Wer sich im Kleinen nicht um Wahrheit kümmert, ignoriert sie im Großen erst recht.

Man kann nicht wissen, was richtig ist. Man kann nur wissen, was man für richtig hält.

Absolut wahr ist, was jeden Wandel übersteht.

Es gibt einen Glauben, der die Wahrheit anerkennt, und andere, die sich an ihr vergreifen.
Wahrer Glaube muss wissen, dass er nur Glaube ist. Sonst ist er nicht wahr.

Wer das Wahre sagt, sagt immer dasselbe. Wer immer dasselbe sagt, sagt aber nicht immer das Wahre.

Wahrheit


  1. Begriffsbestimmung
  2. Beziehungen
  3. Gottesbilder
  4. Umgangsarten
  5. Wahrheitsfindung

1. Begriffsbestimmung

Die Etymologie des Wortes wahr weist auf zweierlei hin: worum es sich bei der Wahrheit handelt und wie das Verhältnis zwischen ihr und uns beschaffen ist.

Bindung und Vertrag

Das Verhältnis zwischen Mensch und Wahrheit ist eng. Keineswegs ist der Mensch hier und die Wahrheit dort, als könnte er sich beliebig zu diesem oder jenem Umgang mit ihr entscheiden, ohne dass die Entscheidung in sein Wesen hineinwirkt.... so wie man sich zu diesem oder jenem Umgang mit einem Bleistift entscheiden kann. Wozu der Mensch sich im Umgang mit dem Wahren entscheidet, bestimmt nicht nur darüber mit, was ihm gelingt und woran er scheitert. Es bestimmt über sein Wesen selbst. Die Bindung ist so eng, dass der Mensch das ist, was er für wahr hältDie körperliche Struktur, die die Existenz des Menschen in der Wirklichkeit ermöglicht, ist eine Antwort darauf, was der evolutionäre Prozess als wahr erkannt hat..

Das Verhältnis zwischen Mensch und Wahrheit ist vertraglich. Die Wahrheit führt den Menschen durch die Wirklichkeit... wenn er ihr vertragsgemäß die Treue hält.


Es kann sein, dass es weder Raum noch Zeit gibt. Es kann aber nicht sein, dass es keine Wahrheit gibt. Selbst wenn es keine Raumzeit gäbe, wäre es wahr, dass der Satz des PythagorasDer Satz des Pythagoras lautet: a² + b² = c². Er besagt, dass in einem ebenen rechtwinkligen Dreieck die Summe der Kathetenquadrate gleich dem Hypothenusenquadrat ist. in einer Raumzeit mit der geo­metrischen Struktur der unseren wahr wäre.

Wahr geht auf das althochdeutsche wāra = Vertrag, Treue zurück. Wāra wiederum ist vom indogermanischen ṷer- = vertrauenswert, Gunst, Freundlichkeit abgeleitet. Dieselbe Idee steckt in den Wörtern gewähren und der WirtDer Wirt gewährt dem Gast freundlichen Empfang.. Wahrheit ist die Gunst des Ganzen, die es den Teilen gewährt.

Die Nachsilbe -heit war im Mittelalter ein Hauptwort. Heit benannte Rang, Stand, Wesen, Beschaffenheit oder die Person.Als Hoheit (spätmittelhochdeutsch: Hochheit) bezeichnet man dementsprechend eine hochrangige Person. Die indogermanische Urmutter des Begriffs liegt in der Wurzel kāi- = scheinen, leuchten, der sowohl das altindische kētú-h = die Lichterscheinung als auch das deutsche heiter entspringen.

Der Begriff Wahrheit verweist folglich auf drei Themen:

Wahrheit ist das freundlich Leuchtende, dessen Schein nicht trügt. Das Leuchten des Wahren ist Ausdruck echten Seins in treuer Absicht. Man kann darauf vertrauen, dass sie zum Guten führt. Die Wahrheit ist aber nicht nur da und leuchtet. Ihr Leuchten begründet einen Vertrag, durch den sich der, der ihr Leuchten erkennt, mit ihr verbindetDas Erkennen der Wahrheit führt zu einem Vertragsabschluss. Das ist der Grund, warum wir uns so oft vor der Wahrheit fürchten. Wer Wahrheit erkannt hat, steht in ihrer Pflicht. Zwar kann man sich der Pflichterfüllung auch dann noch entziehen; aber nur zu der Bedingung, dass man einen Preis dafür zahlt..

2. Beziehungen

Wahrheit steht zu allem in Beziehung. Herausgehoben seien die Wirklichkeit und das Subjekt.

2.1. Wahrheit und Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ist alles, was es gibt. Folglich kann die Wahrheit nicht neben ihr stehen. Sie ist in die Wirklichkeit eingewoben und alle Wirklichkeit ist in ihr verankert. Nur Wirkliches kann tatsächlich als wahr erkannt werden. Das Wahre im Wirklichen wird aus der Wirklichkeit herausgelesenDer Weg ist da. Wenn man sieht, wie er vom Waldrand zum Fluss führt, ist Wahrheit erkannt..

Ohne dass es etwas gäbe, das Wirklichkeit erkennt, gäbe es nichts, was im dann existierenden Gefüge unerkannter Objekte nach Wahrheit Ausschau hielte. Wird das Wahrsein des Wirklichen nicht erkannt, ist es zwar existent, sein Leuchten geht aber ins Leere.

Obwohl die Wahrheit in die Wirklichkeit eingewoben ist, besteht zwischen beiden Kategorien ein wesentlicher Unterschied. Wahrheit ist zeitlos. Die Wirklichkeit als Ganzes ist es nicht. Was wahr ist, bleibt wahr, auch wenn die Wirklichkeit, deren Struktur es beschreibt, sich gewandeltEs mag sein, dass der Weg nicht mehr vom Waldrand zum Fluss führt. Es bleibt aber wahr, dass er es tat. hat. Wahrheit ist der überdauernde Aspekt der Wirklichkeit, in den deren Wandel eingebettet ist.

2.2. Wahrheit und Subjekt
Wahrheit erscheint im Objekt. Ihr Bestand ist jedoch als dessen Substanz im Subjekt verankert und steht mit ihm jenseits von Raum und Zeit. Das Subjekt begegnet der Wahrheit nicht nur, es ist sie. Nimmt es sie an, nimmt es sich an.

Haben und Sein
Das Subjekt ist eigenständige Wirklichkeit. Das Objekt hat verliehene Wirklichkeit. Verliehene Wirklichkeit ist eigenständiger nachgeordnet. Das Objekt wird sein Wirklichsein an das Subjekt zurückerstatten.

Der Wahrheitsgehalt der Wirklichkeit ist von Belang, wenn sich ein erkennendes Subjekt darauf bezieht. Die Wirklichkeit ist alles, was es gibt. Folglich kann das erkennende Subjekt nicht neben ihr stehen.Gibt es außer dem erkennenden Subjekt keine weiteren Aspekte der Wirklichkeit, ist es die vollständige Wirklichkeit selbst. Es ist mit der Wirklichkeit ver­woben. Das erkennende Subjekt ist jener Aspekt der Wirklichkeit, der sich aus sich selbst heraus erkennt. Jede Erkenntnis ist eine Selbsterkenntnis der Wirklichkeit.

Auch wenn das Subjekt als Wahrheitsträger der Wirklichkeit mit ihr verwoben ist, bleibt es von ihr unberührt. Es macht wahr, ohne dass das Wahrgemachte auf es einwirkt. Es bleibt unberührt, weil es als Wahres in Wahrheit nicht verändert werden kann. Das Wahre muss nicht verändert werden, weil in ihm aller Wert bereits versammelt ist.

2.2.1. Personen

Personen sind Elemente der Wirklichkeit. Sie sind durch die Eigen­schaften ihres objektiven Soseins moduliertes Subjekt. Ihr objektiver Ausdruck steht mit anderen Per­sonen und der Wirklichkeit als solcher in Beziehung. Ihr subjektiver Grund kann dreier­lei: Er kann die Beziehung...

Wie sich die Person als psychosomatischer Organismus auf die Wirklichkeit bezieht, hängt von den Vorstellungen ab, die sie für wahr hält.

Der Organismus erscheint als Körper und Psyche. In ihrer jeweiligen Beziehung zur Wirk­lichkeit richten sich beide Erscheinungsformen an Informationen aus, die für wahr gehalten werden. Ein großer Teil dieser Wahrheitsvermutungen ist der Person weder bewusst noch unmittelbar zugänglich; vor allem jener Teil, der die biologische Funktionsfähigkeit des Organismus begründet. Wären in den Genen keine wahren, also zutreffenden ErkenntnisseDer Körper hält es für wahr, dass man aus Glukose Energie gewinnen kann. Dementsprechend setzt er Enzyme ein. Weil seine Vermutung eine Erkenntnis über die wahre Struktur der Wirklichkeit ist, hat er mit seinen Enzymen Erfolg. über die Wirklichkeit verschlüsselt, hätte der Organismus keinen Bestand.

Die Bindung der erkennenden Person an die Wahrheit ist eng. Die Wahrheit verfügt über die Person und macht sie dadurch frei. Die befreite Person geht in der Wahrheit auf. Das Erkennen des Ich-bin führt zur Pflicht, das Erkannte zu sein. Das Erkannte zu sein, befreit von dem, was man nur scheinbar ist. Freiheit ist die Pflicht, man selbst zu sein. Die höchste Pflicht ist: in Wahrheit frei zu sein.

Die Psyche, die sich als Ich erlebt, richtet sich ebenso wie der Körper danach aus, was ihr als wahr erscheint. Etwas anderes kann sie nicht wirklichWenn ich Brot kaufen will, gehe ich zum Bäcker. Aber nur, weil ich es für wahr halte, dass es dort Brot zu kaufen gibt. Ich könnte auch zum Frisör gehen, obwohl ich es nicht für wahr halte, dass der Brot verkauft. Dann gehe ich aber nicht zum Frisör um Brot zu kaufen, sondern weil ich beweisen will, dass man sich aus der Bindung zur Wahrheit befreien kann. Ich gehe aber nur dann zum Frisör, wenn ich es für wahr halte, dass der Gang dorthin den Beweis meiner Unabhängigkeit erbringt. Also habe ich mich auch hier nach dem ausgerichtet, was ich für wahr hielt. tun. Die Ausrichtung an dem, was die Person für wahr hält, ist so nahtlos, dass sie selbst aus Wahrheit und Irrtum besteht.

3. Gottesbilder

Die Wertschätzung der Wahrheit liegt nicht nur an ihrer Nütz­lichkeit. Sie liegt vor allem daran, dass Wahrheit unvergänglich ist.

Als Person ist der Mensch der Vergänglichkeit ausgesetzt. Das treibt ihn dazu, nach dem Unvergänglichen Ausschau zu halten, in dem er geborgen ist. Da Wahrheit unvergänglich ist und alles, was vergeht, nicht vollständig wahr sein kann, vermutet der Mensch die Macht zu seiner Rettung dort, wo sie auf reiner Wahrheit gründet.

Gottesbilder nähern sich der Wahrheit nur, wenn sie nicht den Anspruch erheben, endgültig zu sein.

Zwischen den (vielen) Wahrheiten, die man erkennen kann und der Wahrheit an sich ist zu unterscheiden. Die vielen Wahrheiten sind ein Menge, die Wahrheit an sich wird als GanzesWer etwas der Wahrheit zuliebe tut, kommt der Wahrheit als Ganzes näher. verstanden, das die Menge des Wahren in eine Einheit bindet, die dem Wandel der Wirklichkeit ebenso zugrunde liegt wie sie über ihm steht und ihn durchdringt.

Eine parteiliche Gottesperson?
Die Silbe -heit in Wahrheit kündigt es an: Heit kann als Wesen verstanden werden. Deshalb könnte die Wahrheit als Ganzes ein göttliches Subjekt sein. Will man Wahrheit jedoch als höchstes Subjekt deuten, kann man nicht zeitgleich glauben, dass es parteilichVon lateinisch pars = Teil. ist. Die Vorstellung, dass das Umfassende sich zum Parteigänger macht, ist Widerspruch in sich.

Da der Mensch im Umgang mit Personen geübter als in dem mit der Wahrheit ist, sucht er die Rettung aus der Vergänglichkeit meist nicht im Vertrauen auf das, was er als wahr erkennt. Stattdessen glaubt er an eine Gottesperson, deren Entscheidungen man durch Rituale Also durch Voodoozauber... und UnterwerfungsgestenJedes Beeinflussen-wollen Gottes ist ein Sich-über-ihn-stellen. Ist Gott Subjekt, dann ist jede mit Absicht vollzogene Unterwerfung unter seinen vermeintlichen Willen eine manipulative Geste, die - wenn Gott tatsächlich so erhaben ist, wie wir ihn kaum anders denken können - ins Leere läuft. beeinflussen kann. Die Vorstel­lung Gottes als parteiische Person verstellt den Blick auf den tatsächlichen Retter durch eine egozentrische Phantasie.Gebete und Rituale, die sich an eine Gottesperson wenden, sind Manöver, die den Horizont der Person nicht übersteigen. Sie regulieren das Selbstbild der Person: Ich bin gut, weil ich in rechter Weise glaube. Ich kann beruhigt sein, weil ich das Gebet vollzogen habe.

Wahrheit ist das freundlich Leuchtende, dessen Schein nicht trügt. Ihr Wesen liegt nicht im Bestreben, dass sich ihr irdische Personen unterwerfen. Die Unterwerfung ist von je her vollzogen und wird niemals zu ändern sein. Was jedoch nicht vollzogen ist, ist dass der Mensch vertragsgetreu nach dem Leuchten der Wahrheit Ausschau hält, um zu ihm selbst zu werden.

Was von der Wahrheit richtig erkannt wird, ist immer ein Gottesbild, allerdings keins, wie es Propheten verkünden. Es ist immer nur Teil, hinter dem ein Ganzes aufscheint, dem gegenüber es nur eine sinnvolle Haltung...weil die Ahnung begrenzter Horizonte über das Wesen der Unendlichkeit immer bloß Ahnung bleibt... gibt: weiter Ausschau zu halten. Ein Gottesbild, das dogmatisch ist, das also als Lehrsatz die Ausschau beendet, ist grundsätzlich falsch.

4. Umgangsarten

Die Art, wie man mit Wahrheit umgeht, hat tiefgreifende Folgen für das Erleben der Wirklichkeit. Ebenso tiefgreifend sind die Folgen für das Verhalten des Einzelnen und seine Wirkungen ins soziale Umfeld. Vier wesentliche Umgangsarten sind auszumachen: wahrnehmen, glauben, verleugnen und lügen.

Innerhalb der vier Kategorien gibt es weitere Unterteilungen, die je nach persönlicher Absicht mehr oder weniger im Vordergrund stehen. Es gibt kaum einen Menschen, der nicht je nach Lage der Dinge alle vier Kategorien zum Einsatz bringt.

Umgangsarten mit der Wahrheit

Wahrnehmen Glauben Verleugnen Lügen
Weitere Unterteilungen suchen
zulassen
erkennen
bekennen
schlussfolgern
ergänzen
vermuten
ersetzen
wähnen
verbreiten
verteidigen
ignorieren
verdrängen
ausbeuten
schützen

4.1. Wahrnehmen

Wahrheit ist in die Wirklichkeit eingewoben. Sie ist ihr So-und-nicht-anders-sein. Um Wahrheit festzustellen, ist die Wahrnehmung der Wirklichkeit unumgänglich. Erst wenn ich den Baum gesehen habe, entspricht die Aussage Ich habe den Baum gesehen der Wahrheit.

Nachdem Erfahrungen vorliegen, die durch Wahrnehmung gesammelt wurden, kann Wahrheit auch durch Schussfolgerung festgestellt werden:

Abstufungen

Man kann Wahrheit erkennen und sie für sich behalten. Man kann sein Wissen bekennen, indem man es anderen sagt. Und man kann seine Entscheidungen an dem ausrichten, was man für wahr hält. Je nachdem, was man mit der Wahrheit macht, kann das unterschiedliche Folgen haben.

Schlusszufolgern erscheint zunächst als Denkakt. Die Wahrheit wird aber nicht ausgedacht.Holland ist ständig von Deichbrüchen bedroht. Deshalb tragen kluge Holländer Holzschuhe. Da Holz schwimmt, laufen die Klugen auch dann noch umher, wenn das Wasser steigt. Die Dummen ertrinken. Das Gen, das eine Vorliebe für Holzschuhe begründet, wurde in Holland im Laufe der Jahrhunderte herausselektiert. In der Schweiz kommt es kaum vor. Kein Wunder: In Holzschuhen bezwingt man keine Steilwand, um Edelweiß zu pflücken. Und das braucht der Schweizer, damit er seine Liebste überhaupt umwerben kann. Deshalb wird beim Schlussfolgern zwar ge­dacht, das wesentliche Element ist aber ebenfalls ein Wahrnehmungs­akt. Dabei handelt es sich im Gegensatz zu den sinnlich-mittelbaren Ich sehe, was ich für einen Baum halte. um einen unmittelbaren Wahrnehmungsakt. Bei der Schlussfolgerung muss die logische PlausibilitätWenn ich erkannt habe, dass kleine Sachen in große Gefäße passen, kann ich von der Erbse auf die Bohne schließen. des gezogenen Schlusses erkannt werden.

Zur Umgangsart der Wahrnehmung gehören Suche, Zulassen und Bekenntnis. Ich kann das Bündnis mit der Wahrheit ausbauen, indem ich aktiv nach ihr suche. Ich kann es zulassen, indem ich mich nicht sträube. Und ich kann den Vertrag erfüllen, indem ich sie bekenne. Das Bekenntnis kann rein sprachlich sein - indem ich sage: das und das halte ich für wahr. Oder es kann handelnd sein - indem ich tue, was der erkannten Wahrheit entspricht.

Wer Wahrheit vollständig erkennt, wird ihr Werkzeug.

Bloßes Erkennen von Wahrheit bleibt intellektuell. Vollständig wahrgenommen ist sie erst, wenn man sie aufnimmt; ihr also Gehör verschafft, weil man die Wahrheit, die man erkannt hat, als sich selbst anerkennt.

Wer lieber glaubt, als sich einzugestehen, dass er nicht wissen kann, hat zumindest sich selbst betrogen. Der Wahrheit nützt es nichts, wenn man etwas als angeblich wahr bekennt, was sich verlässlichem Wissen entzieht.
4.2. Glauben

Nicht immer ist Wahrheit der Wahrnehmung zugänglich. Wenn ich keine Möglichkeit habe, Wahrheit durch Wahrnehmung festzustellen, kann ich vermuten, dass es so oder anders ist. Dann glaube ich etwas, im Wissen, dass es anders sein kann. Die Übergänge zwischen der logischen Schlussfolgerung und der bloßen Vermutung sind fließend.

Ich kann schlussfolgern, dass sich die Neandertaler verbrannt haben, wenn sie ihrem Lagerfeuer zu nah kamen. Ich kann aber nur vermuten, dass sie das Feuer anmachten, um sich daran zu wärmen. Vielleicht haben sie es bloß zum Braten oder als Lichtquelle benutzt; und mochten Kälte so sehr, dass sie Feuer ansonsten scheuten.

Bei der Wahrheitsfindung können Glauben und Vermuten der Ergänzung von Wissens­lücken dienen. Dienen sie der Ergänzung, und bleibt man sich ihrer dienenden Rolle bewusst, erwirbt das Geglaubte sein Recht; weil es tatsächlich höheren Zwecken dient.

Wissen erkennt Zusammenhänge. Glaube spaltet. Echte Einigung ist nur im Wissen möglich. Die vermeintliche Einigkeit im Glauben beruht auf einer Verleugnung der Spalten.

Oft dienen Glaubensinhalte aber nicht der Ergänzung, sondern sie ersetzen tatsächlich Gewusstes. Ihr Dienst gilt dann nicht der Wahrheit, sondern deren Manipulation durch die Willkür von Teilinteressen. Die Willkür des Teiles gegen das Ganze ist beim ersetz­enden Glauben an verschiedenen Merkmalen erkennbar:

Verfährt ein Individuum mit Glaubensinhalten so, als sei ihr Wahrheitsgehalt bewiesen, leidet es unter einem manifesten Wahn.

Anerkennung und Mutwille

Nur das Wahre kann erkannt werden, ohne dass es als Folge der Erkenntnis zerbricht. Wird Falsches erkannt, führt das zu seinem Untergang; denn Falsches ist immer nur Bild. Im Erkennen des Falschen wird das Bild durch Wahres ersetzt und das Wahre als Wahres anerkannt. Das rechte Verhältnis zum Wahren ist daher erfüllt, wenn sein Sosein durch Erkenntnis anerkannt ist.

Selbst wenn wahr ist, was man glaubt, wird Glaube dem Wahren nicht gerecht. Auch wenn das geglaubte Bild dem Wahren entspricht, ist tiefer Glaube Verirrung, weil sich tiefer Glaube an ein Vorstellungsbild hält, das man mutwillig wählt.

In der mutwilligen Wahl greift der Gläubige blind nach der Wahrheit...... das tut er nicht der Wahrheit zuliebe... und verfehlt damit das Wesen des Wahren, das nicht zu ergreifen und festzuhalten, sondern anzuerkennen ist. Glaube ist nur im Recht, wenn er zweifelt.

4.3. Verleugnen

Wahrheit kann angenommen werden: Indem man sie erkennt oder korrekt vermutet. Wahrheit kann zurückgewiesen werden: indem man sie verleugnet.

Bevor man Wahrheit verleugnen kann, muss man sie zumindest erahnen. Offensichtlich reicht es aus, Wahrheit zu erahnen, damit bereits der Impuls entsteht, sich den ver­traglichen Pflichten zu entziehen, die ihre Anerkennung nach sich zöge.

Je nachdem welche Konsequenzen drohen und welche Tragweite die Anerkennung einer Wahrheit hätte, reicht es entweder aus, das Wahre einfach zu ignorieren oder man verdrängt es aktiv aus dem Bewusstsein.

Wer ein Schnitzel isst, mag das Wissen um seine Schuld am Tod des Tieres einfach ignorieren. Wer einen Menschen tötet, verdrängt die Anerkennung seiner Schuld in der Regel aktiv: indem er dem Opfer Schlechtigkeit zuschreibt oder Umstände be­nennt, die die Tat als unvermeidbar beschreiben.

Geschlossene Gesellschaft

Verleugnungseffekte ergeben sich aus dem Bedürfnis des Menschen, sich die Welt abschließend zu erklären. Ungewissheit führt zur Furcht. Wenn wir die Welt erkannt hätten, wäre die Ungewissheit beseitigt. Daher sind wir bemüht, aus drei Puzzlestücken ein Ganzes zu schaffen und bereit, fünf mehr als einmal gerade sein zu lassen.

Haben wir etwas zurechtgezimmert, was einem Viereck ähnelt, stören alle Stücke, die aus dem Viereck ein Zwölfeck machen könnten. Je mehr man sich vom Viereck in den Bann ziehen lässt, desto leichter übersieht man die überzähligen Stücke. Der Mensch mag es nicht, wenn die Wahrheit seinen Bildern widerspricht. Würde er die Wahrheit aber gänzlich anerkennen, sähe er tatsächlich, dass die Furcht davor überflüssig ist.

4.4. Lügen

Während man sich bei der Verleugnung der Wahrheit nicht vollständig bewusst ist, was man tut, ist die Lüge eine gezielte Manipulation. Man muss die Wahrheit kennen, um lügen zu können.

In der Regel steht die Lüge in klarem Gegensatz zu Wahrheit. Sie wird angewandt, um sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Dann ist die Lüge ausbeuterisch.

Es kommt vor, dass der Vertrag mit der Wahrheit nur durch eine Lüge erfüllt werden kann. Meistens ist es aber anders.

Die Lüge kann aber auch im Bündnis mit der Wahrheit stehen, nämlich dort wo sie einen Wert gegen zerstörerische Kräfte schützt, die ihrerseitsEin klassisches Beispiel ist der Schutz eines Juden vor dem Zugriff von Rassisten. Wenn der Beschützer des Juden es für wahr hält, dass Antisemiten von Vorstellungen ausgehen, für deren Wahrheitsgehalt es keine Belege gibt, steht die Lüge, die den Aufenthaltsort des Juden verheimlicht, im Bündnis mit der Wahrheit. die Wahrheit igno­rieren. Dann ist die Lüge segensreich.

Ein Großteil der Lügen im Alltag ist weder eindeutig segensreich noch ist er vom blanken Willen beseelt, andere Leute auszubeuten. Viele kleine Lügen, die der Mensch in die Struktur seiner Kommunikationsfelder streut, dienen der Vermeidung gefürchteter Klärungsprozesse.

Insofern sind viele Unehrlichkeiten defensiv.

Zu entscheiden, wann eine Lüge der unmittelbaren Wahrheit vorzuziehen ist, ist eine Aufgabe des Gewissens. Oft bestimmt aber nicht das Gewissen, sondern das Vorteilsdenken des Ego Das Ego zieht die Notlüge vor, weil es die Person einer momentanen Not entheben will; ohne zu bedenken, dass es sie dadurch zukünftiger NotJörg ist zu Besuch bei seiner Oma. Die Oma fragt, ob ihre sauren Nierchen schmecken. Obwohl es ihm schwerfällt, das Zeug zu schlucken, nickt Jörg beflissen. Beim nächsten Besuch kocht die Oma eine größere Portion. preiszugeben droht.

Die Wahrheitsfindung wird oft durch die Absichten vereitelt, denen man sich verschrieben hat. Wir wollen nicht wissen, was uns antreibt, sondern wie wir bekommen, was wir haben wollen.

5. Wahrheitsfindung

Eigentlich ist es nicht schwer, Wahrheit zu finden; wenn man sich mit ihr begnügt. Da der Mensch sich aber als Person sieht und deren Vorteil betreibt, meint er oft, dass die blanke Wahrheit kein Garant für seinen Vorteil ist. Das führt dazu, dass er Gegensatz­paare durcheinanderbringt:

5.1. Gegensatzpaare

Bevor man entscheidet, was man tut, beurteilt man die Lage; mal bewusst-reflektiert, mal unbewusst oder reflexhaft-automatisch. Dabei fragt man nach wahr oder unwahr, richtig oder falsch, gut, böse oder schlecht. Eine erste Gegenüberstellung zeigt grundsätzliche Unterschiede auf.

Unterschiede von Gegensatzpaaren

Entscheidung Funktion
wahr-unwahr Benennt die Verlässlichkeit einer Erkenntnis
richtig-falsch Bewertet die Qualität eines Mittels
gut-böse Beurteilt den Wert eines Entscheidungsträgers

5.1.1. Wahr-unwahr

Das Wahre ist unveränderlich und damit gegenwärtig. Es ist der Zeit enthoben. Beim Wahren ist es niemals so, dass es heute wahr ist, morgen aber nicht. Das Wahre wird erkannt und angenommen. Obwohl alles Wahre grundsätzlich im Jetzt als Erkennbares erscheint, wird in der Regel nur ein Bruchteil von ihm wahrgenommen. Die Fähigkeit des Einzelnen, Wahrheit zu erkennen, wird durch die Begrenzungen seines Personseins eingeschränkt. Da der Mensch nur wenig Wahres erkennt, ist er mit dem Erkannten oft unzufrieden. Er unterschätzt den Wert seiner Erkenntnis und steckt sich Ziele, von denen er glaubt, dass sein Leben dort besser wird.

Bedingt oder unbedingt
Das Wahre ist unbedingt, das Richtige bedingt. Das Wahre bedarf keiner Bedingungen, um wahr zu sein. Grundlos ist es, wie es ist. Was man für richtig hält, hängt davon ab, was man bezweckt. Das gilt erst recht für das Gute und das Böse. Ob man etwas für gut hält, hängt wesentlich davon ab, wie ernsthaft man nach dem Motiv, es gut zu nennen, fragt, und danach, welche Folgen es, abgesehen vom momentanen Vorteil, den es bringt, noch haben könnte.

Oft wollen wir nicht wissen, was wahr ist, sondern was richtig ist. Dabei übersehen wir, dass man das Richtige umso eher findet, je mehr man weiß, was wahr ist.
5.1.2. Richtig-falsch

Die Entscheidung, ob etwas richtig ist oder falsch, basiert auf einer Absicht. Jeder Absicht entspricht ein Ziel, das die Person definiert, weil sie davon ausgeht, dass sein Erreichen ihrem Vorteil dient. Ziele liegen in der Zukunft. Bei richtig oder falsch geht um die Richtung, die man einzuschlagen hat, um diese oder jene Zukunft erfolgreich anzusteuern.

Um dafür zu sorgen, dass die Zukunft so wird, wie es der Absicht entspricht, konzentriert die Person ihre Kraft auf die Umsetzung des Plans. Wahres, das unterwegs erkennbar wird, dem Ziel aber nicht zu dienen scheint, wird über­gangen.

Wer danach fragt, ob das, was er tut, richtig ist, will wissen, ob das Mittel, das er zum Erreichen des Ziels benutzt, geeignet ist. Bei allem, was der Mensch für richtig hält, kann er sich fragen, welchem Vorsatz seine Ausrichtung dient. Fragt er das nicht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er Wahres verfehlt.

5.1.3. Gut-böse

Das Gute passt zu dem, der es als gut bewertet. Das Böse bedroht und verdrängt, und wird deshalb als böse angesehen. Wer eine Kraft, der er ausgesetzt ist, als gut oder böse bewertet, geht davon aus, dass sie in der Lage ist, ihre Wirkung aus sich selbst heraus zu steuern.

Auch das Urteil über gut und böse ist nicht unparteiisch. Es bildet die persönlichen Interessen dessen ab, der es vollzieht. Es ist primär nicht der Erkenntnis verpflichtet, sondern dem Vorteil dessen, der es fällt. Gut-oder-böse will nicht wissen, sondern mächtig sein.

5.2. Verzahnungen

Im Alltag werden die genannten Gegensatzpaare oft verwechselt. Vor allem wahr und richtig werden gleichgesetzt, ohne zu hinterfragen, welchen Motiven ein Für-richtig-halten entspringt. Da viele das, was sie für richtig halten, als unbedingte Wahrheit deuten und nicht als von Wünschen bedingt, ist das Unverständ­nis groß, wenn andere die Richtigkeit bezweifeln. Nicht selten folgt der Empörung ein Urteil: dass der Andere böseDabei haftet dem Urteil selbst etwas Böses an. Es will den Kritiker entwerten. ist.

Im Alltag geht oft um praktische Fragen.

Das sind zunächst keine Fragen strenger Wahrheitssuche. Es sind Fragen nach prakti­kabeler Richtigkeit. Und doch: Nur das Wahre, das ich anerkenne, schützt mich bei der Suche nach der Richtung vor Verirrung.