Heilen kann nur, was sich selbst bejaht.
Die Seele hat einen unbeirrbaren Drang zur Ganzheit. Heilung ist nur möglich, wenn man Teile integriert. Alles, was man an sich nicht wahrhaben will, alles was man mühsam verdrängt, sucht beharrlich seinen Weg zurück ins Zentrum. Je mehr man es zurückweist, desto mehr beherrscht es das Geschehen.
| Sprache | Begriff | Sinn |
| Englisch | whole | ganz, vollständig |
| Englisch | hale | gesund, rüstig |
| Althochdeutsch | heil | gesund, unversehrt |
| Schwedisch | hel | ganz |
| Russisch | celyj | ganz |
| Gotisch | hails | gesund |
Verwandtschaftliche Beziehungen des deutschen Begriffs heil findet man zu ähnlichen Wörtern in germanischen, keltischen und slawischen Sprachen. Die Tabelle vermittelt einen Überblick. Sie macht deutlich, dass heil und Heilung Gesundheit und Ganzheit bezeichnen.
Sucht man den Ursprung des Begriffs gesund, stößt man auf die germanische Wurzel "sunda-" im Sinne von "stark, kräftig". Heilung ist eine Ganzwerdung, der Kraft und Stärke entspringt. Kraft resultiert aus dem Miteinander unterscheidbarer Teile, die ihren jeweils passenden Platz im Ganzen einnehmen. Folglich ist Heilung ein integrativer Prozess. Dabei wird Fehlendes von etwas Unfertigem angenommen.
Zunächst wird bei der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eine soziale Heilung angestrebt. Soziale Heilung bedeutet, dass der Patient sein Verhalten problemlos an die Normen des sozialen Umfeldes anpassen kann. Im Rollenspiel, an dem er als Mitglied der Gemeinschaft teilnimmt, wirkt sein Verhalten normal. Zwischen den Rollen, die er jeweils einnimmt und seinem Selbstbild empfindet der "normale" Mensch keinen bedeutsamen Widerspruch.
Die Zugehörigkeit zum sozialen Umfeld ist ein hohes Gut. Sie stellt einen der zwei grunsätzlichen Bedürfnisse dar, die das Leben vor dem Hintergrund des Psychologischen Grundkonflikts bestimmen.
| Typ | Instanz | Ziel |
| Sozial | Ego | Stärkung des Ego zur Verbesserung der Handlungsfähigkeit als Mitspieler im sozialem System |
| Existenziell | Selbst | Befreiung aus den Grenzen des Ego durch Überstieg des Selbstbildes |
Die Zugehörigkeit zum Umfeld scheint jedoch oft eine Anpassung an dessen Erwartungen zu erfordern, die mit der eigentlichen Identität des Einzelnen kollidiert. Um Spannungen zu vermindern, die aus diesem Konflikt entstehen, passen wir unser Selbstbild dem tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungsdruck des Umfelds an.
Die Anpassung des Selbstbildes erfolgt in der Regel durch Verleugnung von Teilaspekten des tatsächlichen Selbst. Außer der Verleugnung kommt aber auch die übrige Palette der Abwehrmechanismen zum Einsatz. Je mehr Aspekte angepasst werden, desto mehr wird unser Selbstbild verfälscht. Die einseitig soziale Anpassung führt daher zu einer Entfremdung des Einzelnen von sich selbst. Daraus resultiert ein Un-heil, das erst durch eine existenzielle Heilung behoben werden kann.
Selbstverständlich sind wir bei der Verfälschung des Selbstbildes nicht nur die Opfer der äußeren Umstände, die uns bedrängen. Die Verfälschung des Selbstbildes ist ebenso das Resultat unserer eigenen Ansprüche - je nachdem, welche Rollen wir im Umfeld einfordern.
Die existenzielle Heilung hebt die Spaltung zwischen Selbst und Selbstbild auf. Sie geht über die soziale Heilung hinaus. Obwohl sie ihr teils widerspricht, umfasst und vertieft sie sie zugleich. Bei der sozialen Heilung spielen Bewertungen und Urteile eine große Rolle. Im Dienste der sozialen Heilung wird das eigene Verhalten und Empfinden mit der "gesunden Norm" verglichen. Was nicht passt, wird durch Abwehrmechanismen aus dem Bewusstsein entfernt. Dadurch werden Qualität und Umfang des Selbstbewusstseins vermindert.
Bei der existenziellen Heilung treten Urteile und Wertungen in den Hintergrund. Statt dessen bemüht sich der Patient, sämtliche Aspekte seiner selbst wahrzunehmen und vorurteilsfrei zu akzeptieren. Dabei erfüllt die Akzeptanz der sogenannten "negativen Gefühle" eine Schlüsselfunktion. Unangenehme Gefühle vermitteln uns Einsichten in unser Wesen, die wir nicht wahrhaben wollen. Gerade diese Einsichten sind es jedoch, die wir auf dem Weg zur Heilung brauchen. Sie sind das Fehlende am Unfertigen.