Erotische Liebe ist der Teil vom Paradies, den der Himmel uns zu sehen erlaubt.
In der Erotik erreicht Begegnung jene Schwelle, über die hinweg sie sich selbst überschreitet. Dabei verweben sich Innerweltlichkeit und Transzendenz.
Erotische Lust ohne Wertschätzung ist Missbrauch.
Zur Verliebtheit gehört eine besondere Komplizenschaft: weil das hohe Gut nur genossen werden kann, wenn man es anderen gemeinsam vorenthält.
Nichts fördert wahre Frömmigkeit mehr als das Gelingen einer erotischen Liebe...und die Weisheit, sich von ihr enttäuschen zu lassen.
Religion und Erotik haben einen gemeinsamen Ursprung: Die Sehnsucht des selbstbewussten Individuums, die eigene Begrenzheit radikal zu überschreiten.
Das Ich erkennt sich selbst und empfindet damit einen Graben, der es vom Nicht-Ich trennt. Falls es sich nicht in Größenwahn versteigt, erkennt es auch, dass sein Horizont im Vergleich zu dem, was die Welt ausmacht, bescheiden ist. Gemessen an der Unendlichkeit ist sein Leben ein Wimpernschlag.
| Äußerer Weg | Innerer Weg |
| Erotik | Mystik |
| Ich suche die Ergänzung im Anderen | Ich suche die Ganzheit in mir |
Der Befürchtung "Ich bin bloß ich und nicht mehr" entspringt eine mächtige Sehnsucht nach vollkommener Ergänzung, die aus allen Winkeln der Seele heraus nach einer Lösung sucht. Zwei Wege kann sie dabei gehen: Den inneren und den äußeren, den der mystischen Religiosität und den der erotischen Liebe.
Sexualität ist der biologische Vorläufer der erotischen Liebe. Ihre Struktur zeigt schnörkellos was in der erotischen Liebe zu deren Kernthema wird: Überstieg der Begrenztheit durch Ergänzung und Fusion.
In der Tat ist der Lebenshorizont der biologischen Struktur durch den Tod begrenzt. Kein Geschlecht ist auf sich allein gestellt in der Lage, diese Grenze zu überwinden. Um die Grenze doch zu überschreiten, sind beide Pole darauf angewiesen, exakt den Gegenpol zu finden, der ihre Halbheit zu einer höheren Gestalt ergänzt. Die Ergänzung führt zur Fusion und die Fusion zur Zeugung eines neuen Lebens, in dem die alten Gene wiederauferstehen.
Mit der Erotik bekommt der leibliche Trieb zum Gegenpol eine psychologische Entsprechung. Der Einzelne sucht dabei nicht nur eine Möglichkeit, um seine Gene zu vererben. Er will durch die Vereinigung mit einem idealen Gegenüber auch die Begrenzung seiner Individualität überschreiten.
Sobald mit der Pubertät das Ego volles Verfügungsrecht über sich verlangt und sich damit als ein gewolltes "Ich stehe der Welt gegenüber" begreift, keimt in der Seele eine gegenläufige Bereitschaft auf. Der geschlechtsreife Mensch droht, sich bei der nächsten Gelegenheit zu verlieben, und wenn ihm dazu das Glück fehlt, kreist die Hälfte seiner Gedanken beharrlich um die ersehnte Möglichkeit.
Bei der Verliebtheit geschieht Folgendes: Sobald das von seiner Begrenztheit beschämte Ego auf Schlüsselreize trifft, deren individuelle Wahl es selbst kaum versteht, verfällt es, vom Diktat seiner Sehnsucht geführt, in eine quasi wahnhafte Überzeugung. Es denkt: Ich habe ein Gegenüber gefunden, das schicksalhaft auf mich zugeschitten ist. Wenn ich mich mit diesem Gegenüber verbinde, werde ich Teil einer vollkommenen Einheit sein. All meine Halbheit wird zu makelloser Schönheit ergänzt und da ich und mein geliebtes Gegenüber uns all das geben, was uns bisher fehlt, kann uns der Rest der Wirklichkeit nicht mehr wirklich stören. Gemeinsam begründen wir das Paradies.
Der Baum der Erkenntnis
Die paradiesische Verliebtheit beruht auf Phantasie, Irrtümern und Unkenntnis. Bekanntlich verliebt man sich besonders leicht, wenn man den Anderen noch kaum kennt. Je weniger man nämlich von dessen eigenen Halbheiten und seiner begrenzten Möglichkeit zur Ergänzung weiß, desto leichter kann man glauben, dass er keine solchen Grenzen hat, und folglich der Schlüssel zum ersehnten Paradies sein muss. Verliebtheit hält nur so lange, bis man die tatsächlichen Grenzen des Anderen erkennt. Ist man bereit, die Enttäuschung zu ertragen, kann daraus echte Liebe entstehen. Viele flüchten vor der Enttäuschung aber in Bitterkeit, Vorwurf und Hass.
Je besser ein Mensch in sich selber ruht, desto unbefangener kann er sich dem Lockruf der erotischen Ergänzung überlassen. Im Vertrauen auf ein Ich, das sich auch im Scheitern treu bleibt, genießt er den Blick ins Paradies, solange seine Sehnsucht ihm die Blindheit schenkt, den Rest der Wirklichkeit zu übersehen.
Vielen fehlt ein derart starkes Ich. In der Regel werden zwar auch sie von der erotischen Gelegenheit berauscht, sie sind aber noch zu sehr mit selbst beschäftigt, um sich ohne Hemmung darauf einzulassen. So vielfältig wie die verschiedenen Varianten unreifer Persönlichkeiten, so vielfältig sind auch die Störungen des sexuellen Ausdrucks. Zwei Grundmuster sind hervorzuheben. Durch beide wird der Übergang von der Verliebtheit zur Liebe erschwert.
| Regressiv | Aggressiv | |
| Abhängig | +++ | - |
| Ängstlich-vermeidend | +++ | - |
| Depressiv | +++ | - |
| Narzisstisch | + | +++ |
| Zwanghaft | ++ | ++ |
| Histrionisch | +++ | +++ |
| Schizoid | +++ | - |
| Paranoid | - | +++ |
| Emotional-instabil | +++ | +++ |
| Dissozial | - | +++ |
Die erotische Beziehung ist eine Zuspitzung der zwischenmenschlichen Beziehung überhaupt. Daher tritt dabei die Angst vor Zurückweisung, Demütigung und Entwertung besonders stark zu Tage.
Schon bei der nicht-erotischen Alltagsbeziehung fällt es Vielen schwer, sich unbefangen einzulassen. Statt sie selbst zu sein und es der Welt zu überlassen, auf dieses So-Sein so zu reagieren, wie es ihr gefällt, spielen sie komplizierte Rollen und passen sich nach Gutdünken den vermutlichen Erwartungen an, die das Umfeld an sie richten könnte.
Es liegt auf der Hand: Die Angst vor Zurückweisung, wenn man sich nicht passend macht, wird im Falle der Erotik - wo ja so viel auf dem Spiele steht! - noch mächtiger als anderswo. Die Folge davon ist: Der regressive Typ kostet die erotische Liebe nur halbherzig aus, weil er sich statt dessen darum bemüht, gut genug dafür zu sein.
Widerspruch und Gemeinsamkeit
Das Kernthema der Erotik ist der Überstieg des Ego. Wer bei der Begegnung aber damit beschäftigt ist, sein Ego zu festigen, ist nicht zum Überstieg bereit. Das Bedürfnis nach Bestätigung steht vollgültiger Erotik wie ein Klotz im Wege.
Das trifft auf beide Muster zu. Der regressive Partner sucht eine Festigung des Ego durch Anerkennung seiner Tugend, der aggressive durch Anerkennung seiner Macht. Beide wollen vom anderen etwas haben, statt mit ihm mit zu gehen.
Die aggressive Variante, die Gefahr tatsächlicher Hingabe zu umgehen, beruht auf dem direkten Missbrauch der erotischen Beziehung zum Zweck der Selbstbestätigung. Hier wird Erotik zwar gesucht, aber nicht um darin ihr Kernthema - den Aufbruch des Ichs über seine Grenzen hinweg - zu erleben, sondern ganz im Gegenteil. Die Eigenliebe des aggressiven Partners benutzt die Eroberung des Gegenübers zur Stärkung seines Egos. Dabei kommt es nicht wirklich zur erotischen Liebe, sondern bloß zu sexuellem und narzisstischen Genuss.
Dem Wunsch des Individuums, sich selbst zu überschreiten, stehen, wie erwähnt, zwei Wege zur Verfügung. Spontan wird es zunächst nach außen blicken und die Erfüllung in der großen Liebe suchen. Da das nur allzuoft an unserer Schwachheit scheitert, wendet sich in jeder menschlichen Kultur ein großer Teil der Sehnsucht an eine ideale Überwelt. Das nennt man Religion. Und selbst wenn die Liebe tatsächlich glückt, weist dieses Glück über sich selbst hinaus.
Zwischen Erotik und Religion besteht viel Gemeinsamkeit. Die enge Verbindung zwischen ihnen, wird am Eifer deutlich, mit dem sich religiöse Kulte mit der erotischen Thematik befassen. Dabei kennen sie ihrerseits zwei Wege.
Die einen fürchten, dass die religiöse Sehnsucht an Schwung verliert, falls man sich nicht in erotischer Askese schult. Aus ihrer Sicht ist Erotik ein Übel, das die Treue zu den Dogmen untergräbt. Solche Kulte verbieten erotische Liebe generell oder zwängen sie zumindest in ein moralisches Korsett.
Seltener sind Kulte, die Erotik ausdrücklich bejahen. Teils wird sie dann sogar als ernsthafte Praxis der Läuterung empfunden. Da aus Askese mehr Aggression als aus Lust entsteht, haben sich asketische Kulte auf allen Kontinenten Macht verschafft.
Störungen des erotischen Ausdrucks sind ein Grundproblem der abendländischen Kultur. Die Schäden, die die jahrtausendelange Beherrschung des Geisteslebens durch die biblische Theologie verursacht hat, sind noch nicht behoben. Die Persönlichkeitsentwicklung vieler Menschen wird auch heute durch gesellschaftliche Strukturen gestört, die in der biblischen Tradition verwurzelt sind.
Der unbefangene Umgang der Antike mit erotischen Impulsen wurde durch das Christentum gewaltsam unterbrochen. Ursache der christlichen Leibfeindlichkeit war Jesu Versuch, durch eine Verschärfung judaistischer Moralvorstellungen, Gott zur Parteinahme auf Seiten der Juden zu bewegen.
Matthäus 5, 28:
Ein jeder, der eine Frau anblickt mit begehrlicher Absicht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen...*
Die Sexualmoral der jüdischen Kultur war eng mit der Abgrenzung des Judentums gegenüber der nicht-jüdischen Umwelt verwoben. Moses hatte die Israeliten in einen Vernichtungskrieg gegen Kanaan geführt. Da die kanaanitische Kultur erotisch unbefangen war und damit auch für Hebräer attraktiv, legte die mosaische Lehre Wert auf moralische Abgrenzung gegenüber der kulturellen Konkurrenz. Die Vermischung mit Völkern, die man zu ermorden plante, war nicht erwünscht.
Wenn man den Zusammenhang zwischen dem israelitischen Völkermord an den Kanaanitern und der Geistesgeschichte Europas außer Acht lässt, kann man die weit verbreiteten Störungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit nicht verstehen. Eine offene Diskussion darüber wird durch die politischen Privilegien monopoltheologischer Organisationen verhindert. Sie ist Bestandteil einer eingehenden Religionskritik.
* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.