Alles, was es gibt, ist das Eine, in dem Leben und Tod dasselbe ist.
Egal, wie ich mich bemühe, mich mir anzueignen, ich gehöre immer nur der einen Wirklichkeit.
Man dient den Zwecken des Einen. Wenn man es will, dient man mit Freude, will man es nicht, dient man mit Schmerz.
Zum Jenseits hin sind alle Dinge göttlich, im Diesseits sind sie Sache und Person.
Jenseits und Diesseits sind zwei Seiten der Wirklichkeit. So stellen wir es uns zumindest vor. Jener weist auf etwas Entferntes hin, dieser auf das, was in der Nähe liegt. Um nicht dem Irrtum zu verfallen, der Abstand zwischen beiden Seiten sei geografisch, nützt es, sich die Sinnverwandtschaft des Wortes Jenseits klar zu machen.
Jener geht auf den indogermanischen Stamm eno- zurück. Eno- wiederum steht etymologisch in enger Verbindung mit oinos = eins (lat: unus). Zur Eins gehört das Verb einen. Dieser Zusammenhang ermutigt uns, das Jenseits als etwas Eigenes zu denken; nicht bloß als eine Parallelwelt zum Diesseits, die die Struktur des Diesseits in verbesserter Fassung wiederholt, sondern als Gegenpol, der die Vielfalt des Diesseits zu einer Einheit verbindet.
Ist ein religiöser Glaube ohne Jenseitsvorstellung denkbar? Falls ja, hat sich die Menschheit kaum um diese Möglichkeit gekümmert. Die drei abrahamitischen Kulte (Judaismus, Christentum, Islam) gehen ebenso von einem Jenseits aus, wie die ostasiatischen Glaubenssysteme (Buddhismus, Hinduismus), die antiken Vielgötterkulte und die animistischen Vorstellungen der Naturvölker.
Abgesehen vom Nirwana des Buddhismus hat das Jenseits der etablierten Religionen viel Ähnlichkeit mit dem Diesseits. Es wird von unterschiedlichen Individuen bevölkert (Gott oder Göttern, Engeln, dem Teufel, Geistern, Dämonen und den Seelen der Ahnen) und es wird topographisch vom Diesseits unterschieden.
Entsprechend der Vorstellung, dass das Jenseits eine strukturierte Parallelwelt ist, in der sich individuelle Wesen begegnen, bleibt auch der Heilsgedanke der etablierten Religionen egozentrisch. Durch Rituale und die Befolgung einer vorgegebenen Moral verdient sich der Einzelne sein Glück. Dem Egoismus dieser Vorstellung wird dann in einem zweiten Schritt, durch die Predigt altruistischer Tugenden, begegnet.
Die Vorstellung abgetrennter Individualseelen, von denen jede für ihr persönliches Heil verantwortlich ist, enthält einen Widerspruch, der psychologische und soziale Verwerfungen nach sich zieht. Zum einen appelliert die Predigt an den Eigennutz des abgetrennten Egos, zum anderen fordert sie von ihm, uneigennützig zu sein.
Das angestrebte Ziel, das Ego im Dienst einer höheren Harmonie zu überwinden, ist mystisch gesehen plausibel. Predigt man das gleiche Ziel im Kontext hierarchisch organisierter Kulte, erreicht man jedoch das Gegenteil. Sobald ein Ego vom anderen verlangt, sich aufzugeben, gibt es zwei Möglichkeiten. Ist die Macht des Kultes, der die Unterwerfung verlangt, nicht übermächtig, kann das Ego die Unterwerfung offen verweigern. Ist die Verweigerung zu gefährlich, wird es andere Wege gehen: es wird so tun, als sei es unterworfen... und hinter der Maske wird es erst recht egoistisch sein.
Die Sprache des Diesseits ist eine Sprache der Unterscheidung. Sie betrachtet die Welt aus der Perspektive des Ego. Da das Ego als Partei Grenzen bewacht, liegt ihm das Abgegrenzte näher. Es zeigt darauf und sagt: Dies.
Das Vereinte liegt vom Ego aus betrachtet weiter weg. Das Ego nennt es: Jenes.
Erst wenn das Ich sich nicht mehr für sein Ego hält, erkennt es, dass ihm das Jenseits näher als das Diesseits ist.
Der Mensch steht als Körper im Diesseits. Dessen Struktur besteht aus den Unterschieden, die sich darin begegnen. Die Elemente des Diesseits unterscheiden sich durch die Grenzen ihrer Gestalt und ihre Positionen im Raum. Analog zur scheinbar abgelösten Körperlichkeit macht sich der Mensch ein Bild von seiner seelischen Dimension. So wie der Körper scheinbar vom Umfeld abgetrennt ist, denkt er sich seinen seelischen Pol als umschriebenes Etwas.
Was aber, wenn die Grenzen, die er dabei sieht, keine Grenzen in Wirklichkeit sind, sondern bloß die Grenzen seiner Wahrnehmung? Dann kann er das Jenseits als den Aspekt der Wirklichkeit verstehen, der die Wirklichkeit in ein ungebrochenes Ganzes eint. Seine Seele ginge dann nicht mehr als Etwas in das Jenseits ein. Sie wäre das Jenseits selbst, als das sie zeitlos, raumlos und ohne Gegensätze ewig ist.