Wer einsieht, dass er sich aus eigener Kraft nicht vom Eigeninteresse befreien kann, wird sich weniger gegen die Erkenntnis sträuben, dass das Sinngefüge des Ganzen ihn niemals aus sich entlassen hat.

Demut heißt nicht, dass man sich zu Boden wirft, um sich zu erhöhen. Demut heißt stehen zu bleiben, wo man steht.

Demut

  1. Begriffsbestimmung
  2. Soziale und religiöse Demut
  3. Sozialer Hochmut, Normalität und perspektivische Verzerrung
  4. Demut und Erkenntnis

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Demut geht auf das althochdeutsche diomuoti = dienstwillig zurück. Darin sind die Wörter dienen und Mut enthalten. Die Kernbedeutung des Dienens kommt ebenso im litauischen Verb teketi = laufen, fließen, rinnen wie im altindischen takti = eilt zum Ausdruck. Teketi und takti gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel wie dienen zurück.

Im Begriff Mut erkennt man die indogermanische Wurzel mo- = nach etwas trachten.

Demütig ist, wer danach trachtet, eilig fließend wie Wasser jenen Kräften zu dienen, die seinen Lauf bestimmen; und der dabei gegen den Lauf der Dinge keinen Widerstand leistet, weil er sich davon persönliche Vorteile verspricht.

2. Soziale und religiöse Demut

Heil ist nur Heil, wenn es dem Heilsein von allem entspricht.

Als Sozialverhalten kann Demut vorauseilender Gehorsam oder Folge von Demütigungen sein, die der eine am anderen vollstreckt. Hier kommt der Wortstamm mo- = nach etwas trachten zum Zuge. Die Demut des Vorauseilenden oder des Gedemütigten trachtet nach etwas; nämlich nach den Vorteilen, die das demütige Verhalten verspricht: Lohn oder Verschonung vor der Gewalt des Mächtigen. Im vollgültigen Sinne ist ein solches Verhalten nicht demütig, sondern ebenso berechnend, wie jedes andere, das an persönlichen Vor- und Nachteilen ausgerichtet ist.

Im religiösen Sinne ist Demut mehr als eine Dienstwilligkeit, von der sich der Dienende die Zuweisung eines Vorteils vonseiten jener Instanz verspricht, der er sich dienstwillig zur Verfügung stellt. Religion versteht sich als Rückbesinnung des Ich auf den Urgrund jener Wirklichkeit, aus der es hervorgeht. Religiöse Demut beinhaltet den VerzichtDiese Formulierung ist bereits falsch. Verzicht beinhaltet Absicht; nämlich einen Impuls am Ausdruck zu hindern. Echte Demut verwirklicht sich nur, wenn kein Teilinteresse mehr besteht. Das ist nur möglich, wenn sich das Ich nicht mehr als Teil des Ganzen, sondern als dessen Ausdruck versteht. auf die Vertretung jedweder Teilinteressen; um im Sinngefüge des Ganzen nahtlos aufzugehen.

Zur Demut kommt es nur durch Erkenntnis; nie durch Gehorsam.

Der absichtliche Verzicht auf die Vertretung eigener Interessen kann kaum je als echte Demut gelten. "Absichtliche Demut" ist ein Widerspruch in sich. Wer sich absichtlich um ein demütiges Sozialverhalten bemüht, sieht nachgerade vom Ganzem ab. Er verfolgt regelhaft egozentrische Interessen; nämlich den Wert der eigenen Person und deren Position im Kosmos durch Ausübung eines "werthaltigen" Verhaltens zu erhöhen.

Ein nahtloses Aufgehen im Sinngefüge des Ganzen ist nur möglich, wenn zwischen dem Demütigen und dem Ganzen, in dem er aufgeht, Wesensgleichheit besteht. Wird das Göttliche vom Weltlichen kategorisch unterschieden, ist Demut im eigentlichen Sinne nicht möglich. Was dann als Demut erscheint, erschöpft sich in Berechnung und Gehorsam.

Unbefangenheit

Wenn der Demütige bei der Vertretung seiner Interessen scheitert, zuckt er mit den Schultern und versucht es ein zweites Mal. Ein egozentrischer Mensch glaubt im Scheitern, etwas Schlimmes sei passiert. Er zieht sich irritiert zurück oder er versteift sich auf sein vermeintliches Recht.

Demut ist nicht daran zu erkennen, dass der Demütige sein Eigeninteresse absichtlich in den Hintergrund stellt. Die Person, die als Nutznießer des Eigeninteresses in Erscheinung tritt, ist Ausdruck des Ganzen. Der Demütige wird daher auch die eigenen Interessen als vollgültig erkennen und sie unbefangen vertreten; und zwar aus dem Wissen heraus, dass ihre Berechtigung nicht nur vom Ego der Person trotzig zu behaupten ist, sondern sich vielmehr aus dem Sinngefüge des Ganzen ableitet.

Die Interessensvertretung einer egozentrischen Person ist im Gegensatz dazu befangen; befangen innerhalb der vermeintlichen Grenze zwischen dem Ich und der Welt. Entweder unterwirft sich die egozentrische Person ihrer Befangenheit: Dann ist sie schüchtern und vertritt ihre Interessen verlegen. Oder sie wehrt ihre Befangenheit ab: Dann vertritt sie ihre Interessen frech, dreist oder unverschämt.

3. Sozialer Hochmut, Normalität und perspektivische Verzerrung

Wer sich erhöht, grenzt sich ab. Wer sich abgrenzt, steigert den Bedarf, sich zu erhöhen.

Hochmut ist das Gegenteil der Demut. Hochmütig ist, wer sich eine Bedeutung beimisst, die ihm nicht zukommt und sich dadurch gegenüber dem Umfeld erhöht.

Wir existieren als individuelle PersonenIndividuell helßt ungeteilt (von lateinisch dividere = teilen). Das Individuum geht aber nur dann von einem folgerichtigen Verständnis seiner Individualität aus, wenn sein Selbstbild die Wirklichkeit nicht willkürlich in ein Ich und ein Nicht-Ich aufteilt ohne die Unabtrennbarkeit des Ich vom Nicht-Ich zu beachten.. Es fällt uns zu, uns persönlich um unsere Belange zu kümmern. Wir sind Anwälte unserer selbst. Deshalb ist unser Weltbild perspektivisch verzerrt. Wir überschätzen die Bedeutung, die unserer Person objektiv zukommt. In Wirklichkeit haben die eigenen Belange kaum je mehr Bedeutung als die Belange einer x-beliebigen Person, die man nicht kennt. Diese Form der Selbstüberschätzung ist normal.

Normopathie

Solange man den Begriff Normopathie nicht abwertend versteht, ist er zur Bezeichnung des egozentrischen Normverhaltens treffend. Der Normopath leidet darunter, dass er sein Ego als Mittelpunkt seiner Lebensaktivität definiert. Da der Horizont des Ego den des Selbst aber nicht umfasst, bedeutet jede Egozentrizität eine Verkrümmung ins Krankhafte.

Krank entstammt der indogermanischen Wurzel ger- = biegen, krümmen, von der auch die Begriffe Krampf, Kringel und Kranz abgeleitet sind. Das Kranke ist etwas Gekrümmtes, das seine eigentliche Form verfehlt.

Da es als Normverhalten des Individuums gilt, sich selektiv um seine persönlichen Belange zu kümmern, wird diese Form der Selbstüberschätzung vom Umfeld nicht als hochmütig beschrieben. Als hochmütig gilt erst, wer seine persönliche Bedeutung zusätzlich unterstreicht, indem er andere gezielt abwertet.

4. Demut und Erkenntnis

Religion ist das Bemühen um eine Lebensführung, die sich nicht im Horizont einer beliebigen Person erschöpft, sondern vollständig ins absolute Sinngefüge einfließt. Demut ist ein religiöses Kernmotiv. Erst wenn das Individuum vom Normverhalten ablässt, zentriert es sein Leben nicht mehr in die verkrümmende Mitte der eigenen Person, sondern in die unaufteilbare Ganzheit, die sein Wesen zum Ausdruck bringt.

Da man Demut verfehlt, sobald man sie als soziales Verhalten ausdrücklich zu praktizieren versucht, fragt sich, was als Dienst an der Demut überhaupt getan werden kann. Die Antwort darauf ist klar: Vollgültige Demut im religiösen Sinne ist nur zu erreichen, wenn man keine andere Absicht für selbstlos hält, als die schiere Unterscheidung von wahr oder unwahr.