf deren Inhalte achtet. Er verwechselt die Eigenwelt in seinem Kopf mit der Wirklichkeit, die er als Folge missachtet.
Während wir für faktische Taten von der Wirklichkeit Antworten bekommen, die uns auf den Boden der Tatsachen holen, können wir im Geist alles Mögliche tun, ohne dass es unmittelbar Konsequenzen hat. Im Kopf kann man sich scheinbar ungestraft soweit von der Realität entfernen, dass man den Weg zurück womöglich nicht mehr wiederfindet.
Das Denken folgt nicht nur der Willkür. Es folgt auch Assoziationen. Assoziationen führen Gedanken schnell von hier nach dort. Man wundert sich, warum man im Supermarkt an Kängeruhs denkt, obwohl man Erbsen kaufen wollte.
Das Denken folgt nicht nur der Willkür und Assoziationen. Es folgt auch den Zufällen des begrifflichen Inventars, das vergangene Erlebnisse im Gedächtnis hinterlassen haben. Während in der Wirklichkeit alles vorkommt, was es überhaupt gibt, besteht die Eigenwelt nur aus wenigen Stücken.
Fast alle psychiatrischen Symptome gehen mit gedanklichen Verirrungen einher. Mehr noch: Sie werden durch Fehlanwendungen des Denkens verursacht oder verstärkt. Krankmachende Gedanken treten selten einzeln auf. Sie verzahnen sich zu komplexen Vorstellungen: zu Welt- und Selbstbildern.
| Vom Nutzen des Weltbilds |
| Neugeborene sind einer Flut von Sinneseindrücken ausgeliefert, deren Zugehörigkeiten sie erst schrittweise entdecken. Mit der Entdeckung der ersten Regel ist der Grundstein zum eigenen Weltbild gelegt. Je mehr Erfahrungen dazukommen, desto komplexer wird das Bild. Weitere Bausteine liefern Botschaften des Umfelds. Sie übermitteln kollektive Denkmuster. Dank des Weltbilds kann das Kind neue Erfahrungen bekannten Schubladen zuordnen. Es erwirbt eine Schablone, die ihm Orientierung gibt. Mit Hilfe der Schablone werden Entscheidungsprozesse automatisiert. Meist laufen sie unbewusst ab. |
Welt- und Selbstbilder sind gedankliche SimulationenWir erinnern uns: Simulare heißt ähnlich machen, nachbilden, den Anschein erwecken, etwas vortäuschen. . Sie ähneln der Wirklichkeit, aber entsprechen ihr nicht. Sie bilden nach, und verpassen zugleich ganze Dimensionen der Realität. Sie erwecken den Anschein der Echtheit und sind doch erfunden. Kurzum: Sie täuschen eine Welt vor, durch die die Wirklichkeit verschleiert wird.
Von der Gefahr des Weltbilds
Je mehr sich das Weltbild festigt, desto mehr läuft man Gefahr, sich von der Wirklichkeit abzuwenden. Man richtet Realitätsurteile und Handlungsimpulse entlang des Weltbilds aus. Ergeben sich Misserfolge, sucht man die Lösung nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern in der virtuellen Eigenwelt der Meinungen, Vermutungen, Erinnerungen und Vorstellungen, die man im Kopf bei sich trägt. Statt Wirklichkeit unmittelbar zu erleben, simuliert man sie.
Die größte Gefahr des Welt- und Selbstbilds liegt aber nicht darin, dass sie die Wirklichkeit verzerrt darstellen; und so zu Fehlentscheidungen führen. Die größte Gefahr liegt in der Identifikation des Ichs mit dem Bild, das es von sich hat. Identifiziert man sich mit dem Selbstbild, dann setzt man sich mit seinem Ego gleich und wird von dessen Dynamik eingefangen.
Zur Dynamik des Ego gehört die Überzeugung, als abgetrennte Einheit dem Rest der Welt gegenüber zu stehen. Dem entspricht die Furcht, vom "Rest der Welt" überwältigt zu werden. Der Furcht entspringt ein Drang nach Sicherheit. In der Folge richtet das Ego große Teile seiner Kraft darauf aus, sein Selbstbild abzusichern. Resultat sind klassische psychiatrische Symptome: Angst, Depression, Zwang und Wahn.
Alle Angst entspringt der Vermutung, dass zukünftige Ereignisse schädlich sein könnten. Ein Großteil der Ängste, mit denen sich die Menschheit plagt, entspricht keiner realen Gefahr. Sie sind vielmehr das Werk eines Denkens, das die Wirklichkeit wie ein Radar hinter Barrikaden nach bedrohlichen Indizien absucht. Statt das Leben anzunehmen, wie es ist, und durch die EreignisseVon niederhochdeutsch eräugnen. Sich ereignen heißt eigentlich sich vor Augen stellen. Im Ereignis stellt sich die Wirklichkeit dem Betrachter vor Augen. sich selbst zu erkennen, verstrickt sich das Ego in Kämpfe um den Bestand jenes Selbstbildes, das es für richtig hält. Alles, was seinen Wert und seine Bedeutung scheinbar in Frage stellt, wird durch gedankliche Konstrukte abgewehrt. Resultat des Abwehrkampfes ist die Angst, im Kampf zu unterliegen.
Depression benennt ein Niedergedrückt-Sein autonomer und expansiver Impulse. Sofern Depressionen nicht durch Stoffwechselstörungen bedingt sind, ist das Niederdrücken dieser Impulse ein psychologischer Mechanismus, durch den das Ego seine Position abzusichern gedenkt.
Geht das Ego davon aus, dass die Wahrnehmung der gefürchteten Impulse zu Konsequenzen führen könnte, die das Bild in Frage stellen, das es von sich selber hat und das es anderen vermitteln will, sabotiert es ihren Ausdruck durch Verleugnung und Verdrängung.
Zwangssymptome bestehen immer aus Denkakten. Entweder sind sie auf Denkakte beschränkt oder als Ausdruck des Denkaktes kommt es zu Zwangshandlungen. Zwangshandlungen sind stets von Denkinhalten abhängig.
Ursprung von Jakobs Zwang ist die Ahnung seines Ego, dass es nirgends sicher ist. Es flüchtet in die Illusion, dass es durch die Vermeidung "falscher" Schritte mehr Sicherheit schafft.
Denken ist Simulation. Das Denken ist in der Wirklichkeit enthalten, die Wirklichkeit aber nicht im Denken. Da der Mensch wirklich ist, kann er sich nicht in seinen Gedanken finden.
Im Denken liegt die Gefahr, sich mit dem Gedachten zu verwechseln.
Man ist nicht, weil man denkt. Man ist, weil man wahrnimmt.
Wahn ist verirrtes Denken in Reinkultur. Ausgangspunkt wahnhafter Entwicklungen sind Wahrheiten, die das Ego nicht akzeptieren will.
Statt dass die Wirklichkeit akzeptiert wird, wird sie vom Wahnkranken durch ein gedankliches Konstrukt ersetzt.
Viele psychische Erkrankungen werden von Stimmungsschwankungen begleitet. Bei der Bipolaren Störung und dem Borderline-Syndrom gehören sie zur Kernsymptomatik. Oft zeigen Stimmungsschwankungen an, dass die Aufmerksamkeit des Kranken einseitig auf seine Denkinhalte ausgerichtet ist.
Während sich die Wirklichkeit, mit der man konfrontiert ist, meist nur langsam ändert...und emotionale Reaktionen, die sich darauf beziehen, daher eher träge schwingen..., sind Denkinhalte in der Lage, assoziativVon lateinisch associare = vereinigen, vernetzen. Über grün sind Tannenbäume, Ampeln, Frösche, Teenager, Kupfer, Oasen und die italienischen Liebesgeschichten vom dtv-Verlag gedanklich miteinander verknüpft. Wer die Liebesgeschichten liest, könnte daher assoziativ an die Kupferdächer der Hamburger Elbtunnelkuppel denken. von einem Thema zum nächsten zu springenUdo sieht am Tage Autos mit Abblendlicht. Er erinnert sich, dass er schon zwei mal die Glühbirnen wechseln musste. Er weiß, dass Neuwagen per Gesetz so gebaut werden, dass man das Licht bei der Fahrt nicht mehr ausschalten kann. Man wird in Zukunft noch mehr Glühbirnen wechseln müssen. Von der Bevormundung beim Abblendlicht springt der Gedanke zur Bevormundung durch ein Steuerrecht mit tausend Formularen; von dort zur Tatsache, dass die Parteien den Willen des Volkes regelmäßig übergehen... und außerdem muss er von dem, was er heute erarbeiten wird, auch noch die griechische Korruption bezahlen. Als Udo losfuhr, war er guter Dinge. Dann sah er Lichter. Zwei Minuten später wünscht er dem Pack in Brüssel die Pest an den Hals. .
Emotional reagiert die Psyche auf Vorstellungsbilder oft ebenso heftig wie auf die Wirklichkeit selbst. Wer sich hauptsächlich mit seinem Denken beschäftigt und die Wahrnehmung des Gegenwärtigen dabei aus den Augen verliert, droht emotional mit rasch wechselnden Denkinhalten mitzuschwingen. Hatte er eben noch ein Vorstellungsbild im Kopf, dem er positiv gegenüberstand, führt ihn die assoziative Freiheit seines Denkens im Nu zu einem Thema, das negativ behaftet ist. So kann seine Stimmung in rascher Folge zwischen Extremen schwanken.
Gewiss: Man kann darüber nachdenken, in welche Verirrung das Denken führen kann und welche Auswege es geben könnte. Wie jedes Denken geht aber auch dieses nur dann nicht selbst in die Irre, wenn man den Gegenpol des Denkens nicht vergisst: die achtsame Wahrnehmung dessen, was hier und jetzt geschieht. Also: Um sich vor der Verirrung ins Denken zu schützen, nehmen Sie wahr, was Ihr Denken macht.