Religion ist unmittelbar. Ihr Fundament ist das Bewusstsein, das die Wirklichkeit erkennen will. Religiös ist die Frage des Individuums nach dem Bezug zwischen sich selbst und dem Sein.

Nichts wird mitgeteilt. Alles wird gefunden. Alles Mitteilen ist Hinweis darauf, wo man suchen kann.

Theologie ist die Wissenschaft von dem, was allem angehört und sich vollständig bestimmt.

Wahr ist, was wirklich ist. Das Gedachte ist bloß virtuell.

Religion

  1. Entbindung und Rückbindung
  2. Die Dynamik des religiösen Bewusstseins
  3. Religion und Politik

1. Entbindung und Rückbindung

Individualität ist die Entbindung des Einzelnen in die Freiheit der bewussten Entscheidung. Die Entbindung liegt in der Macht des Bewusstseins, sich durch Erzeugung gedanklicher Vorstellungsbilder aus der tatsächlich wahrnehmbaren Realität des Hier-und Jetzt zu lösen. Das entbundene Bewusstsein kann mit Wörtern, Zahlen und Bilder spielen. Es kann die Produkte seiner Phantasie als Simulation verwenden, um den Erfolg zukünftiger Handlungen im voraus abzuschätzen. Dieser Entbindung entspringt der Impuls zur Rückbindung an das, dem das Entbundensein entspringt. "Religare" heißt auf lateinisch "zurückbinden".

Als Folge der Freiheit, sich Bilder auszudenken, gewinnt das Individuum nicht nur Herrschaft über den Lauf der Dinge, sondern es läuft auch Gefahr, sich zu verirren. Daher sucht es die Ausrichtung an dem, was wahr ist. Mit der Frage nach Sinn und Wahrheit übernimmt es die Verantwortung für die Freiheit, die im zugefallen ist. Es mindert damit das Risiko, das jede Freiheit mit sich bringt. Das religiöse Interesse ist eine geistige Disziplin, die der individuellen Bewusstheit wesenhaft innewohnt.

2. Die Dynamik des religiösen Bewusstseins

Das gesunde Bewusstsein ist nicht ständig religiös; Erkenntnis und Respekt vor dem, was wirklich ist, gelten ihm grundsätzlich aber mehr, als die Macht, zum eigenen Vorteil auf die Wirklichkeit einzuwirken.

Das Bewusstsein hat vier Möglichkeiten: Es kann wahrnehmen, denken, urteilen und eingreifen. Der Unterschied zwischen einem profanen und einem religiösen Bewusstein liegt im Wert, den es den vier Möglichkeiten zumisst.

Das profane Bewusstsein richtet sich einseitig am Vorteil aus, den es der Person durch Denken, Urteilen und Eingreifen zu sichern versucht. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist ihm kein Wert an sich. Es benutzt sie, um sich "geeignete" Informationen zu verschaffen. Da sein Wahrnehmen stets von Absichten geleitet wird, sieht es beim Wahrnehmen von allem ab, was ihm unnütz erscheint. Das profane Bewusstsein nimmt die Wirklichkeit deshalb nur schemenhaft wahr.

Wirklichkeit oder Vorstellung

Der Mensch ist Ausdruck der Wirklichkeit. In ihr ist er verankert. Zugleich macht er sich ein Bild der Wirklichkeit. Aus Erfahrungen zieht er Schlüsse. Aus den Schlüssen entsteht eine Vorstellung, wie er selbst und die Welt zu betrachten ist.

Da der Mensch persönliche Bedürfnisse zu besorgen hat, ist die Vorstellung, die er sich von den Dingen macht, auf Vor- und Nachteil eingeengt. In der ständigen Frage nach Nutzen und Gefahr für die eigene Person wirkt sich sein Ego aus.

Jede Vorstellung erfasst nur einen Teil der Wirklichkeit. Zudem ist sie subjektiv verzerrt. Daher birgt sie selbst Gefahren. Indem das egozentrische Denken sich den Blick auf die Wirklichkeit durch Vorstellungen versperrt, hindert es sich selbst daran, den tatsächlichen Heilsweg zu erkennen.

Echte Religiosität bedeutet daher immer zweierlei:

  1. Die Bindung an egozentrische Ziele zu lockern...und wenn möglich aufzugeben.
  2. Dogmatische Lehren als störende Bilder und Vorstellungen zu verwerfen.

Das religiöse Bewusstsein legt den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung dessen, was wirklich ist. Im Wirklichen sieht es nicht nur den Rohstoff seines Vorteils, sondern den Ausdruck eines absoluten Wertes, dem gegenüber es eine angemessene Haltung findet: Absichtslose Achtsamkeit.

Alles Wirkliche ist Ausdruck des Absoluten. Nur wer das Wirkliche vom bloß Gedachten unterscheidet, wendet sich dem Absoluten zu.

Sich selbst betrachtet das religiöse Bewusstsein nicht als bloßes Gegenüber einer Wirklichkeit, die es zu nutzen, zu formen und abzuwehren gilt. Es sieht sich als Ausdruck eines Ganzen, in dem alles eine absolute Ordnung hat.

Zur Ordnung des absoluten Ganzen zählt nicht nur die Struktur der Außenwelt, die das Bewusstsein mittelbar, mit Hilfe seiner Sinne, erkennt, sondern auch die verborgene Dynamik seiner Innenwelt, wo es Wirkliches unmittelbar wahrnehmen kann. Dem entsprechend legt es Wert darauf, sich selbst zu sehen. Dazu löst es sich aus der Kette der Gedanken und Pläne. Es richtet den Blick auf alles, was es in sich erkennt. Weil jede Absicht die Wahrnehmung trübt, nimmt es das Erkennbare absichtsfrei und ohne Urteil an. Es vertraut darauf, dass das Erkennen in ihm das bewirkt, was mit dem Absoluten übereinstimmt.

2.1. Subjektivität, Regeln und Gebote
Glaubenskulte sind zu echter DemutEin Bewusstsein ist demütig, wenn es nur das für unverrückbar wahr erklärt, was es als wahr erkennen kann. Sobald es Aussagen für wahr erklärt, die es nicht überprüfen kann, gibt es seine Demut auf. Es setzt sich durch die angemaßte Überlegenheit vorgeblichen Wissens über jene existenzielle Position, die ihm in der absoluten Ordnung offensichtlich zukommt. Dogmenglaube geht nur soweit mit der absoluten Ordnung Hand in Hand, wie sein Hochmut Teil dieser Ordnung ist; die den Versuch, sie umzustoßen zwar erlaubt, sich durch den Versuch aber niemals umstürzen lässt. Dass der Glaube nämlich Maulbeerbüsche nicht ins Meer versetzen kann, das ist eine Folge der wirklichen Macht. unfähig. Statt wahr­zunehmen, was er wahrnehmen kann, glaubt der Gläubige an den Wahrheitsgehalt mythischer Bilder, weil er sich davon Vorteile verspricht. Tatsächlich ist jeder dogmatische Glaube eine Missachtung der absoluten Ordnung. Jeder Glaube, der sich auf unbeweisbare Lehrsätze versteift, vergiftet den Geist. Er macht ihn trunken oder stumpf; oft sogar beides.

Religiosität wird oft als gewissenhaftes Befolgen von Geboten aufgefasst. Das ist sie nicht. Gebote und Regeln sind festgelegt, begrifflich und objektiv. Sie entsprechen einer Vorstellung davon, wie der Mensch zu sein hat, damit er als "guter Mensch" gelten kann. Gebote können nützlich sein und ihre Befolgung anzuraten, Religiosität richtet den Blick aber nicht auf endliche Bilder, die dem Wirklichen immer nur vorgestellt sind, sondern auf die Wirklichkeit selbst, die nicht als umgrenztes Etwas denkbar ist.

Durch die Verengung des Denkens auf Vor- und Nachteil kann man seinen tatsächlichen Vorteil nicht erreichen.

Im Befolgen der Gebote blickt der Einzelne nicht über sein Ego hinaus. Als Sinn der Unterwerfung unter das kollektive Regelwerk benennen Glaubenskulte stets die Aussicht auf den Lohn, der angeblich jenem Ego zukommt, das sich unterwirft. Da das Wesen des Ego aber darin besteht, den eigenen Vorteil zu sichern, ist die vermeintliche Unterwerfung unter lohnende Regeln eine neue Strategie, die das egozentrische Treiben unter dem Deckmantel vorgeblicher Demut fortsetzt.

Religiös ist nicht die Verdinglichung der eigenen Lebendigkeit, die einer Anpassung an Regeln entspringt. Im Gegenteil: Verdinglichung ist antireligiös. Religiös ist ausschließlich die Beachtung der Wirklichkeit, die sich im subjektiv erlebbaren Hier-und-Jetzt jeweils offenbart.

Wer den Blick auf die Wirklichkeit richtet, wird mit wahr oder unwahr beschäftigt sein. Wer Regeln zur Religion erklärt, kümmert sich bloß um richtig und falsch. Damit bleibt er im Horizont persönlicher Vorteile stecken.

3. Religion und Politik

Absichtslose Achtsamkeit ist die einzige Religion, die es gibt. Religion ist die Rückkehr des Bewusstseins aus der Beliebigkeit des Denkens in die Treue zu dem, was als wirklich wahrgenommen werden kann. Kulte, Konfessionen und Propheten lenken davon ab.

Nicht nur das Bewusstsein sucht Sicherheit durch die Erkenntnis des Wahren. Auch jede politische Macht versucht, ihre Herrschaft zu sichern. Daher ist der religiöse Impuls stets gefährdet, von politischen Interessen vereinnahmt zu werden. Das Absolute kann Ziel tatsächlicher Hinwendung sein; oder Vorwand, um nach Macht zu greifen. Beispiele dafür sind "politische Religionen", allen voran Judaismus, Christentum und Islam. Sie alle gehen historisch auf den Pharaonenkult zurück.

"Politische Religionen" sind keine echte Religion. Es sind Ideologien, die den religiösen Impuls zum Machterhalt missbrauchen. Sie leiten den Impuls in die Irre, indem sie behaupten, ihre Macht sei vom absolut Wahren als endgültige Ordnung des Diesseits gewollt. Sie preisen sich als monotheistisch, sind in Wirklichkeit aber bloß monopoltheologisch. Eigentlich religiös ist nur das Bewusstsein als Ausdruck einer Individualität, die nach Sinn und Wahrheit fragt.

Selbstverständlich wird im Gewand der Monopoltheologien auch echte Religion erlebt; aber nicht weil politische Religion religiöse Impulse fördert, sondern weil ihr Machtanspruch dem religiösen Impuls jahrtausendelang keine andere Möglichkeit ließ, als sich mit erlaubten ideologischen Formeln zu tarnen. Deshalb spricht man von jüdischer, christlicher oder islamischer Mystik. Die Begriffe sind jedoch absurd, so absurd wie "herrschaftsfreie Diktatur", "weißes Schwarz" oder "nasses Feuer". Tatsächlich wird der religiöse Impuls durch jede Bindung an dogmatische Kulte verfälscht.

3.1. Religionsfreiheit
Der Versuch, die Religionsfreiheit zu zerstören ist ein grundlegender Vorsatz aller abrahamitischen Kulte. Weder Judentum, Christentum noch Islam sind in der Lage, Religionsfreiheit glaubhaft zu fordern. Was sie darunter verstehen, ist im besten Falle das eigene Recht, sich gegen die Feindseligkeit anderer zu wehren. Es ist keinesfalls die Bereitschaft, die eigene Feinseligkeit programmatisch auszusetzen.

Der Mensch kann dazu verführt werden, statt religiös zu sein an mythische Bilder und Versprechen zu glauben... das zu betreiben, halten christliche, jüdische und moslemische Priester für ihre höchste Mission.. Es ist aber nur mit großem Aufwand möglich, ihm seine religiöse Freiheit vollends wegzunehmenDas geht im Grunde nur, wenn man die Funktionsfähigkeit seines Gehirns zerstört oder ihn unter Androhung eigenen Schadens dazu zwingt, sich anderen Lebewesen gegenüber feindselig zu verhalten..

Religion ist die Unterscheidung zwischen Bild und Wirklichkeit. Sie ist die Rückkehr des Individuums aus der gedanklichen Spekulation über egozentrische Vorteile in das gemeinsame Fundament dessen, was wahrgenommen werden kann, und zwar...

  1. Im Vertrauen darauf, dass das eigene Wohl nur wenig in dem zu finden ist, was erobert werden könnte und umso mehr in dem, worin man längst verankert ist.
  2. Im Bemühen darum, der wahrgenommenen Wirklichkeit mit soviel Ehrfurcht zu begegnen, dass man sie nicht nur für Absichten und Zwecke missbraucht.

Der zentrale Bestandteil der Religionsfreiheit beruht daher im Recht, in Wort und Tat genau jene Glaubensbilder zu verwerfen, die von Propheten aller Art als vermeintlich religiöse Botschaft angepriesen werden.

Abweichend davon definiert die politische Ordnung Religionsfreiheit anders. Sie sieht in ihr das Zugeständnis von Sonderrechten an ausgewählte Organisationen, die im Schutz dieser Sonderrechte die tatsächliche Religionsfreiheit bekämpfen.