Eine eindeutige Ursache der Störungen des autistischen Spektrums konnte bisher nicht gefunden werden. Man geht davon aus, dass es sich um eine angeborene Störung handelt. Sie ist derzeit nicht heilbar.

Zum Glück...

...muss man Autisten nicht heilen. Es reicht, wenn man lernt, respektvoll mit ihnen umzugehen.

Autismus

  1. Definition
  2. Symptome
  3. Einteilung
    1. 3.1. Frühkindlicher Autismus
    2. 3.2. Atypischer Autismus
    3. 3.3. Asperger-Syndrom
  4. Begabungen
  5. Abgrenzungen und Übergänge
  6. Diagnostik
  7. Therapie

1. Definition

Als Störungen des autistischen Spektrums bezeichnet man eine Reihe auffälliger Verhaltens- und Erlebnisvarianten, deren gemeinsamer Nenner in einem verminderten Interesse am sozialen Kontext besteht. Der Begriff geht auf das griechische Wort autos = selbst zurück. Er betont somit die Selbstbezogenheit der Betroffenen, die den Gegenpol zu ihrer mangelnden Einbindung in das gemeinschaftliche Gefüge bildet.

2. Symptome

Krankheit oder Normvariante

Der Grad der Normabweichung bei den Störungen des autistischen Spektrums ist breit gestreut. Er reicht von Kindern, die ohne ständige Fürsorge von außen kaum überlebensfähig wären bis zu Personen, deren Symptomatik so unauffällig ist, dass sie nur ein geübtes Auge erkennt.

Während man schwere Fälle kaum anders als krank bezeichnen kann, stellt sich bei den leichten die Frage, ob der Ausdruck Normvariante nicht sinnvoller ist.

Das gilt erst recht, wenn man bedenkt, dass eine objektive Persönlichkeitsdiagnostik gar nicht möglich ist, weil jeder Diagnostiker durch die Brille seiner eigenen Persönlichkeit schaut.

Die Symptomatik der autistischen Störungen kann drei Kernbereichen zugeordnet werden. Folgende Tabelle fasst die wichtigsten Symptome in Anlehnung an DSM-IVDiagnose-Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung zusammen:

  1. Qualitative Abweichungen der Interaktion
    • Verminderter Blickkontakt, verminderter Einsatz von Mimik, Gestik und Körpersprache
    • Verminderte Reaktion auf den emotionalen Ausdruck von Bezugspersonen
    • Geringe Ausrichtung des eigenen Verhaltens auf den jeweiligen sozialen Kontext
    • Geringe Bereitschaft, sich auf gemeinsame Tätigkeiten einzulassen
    • Keine Kontaktaufnahme zum Umfeld, um dieses in die eigenen Interessen einzubeziehen
    • Desinteresse an Gleichaltrigen
  2. Qualitative Abweichungen der Kommunikation
    • Verzögerte Sprachentwicklung
    • Schwierigkeit bei der Interpretation von Betonung und Sprachmelodie
    • Später übergenauer oder ausgeklügelter Sprachstil
    • Kein Versuch, mangelnde Sprachfähigkeiten durch Mimik und Gestik auszugleichen
    • Mangelnder Impuls, sich trotz Sprachfähigkeit auf Gespräche einzulassen
    • Gleichförmige, phrasenartige Verwendung von Wörtern und Sätzen
    • Keine kindlichen Rollenspiele als Ausdruck mangelnder Bereitschaft zur intuitiven Einfühlung
  3. Eingeschränktes, sich wiederholendes Repertoire an Interessen und Aktivitäten
    • Beschäftigung mit Teilaspekten des Spielzeugs
    • Eingehende Beschäftigung mit umschriebenen Interessen, die in Inhalt und Schwerpunkt ungewöhnlich sind
    • Herstellen stereotyper Ordnungen
    • Gesteigertes Interesse an Mustern, Rastern und Formen
    • Festhalten an anscheinend funktionslosen Ritualen
    • Wiederholte Bewegungsauffälligkeiten des Körpers; Schaukelbewegungen, Verdrehungen des Rumpfes, merkwürdige Fingerbewegungen

Neben dieser Kernsymptomatik werden unspezifische Nebensymptome beschrieben, die zwar nicht als typisch für autistische Störungen gelten können, dabei aber gehäuft vorkommen.

3. Einteilung

Laut ICD-10Internationale Klassifikation der Krankheiten werden die autistischen Störungen den Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet.

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO
Name ICD-Nummer
Frühkindlicher Autismus F84.0
Atypischer Autismus F84.1
Rett-Syndrom F84.2
Desintegrative Störung des Kindesalters F84.3
Asperger-Syndrom F84.5
Nicht näher bezeichnete Entwicklungsstörung F84.9

Zu den autistischen Störungen zählt man den frühkindlichen Autismus, den atypischen Autismus und das Asperger-Syndrom. Sonstige Entwicklungsstörungen mit vorwiegend autistischen Symptomen werden als nicht näher bezeichnete Entwicklungsstörungen klassifiziert. Nicht austistisch sind die desintegrative Störung des Kindesalters und das Rett-Syndrom.

3.1. Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom)
Frühe Warnzeichen
Monat Auffälligkeit
12 Kein Lallen und Brabblen
Fehlende Gesten wie Zeigen und Winken
16 Keine verstehbaren Worte
24 Keine Zwei-Wort-Sätze
später Nachträglicher Verlust bereits erworbener Sprache

Der frühkindliche Autismus ist die schwerste Form der autistischen Erkrankungen. Etwa 0,3 % aller Personen sind davon betroffen. Die Krankheit zeichnet sich durch einen frühen Beginn der Symptome und ausgeprägte Abweichungen in allen der oben genannten Bereiche aus.

Unspezifische Symptome, wie unverstehbares Weinen und Schreien, Schlaf- oder Essstörungen fallen zu Beginn des zweiten Lebensjahres auf. Bald kommen die typischen Autismussymptome dazu, was die Diagnose dann ermöglicht.

3.2. Atypischer Autismus

Von einem atypischen Autismus spricht man, wenn die Symptomatik erst nach dem 3. Lebensjahr beginnt und/oder, wenn nicht alle drei Kernbereiche der autistischen Symptomatik erkennbar sind.

3.3. Asperger-Syndrom

Beim Asperger-Syndrom sind zwar Störungen in allen drei Symptombereichen feststellbar, ihre Ausprägung ist aber deutlich geringer als bei den oben genannten Formen. Überhaupt ist die Sprachentwicklung und die Entwicklung der allgemeinen geistigen Fähigkeiten beim Asperger-Syndrom unauffällig. Gehäuft zu beobachten ist jedoch eine generelle Ungeschicklichkeit bei alltagspraktischen Verrichtungen.

Die Häufigkeit des Asperger-Syndroms wird auf 0,7% geschätzt. Dabei sind Männer deutlich öfter betroffen.

4. Begabungen

Inselbegabungen

Die Intelligenzentwicklung spielt beim Autismus eine wichtige Rolle. Gerade beim frühkindlichen Autismus kommt es oft zu einer verzögerten intellektuellen Reifung mit erheblichem Intelligenzdefizit. Man spricht von einem LFA (low-functioning Autismus). Die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten sind dann gering.

Oft ist die Intelligenz jedoch normal, regelhaft beim Asperger-Syndrom. Etwa 10 % der Autisten entwickeln besondere Inselbegabungen. Man spricht dann von einem HFA (high-functioning Autismus) mit Savant-Fähigkeiten.

5. Abgrenzungen und Übergänge

Obwohl die Kernsymptome klar zu beschreiben sind, ist es in der Praxis nicht immer einfach, die richtige Diagnose zu stellen. So wird der frühkindliche Autismus meist erst im 4. Lebensjahr festgestellt, das Asperger-Syndrom erst nach dem 8. Lebensjahr...oder gar nicht.

Grundsätzlich müssen autistische Störungen, je nach Alter des Patienten von folgenden Krankheiten abgegrenzt werden.

Testverfahren

6. Diagnostik

Die Diagnostik des frühkindlichen Autismus stützt sich in erster Linie auf die Beobachtung des Verhaltens und auf die Befragung der Eltern. Beim Asperger-Syndrom kommt als wesentliche Informationsquelle die oft subtile Eigenbeobachtung der Patienten hinzu. Spezifische apparative Untersuchungen oder Labortests, die die Diagnose sichern könnten, gibt es nicht. Zum Ausschluss anderer Störungen sind Seh- und Hörtests, eine EEG-Ableitung sowie eine Chromosomen-Untersuchung sinnvoll.

Besteht ein Erstverdacht, kann die Diagose mit standardisierten Testverfahren gefestigt werden.

Ein wesentliches Element der Bewältigung besteht in der Anpassung des Umfelds an die psychologische Besonderheit des Autisten.

7. Therapie

Die Beeinflussbarkeit des frühkindlichen Autismus ist gering. Nur 20% der Betroffenen schaffen es, als Erwachsene eigenständig zu leben. Beim Asperger-Syndrom sieht das anders aus. Zwar ist diesen Menschen die Anpassung an das soziale Umfeld erschwert, da sie deren ungeschriebene Regel nur schlecht erkennen, durch aufmerksame Beobachtung und Kopieren üblicher Verhaltensmuster gelingt es ihnen aber oft, ihre ursprünglichen Probleme auszugleichen.

Medikamente, die etwas gegen die Kernsymptome ausrichten, gibt es nicht.

Am besten belegt ist der Nutzen von Kompetenztraining, Psychoedukation, Ergotherapie zum Üben alltagspraktischer Verrichtungen, Logopädie zum Ausgleich sprachlicher Defizite und verhaltenstherapeutischen Ansätzen, die gezielt funktionales Verhalten einüben (z.B. ABA).