Wie man auf Leere reagiert, hängt davon ab, wofür man sich hält. Hält man sich für etwas, wird man die Leere fürchten. Fürchtet man sich nicht, wird Leere Fülle sein.

Je weniger man weiß, was man ist, desto mehr sagt man: Ich bin dies oder das und nichts anderes. Je mehr man festlegt, als was man sich sehen will, desto mehr wird man fürchten, was die Festlegung infrage stellt.
Bewusstsein ist Leere. Sobald sich das Bewusstsein mit etwas verwechselt, scheut es vor sich selbst zurück.

Ich bin ich selbst, wenn ich weder glaube, dass ich etwas Bestimmtes bin, noch dass ich etwas werden sollte.

Leere

  1. Leere oder Nichts
  2. Erfahrungen
  3. Gottesbilder
  4. Hinwendungen

Leere ist eine seelische Erfahrung, die unterschiedlich erlebt wird. Der eine schreckt vor ihr zurück, der andere erlebt sie als Befreiung aus der Angst. Die Qualität der Erfahrung hat sowohl für die seelische Gesundheit als auch für das spirituelle Erleben Bedeutung.

1. Leere oder Nichts

Leere ist weder ein Etwas noch ein Nichts. Das Nichts ist eine intellektuelle Spekulation. Wenige Überlegungen machen klar, dass die Existenz des Nichts unmöglich ist.

Leere ist Abwesenheit von Etwas. Ein Etwas ist ein Geformtes, das als Form erkennbar und von anderen Formen zu unterscheiden ist. Formen werden vor verschiedenen Hintergründen wahrgenommen:

Raum, Stille und Bewusstsein sind drei Erscheinungsfelder der Leere, aus denen Formen hervorgehen und in die Formen zurückkehren.

2. Erfahrungen

So wie Leere der eine Hintergrund ist, vor dem verschiedene Formen erkennbar werden, so bilden sämtliche Formen Vordergründe, hinter denen die eine Leere liegt. Da Leere formlos ist, ist sie grenzenlos. Da sie keine Grenze hat, erstreckt sie sich in sämtliche Formen hinein und durch sämtliche Formen hindurch. Das persönliche Erleben der Wirklichkeit wird entscheidend davon mitbestimmt, wie man auf die Erfahrbarkeit der Leere reagiert.

Reife und Konkretismus

Je unsicherer eine Person ihrer selbst ist, desto zwingender erlebt sie das Bedürfnis, Sicherheit in festgefügter Zugehörigkeit zu finden. Die Angst vor der Leere wird durch konkreteLateinisch: concrescere = zusammenwachsen. Identifikationen gebunden. Konkret sind die eigene Leiblichkeit, zwischenmenschliche Beziehungen sowie Gruppenzugehörigkeiten. Konkret sind aber auch unverrückbare Wertvorstellungen und geschlossene ideologische Weltanschauungen.

Erst mit zunehmender persönlicher Reife wird man fähig, sich von den Verwachsungen loszusagen, die Burg und Käfig in einem sind. Und erst dann wird man vor der Leere nicht mehr flüchten; sondern sie als den Befreier aus der Verlorenheit in die Welt zufälliger Formen feiern.

2.1. Psychologischer Grundkonflikt

Ob man mit Angst oder Gelassenheit auf Leere reagiert, hängt von zweierlei ab:

  1. Davon, wofür man sich hält.
  2. Davon, woran man sich hält.

Das Wofür und das Woran sind zwei Anker, durch die man sein Selbstbild festlegt.

Das Wofür begründet die primäre Identifikation. Beim Wofür handelt es sich um Teile der Wirklichkeit, die man innerhalb des eigenen Wesens lokalisiert und denen man Teile außerhalb des Wesens gegenüber stellt.

Das Woran begründet die sekundäre oder stützende Identifikation. Beim Woran handelt es sich um Urteile, die man für richtig hält.

Kriterien, an denen das Selbstbild verankert wird, vermitteln ein Gefühl der Sicherheit. Man weiß, was man ist und wo man hingehört. Die Festlegung der eigenen Identität spielt bei der Regulation des Zugehörigkeits-Selbstbestimmungs-Konflikts eine wichtige Rolle.

Festlegungen bedeuten, an bestimmten Formen festzuhalten. Dieser Form - und nicht etwa einer anderen - wird eine besondere Bedeutung zugewiesen. Da Leere formlos ist und somit dem Bestand jeder Form widerspricht, wird sie umso mehr gefürchtet, je mehr man das Bild des eigenen Wesens an definierten Formen festmacht.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und die Erfahrung der Leere

Zugehörigkeit vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Das Bedürfnis danach ist tief in der Psyche des Menschen verankert. Das ist verständlich. Der Mensch kommt hilflos zur Welt. Ohne eine schützende Person kann ein Kind nicht überleben. Das Bedürfnis, sich an eine Mutter zu binden, verschiebt sich im Laufe des Lebens auf verschiedene Objekte: Teddybären, Freunde, Partner, Besitz, Reichtum, Positionen, Meinungen, Mitgliedschaften, Glaubenssätze, Regeln, Ruhm, Erlebnisse, ErwartungenWir sehr man sich an Erwartungen klammert, erkennt man, wenn die Dinge wieder einmal anders laufen, als man es erwartet hatte. Statt loszulassen und mit dem Strom des Lebens fortzugehen, verteidigt so mancher seine Erwartungen wie ein wildes Tier., Planungen, Projekte, Aufgaben, Ziele, Wertvorstellungen, Selbstbilder. Wir klammern uns an alles, was uns Sicherheit verspricht.

Leere ist die Abwesenheit von etwas, dem man angehören könnte. Weil er fürchtet, darin verloren zu gehen, schreckt der Mensch davor zurück. Wer aber erkennt, dass er selbst die Leere ist, findet in ihr die höchste Sicherheit.

2.2. Symptome

Leere ist der Hintergrund jeder geformten Wirklichkeit. Daher erfährt man sie auf Schritt und Tritt. Sie ist sowohl mittelbar, also durch sinnliche Wahrnehmung, als auch unmittelbar, nämlich als freier Bewusstseinsraum, erfahrbar. Man findet sie beim Blick nach außen ebenso wie bei Blick nach innen.

Wir begegnen ihr als Raum, als Platz und Landschaft, als Himmel, als Stille, Einsamkeit und Langeweile.

Je beharrlicher wir nach der Form Ausschau halten, die wir jenseits bloßer Körperlichkeit sind, desto flüchtiger erscheinen uns die Inhalte des Bewusstseins. Gedanken tauchen auf und verschwinden. Gefühle und Stimmungen schwanken wie Gras im Wind. Impulse erscheinen heute bezwingend. Schon morgen sind sie bedeutungslos. Wenn wir nach unserem Wesen fragen, kann der Hinweis auf Gedanken, Gefühle und Impulse keine Antwort sein. Wenn man sich beim Blick nach innen nicht vom Flüchtigen aufhalten lässt, kommt man bei einer Leere an, die alles enthalten kann, aber nichts davon ist.

Der Reifegrad einer Person bezüglich des psychologischen Grundkonflikts, bestimmt ihre Reaktion auf die Erfahrung der Leere. Viele dieser Reaktionen gehen fließend in Verhaltenssymptome über, die die Psychiatrie als Zeichen seelischer Erkrankungen beschreibt. Gemeinsamer Nenner dieser Symptome ist ihre Funktion: Der Erfahrung der Leere aus dem Wege zu gehen.

Glück und Unglück hängen davon ab, ob man Leere fürchtet oder schätzt.

Abwehrmechanismen gegen die Erfahrung der Leere

Kleine Fluchten...

...und schwere Leiden

2.2.1. Geschäftigkeit

Ein häufiges Abwehrmuster gegen die Erfahrung der Leere ist ständige Geschäftigkeit. Indem man immer etwas angeht, immer etwas zu erledigen hat, immer mit Zielen und Projekten beschäftigt ist, bindet man die Aufmerksamkeit an eine Folge unterschiedlicher Formen. Durch Geschäftigkeit weist man beliebigen Formen eine besondere Bedeutung zu: nämlich, mit der eigenen Person in Beziehung zu stehen. Den wechselnden Formen ist dabei eines gemeinsam: Die Bedeutung, die man ihnen heute beimisst, hat man morgen schon vergessen.

Statt den Verfall der Form zu Leere...und damit die eigene Rückkehr aus dem Bedingten ins Absolute... zuzulassen, kleidet man sich aus Furcht vor ihr in immer neue Kleider.

Motive der Geschäftigkeit

Geschäftigkeit ist eine Maske der Angst. Bloß nicht ausgesetzt sein in der Leere! Sich lieber in die nächste Form fügen, in der man ein Weilchen Deckung findet! Wer sich von der Geschäftigkeit in immer neue Häfen treiben lässt, in denen er nicht zuhause ist, kann nicht lernen, frei zu sein.

3. Gottesbilder

Leere ist formlos, zeitlos und unzerstörbar. Viele spirituelle Traditionen betrachten sie als unerschöpflichen Ursprung aller Formen und Erscheinungen der Welt. Da sie formlos ist, kann man kaum über ihr Wesen streiten. Traditionen, die die Leere als Urgrund des Göttlichen sehen, geraten nur selten aneinander.

Man kann von der Leere als Göttliches sprechen, ohne sich der Erfahrung tatsächlich zu stellen. Das Wort leer ist nicht das gleiche wie die Leere selbst, die keiner Verfügbarkeit zugänglich ist. Das Wort ist ein Etwas, das man handhaben kann. Insofern gibt es keine Garantie, dass man Spiritualität betreibt, sobald man die Leere zu Gott erklärt.

Jene, die Gott als Leere betrachten, sind in der Minderzahl. Die meisten wenden sich nicht der Leere zu, sondern Bildern, die sie stattdessen zu Göttern erklären. Das Bedürfnis nach Sicherheit verleitet sie, sich Gott als eine mächtige Person zu denken, die Erwartungen hat, Lohn verspricht und mit Strafen droht. Solche Bilder sind konkretistisch. Sie entsprechen dem Bedürfnis, sich als ein Etwas zu sehen, dessen Bestand um jeden Preis zu sichern ist.

Geformte Gottesbilder verfehlen das Wesen des Unbedingten, weil jede Form eine Bedingung ist, die das Geformte zu erfüllen hat, um das zu sein, was es ist. Wer behauptet, Gott verlange vom Menschen dies oder das, hat das Unbedingte bereits missverstanden. Gottlosigkeit... die vor allem dem Unverstand Bildergläubiger entspricht, die meinen, Gott sei eine himmlische Person, die irdische Personen auserwählt, der Menschheit ihre Wünsche mitzuteilen. jeder Form braucht im Jenseits nicht bestraft zu werden. Schon im Diesseits hat sie die missliche Konsequenz, dass der Gläubige am Verständnis des Absoluten scheitert; und damit ein Leben führen muss, dem die Erleichterung fehlt, die der Erkenntnis des Absoluten entspringt.

Wenn man Gott als Subjektivität betrachtet, geht man in die Irre, wenn man diese Subjektivität als ein Subjekt beschreibt, dem andere Subjekte gegenüberstehen.

4. Hinwendungen

Leere ist formlos, zeitlos, unzerstörbar. Sie ist unerschöpfliche Möglichkeit. Die Flucht vor ihr ist eine Quelle seelischen Leids, das sich bei Unzähligen zu psychischer Krankheit verdichtet.

Während die Flucht vor der Leere krank macht, ermöglicht die gezielte Hinwendung das normale psychische Befinden in seelische Gesundheit umzuwandeln. Seelische Gesundheit geht weit über psychische Normalität hinaus. Während Normalität ein Rollenspiel ist, in dem man mehr oder weniger Erfolg hat, öffnet seelische Gesundheit den Zugang zum vollständigen Potenzial des Lebens. Die Hinwendung zur Leere kann in zwei Stufen erfolgen: durch Wahrnehmung und Identifikation.