Sinn ist Dienst an einem Wert.
Was nicht über sich hinaus weist, verliert die Orientierung.
Man spricht vom Sinn des Lebens als auch von Sinnen und Sinnlichkeit. Beide Sinnstränge gehen auf die indogermanische Wurzel sent = gehen, reisen zurück. Im Verb sinnen = streben nach, begehren, sich ausrichten auf wird die ursprünglich konkret körperliche Bewegung ins seelisch Abstrakte übertragen.
Prozesse
Das Leben ist kein Zustand. Es ist ein Prozeß. Prozeß kommt von lateinisch pro-cedere = vorwärtsschreiten. Jedem Vorwärtsschreiten ist ein Ziel zugeordnet, auf das es sich ausrichtet. Sonst wäre es ein Umherdümpeln. Seelische Stabilität ist nur erreichbar, solange das Leben sinnvoll ausgerichtet ist.
Sinnesorgane haben mit Fortbewegung zu tun. Schon vor Jahrmillionen dienten sie unseren Vorfahren dazu, sich im Blattwerk der Urwaldriesen auszurichten; um den Baum zu finden, an dem die besten Früchte reiften. Der Geschmackssinn, der zum Verzehr der Früchte reizt, ist aber kein Zweck an sich. Er weist über sich hinaus, indem er der Erhaltung des Organismus dient.
Die Sinnlichkeit, die in der erotischen Lust zu gipfeln scheint, geht noch einen Schritt weiter. Diese Lust dient nicht nur dem Erhalt des einzelnen Organimus, sondern dem Erhalt der Art. Sie weist über das Individuum hinaus.
Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt sich nach der Ausrichtung von Impulsen. Auch hier ist der Sinn etwas Höheres, auf das das Leben zustrebt.
Was dem Leben Sinn und Stabilität verleiht, sind Ziele. Es gibt persönliche und überpersönliche Ziele. Meist sind sie miteinander verzahnt.
Persönliche Ziele
Verzicht
Zufriedenheit durch sinnvollen Verzicht auf die Erfüllung momentaner Bedürfnisse ist oft stabiler als jene, die sich aus der Erfüllung der Bedürfnisse ergibt. Bewusster Verzicht richtet auf etwas aus, was den Horizont vorübergehender Wünsche übersteigt. Sinn liegt einem solchen Verzicht bereits inne, während er einer Zufriedenheit durch Wunscherfüllung erst zugeordnet werden muss.
Wer im Dienst höherer Werte verzichtet, handelt sinnvoller als der, der nach bloßer Erfüllung persönlicher Bedürfnisse strebt. Das Leben belohnt ihn dafür.
Solange man persönliche Ziele hat, auf die man zuversichtlich zustrebt, erlebt man das Leben als sinnvoll. Krisen entstehen, sobald man Ziele erreicht oder nicht mehr an sie glauben kann.
Die Erfüllung kurzfristiger Wünsche Ziele dient unmittelbar dem Wohlbefinden der Person. Die Zufriedenheit, die dadurch entsteht, ist oft nur von kurzer Dauer. Erst wenn das Wohlbefinden der Person etwas Höherem dient, wird es stabil. Persönliches Wohlbefinden muss sinnvoll auf weitergehende Werte ausgerichtet sein, damit es sich nicht von selbst verliert.
Als höherer Wert kann das Wohl anderer Personen, die Gemeinschaft, abstrakte Ideale oder auch ein Ich-Ideal empfunden werden. Als höchster Wert ist ein gerecht auf alle Teile abgestimmtes Ganzes denkbar, das den Wert aller Teile unverlierbar in sich birgt.
Am Kreislauf der Sucht wird der Zusammenhang von seelischer Stabilität und sinnvoller Ausrichtung deutlich. Das Problem des Süchtigen liegt darin, dass er sein momentanes Wohlbefinden zum wichtigsten Ziel erklärt. Er setzt Suchtmittel ein, um spontan auftretende Stimmungen und Befindlichkeiten angenehmer zu gestalten. Statt sein Hier-und-Jetzt wahrzunehmen, wie es ist, will er es verändern. Damit greift er zu kurz.
Die konsumierte Substanz führt zwar zu einer Verbesserung seines Befindens, der gewünschte Effekt verblasst aber schnell. Nur durch erneuten Konsum kann seine Dauer verlängert werden; und die Verlängerungen fallen mit der Zeit immer kürzer aus.
Das Problem des Süchtigen ist klar. Er bemüht sich um ein Ziel, das die Wirklichkeit nicht als sinnvoll anerkennt, weil es nicht über sich hinaus weist.
Aus dem gleichen Grund schafft es so mancher Süchtige nicht, nach einer Entgiftung abstinent zu bleiben. Solange er am Entgiften ist, hat er ein Ziel: die Abstinenz. Wenn danach aber kein weiteres Ziel Stabilität verleiht, kommt er ins Taumeln; denn wenn auch die Abstinenz nur dem eigenen Wohlbefinden dient, fehlt der weitere Sinn, der dem Leben eine Richtung gibt.
Auslöser von Sinnkrisen
Zu Sinnkrisen kann es kommen, wenn ein Ziel erreicht oder seine Unerreichbarkeit erkennbar wird. Sinnkrisen treten auch auf, wenn nichts mehr ansteht, worum man sich bemühen muss oder wofür sich die Mühe lohnt.
Sinnkrisen bedrohen das seelische Gleichgewicht. Es kann zu Depressionen, Angst, Zwang, Sucht, Delinquenz und Selbstmord kommen.
Um sich dem Sog der Sinnlosigkeit zu entziehen, gilt es, sich neue Ziele zu setzen. Am besten sind langfristige Ziele oder solche, die über den persönlichen Horizont hinaus reichen.
Im Umkehrschluss bietet es guten Schutz gegen Sinnkrisen überhaupt, wenn man einen Teil seiner Energie von vorn herein Werten zur Verfügung stellt, die sich nicht auf die eigene Person konzentrieren. Zu nennen sind das Wohl der Gemeinschaft, der Schutz der Schöpfung oder religiös-spirituelle Interessen.
Neben dem stärkeren Sinngehalt überpersönlicher Ziele, binden soziales Engagement und Spiritualität das Ego an die Außen- und die Innenwelt, was sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit befriedigt.
Sinnvolles, also auf Ziele und Werte ausgerichtetes Tun, befriedigt, macht Spaß und dämpft die Sorge, nutzlos zu sein. Die Ausrichtung auf erotische Ziele ist gar mit der Erwartung und dem Erleben höchster Lust verbunden. Umso mehr enttäuscht es den hoffnungsvollen Minnesänger, wenn er am Ziel seiner Wünsche die Lust nicht auf Dauer halten kann. Das Heer der Liebespaare, die über das Nachlassen ihrer erotischen Lüste klagen, ist groß genug, um die Galaxis zu erobern.
Auch das entspringt dem Kräftespiel der Lebendigkeit. Biologisch betrachtet ist die Vereinigung mit dem Partner das höchste Ziel, das ein Individuum erreichen kann. Dadurch setzt es seine Gene über die Sterblichkeit hinweg. Das ist Sinn, der über das Individuum hinaus weist. Bei der Ankunft am Ziel erlebt es daher maximale Lust.
Je selbstverständlicher die Bindung aber wird, desto geringer ist die Spannung, die die Partner aufeinander ausrichtet. Mit dem Gelöbnis zur Treue und der Ankunft im gemeinsamen Alltag hat die Libido einen Teil ihres Sinnes erfüllt. Die Sinnlichkeit der Beziehung lässt nach; und kann nur aufrecht erhalten werden, wenn sich die Partner ihres Besitzes nicht sicher sind.
Was die Lust am Partner am Leben hält, ist nicht nur seine Attraktivität, sondern auch die Furcht, dass er damit anderen gefallen könnte. Wer seines Partners nicht sicher ist, hat eher den Impuls, die Eroberung zu festigen.