Niemand ist etwas wert, wenn nicht alle etwas wert sind.
Der Körper ist ein Gegenstand. Die Seele ist Fürstand. Seelisch gesund ist, wer sich für etwas einsetzt. Da man sich nur für etwas einsetzen kann, wenn man es für wertvoll hält, setzt die Übereinstimmung der Seele mit sich selbst ihre Wertschätzung voraus.
Nehmen Sie sich wahr. Was Sie erkennen, ist das, was Ihren Wert bereits ausmacht.
Echtes Selbstwertgefühl wird durch das Erleben eigener Fähigkeiten gefüttert. Das Lob anderer ist nur Zuckerwasser.
Die EtymologieLehre von der Herkunft der Wörter ist sich nicht sicher, ob wert sprachgeschichtlich zur Wortgruppe um werden gehört*. Geht man aber davon aus, gewinnt man wichtige Einblicke in das grundsätzliche Wesen des Wertes.
Das Zeitwort werden ist mit dem lateinischen vertere = drehen, sich wenden verwandt. Werden ist der Wandel von einem Zustand zum nächsten.
Dem entsprechend hängt der Wert, der einem Ding oder einem Wesen inne liegt, mit seinem Wandlungspotenzial zusammen. Beim Wandlungspotenzial können zwei Aspekte unterschieden werden:
Das, was aus der Sache selbst werden kann.
Das, zu dessen Wandel die Sache beitragen kann.
Wert ist nicht statisch. Der Wert der Dinge liegt nicht allein in dem, was sie faktisch sind, sondern in dem, was werden könnte. Wert ist dynamisch. Da Wert nicht statisch ist, ist er durch nichts aufzuwiegen, was ihm gegenüber steht.
Wertschätzung geht davon aus, dass der Wert der Sache, die zu schätzen ist, der Sache inne liegt. Der Wert wird als Schatz erkannt. Er wird nicht zugeordnet. Er hängt nicht von den Zwecken dessen ab, der die Wertschätzung vollzieht. Wertschätzung fragt, ob man die Sache, deren Wert geschätzt wird, um ihrer selbst willen bejaht.
Beim Festlegen eines Preises werden die Zwecke dessen, der den Preis festlegt, als Maßstab angesetzt. Im Gegensatz zum Wert, ist der Preis relativ. Während Wert durch das Urteil von außen weder gesteigert noch gemindert werden kann, hängt der Preis gerade davon ab.
Wertschätzung ist Grundlage seelischer Gesundheit. Nur wer sich einen Wert beimisst, der ihn unabhängig von äußerer Beurteilung begleitet, kann seelisch gesund sein.
Der Mensch besteht aus persönlicher Individualität und dem Menschsein als solchem. Die persönliche Individualität ist das, was mich von anderen unterscheidet. Das Menschsein als solches ist das, was ich mit allen gemeinsam habe. Da die Individualität dem Menschsein entspringt, ist eine tragfähige Wertschätzung der Individualität ohne Wertschätzung des Menschseins nicht möglich.
Grundvoraussetzung seelischer Gesundheit ist daher nicht nur die Bejahung des eigenen Wertes, sondern die Wertschätzung aller. Sichtweisen, die nicht jedem Menschen einen unbedingten Wert beimessen, sind krankhaft.
Was eine Person erfahren hat, ist immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Zu alledem ordnet man Erfahrungen gemäß persönlicher Nützlichkeit. Da das Denken aus dem Raster dieser Erfahrungen heraus urteilt, ist der Horizont seiner Resultate beschränkt.
Das Denken ist eine wichtige Funktion des Geistes. Seine Aufgabe besteht in der Unterscheidung zwischen richtig und falsch sowie gut und schlecht. Dabei geht es von den Erfahrungen aus, die das Individuum gesammelt hat.
Anhand dieser Erfahrungen erstellt es Modelle der Wirklichkeit oder beurteilt Sachverhalte auf ihren Nutzen hin.
Zwischen Denken und Wahrnehmen gibt es ein Wechselspiel. Man nimmt etwas wahr und beginnt darüber nachzudenken. Wie fügt sich das Wahrgenommene ins Weltbild ein? Oder man denkt sich Vermutungen aus; und überprüft durch Wahrnehmung ihren Wahrheitsgehalt.
Leider geht das Denken mit seinen Möglichkeiten oft nachlässig um. Es verwechselt bloße Vermutungen mit der blanken Wahrheit und bewertet Dinge, die es kaum verstanden hat mit einer Eile, die jede Weisheit schaudern lässt. Hält es Vermutungen für Wahrheit, übertritt es die Schwelle zum Wahn. Bewertet es voreilig im Dienst seiner Hoffnungen und Ängste, verpasst es die Chance, den tatsächlichen Wert der Dinge zu entdecken.
Das Selbstwertgefühl ist eine Folge der Selbsterkenntnis. Wer seine seelischen Inhalte vorurteilsfrei mit respektvoller Neugier wahrnimmt, entwickelt ein Gefühl für den eigenen Wert, das von der Bewertung durch die Außenwelt unabhängig wird.
Echtes Selbstwertgefühl geht stets mit einer grundsätzlichen Wertschätzung anderer parallel.
Beim pathologischen Narzissmus, also der krankhaften Eigenliebe, fehlt die ungestörte Selbstwahrnehmung. Statt dessen kommt es zu einer abgrenzenden Überbewertung des eigenen Ich im betonten Gegensatz zu anderen. Ursache ist der Versuch, den Mangel an echtem Selbstwertgefühl durch Idealisierung des eigenen Egos und Abwertung anderer auszugleichen.
Selbstwertgefühl und pathologischer Narzissmus
| Selbstwertgefühl | Narzissmus | |
| Quelle | Resultat eigener Binnenschau | Willkürliches Urteil aus dem Selbstbild des Ego heraus |
| Psychologischer Effekt | Authentisches Gefühl eigenen Wertes Unabhängigkeit von der Bewertung durch andere |
Unterschwellige Selbstverachtung bei formalem Hochmut; Kränkbarkeit und Hunger nach Anerkennung |
| Soziale Folge | Wertschätzung anderer | Abwertung anderer oder Idealisierung potenzieller Bündnispartner |
Würde ist eine Abwandlung des Wortes wert. Wer die Würde eines Menschen respektiert, achtet auf das, was diesem Menschen an Wert inneliegt. Insofern Wert Wandlungspotenzial bedeutet, gilt der Respekt nicht nur der Oberfläche dessen, was der Mensch bereits ist, sondern dem noch schlafenden Potenzial in seiner Tiefe.
Von einer Würde des Alters kann nur sprechen, wer den Tod nicht als Ende, sondern als Wandel denkt.
Der eigenen Menschenwürde gerecht ist ein Verhalten, wenn es den Eigenwert beachtet. Da das schlafende Potenzial aber nur wirklich werden kann, wenn es das bereits Verwirklichte überwindet und damit dessen endgültige Werthaftigkeit in Frage stellt, kann ein würdiges Verhalten nie auf die bloße Wertschätzung dessen ausgerichtet sein, was vom Potenzial bereits verwirklicht ist.
Was von meinem Potenzial verwirklicht ist, ist das, was ich jetzt bin. Was ich jetzt bin, ist meine Person und das Potenzial, das darin verborgen liegt. Würdig verhalte ich mich also nur, wenn ich die Person nicht so in den Vordergrund stelle, dass ihre Bewahrung das Potenzial daran hindert, sie zu überwinden.