Erkenne das Ego. Verdränge es nicht.
Wer Wollen und Sollen über das Sein setzt, wird neurotisch.
Der Unglückliche glaubt, er sollte glücklich sein. Dem Glücklichen sind Glück und Unglück gleichgültig.
Jedes seelische Trauma besteht aus zwei Teilen: dem äußeren Ereignis und der innerseelischen Reaktion. Das Ereignis mag schädlich sein und seine Wiederholung zu vermeiden, die Reaktion ist ein Teil der Psyche. Wer sie annimmt, wird bereichert.
Alle seelischen Störungen lassen sich zwei Mechanismen zuordnen, durch die sie im Organismus entstehen.
Polare Gegensätze
| Psychose | Neurose |
| Die Symptome treffen die Person quasi von außen. | Die Symptome entstehen von innen aus der Person heraus. |
| Die Symptome sind nur mittelbar zu beeinflussen; zum Beispiel durch Substanzen, die in den Stoffwechsel eingreifen. | Die Symptome sind unmittelbar und mittelbar zu beeinflussen; mittelbar durch Substanzen, unmittelbar durch seelische Aktivität, also durch Erkenntnis, Wahrnehmung, Deutung und Willensakte. |
| Kann durch Substanzen verursacht werden. Wird auch absichtlich herbeigeführt, um die Symptome von Neurosen auszugleichen; zum Beispiel durch den Einsatz von Substanzen, die das Bewusstsein verändern. | Kann zum Substanzmissbrauch führen, im Sinne einer krankhaften Lösungsstrategie. |
Der neurotische und der psychotische Mechanismus der Krankheitsentstehung kann als polarer Gegensatz dargestellt werden. Der Mensch ist jedoch eine psychosomatische Einheit. Im konkreten Fall kommt es oft zu einer Vermischung beider Elemente. Die polare Klarheit geht verloren.
Subjektive Diagnostik
Die Körpermedizin hat messbare Fakten vor sich. Sie misst Laborwerte, Blutdruck, Fieber und Herzfrequenz. Beim Röntgen sieht man Knochenbrüche und Tumore.
Die Psychiatrie hat es schwerer. Nichts von dem, was sie zu heilen versucht, ist durch objektive Mittel messbar. Auch Psychotests sind Ausdruck subjektiver Denkmodelle. Deshalb sind diagnostische Kategorien nur unscharf abzugrenzen. Niemand kann verbindlich entscheiden, was als normal, neurotisch oder persönlichkeitsgestört aufzufassen ist.
Wer an einer Psychose erkrankt, hat im Vorfeld meist schon neurotische Muster praktiziert. Diese fallen mit der Psychose nicht weg. Sie wirken auf den Ausdruck der psychotischen Erlebnisweisen ein. Außerdem reagiert der Psychosekranke mit zusätzlichen neurotischen Mustern auf die Psychose.
Deshalb können Ausdruck und Intensität psychotischer Symptome dann doch unmittelbar, also durch seelische Aktivität beeinflusst werden. Und natürlich kann auch eine Psychose im Sinne einer problematischen Lösungsstrategie zu einem Substanzmissbrauch führen.
Zwillingsstudien belegen angeborene Grundmuster, die später neurotische Reaktionsweisen bahnen. Zwar entsteht daraus nur selten eine psychotische Symptomatik im engeren Sinne, der Einfluss organischer Vorgaben auf neurotische Entwicklungen ist aber gut belegt.
Nicht alles, was wie eine organisch, endogenEndogen heißt von innen heraus. Gemeint ist dabei nicht aus der Persönlichkeitsdynamik heraus, sondern aus der stofflichen Grundlage heraus. Der Begriff bezeichnet die vermutliche Ursache endogener Psychosen sowie endogener Depressionen und Manien. Als deren Ursache nimmt man Stoffwechselstörungen an. oder stofflich verursachte Störung aussieht, ist eine Psychose im eben definierten Sinne. Psychotische Symptome, zum Beispiel Wahn, können auch durch seelische Aktivität verursacht werden. Man spricht von einer psychogenen PsychoseMan könnte das Phänomen auch als "neurotische Psychose" bezeichnen. Der Begriff ist jedoch nicht eingebürgert..
Ob seelische Aktivität zu einer Neurose oder zum Bild einer Psychose führt, hängt von der Wahl der Abwehrmechanismen ab. Allen Abwehrmechanismen gemeinsam ist ihr Versuch, die Wirklichkeit anders zu deuten, als sie ist.
Art der Abwehr und ihre Folgen
| Der Widerstand gegen die Akzeptanz der Wirklichkeit ist entweder... | ||
| neurotisch | oder | psychotisch |
| Die Wirklichkeit wird grundsätzlich anerkannt. | Die Wirklichkeit wird verworfen. | |
| Die Wahrnehmung der Wirklichkeit wird durch Abwehrmechanismen verzerrt. | Die Wirklichkeit wird durch ein Wahnbild ersetzt. | |
Als Beispiele psychogener Psychosen können paranoide Entwicklungen bei Schwerhörigen oder bei sozialer Isolation sowie die Folie à deuxFranzösisch: Verrücktheit zu zweit. genannt werden.
Soziale Isolation kann zum Wahn führen, weil sich gedankliche Spekulationen über die Wirklichkeit so sehr verirren können, dass sich daraus ein Wahn verfestigt. Fehlt die Korrektur durch Austausch und Begegnung, spinnt sich der Isolierte in sein Wahnbild ein.
Bei der Folie à deux überträgt eine dominante Persönlichkeit ihr Wahnbild auf eine Person, die mit ihr in enger, oft abhängiger Beziehung lebt. Während der Wahn der ersten Person schizophren sein mag, ist der der zweiten psychogen.
Die Unterscheidung zwischen Neurose und Persönlichkeitsstörung ist theoretisch klar. In der Praxis ist sie oft willkürlich.
Tatsächlich gehen beide Kategorien fließend ineinander über. Persönlichkeitsstörungen werden regelhaft durch chronisch kränkende Erlebnisse hervorgerufen, die nicht angemessen verarbeitet werden. Da die Kränkungen meist in der frühen Kindheit beginnen, ist eine Abgrenzung gegenüber angeborenen Charaktereigenschaften schwierig.
Neurosen entstehen durch die Eigenaktivität der Psyche. Das gilt ebenso für den Teil einer Persönlichkeitsstörung, der keiner angeborenen Charakterneigung entspricht. Um den Grundmechanismus der Pathogenese zu verstehen, gilt es, Struktur und Psychodynamik des bewussten Individuums zu betrachten. Zur Struktur gehört der Unterschied zwischen Selbst und Selbstbild. Zur Psychodynamik gehört die Reaktion auf unangenehme Erlebnisse.
Das bewusste Individuum existiert als faktische Realität. In Wirklichkeit ist es zu jedem Zeitpunkt so, wie es zu diesem Zeitpunkt eben ist. Innerhalb der Wirklichkeit vollzieht es einen Wandlungsprozess. Manches wandelt sich dabei. Anderes bleibt, wie es ist.
Zum Bewusstsein gehört aber auch, dass sich das Individuum ein Bild von sich macht. Dieses Bild setzt sich aus drei Komponenten zusammen:
Wie neurotisch ein Mensch ist, hängt von der Ausrichtung seiner seelischen Haltungen, seinen Identifikationen und seinem Urteil über sich selbst ab.
Unterschiede
| Gesund | Neurotisch |
| Der Gesunde schaut auf sich selbst. Er versucht zu erkennen, wie er tatsächlich ist. Er neigt dazu, das Erkannte zu akzeptieren. Widersprüche nimmt er als kreative Spannung an. Er vertraut darauf, dass sich Erfolg im Leben einstellt, wenn er sich selbst treu bleibt. | Der neurotische Mensch schaut auf den Erfolg. Er fragt nicht, wie er wirklich ist, sondern wie er sein sollte, damit er vom Leben bestätigt wird. Widersprüche deutet er als Schwäche. Passt das, was er von sich selbst erkennt, nicht zu seinem Plan, bekämpft er es. |
| Der Gesunde identifiziert sich mit sich selbst. | Der Kranke identifiziert sich mit seinem Selbstbild. |
| Ich bin, wie ich bin. | Ich will werden, wie ich sein sollte. |
| Was ich tatsächlich bin, bejahe ich. | Was ich tatsächlich bin, lehne ich ab. |
Durch den Lauf der Dinge wird jedes Selbstbild in Frage gestellt. Wenn etwas erkennbar wird, was man bisher anders sah, steht man vor der Wahl:
Eine Erkenntnis zu akzeptieren, heißt mehr, als dass man sie abnickt. Wirklich akzeptiert wird eine Wahrheit nur, wenn man die Gefühle, die sie auslöst, bis zum Ende erlebt. Wenn man den Kelch nicht austrinkt, bleibt etwas Wesentliches zurück.
Bei der Entscheidung, ob man eine neue Erkenntnis akzeptiert oder nicht, spielt die Qualität der Gefühle, die durch die Erkenntnis ausgelöst wird, eine wesentliche Rolle. Angenehme Gefühle sind leicht zu akzeptieren, unangenehme nicht. Je nachdem, mit welchem Gefühl man auf eine Erkenntnis reagiert, begrüßt man sie oder man empfindet sie als Bedrohung, die abzuwehren ist.
Die Entscheidung, die man an dieser Stelle trifft, ist die Entscheidung über gesund oder krank. Weicht man dem Erlebnis unangenehmer Gefühle aus, indem man sich diverser Abwehrmechanismen bedient, um das Unerwünschte aus dem Bewusstsein zu vertreiben, entsteht ein chronischer Konflikt zwischen Selbstbild und Wirklichkeit; und damit zwischen Selbstbild und Selbst, denn das Selbst ist Ausdruck der Wirklichkeit.
Das Gefühl, das durch eine Erkenntnis ausgelöst wird, ist nicht nur eine Reaktion, die man annimmt oder bekämpft. Das Gefühl beinhaltet seinerseits Erkenntnisse. Oft sind es solche, die schmerzlich sind.
Beispiele
Schmerzhafte Erkenntnisse betreffen nicht nur Vorstellungen über unsere soziale Position, sondern auch über die Struktur unserer selbst. Fehlt uns der Mut, der Struktur ins Auge zu sehen, beginnt ein innerer Kampf gegen die Verwirklichung des wahren Selbst. In der Konsequenz vertieft das unsere Selbstwertzweifel.
Um die Gefahr zu mindern, Teile unserer selbst abzulehnen, gilt es, zwischen Ereignis und Reaktion zu unterscheiden. Unterscheiden wir nicht, vermengen wir zwei Kategorien; und schütten das Kind mit dem Bade aus.
Integration
oder
projektive Identifikation?
Der Verursacher eines Gefühls ist nicht das Ereignis oder der, von dem es angestoßen wird. Der Verursacher ist die eigene Neigung, so zu reagieren. Wer seine Reaktion dem Ereignis zuordnet, lehnt nicht nur Verantwortung für sich ab. Er festigt ein Selbstbild, in dem er intime Teile seiner selbst unter der Herrschaft anderer sieht. Wird das sein Selbstbewusstsein stärken?
Oft fassen wir das Ereignis und unsere Reaktion darauf als Einheit auf. Wir betrachten Gefühle als Begleiterscheinungen der Ereignisse. Fühlt sich das Ganze unangenehm an, versuchen wir nicht nur eine Wiederholung des Ereignisses zu verhindern, sondern wir weisen auch unsere schmerzlichen Gefühle als etwas vermeintlich Schädliches zurück. Wir verdrängen, verleugnen oder rationalisieren sie. Wer aber Teile seiner selbst zurückweist, weil sie weh tun, bekämpft die eigene Integrität.
Neurotische Entwicklungen können durch einzelne Ereignisse angestoßen werden. Solche Ereignisse nennt man traumatisch, also "verletzend". Ist das Trauma groß, löst es eine posttraumatische Belastungsstörung aus. Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine Sonderform der neurotischen Entwicklung.
Häufiger werden Neurosen aber nicht durch wuchtige Einzelereignisse ausgelöst, sondern durch dauerhafte psychosoziale Missstände, denen wir besonders in der Kindheit ausgeliefert sind.
Traumatisierend sind Missstände vor allem dann, wenn sie den Eigenwert des Individuums leugnen. Dazu gehören vielfältige Umstände:
Zwei Mechanismen spielen bei der Entstehung posttraumatischer Störungen eine große Rolle: Identifikation und Reaktionsbildung.
Bei der Identifikation übernimmt der Betroffene die abwertende Botschaft des Umfelds. Zu seinem Selbstbild gehört fortan die Vorstellung Ich bin wenig wert. Durch die Identifikation wird der Konflikt mit dem Umfeld vermieden. Die Zugehörigkeit wird sichergestellt. Der Preis ist aber hoch. Wer die verzerrende Botschaft nämlich annimmt, wird seine Bedürfnisse fortan zurückstellen. Um einen Platz zu finden, wird er anderen gegenüber dienstbar sein.
Bei der Reaktionsbildung wird das verleugnet, was die abwertende Botschaft als Wahrheit verrät. Erscheint dem Betroffenen die Erkenntnis, in den Augen anderer unwichtig oder austauschbar zu sein, unannehmbar, wird er sich womöglich ein Selbstbild zimmern, das genau diese Tatsache verdrängt. Resultat könnte eine narzisstischen Persönlichkeitsstörung sein, die den Eigenwert betont, indem sie den Wert anderer ihrerseits verleugnet.
In der Praxis verzahnen sich beide Mechanismen. Dadurch entstehen individuell sehr unterschiedliche Muster.
Sobald man den Mechanismus versteht, der die neurotische Entwicklung auslöst, ergibt sich die Methode zur Heilung und Verhütung von selbst.