Religion ist die Wissenschaft vom Verhältnis zwischen Mensch und absoluter Wirklichkeit. Ihr Fundament ist das Bewusstsein, das die absolute Wirklichkeit erkennen will. Religiös ist die Frage des Individuums nach dem Bezug zwischen sich selbst und dem Sein.

Theologie ist die Wissenschaft von dem, was allem angehört und sich vollständig bestimmt.

Nichts wird mitgeteilt. Alles wird gefunden. Alles Mitteilen ist Hinweis darauf, wo man suchen kann.

Wahr ist, was wirklich ist. Das Gedachte ist bloß virtuell.

Was den Schaden Dritter betreibt, ist niemals Religion. Religion sucht nach Anbindung ans Ganze. Was Teile verwirft, kann das Ganze nicht finden.

Religion

  1. Religiöse Grundmotive
  2. Entbindung und Wiederanbindung
  3. Die Dynamik des religiösen Bewusstseins
  4. Religion und Politik
  5. Liebe und Religion

1. Religiöse Motive

Es gibt zwei religiöse Grundmotive. Das erste ist egozentrisch. Es dient dem Versuch, das Ego vor Schaden zu schützen. Das zweite ist holozentrisch Abgeleitet von griechisch holos = ganz, unversehrt. Das egozentrische Bewusstsein verortet das Zentrum des Ich im Ego. Das holozentrische Bewusstsein sieht es im Ganzen der Wirklichkeit.. Es dient anderem: Das Selbst aus den Grenzen des Ego freizusetzen.

Das erste Grundmotiv kann seinerseits in zwei Formen unterteilt werden; je nachdem gegen welche Gefahr sich das Ego vorrangig abzusichern versucht. Bei der heidnischen Variante versucht das Ego sich vor den Bedrohungen der Natur zu schützen. Bei der politischen geht es um Bedrohungen vonseiten der sozialen Gemeinschaft. Die heidnische und die politische Variante tritt meist als Mischform auf.

Das zweite Grundmotiv dient nicht dem Schutz des Ego vor äußeren Gefahren. Das zweite Grundmotiv erkennt das Ego selbst als Problem. Das Ich versucht daher zu sich selbst zu finden, indem es den Horizont des Ego überschreitet. Das holozentrische Grundmotiv kann auch als transzendentVon lateinisch trans-scendere = hinüber schreiten. bezeichnet werden. Es entspricht dem spirituell-mystischen Religionsverständnis.

Mystische Religion führt zur Entdinglichung des Selbst- und Gottes­bildes. Sie wendet sich weder nach Jerusalem, noch nach Rom oder Mekka. Ihr Ziel ist die Gegenwart.
Einteilung religiöser Motive
egozentrisch holozentrisch
heidnisch politisch spirituell / mystisch
Verteidigung des Ego gegen die Gefahren der natürlichen Umwelt Verteidigung des Ego gegen die Aggression des sozialen Umfelds Befreiung des Selbst aus den Grenzen des Ego
Beschwichtigung der Götter zur Verhinderung von Missernten, Unwettern, Krankheit und Tod Beschwichtigung des Umfelds durch soziale Anpassung
Befriedung sozialer Konflikte durch Unterdrückung
Übersteigung des Ego durch Identifikation mit dem Selbst
Unkenntnis von Verantwortung Übertragung der Verantwortung auf Gott und seine Stellvertreter Übernahme der Verantwortung
Fehlende Reflektion des Ego Kontrolle des Ego durch sich selbst Spontanes Handeln aus dem Selbst
Den Mächten des Jenseits bin ich eigentlich egal. Gott ist ein Er, der etwas von mir fordert. Das Göttliche ist ein Es, dass mich liebend in sich trägt.
föderal zentralistisch individuell
Laie und Priester Schüler und Lehrer
hierarchischDer heidnische Priester bzw. Schamane steht durch okkulte Fähigkeiten über dem Laien. Wenn der Laie krank ist, geht er zum Schamanen, weil der bei den Göttern intervenieren kann. Er geht nicht zum Schamanen, um dessen Fähigkeiten zu erlernen. Der Schamane übt aber keinen Zwang auf den Laien aus. autoritärDer politisch motivierte Priester steht durch vermeintlich göttlich Berufung über dem Laien. Das Verhältnis ist aber nicht nur hierarchisch, sondern autoritär. Es gibt keinerlei Ansatz, das Gefälle auszugleichen. Der Priester bevormundet und fordert vom Laien, dass es ihm dient. ebenbürtigDer Lehrer hat einen Wissensvorsprung, den der Schüler durch Fleiss einholen kann. Was der Schüler beim Lehrer sucht, ist eigene Befähigung. Der Schüler betrachtet den Lehrer als Autorität, bis er gelernt hat, selbst eine zu sein. Ein unüberbrückbares Gefälle im Rang gibt es nicht.

1.1. Zugehörige Begriffe

Eine Betrachtung der Begriffe, die die Grundformen der religiösen Aktivität benennen, fördert Zusammenhänge zutage, die uns erlauben, vorläufige Formen des religiösen Erlebens von vollgültiger Religion abzugrenzen.

1.1.1. Heidnisch
Das heidnische Ego versucht, die Götter durch Geschenke und magischen Zauber auf die eigene Seite zu ziehen.

Die Sprachgeschichte des Begriffs heidnisch ist komplex. Ein Wurzelstrang lässt sich zum griechischen Wort ethnos = Schar, Haufen, Volk zurückverfolgen, ein anderer scheint sich im germanischen Begriff haiþio = Heide, Brachland, Wildnis zu verankern.

Das durch beide Sprachwurzeln Gemeinte wird durch den lateinischen Begriff für heidnisch = paganus weiter erhellt. Paganus ist von pagus = Dorf, Gegend, Gau, Landstrich abgeleitet.

Alles zusammen beschreibt die Lebensbedingungen jener Menschen, deren religiöse Praxis als heidnisch zu bezeichnen ist. Es sind Menschen, die in kleinen Gruppen leben, in Dörfern oder auf dem freien Land, in einem Umfeld also, in dem der Mensch den Gefahren der Natur unmittelbar ausgesetzt ist.

Der Heide sieht sich von Hungersnot, Raubtieren, Unwettern, Vulkanen, Sümpfen, Sonnenfinsternissen, dämonischen Lauten aus den Tiefen des Waldes, allgegenwärtiger Verletzungsgefahr, Krankheiten, Steinschlag und Heuschreckenplagen bedroht. Er vermutet, dass hinter all dem Geister und Götter stecken. Er glaubt, dass man Zorn und Gunst solcher Götter und Geister beeinflussen muss, damit es nicht noch schlimmer kommt, als es sowieso schon ist.

Die religiöse Praxis des heidnischen Glaubens besteht in Opfergaben und magischen Sprüchen. Mit Hilfe der Opfer versucht der Heide, die Götter zu bestechen.Ich gebe Euch jeden dritten Fasan. Dafür gebt ihr mir das Jagdglück. Mit Hilfe von ZauberformelnZauberspruch und Zauberritual sind Versuche des Ego, seine Ohnmacht zu leugnen. Das Ego wähnt sich im Besitz magischer Kräfte, womit es sich die Angst vor der Übermacht der Welt vom Halse hält. Oder die Zauberformel ist bloßer Betrug. Nicht umsonst kommt das Wort Magier von griechisch magos = Zauberer, Betrüger. glaubt er, die Kräfte des Jenseits lenken zu können.

1.1.2. Politisch
Das politisch-religiöse Ego schützt sich vor Gott, König, Nachbarn und Priestern, indem es macht, was von ihm verlangt wird.
Oder es glaubt, vom Himmel beauftragt zu sein, sämtliche Rivalen unter seine Herrschaft zu zwingen.

Mit dem Fortschritt der Kultur wuchs die Bevölkerung. Aus Jägern und Sammlern, die auf die magischen Kräfte ihrer Schamanen vertrauten, wurden Stadt- und Staatsbürger. Parallel dazu wurden die Glaubensysteme politischVon griechisch polites = Stadtbürger..

Das Zusammenleben in Stadt und Staat hatte den Vorteil, dass man vor vielen Gefahren der freien Natur geschützt war; allerdings zu einem hohen Preis: Der soziale Anpassungsdruck stieg. In der komplexen Struktur des Staatswesens wurde das Lebens- und Selbstbestimmungsrecht des Menschen durch die Machtansprüche der Obrigkeit bedroht. Die Mächtigen ihrerseits fürchteten sich vor dem Aufstand ihrer Untertanen. Schnell war die Idee geboren, dass Macht kein Resultat von Willkür und Unrecht war, sondern gottgewollt.

Die Mächtigen propagierten einen verbindlichen GlaubenDie Regel cuius regio, eius religio = wer herrscht, legt fest, was die Untertanen zu glauben haben, ist die Kernidee aller politischen Religion. Sie wurde 1555 im Augsburger Religionsfrieden konkret vereinbart. für alle, der auf den eigenen MachterhaltHinter meiner Macht steht eine moralische Instanz, der auf keinen Fall widersprochen werden darf. zugeschnitten war. Die Untertanen taten gut daran, sich diesem Glauben anzuschließenDie Bibel beschreibt das Motiv, sich einer politischen Religion anzuschließen, unverblümt:

Ester 8, 17*:
Viele aus den Heidenvölkern bekannten sich zum Judentum, denn die Furcht vor den Juden hatte sie befallen.

Dieser Mechanismus treibt politischen Religionen die Mehrzahl ihrer Anhänger zu (oder hindert sie daran, sich abzuwenden). Es wird nie ein islamisches, jüdisches oder christlich beherrschtes Land geben, in dem man sich nicht massive soziale Benachteiligungen einzuhandeln droht, wenn man sich offen vom kollektiven Glauben löst. Wo ein solcher Glaube die Macht dazu hat, wird er ohne Reue töten.
, wollten sie nicht ihre Hinrichtung als "gottverhasste" FrevlerPsalm 7, 13-14*:
...wenn einer sich nicht bekehrt, spannt er seinen Bogen und zielt mit ihm. Er richtet auf ihn die Todeswaffen...

Psalm 17, 14*:
Dein Schwert möge sie töten...Ohne Lebensdauer sei ihr Anteil am Dasein! Was du [an Plagen] aufbewahrt hast, damit fülle ihren Leib, daß ihre Söhne noch satt werden und den Rest ihren Kindern hinterlassen!

Psalm 101, 8*:
Jeden morgen will ich alle Frevler im Land vernichten...
, Abweichler und Lästerzungen riskieren.

Egal aus welcher Perspektive betrachtet, sei es aus der der Mächtigen, sei es aus der der Unterworfenen, das Grundmotiv der politischen Religionsauffassung liegt im Schutz des Ego vor der möglichen Aggression seiner Mitmenschen.

1.1.3. Spirituell / mystisch
Das spirituelle Ich erkennt, dass sein Ego nur Teil seiner selbst und sein Selbst Ausdruck des Ganzen ist.

Spirituelle oder mystische Religion ist grundsätzlich anders als die bisher Genannten. Nur sie ist reine Religion im ungetrübten Sinne.

Spiritualität ist von lateinisch spiritus = Geist, Seele, Hauch, Atem abgeleitet. Der Begriff weist auf eine formlose Ebene der Wirklichkeit hin, die jenseits konkreter Interessen, Personen, Götterbilder und Rituale liegt.

Mystik enstammt der griechischen Wort mystos = verschwiegen. Mystos entspringt seinerseits dem Verb myein = sich schließen. Während sich heidnischer Glaube in Zaubersprüchen verlautbar macht und politischer in der Verkündigung angeblich offenbarter Gesetze, erschließt sich die mystische Erfahrung im schweigenden Blick nach innen. Das mystische Ich will weder Gott zum eigenen Vorteil lenken, noch steuert es Vorteile an, indem es andere zu Gleichgesinnten macht.

Das mystische Ich entbindet sich aus der Enge des Ego in die formlose Heiligkeit des Göttlichen.

Entbindungen

Man kann zweimal entbunden werden:

Die erste Entbindung ist die psychologische Geburt der Person. Die zweite ist die religiöse Geburt des Selbst.

2. Entbindung und Wiederanbindung

Individualität ist die Entbindung des Einzelnen in die Freiheit der bewussten Entscheidung. Die Entbindung liegt in der Macht des Bewusstseins, sich durch Erzeugung gedanklicher Bilder aus der tatsächlich wahrnehmbaren Realität des Hier-und-Jetzt zu lösen. Das entbundene Bewusstsein kann mit Wörtern, Zahlen und Bilder spielen. Es kann die Produkte seiner Phantasie als Simulation verwenden, um den Erfolg zukünftiger Handlungen im voraus abzuschätzen. Dieser Entbindung entspringt der Impuls zur Wiederanbindung an das, dem das Entbundensein entspringt. Religare ist das lateinische Wort für wiederanbinden, zurückbinden.

Als Folge der Freiheit, sich Bilder auszudenken, gewinnt das Individuum nicht nur Einfluss auf den Lauf der Dinge. Es läuft auch Gefahr, sich zu verirren.

Vier Bausteine des Selbstbilds

Bei der Gefahr der Verirrung spielt ein besonderes Bild eine ausschlaggebende Rolle: das Selbstbild. Normalerweise entspricht das Bild, das der Mensch von sich macht, dem eines Ego, das abgetrennt vom Umfeld diesem gegenüberstehtIch bin ich und der Rest der Wirklichkeit ist ein Nicht-Ich. und mit dem Rest der Welt einen Kampf um Sein oder Nicht-Sein zu führen hat. Inhaltlich ist das Selbstbild ein virtuelles Konstrukt aus verschiedenen Elementen.

Da das Ego der Wirklichkeit gegenüber zu stehen meint, fürchtet es den Tod als Gefahr der Vernichtung. In seiner Angst sucht es nach einer Macht, die es aus dieser Gefahr erretten kann.

Bei der heidnisch-politischen Religionsauffassung wendet sich das Ego an transzendente Mächte, die es jenseits von sich selbst vermutet. Bei der Suche nach potenziellen Beschützern, an die es sich binden könnte, blickt es nach außen und damit weg von sich selbst. Es glaubt, dass die Beachtung äußerer Götter von diesen belohnt wird.

Bei der mystisch-spirituellen Religionsauffassung, fragt das Ich, ob das Bild vom abgetrennten Ego tatsächlich zutrifft. Statt zur Linderung der Angst Beschützer zu suchen, versucht es zu erkennen, was sein eigenes Wesen in Wirklichkeit ist.

Mit der Frage nach erkennbarer Wirklichkeit und Wahrheit übernimmt das mystische Ich Verantwortung für die Freiheit, die ihm durch die Entbindung des Ego zufiel. Durch die Rückbindung an überprüfbare Wahrheit mindert es das Risiko, das jede FreiheitDazu gehört auch die Freiheit, mutwillig zu glauben, was durch nichts beweisbar ist. mit sich bringt. Das religiöse Interesse ist eine geistige Disziplin, die individueller Bewusstheit wesenhaft innewohnt.

3. Die Dynamik des religiösen Bewusstseins

Das gesunde Bewusstsein ist nicht ständig religiös; Erkenntnis und Respekt vor dem, was wirklich ist, gelten ihm grundsätzlich aber mehr, als die Macht, zum eigenen Vorteil auf die Wirklichkeit einzuwirken.

Das Bewusstsein hat vier Möglichkeiten: Es kann wahrnehmen, denken, urteilen und eingreifen. Der Unterschied zwischen einem profanen und einem religiösen Bewusstein liegt im Wert, den es den vier Möglichkeiten zumisst.

Das profane Bewusstsein richtet sich einseitig am Vorteil aus, den es der Person durch Denken, Urteilen und Eingreifen zu sichern versucht. Das profane Bewusstsein ist egozentrisch. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist ihm kein Wert an sich. Es benutzt sie, um sich geeignete Informationen zu verschaffen. Da sein Wahrnehmen stets von Absichten geleitet wird, sieht es beim Wahrnehmen von allem ab, was ihm unnütz erscheint. Das profane Bewusstsein nimmt die Wirklichkeit deshalb nur schemenhaft wahr.

Wirklichkeit oder Vorstellung

Der Mensch ist Ausdruck der Wirklichkeit. In ihr ist er verankert. Zugleich macht er sich ein Bild von ihr. Aus Erfahrungen zieht er Schlüsse. Aus den Schlüssen entsteht eine Vorstellung, wie er selbst und die Welt zu betrachten ist.

Da der Mensch persönliche Bedürfnisse zu besorgen hat, ist die Vorstellung, die er sich von den Dingen macht, auf Vor- und Nachteil eingeengt. In der ständigen Frage nach Nutzen und GefahrEin Vorteil mystischer Religiosität ist die Freiheit zu spontanem Handeln, dessen Lebendigkeit nicht durch egozentrische Vorteilsberechnungen ausgebremst wird. Nach Plan, Regel und Gebot zu leben, ist eine Strategie des Ego. für die eigene Person wirkt sich sein Ego aus.

Jede Vorstellung erfasst nur einen Teil der Wirklichkeit. Zudem ist sie subjektiv verzerrt. Daher birgt sie selbst Gefahren. Indem das egozentrische Denken sich den Blick auf die Wirklichkeit durch Vorstellungen versperrt, hindert es sich daran, den Weg zu sich selbst zu erkennen.

Echte Religiosität bedeutet daher immer zweierlei:

  1. Die Bindung an egozentrische Ziele zu lockern... und wenn möglich aufzugeben.
  2. Dogmatische Lehren als störende Bilder und Vorstellungen zu verwerfen.

In Gegensatz dazu bleibt heidnischer und politisch-religiöser Glaube vom Grundmotiv her gesehen profan.

Das religiöse Bewusstsein legt den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung dessen, was wirklich ist. Im Wirklichen sieht es nicht nur den Rohstoff seines Vorteils, sondern den Ausdruck eines absoluten Werts, dem gegenüber es jene Haltung einnimmt, die es für einzig angemessen hält: absichtslose Achtsamkeit.

Alles Wirkliche ist Ausdruck des Absoluten. Nur wer das Wirkliche vom bloß Gedachten unterscheidet, wendet sich dem Absoluten zu.

Sich selbst betrachtet das religiöse Bewusstsein nicht als bloßes Gegenüber einer Wirklichkeit, die es zu nutzen, zu formen und abzuwehren gilt. Es sieht sich als Ausdruck eines Ganzen, in dem alles eine absolute Ordnung hat.

Zur Ordnung des absoluten Ganzen zählt nicht nur die Struktur der Außenwelt, die das Bewusstsein mittelbar, mit Hilfe seiner Sinne, erkennt, sondern auch die verborgene Dynamik seiner Innenwelt, wo es Wirkliches unmittelbar wahrnehmen kann. Dem entsprechend legt es Wert darauf, sich selbst zu sehen. Dazu löst es sich aus der Kette der Gedanken und Pläne. Es richtet den Blick auf alles, was es in sich selbst erkennt. Weil jede Absicht die Wahrnehmung trübt, nimmt es das Erkennbare absichtsfrei und ohne Urteil an. Es vertraut darauf, dass Erkenntnis an ihm bewirkt, was mit dem Absoluten übereinstimmt.

3.1. Transzendenz
Religiosität ist eine Sache der Alten. Der junge Mensch muss erst zur vereinzelten FormZum Das-bin-ich-und-das-bin-ich-nicht, zum Du-bist-Du-aber-ich-bin-ich. werden, bevor er in die Einheit zurückstrebt. Die religiöse Unterweisung von Kindern macht nur Sinn, wenn sie selbst danach fragen.

Religiosität ist ein Bewusstseinsprozess. Sie ist die Anbindung des durch Formgebung Vereinzelten in die Einheit des Formlosen. Echte Transzendenz im Sinne echten Überschreitens geschieht, sobald sich das Selbstbewusstsein vom Ego ins Selbst erweitert.

Transzendenz: Zwei Formen des Überschreitens

Egozentrischer Blick Holozentrischer Blick
Für die heidnische und die politische Religion liegt die Welt des Transzendenten außerhalb des Ich. Das Überschreiten des Diesseits besteht darin, dass das Ego auf der Suche nach seinem Vorteil über die Grenze hinweg ins Jenseits schaut. Das Jenseits der mystischen Erfahrung liegt innerhalb des Ich. Das Überschreiten ist ein Erkenntnisakt, durch den das Selbstbild über die Grenzen der Person erweitert wird.

Der egozentrisch Gläubige denkt: Wenn ich mein eigentliches Wesen zurückweise und statt dessen eine moralisch-konforme Rolle spiele, werde ich einst aus der diesseitigen Welt zeitlicher Begrenzung in eine jenseitige Welt zeitlicher Unbegrenztheit hinüberschreiten. Dort bekomme ich den Lohn für meine Selbstverleugnung.

Der spirituelle Mensch erkennt: Wenn ich mein eigentliches Wesen annehme, entdecke ich, dass es die Grenze zwischen Dies- und Jenseits von je her überschreitet. Die transzendente Welt liegt nicht in einer Zukunft, in die ich einst vom Diesseits aus hinüberschreite. Sie liegt verwoben ins Diesseits im ewigen Jetzt.

Heidnisch-politische Transzendenz ist Hoffnung, Projekt und Illusion. Jetzt findet sie bloß in der Vorstellung des Gläubigen statt.

Mystische Transzendenz ist Prozess und Wirklichkeit. Der Mystiker überschreitet seine Person in der Gegenwart faktisch.

3.2. Regeln und Gebote
Glaubenskulte sind zu echter DemutEin Bewusstsein ist demütig, wenn es nur das für unverrückbar wahr erklärt, was es als wahr erkennen kann. Sobald es Aussagen für wahr erklärt, die es nicht überprüfen kann, gibt es seine Demut auf. Es setzt sich durch die angemaßte Überlegenheit vorgeblichen Wissens über jene existenzielle Position, die ihm in der absoluten Ordnung zukommt. Dogmenglaube geht nur soweit mit der absoluten Ordnung Hand in Hand, wie sein Hochmut Teil dieser Ordnung ist; die den Versuch, sie umzustoßen zwar erlaubt, sich durch den Versuch aber niemals umstürzen lässt. Dass Glaube weder Berge verrückt noch Maulbeerbüsche ins Meer versetzen kann, ist eine Folge der wirklichen Macht. unfähig. Statt wahr­zunehmen, was er wahrnehmen kann, glaubt der Gläubige an den Wahrheitsgehalt mythischer Bilder, weil er sich davon Vorteile verspricht. Tatsächlich ist jeder dogmatische Glaube eine Missachtung der absoluten Ordnung. Glaube, der sich auf unbeweisbare Lehrsätze versteift, schadet dem Geist. Er macht ihn trunken oder stumpf; oft sogar beides.

Religiosität wird oft als gewissenhaftes Befolgen von Geboten aufgefasst. Das ist sie nicht. Gebote und Regeln sind festgelegt, begrifflich und objektiv. Sie entsprechen einer Vorstellung davon, wie der Mensch zu sein hat, damit er als "guter Mensch" gelten kann. Gebote können nützlich sein und ihre Befolgung anzuraten, Religiosität richtet den Blick aber nicht auf endliche Bilder, die dem Wirklichen immer nur vorgestellt sind, sondern auf die Wirklichkeit selbst, die nicht als umgrenztes Etwas denkbar ist.

Durch die Verengung des Denkens auf Vor- und Nachteil kann man den tatsächlichen Vorteil nicht finden.

Im Befolgen der Gebote blickt der Einzelne nicht über sein Ego hinaus. Als Sinn der Unterwerfung unter das kollektive Regelwerk benennen Glaubenskulte stets die Aussicht auf den Lohn, der angeblich jenem Ego zukommt, das sich unterwirft. Da das Wesen des Ego aber darin besteht, den eigenen Vorteil zu sichern, ist die vermeintliche Unterwerfung unter lohnende Regeln eine neue Strategie, die das egozentrische Treiben unter dem Deckmantel vorgeblicher Demut fortsetzt.

Religiös ist nicht die Verdinglichung der Lebendigkeit, die einer Anpassung an Regeln entspringt. Religiös ist die Beachtung der Wirklichkeit, die sich im subjektiv erlebbaren Hier-und-Jetzt jeweils offenbart.

Wer den Blick auf die Wirklichkeit richtet, wird mit wahr oder unwahr beschäftigt sein. Wer Regeln zur Religion erklärt, kümmert sich bloß um richtig und falsch. Damit bleibt er im Horizont eines persönlichen Strebens nach Vorteilen stecken.

3.3. Rituale

Sowohl zur heidnisch-politischen als auch zur spirituell-mystischen Religionspraxis gehört der Gebrauch von Ritualen. Allerdings haben sie in beiden Welten unterschiedliche Funktion.

Der heidnisch-politisch Gläubige versucht durch das Ritual die Entscheidungen Gottes zu beeinflussen. Er führt RitualeZum Beispiel: fünf Vaterunser beten. aus, um göttlichen Zorn von sich wenden oder um die wohlmeinende Aufmerksamkeit des Himmels auf sich zu ziehen.

Beim Mystiker soll der Gebrauch des RitualsRegelmäßige Zeiten für die Kontemplationsübungen festlegen. etwas an ihm selbst bewirken. Das Ritual dient dem religiösen Prozess des Bewusstseins. Es hat nur dann einen Sinn, wenn es dabei Fortschritt bewirkt.

Es gibt keine religiösen Rituale. Es gibt nur Rituale, die religiösen Zwecken dienen können.

Rituale: Zwei Funktionen

Heidnisch-politischer Glaube Spirituelle Praxis
Das Ritual bezweckt eine Beeinflussung Gottes. Das Ritual dient als Werkzeug eigener Erkenntnis.

Das Ritual wird vollzogen.

Das Ritual wird angewandt.

Der gruppenspezifischen Form des Rituals wird größte BedeutungBeten Sie in einer katholischen Kirche gen Mekka. Sie ernten Indignation. Bekreuzigen Sie sich in Medina. Wenn das jemand merkt, bringt man Sie um. zugemessen.

Die Art des Rituals wird frei nach überprüfbarer Wirksamkeit gewählt.

Wird der spezifischen Form eines Rituals eine religiöse Bedeutung beigemessen, entspricht dem ein Verfehlen des Heiligen. Dem Heiligen kann keine feste Form zugeordnet werden, weil die Zuordnung einer festen Form das Heilige auf die Ebene des Geformten und damit Begrenzten herabsetzt.

3.4. Trachten und Symbole

Was für gruppenspezifische Festlegungen auf bestimmte Rituale gilt, gilt ebenso für entsprechende Symbole und Trachten.

Symbole und Trachten, mit denen Gläubige verschiedener Konfessionen auf ihr Verschiedensein verweisen, sind kein Anzeichen dafür, dass das Wesen der Religion besonders tief empfunden würde. Das Heilige als gemeinsamen Benenner aller Formen gibt keiner Form den Vorzug. Jede Form ist eine Äußerlichkeit, in die sich das Heilige zwar beliebig erstrecken mag, durch die es sich aber niemals repräsentieren lässt. Der wirklich Religiöse macht sich eher unsichtbar, als dass er durch äußere Signale auf sein Inneres zeigt.

4. Religion und Politik

Absichtslose Achtsamkeit ist die einzige Religion, die es gibt. Religion ist die Rückkehr des Bewusstseins aus der Beliebigkeit des Denkens in die Treue zu dem, was als wirklich wahrgenommen werden kann.

Der religiöse Impuls ist stets gefährdet, von politischen Interessen vereinnahmt zu werden. Das Absolute kann Ziel tatsächlicher Hinwendung sein; oder Vorwand, um nach Macht zu greifen. Beispiele dafür sind politische Religionen, allen voran Judaismus, Christentum und Islam. Sie gehen historisch auf den Pharaonenkult zurück.

Politische Religionen sind religiöse Varianten, die den wesentlichen Sinngehalt vertiefter Religiosität durch politische Überfrachtung verfehlen. Es sind Ideologien, die den religiösen Impuls zum Machterhalt missbrauchen. Sie leiten den Impuls in die Irre, indem sie behaupten, ihre Macht sei vom absolut Wahren als endgültige Ordnung des Diesseits gewollt. Sie preisen sich als monotheistisch, tatsächlich sind sie konfessionelle Monopoltheologien.

Selbstverständlich wird im Gewand der konfessioneller Bekenntnisse auch echte Religion erlebt; aber nicht weil sie religiöse Impulse fördern, sondern weil ihr Machtanspruch dem Impuls jahrtausendelang nur die Möglichkeit ließ, sich mit erlaubten Formeln zu tarnen. Deshalb spricht man von jüdischer, christlicher oder islamischer Mystik. Die Begriffe sind jedoch absurd, so absurd wie "herrschaftsfreie Diktatur", "weißes Schwarz" oder "nasses Feuer".

Religion: Ein Name, zwei Welten

Politische "Religion" Spiritualität / Mystik
Politische Religion befasst sich mit dem Bezug des Einzelnen zu Glaubensbildern und Heilsgemeinschaften. Spiritualität befasst sich mit dem Bezug des Einzelnen zum Absoluten in der Wirklichkeit.

Politische Religion fordert die Anpassung an gruppenspezifische Regeln. Sie behauptet, von Gott zur Vermittlung kollektiver Regeln beauftragt zu sein. Für die Einhaltung der Regeln verspricht sie Lohn.

Der spirituelle Mensch sucht im Hier-und-Jetzt nach dem Verhalten, das aus seiner Perspektive mit dem Ganzen übereinstimmt.

Politische Religion fordert die Herrschaft des GlaubensDer Wahrheitsgehalt eines Glaubensatzes ist nicht bestimmbar. Sonst wäre es kein Glaube, sondern Wissen. Religion kann kein Glaube sein, weil sie dann ein Glückspiel wäre. Wer Glück hat, glaubt ans richtige Dogma. Alle anderen werden in der Hölle bestraft. Dogmenglaube ist ethischer Nihilismus.. Befragt nach ihrer Legitimation verweist sie ohne Beleg auf eine angebliche Glaubenspflicht.

Für Spiritualität ist GlaubeGlaube ist nur soweit religiös, wie sein Inhalt erfolgreich auf das verweist, was mystisch ist. Das Faktum des Glaubens selbst hat für sich allein keinerlei religiöse Bedeutung. Sobald sich Glaube zum Wert an sich erklärt, ist er ein Willkürakt des Ego, der aus Angst und Gier vollzogen wird. nur Hilfsmittel; um die Richtung anzudeuten, in der Erkenntnis liegt. Glaube dient, ohne dass er über etwas herrscht.

4.1. Religionsfreiheit
Der Versuch, die Religionsfreiheit zu zerstören ist ein grundlegender Vorsatz aller abrahamitischen Kulte. Weder Judentum, Christentum noch Islam sind in der Lage, Religionsfreiheit glaubhaft zu fordern. Was sie darunter verstehen, ist im besten Fall das eigene Recht, sich gegen die Feindseligkeit anderer zu wehren. Es ist keinesfalls die Bereitschaft, die eigene Feinseligkeit programmatisch auszusetzen.

Der Mensch kann dazu verführt werden, an mythische Bilder und Versprechen zu glauben... das zu betreiben, halten Priester für ihre höchste Mission. statt tatsächlich religiös zu sein. Auch durch Einschüchterung kann man ihn dazu bringen. Zum Glück ist es aber nur mit großem Aufwand möglich, ihm die religiöse Freiheit vollends zu entziehenDas geht im Grunde nur, wenn man die Funktionsfähigkeit seines Gehirns zerstört..

Religion ist die Unterscheidung zwischen Bild und Wirklichkeit. Sie ist die Rückkehr des Individuums aus der gedanklichen Spekulation über egozentrische Vorteile in das gemeinsame Fundament dessen, was wahrgenommen werden kann:

  1. Im Vertrauen darauf, dass das eigene Wohl nur wenig in dem zu finden ist, was erobert werden könnte und umso mehr in dem, worin man längst verankert ist.
  2. Im Bemühen darum, der Wirklichkeit mit soviel Ehrfurcht zu begegnen, dass man sie nicht nur für Absichten und Zwecke missbraucht.

Der zentrale Bestandteil der Religionsfreiheit beruht daher im Recht, in Wort und Tat genau jene Glaubensbilder zu verwerfen, die von Propheten aller Art als vermeintlich religiöse Botschaft angepriesen werden.

Abweichend davon definiert die politische Ordnung Religionsfreiheit anders. Sie sieht in ihr das Zugeständnis von Sonderrechten an ausgewählte Organisationen, die im Schutz dieser Sonderrechte tatsächliche Religionsfreiheit bekämpfen.

5. Liebe und Religion

Liebe ist ein Thema, mit dem sich viele Religionen beschäftigen. Allerdings hat sie je nach religiösem Grundmotiv einen unterschiedlichen Stellenwert.

Brechung und Rückbindung

Das Prisma bricht weißes Licht in tausend Farben, das Heilige sich selbst in tausend Formen. Wenn Grün versucht, über Rot zu herrschen, findet niemand mehr zum Weiß. Die Erkenntnis des Grünen, dass es rot ist und des Roten, dass es grün ist, verbindet sie zu reinem Licht.

5.1. Liebe und Ganzheit

Liebe ist die Bindungsenergie der Ganzheit. Religion ist Rückbindung, also Aufhebung von Dualismus und Gebrochenheit. Je mehr sich Religion ihrem eigentlichen Wesen - der Rückbindung des Ego ins Ganze - nähert, desto unausweichlicher mündet sie ins Thema Liebe.

Nicht alles, was als Religion bezeichnet wird, ist aber in der Lage, den Fluss zum Ozean zu führen. Die heidnische Freiheit in erotischen Dingen wird ohne tiefere Erkenntnis Lust vermitteln, die sich rasch erschöpft. Den Befehl Liebe deinen Nächsten!, den zu vollstrecken politische Religion verlangt, fassen einige in tatsächlich religiöser Weise auf. Die Mehrzahl schafft es dadurch bestenfalls zu einer Maske, hinter der sich Bitterkeit und Eigennutz verbirgt.

Sich selbst und andere zu lieben, kann nur, wer sich selbst und andere mit keiner Forderung bedrängt, weil jedes Du-sollst zurückweist, was wirklich ist. Zurückweisung ist das Gegenteil von Liebe.

5.2. Liebe und Kampfgemeinschaft

Politische Religion predigt Liebe gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gruppe und Hass gegenüber denen, die anderswo stehen. Politische Religion definiert sich als Kampfgemeinschaft gegen äußere Feinde, die sie - der Logik des Bekämpfens entsprechend - verwerflich nennt.

Da der Kampf einer Gruppe gegen Feinde durch innere Zwietracht sein Scheitern riskiert, formuliert jede politische Religion die Pflicht, gruppeninterne Konflikte strikt zu vermeiden. In Unkenntnis ihres wahren Wesens, bezeichnet sie diese Friedenspficht als Liebe. Tatsächlich ist diese "Liebe" aber ein Werkzeug des HassesSprüche 25, 21-22*:
Wenn Hunger hat dein Feind, dann speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, tränke ihn mit Wasser! Denn Feuerkohlen häufst du auf sein Haupt, und auch der Herr wird es an dir vergelten.

Römer 12, 9-20*:
Die Liebe sei ungeheuchelt...Segnet eure Verfolger..."wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er dürstet, gib ihm zu trinken; denn tust du das, wirst du feurige Kohlen sammeln auf sein Haupt."

Paulus und die jüdische Tradition sind sich einig: Feindesliebe ist eine egozentrische Taktik. Indem man sie praktiziert, bringt man den Feind in die Hölle.
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Gesundheit und Liebespflicht

Den meisten Anhängern des Christentums ist nicht bewusst, dass das ideologische Manifest ihres Glaubens eine Liebe predigt, deren eigentliches Wesen es nicht begriffen hat.

Der christliche Liebesbefehl versteht Liebe zwar nicht selbst, seine ständige Wiederholung hat aber dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung tatsächlicher Liebe hinzuweisen. Deshalb gab und gibt es eine Menge Christen, deren Bemühung um Liebe, trotz der Irrlehre, die sie weiter bejahen, authentisch, wertvoll und fruchtbar ist.

Liebe absichtlich anzuwenden und den Impuls, den man tatsächlich in sich entdecken könnte, zu verleugnen, birgt das Risiko, seelisch zu erkranken. Viele, die Liebe als Pflicht akzeptieren und opferbereitWer dem Guten aus Gehorsam dient, riskiert dem Dienst auch das zu opfern, was er besser leben ließe. altruistischen Idealen folgen, leiden unter Ängsten, Depressionen, Zwängen oder einem Verlust unbefangener Lebendigkeit. Wer die Wirklichkeit unter eine Vorstellung beugt, riskiert, dass die Verkrümmung sein Wesen kränkt. Jedes Ideal ist eine Sackgasse.

5.3. Liebe und Erkenntnis
Ein Gott, der fordert, ist niemals ein Gott der Liebe. Ein Gott, der fordert, ist immer ein Gott des Hasses; selbst wenn sein Mund das Wort Liebe formulieren kann.

Die Fähigkeit, der Wirklichkeit liebend zu begegnen, steht und fällt mit dem Bild, dass ich mir von ihr mache. Deute ich die Wirklichkeit als einen Kampfplatz, auf dem sich angeblich Gutes und Böses bekriegt, werde ich zur Liebe gar nicht fähig sein; egal ob ein Gott sie fordert oder nicht. Das gilt erst recht, wenn ich mich selbst für eine abgetrennte Einheit halte, deren Existenz von einem Sieg über ein feindliches Außen abhängt.

Erst wenn ich die Wirklichkeit als Ganzes betrachte, das sich wesensgleich in jeder Form zum Ausdruck bringt, werde ich vom Widerstreit der geformtem Gestalten nicht mehr geblendet sein. Liebe ist die Erkenntnis, dass das, was ich scheinbar nicht bin, tatsächlich vollständig zu mir gehört.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.
** Der Koran, (Komet-Verlag, ISBN 3-933366-64-X), Übersetzung von Lazarus Goldschmidt aus dem Jahr 1916.