Viel Leid entsteht durch unangemes­sene Eingriffe in den Lauf der Dinge. Achtsamkeit ist das beste Mittel, solche Eingriffe zu verhindern.

Wer rasch urteilt, versucht sich durch die Herrschaft über eine scheinbare Ordnung Sicherheit zu verschaffen. Die Sicherheit, die so entsteht, ist Illusion. Die Verarmung, die das Urteil bringt, ist Wirklichkeit.

Wer sich die Zeit lässt wahrzunehmen, findet eine Ordnung, über die er nicht mehr herrschen muss.

Gewahrsein

Ich bin präsent.

Achtsamkeit

Ich bin empfangsbereit.

Aufmerksamkeit

Ich habe etwas ausgewählt.


Achtsamkeit ist die Versammlung des Geistes vor und im Gegenwärtigen.

Achtsamkeit


  1. Begriffsbestimmung
  2. Seinsarten des Geistes
  3. Tätigkeiten des Bewusstseins
  4. Rolle der Achtsamkeit
  5. Störungen der Achtsamkeit
  6. Ausrichtungen
  7. Wertschätzung und Achtsamkeit

1. Begriffsbestimmung

Achtsamkeit ist eine Seinsart des Geistes. Das Verb achten geht auf die indogermanische Wurzel ok- = nachdenken, überlegen zurück. Dazu gehört das gotische aha = Sinn, Verstand.

Etwas zu beachten heißt, die Beschaffenheit eines Objekts, einer Person oder einer Beziehung zu berücksichtigen. Zur Überlegung, auf die die Wurzel ok- verweist, gehört eine Verzögerung von Handlungsimpulsen. Bevor der Achtsame etwas tut, überlegt er... um möglichst alle Aspekte des Wahrnehmbaren bei seinen Entscheidungen miteinzubeziehen. Der Achtsame handelt nicht kopflos. Seine Taten haben Sinn und Verstand.

Das Suffix -sam war ursprünglich ein selbständiges Wort. Es bedeutete übereinstim­mend, von gleicher Beschaffenheit und ist von der indogermanischen Wurzel sem- = eins, in eins zusammen, einheitlich abgeleitet. Zur selben Wortfamilie gehören sammeln, samt und sanft.

Die Nachsilbe -sam betont, dass der achtsame Geist nicht nur zum Teil auf das Gegen­wärtige ausgerichtet ist, sondern insgesamt. Achtsamkeit heißt, den Geist vor dem zu versammeln, was ihm gegenwärtig ist. Der unachtsame Geist versammelt sich nicht vor dem Gegenwärtigen. Er verliert sich im mäandernden Kreislauf assoziativen Denkens.

Zur Versammlung des Geistes in der Gegenwart gehört Sanftmut. Der achtsame Geist ist bereit, der Wirklichkeit friedlich zu begegnen. Er sieht sie, er lässt sie stehen oder vonstatten gehen, ohne sie prompt mit Absichten zu bedrängen.

2. Seinsarten des Geistes

Im Alltag sind wir uns der Welt gewahr. Wir begegnen ihr wachen Geistes. Wir nehmen die Welt wahr und reagieren darauf. Diesem Dasein liegen Haltungen zugrunde, deren Einsatz die Qualität des Erlebens bestimmt. Es sind Seinsarten des Geistes. Vier Begriffe können zu ihrer Benennung verwendet werden:

  1. Gewahrsein
  2. Achtsamkeit
  3. Aufmerksamkeit
  4. Bewusstsein
2.1. Gewahrsein

Im Tiefschlaf sind wir uns weder der Welt noch unserer selbst gewahr. Tritt ein Traum auf oder erwachen wir zum Tagesbewusstsein, ändert sich das. Der Geist wird seiner Gegenwart gewahr. Im reinen Gewahrsein ist er präsent, ohne sich auf etwas Bestimmtes auszurichten. Er deutet nichts in Gegenwärtiges hinein. Er wählt nichts aus.

Den Geist in einen Zustand reinen Gewahr­seins zu versetzen, ist das Anliegen der Spiritualität. Der Übergang wird als höchste Stufe des Erwachens aufgefasst.

In der Regel bleibt es nicht lange beim bloßen Gewahrsein. Kaum sind wir erwacht, richtet sich der Geist auf Themen und Objekte aus. Er versammelt sich vor dem Gegenwärtigen. Von dort aus merkt er auf und wählt. Er wird zum Subjekt, das Objekte ins Auge fasst. Das Gewahrsein des Geistes wandelt sich zum Bewusstsein. Der Geist macht sich seine Lage klar, indem er dem Wahrgenommenen Wissen zuordnet.

2.2. Achtsamkeit
Übergänge
Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind keine separaten Zustände, die dem Gewahrsein gegenüberstünden. Vielmehr ist das Gewahrsein ihre gemeinsame Grundlage. Jeder Zustand moduliert grundsätzliches Gewahrsein als geistige Ausdrucksart des Daseins.

Mit der Achtsamkeit geht der Geist über reines Gewahrsein hinaus. Er richtet sich auf die Elemente der Wirklichkeit aus, die ihm gegenwärtig sind. Er versammelt sich vor dem, was er wahrnehmen will. Er rückt Gegenwärtiges in den Fokus seiner Achtsamkeit.

Das Motiv von Charlottes Achtsamkeit entstammt ihrer Wertschätzung für den Sohn. Das Motiv meiner Achtsamkeit entstammt dem Vorsatz, dem Unscheinbaren Wert beizumessen. Beide Impulse entspringen innen. Achtsamkeit ist die Ausrichtung des Inneren auf ein Äußeres, das beachtenswert erscheint.

Als Äußeres kann auch eine innerseelische Regung gelten. Aus der Perspektive des achtsamen Zeugen beachteter Ereignisse, der das Zentrum seines Erfahrungsfeldes füllt, sind Gefühle, Impulse und Gedanken bereits peripher. Der Zeuge ist sich selbst näher, als den innerseelischen Erfahrungen, die er von dort aus erkennt.

Der achtsame Geist erkennt, ohne das Er­kannte Zwecken zuzuordnen. Der Reichtum des Erkennens ist der Achtsamkeit genug.

Absehen und Hinsehen

Achtsamkeit ist eine Hinwendung zum Wirklichen, getragen von der Bereit­schaft, das Wirkliche unvoreingenommen wahrzunehmen. Ein Wahrnehmungs­akt kann ungestört Wahres ermitteln, wenn er davon absieht, auf die wahrgenommene Wirklichkeit einzuwirken.

Jede Absicht, etwas an der Wirklichkeit zu ändern, reicht aus, die Wahr­nehmung der Wirklichkeit zu verzerren. Da wir der Wirklichkeit fast immer mit der Absicht begegnen, sie in unserem Sinne zu lenken, wird unsere Acht­samkeit fast ständig getrübt. Wir sind dann nicht mehr achtsam, sondern im besten Falle aufmerksam.

Die Trübung der Achtsamkeit durch Absichten wird aufgehoben, wenn man Absichten ihrerseits absichtsfrei erkennt.

2.3. Aufmerksamkeit
Achtsamkeit bleibt im Zentrum des Wirklichen. Aufmerksamkeit dringt in es vor.

Wer eine Absicht verfolgt, sieht von der Wirklichkeit ab. Statt­dessen schaut er auf ein Ziel.

Achtsamkeit stellt sicher, dass man erlebt, was geschieht.

Auch bei der Aufmerksamkeit ist das Bewusstsein auf gewählte Inhalte ausge­richtet. Dabei verfolgt es eine Absicht, die über das Motiv des Erkennens hinausgeht. Andere Aspekte der Wirklichkeit blendet es derweilen aus.

Obwohl auch Aufmerksamkeit das Gewahrsein erkennbarer Inhalte steigert, ist sie nicht dasselbe wie Achtsamkeit. Das veranschaulichen zwei Sätze, von denen nur der erste Sinn macht.

Varianten modulierten Gewahrseins

Achtsamkeit Aufmerksamkeit
Das Subjekt überlässt sich der Erkenntnis des Objekts. Das Subjekt informiert sich, um auf das Objekt einzuwirken.
meditativ / rezeptiv zielstrebig

Während Achtsamkeit ihren Ursprung im Inneren hat, wird Aufmerk­samkeit durch Äußeres erregt. Im Gegensatz zur Achtsamkeit, der als innere Empfangsbereitschaft die Erkenntnis des Inhalts genügt, richtet sich Aufmerksamkeit an persönlichen Interessen aus. Mehr als Achtsamkeit bereitet sie Eingriffe vor.

Aufmerksamkeit zielt über Erkenntnis hinaus. Das Ziel kann dabei vom erregenden Inhalt gesetzt sein, zum Beispiel von Lauras Wunsch, mit mir ins Kino zu gehen, oder von einem Vorsatz, den der aufmerksame Geist von sich aus hegt: Es Laura recht zu machen. Achtsam erfreue ich mich an Lauras entzückender Präsenz. Als aufmerksames Gegenüber gehe ich auf ihre Bedürfnisse ein und hoffe, sie dadurch in meinem Sinne zu beeinflussen. Dem gleichen Muster folgend kann auch Charlottes Achtsamkeit in Aufmerksamkeit übergehen, sobald sie handelnd auf ihren Sohn eingeht.

Warum sich der Geist verirren kann

Achtsamkeit, Gewahrsein und Aufmerksamkeit sind Qualitäten des Wachseins. Sie sind miteinander verwandt, gehen fließend ineinander über, überlappen und vermengen sich. Sie ermöglichen Wahrnehmung und richten den Geist auf Wahrnehmbares aus. Sie fokussieren das Hier-und-Jetzt. Im nächsten Schritt verwebt der Geist Wahrgenommenes mit Gewusstem. Er fügt Wahrgenom­menem Wissen hinzu und erzeugt so das Bewusstsein.

Bewusstsein geht auf das Verb bewissen zurück. Etwas zu bewissen heißt, etwas mit Wissen versehen, ihm Wissen hinzuzufügen. Durch das Hinzufügen von Wissen, dem Bewissen des Wahrgenommenen, reichert der Geist das Bild, das er sich von der Wirklichkeit macht, mit Elementen an, die sinnlich nicht wahrnehmbar sind. Aus Wahrgenommenem wird Erkanntes.

Ich bin mir der Gestalt, die ich draußen sehe, gewahr. Das Gesehene bliebe jedoch wie Das jüngste Gericht von Kandinsky ästhetischer Eindruck, wüsste ich nicht, dass es sich um die Postbotin handelt.

Da das Wissen, das er dem Erkenn­baren hinzufügt, aus früheren Erfahrungen stammt, färbt der bewissende Geist sein bewusstes Sein gemäß individueller Urteile ein, die er bisherigen Wirklichkeitsdeutungen entnimmt. Diese treffen mehr oder weniger zu. Deshalb kann das Bewusstsein in die Irre gehen. Achtsamkeit tut das nicht. Achtsamkeit nimmt wahr, was geschieht, ohne das Wahrgenommene zu interpretieren.

2.4. Bewusstsein

Der Begriff Bewusstsein bezeichnet zweierlei:

Worauf der Geist den Schwerpunkt legt

Modus Reifes Muster Unreifes Muster
Wahrnehmen +++ +
Bilder entwerfen
Denken
unterscheidet Bild und Wirklichkeit vermengt Bild und Wirklichkeit,
setzt Bild mit Wirklichkeit gleich
Urteilen + +++
Eingreifen angemessen zu viel oder zu wenig

Angemessen ist ein Eingriff in die Wirklichkeit, wenn er nicht vom Geltungsbedürfnis des Ego bestimmt wird. Das Ego vertritt die Interessen der Person. Dazu versucht es, sich eine Bedeutung zu verschaffen, die ihm objektiv nicht zukommt. Seine Eingriffe in die Wirklichkeit verfehlen daher oft das Maß.

  1. Bewusstsein ist ein Sein, das sich seines Seins gewahr ist. Insofern beginnt Bewusstsein mit dem ersten Selbstgewahrsein des Subjekts. Ich weiß, dass ich bin. Ausgangspunkt des Bewusstseins ist das Wissen des Subjekts, bewusst zu sein.

  2. Bewusstsein ist Komposition eines momentan präsenten Weltbilds, das durch Beiordnung von Wissen zu faktisch Wahrgenommenem entsteht. Ich weiß, dass das grüne Etwas am Teichrand zur Klasse der Lurche gehört.

3. Tätigkeiten des Bewusstseins

Das Bewusstsein hat vier Möglichkeiten: Es kann wahrnehmen, denken, urteilen oder eingreifen. Dabei ist eine logische Reihenfolge anzunehmen: Erst wird wahrgenommen, dann gedacht, als Folge davon geurteilt und schließlich eingegriffen. Ein großer Teil des seelischen Leids entsteht aus dem Missverhältnis, der falschen Reihenfolge und der Verwechslung dieser Möglichkeiten.

3.1. Wahrnehmen

Gewahrsein ist Grundbedingung des Wahrnehmens. Mit dem Gewahrsein von Welt setzt Wahrnehmung ein. Wahrnehmung stellt Wahres umso leichter fest je weniger sich das Bewusstsein durch nachgeordnete Tätigkeiten aus der Position der Achtsamkeit entfernt. Nachgeordnet sind Denken, Urteilen und Eingreifen.

3.2. Bilder entwerfen / denken
Grundregel

Der unglückliche Mensch nimmt wenig wahr und urteilt viel. Er handelt übereilt oder zögerlich und vergisst, zwischen dem zu unterscheiden, was er bloß vermutet und dem, was er tatsächlich wissen kann.

Nachdem es wahrgenommen hat, ergreift das Bewusstsein ein zweites Mittel: Dank seiner Phantasie kann es aus Bruch­stücken Bilder und Konzepte entwerfen. Es denkt. Das Denken dient den verschiedenen Zwecken des Verstandes:

Es ist leicht, sich zu nutzen, und schwer, sich zu achten.
3.3. Urteilen

Urteile sind notwendige Werkzeuge des Geistes. Ohne Urteile könnten wir nicht leben. Urteilen gehen meist Wahrnehmungen und Denk­prozesse voraus. Ein Teil des Wirklichen wird wahrgenommen. Danach wird darüber nachgedacht, wie das Wahrgenommene einzuordnen und zu deuten ist. Zweck oder Folge des Urteils ist es dann, die Wahrnehmung weiterer Aspekte des Wirklichen ebenso zu unterbinden, wie den Entwurf zusätzlicher Konzepte; damit man schließlich zu einer Entscheidung kommt.

Urteile beenden Wahrnehm­ungsakte und Denkprozesse. Sie schließen Weltbilder ab.

Wir sehen einen Knollenblätterpilz. Wir nehmen seine Form und Farbe, seinen Geruch und seinen Standort wahr. Die Bestimmung des Pilzes als giftig ist keine Wahrnehmung mehr; zumindest, wenn wir nicht so dumm sind, ihn zu essen. Sie ist Folge eines Denkprozesses und schließlich eines Urteils. Wir fällen es nach dem Vergleich der wahrgenommenen Aspekte des konkreten Pilzes mit Gedächtnisinhalten. Egon hatte mir einmal erzählt, dass es seiner Tante Hedwig nach dem Genuss eines solchen Pilzes übel erging.

Teufelskreis

Je mehr ich der Angst folge, desto schneller urteile ich. Je schneller ich urteile, desto weniger lerne ich dazu. Je weniger ich dazu lerne, desto weniger weiß ich. Je weniger ich weiß, desto mehr Grund habe ich, mich zu fürchten. Urteile schützen und engen ein.

Hier wird der Nutzen des Urteilens offensichtlich. Da Urteile aber den Zufluss an Informationen begrenzen, sind sie oft schädlich. Jedes Urteil vermindert die Achtsamkeit. Wer geurteilt hat, achtet nicht mehr auf die Wirklichkeit. Er orientiert sich an einem Weltbild, das Resultat seiner Urteile ist.

Gewiss: Grüne Dinger am Teichrand sind fast immer Lurche. Fast nie sind es oxydierte Kupfermünzen. Dieses Urteil kann nur wenig schaden, selbst wenn es nicht zuträfe.

Aber: Als Kind wurde ich auf einer Feier ausgelacht. Danach war mir klar, dass Feste nichts für mich sind. Das unangenehme Erlebnis war wahr­nehmbar. Das gefasste Urteil dient dem Schutz vor weiterem Ungemach. Es beschränkt aber die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen.

Man tut immer das, wovon man sich den größten Vorteil verspricht. Jede Person wird von dem bestimmt, was sie für ihren Vorteil hält. Was man für seinen Vorteil hält, hängt von dem ab, was man glaubt oder weiß.
3.4 Eingreifen

Indem wir handeln, greifen wir in den Ablauf der Dinge ein. Mit unseren Eingriffen versuchen wir, die Abläufe im eigenen Interesse zu steuern. Was wir jeweils für unser Interesse halten, hängt von unserem Weltbild ab.

Unser Weltbild ist ein Gewebe aus erkannter Wahrheit und vorläufigen Annahmen. Je näher das Weltbild der Wirklichkeit kommt, desto sinnvoller können Eingriffe in die Wirklichkeit sein. Unsere Handlungen sind umso effektiver, je besser wir vor und nach dem Eingriff auf die beeinflusste Wirklichkeit achten.

4. Rolle der Achtsamkeit

Erfolg fällt im Leben kaum jemandem zu, der vom Leben nichts weiß. Das Glück hilft dem, der kluge Entscheidungen trifft. Man meistert das Leben, indem man zielführend eingreift.

Erfolgreiche Eingriffe ins Leben sind Resultat eines geistigen Prozesses in vier Schrit­ten. Man nimmt erst wahr. Dann denkt man nach, urteilt und greift ein. Am Beginn des Prozesses steht Achtsamkeit. Achtsamkeit ist die aktive Bereitschaft, Wahres als Ausgangspunkt der nächsten Schritte anzunehmen. Je mehr Wahres sie entdeckt, desto eher fußt die gedankliche Deutung auf Tatsachen. Je mehr Tatsachen das Denken berücksichtigt, desto weniger spekuliert es ins Blaue. Je weniger es spekuliert und stattdessen Erkanntes kombiniert, desto klüger sind seine Urteile. Je klüger Urteile werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Eingriffe, die man durchführt, erfolgreich sind.

Genuss und Selbstgenügsamkeit
Selbstgenügsamkeit ist kein Verzicht. Sie ist höchster Anspruch. Sie bündelt Acht­samkeit auf das Beste, was Ihnen zuteil geworden ist. Genießen Sie Ihr Selbst. Viele kennen Genuss nur als haben, bekommen, konsumieren, als Inanspruchnahme materieller Möglichkeiten oder als Teilnahme an einem besonderen Erlebnis. Genuss kann aber Erkenntnis des Alltäglichen sein; wenn man nach innen und außen achtsam ist. Dann bleibt Genuss nicht Ausnahme, die man ergattern muss. Er wird zur Regel, die ständig eintrifft.

5. Störungen der Achtsamkeit

Das Leben findet in der Wirklichkeit statt. Beim Umschiffen der Klippen dieser Wirk­lichkeit hat die ungetrübte Kenntnis ihrer Strukturen Gewicht. Unser feinstes Mittel zur Erkenntnis - absichtsfreies Gewahrsein dessen, was tatsächlich ist - wird nur wenig geschult. Außerdem wird die Funktion der Achtsamkeit durch den unangemessenen Einsatz der übrigen Möglichkeiten des Bewusstseins gestört.

Das Heilmittel gegen die Störfaktoren der Achtsamkeit ist Achtsamkeit.

6. Ausrichtungen

Ohne Bereitschaft zum Blick nach innen, ist kein Mensch selbstbewusst. Soge­nanntes Selbstbewusstsein ist eine forsche Fassade, wenn ihm keine Selbsterkenntnis zugrunde liegt. Zu wissen, wann ich schwach bin, ist stärker als zu glauben, dass ich stark bin.

Reine Achtsamkeit ist absichtsfrei. Sie fußt auf der Bereitschaft, sich uneingeschränkt von der Wirklichkeit erreichen zu lassen. Meist verfolgen wir jedoch diese oder jene Absicht. Wir sind nicht achtsam, sondern besten­falls aufmerksam.

Aufmerksamkeit kann nach außen oder nach innen gerichtet werden. Richten wir sie nach außen, halten wir dort Ausschau nach Vor- und Nachteilen oder wir versuchen, uns durch Anpassung an die Erwartungen anderer beliebt zu machen. Vieles, was in der Welt zu entdecken ist, übersehen wir dabei.

Richten wir die Aufmerksamkeit nach innen, bündeln wir sie in der Regel auf den ständigen Denkprozess, von dem unser Ego glaubt, dass er den Kern unseres Wesens ausmacht. Wir glauben, dass jenseits des Denkens nichts Wichtiges zu entdecken ist oder fürchten, gerade das zu entdecken, was unsere Anpassung an die Außenwelt stören könnte. Die meiste Zeit sind wir im Horizont dieser Denkprozesse gefangen.

Wenn sich die Aufmerksamkeit vom Denken löst und sich in eine Achtsamkeit erweitert, die sich von tieferen Schichten erreichen lässt, entdecken wir neue Erlebnisweisen. Jenseits der Gefühle und Impulse kann Achtsamkeit sich selbst als Gegenwart entdecken. Dann ist sie ihrer selbst gewahr.

7. Wertschätzung und Achtsamkeit

Wertschätzung und Beachtung gehen Hand in Hand. Wenn ich beachte, was ich erlebe, statt es in Schubladen zu stecken, wächst das Gefühl für den Wert meiner selbst.

Gestern hatte ich einen guten Tag, aber die Wochen davor waren schlecht. Wie oft hört, denkt oder sagt man Ähnliches? Wir neigen dazu, Lebensabschnitte nach ihrer Qualität zu bewerten. Als Maßstab dient uns dabei das Wohlgefühl oder die Menge äußerer Ereignisse, die wir für begrüßenswert halten. Solcherlei Maßstäbe kosten Lebens­qualität.

Tatsächlich hängt der Wert einer Zeitspanne kaum von den Ereignissen ab, sondern vom Grad der Achtsamkeit, mit der man dem Erlebten begegnet. Gemeint ist dabei der genutzte Wert. Der nutzbare Wert eines jeden Tages ist so groß wie der eines jeden anderen. Je achtsamer man lebt, desto eher wird man auch schwierige Lebensab­schnitte als fruchtbar erkennen. Daraus entsteht eine Lebensbejahung, die von den Wechselfällen der Stimmungen und Ereignisse unabhängig ist.

Nach den glücklichen Tagen mit Daniela ist Torben am Samstag allein. Die Zeit, die er für sich allein ist, beachtet er kaum. Er versucht, sie totzuschlagen und lenkt sich mit der Playstation ab. Verschwendung!

Wenn es Ihnen schlecht geht, hat das Bewusstsein Gelegenheit, etwas Gutes für Sie zu tun. Schenken sie dem, was Sie erleben Beachtung; selbst wenn es Ihnen öde, leer oder leidvoll erscheint. Warten Sie nicht ab, dass sich die Zeiten bessern. Erfahren Sie jederzeit Gutes; indem Sie erfahren, was in schwerer Zeit zu erfahren ist.