Wer rasch urteilt, versucht sich durch Herrschaft über eine scheinbare Ordnung Sicherheit zu verschaffen.
Das Bewusstsein hat vier Möglichkeiten. Es kann wahrnehmen, urteilen, eingreifen oder denken. Ein Großteil des seelischen Leids entsteht aus dem Missverhältnis und der Verwechselung dieser Möglichkeiten.
| Modus | Reifes Muster | Unreifes Muster |
| Wahrnehmen | +++ | + |
| Urteilen | + | +++ |
| Eingreifen | angemessen | zu viel oder zu wenig |
| Bilder entwerfen / Denken |
unterscheidet Bild und Wirklichkeit | vermengt Bild und Wirklichkeit |
Grundvoraussetzung aller Wahrnehmung ist Achtsamkeit. Achtsamkeit ist eine Hinwendung zum Wirklichen, getragen von der Absicht, das Wirkliche unverfälscht zu erkennen. Ein Wahrnehmungsakt kann nur dann ungestört Wahres ermitteln, wenn er strikt davon absieht, auf die wahrgenommene Wirklichkeit einzuwirken.
Jede Absicht, etwas an der Wirklichkeit zu verändern, reicht aus, die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu verzerren. Da wir der Wirklichkeit fast immer mit der Absicht begegnen, sie in unserem Sinne zu lenken, wird unsere Achtsamkeit fast ständig getrübt.
Die Trübung der Achtsamkeit durch Absichten kann aufgehoben werden, wenn wir unsere Absichten ihrerseits absichtsfrei erkennen.
Das Urteilen ist ein notwendiges Werkzeug des Geistes. Ohne Urteile könnten wir nicht leben. Urteilen gehen meist partielle Wahrnehmungen voraus. Ein Teil des Wirklichen wird wahrgenommen. Zweck oder Folge des Urteils ist es dann, die Wahrnehmung weiterer Aspekte des Wirklichen zu unterbinden.
Beispiel:
Wir sehen einen Knollenblätterpilz. Wir nehmen seine Form und Farbe, seinen Geruch und seinen Standort wahr. Die Bestimmung des Pilzes als "giftig" ist keine Wahrnehmung mehr. Es ist ein Urteil, das nach dem Vergleich der wahrgenommenen Aspekte mit Gedächtnisinhalten gefällt wird.
Je mehr ich meiner Angst folge, desto schneller urteile ich. Je schneller ich urteile, desto weniger lerne ich dazu. Je weniger ich weiß, desto mehr Grund habe ich, mich zu fürchten.
Hier wird der Nutzen des Urteilens offensichtlich. Da Urteile aber den Zufluss an Informationen begrenzen, sind sie oft auch schädlich. Jedes Urteil vermindert die Achtsamkeit. Wer geurteilt hat, achtet nicht mehr auf die Wirklichkeit, sondern orientiert sich an seinem Weltbild.
Beispiel:
Als Kind wurde ich auf einer Feier ausgelacht. Danach war mir klar: Feste sind nichts für mich. Das unangenehme Erlebnis war wahrnehmbar. Das gefasste Urteil beschränkt von da ab die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen.
Indem wir handeln, greifen wir in den Ablauf der Dinge ein. Mit unseren Eingriffen versuchen wir, die Abläufe in unserem Interesse zu beeinflussen. Was wir dabei jeweils für unser Interesse halten, hängt von unserem Weltbild ab. Unser Weltbild wiederum ist ein Gewebe aus erkannter Wahrheit und spekulativen Urteilen. Je näher das Weltbild der Wirklichkeit kommt, desto sinnvoller können unsere Eingriffe in die Wirklichkeit sein. Unsere Handlungen sind umso effektiver, je besser wir vor und nach dem Eingriff auf die beeinflusste Wirklichkeit achten. Was genau wollen wir verändern? Hat das, was wir tun, tatsächlich den gewünschten Effekt?
Grundregel
Der unglückliche Mensch nimmt wenig wahr und urteilt viel. Er handelt übereilt oder zögerlich und vergisst, zwischen dem zu unterscheiden, was er bloß vermutet und dem, was er tatsächlich wissen kann.
Außer dem Wahrnehmen, Urteilen und Handeln bringt das Bewusstsein noch eine vierte Fähigkeit ins Spiel: Dank seiner Phantasie kann es aus Bruchstücken Bilder entwerfen. Es denkt. Das Denken kann verschiedenen Zwecken dienen:
Das Leben findet in der Wirklichkeit statt. Beim Umschiffen der Klippen der Wirklichkeit hat die möglichst ungetrübte Kenntnis ihrer Strukturen daher größtes Gewicht. Unser feinstes Mittel zur Erkenntnis - die absichtsfreie Achtsamkeit - wird leider nur wenig geschult. Außerdem wird ihre Funktion durch den unangemessenen Einsatz der übrigen Möglichkeiten des Bewusstseins beeinträchtigt.
Achtsamkeit kann nach außen oder nach innen gerichtet werden. In der Regel richten wir sie nach außen. Wir halten Ausschau nach Beute und versuchen, uns durch Anpassung an die Erwartungen anderer beliebt zu machen.
Den wichtigsten Teil unserer persönlichen Realität übersehen wir meist: uns selbst. Entweder, weil wir glauben, dass innen nichts Wichtiges zu entdecken ist oder weil wir fürchten gerade das zu entdecken, was unsere Anpassung an die Außenwelt stören könnte.