Eine eindeutige Ursache der Störungen des autistischen Spektrums konnte bisher nicht gefunden werden. Man geht davon aus, dass es sich um eine angeborene Störung handelt. Sie ist derzeit nicht heilbar.

Stellen Sie sich vor, es wäre Ihnen nicht möglich, herauszuhören, ob das, was jemand zu Ihnen sagt, vorwurfsvoll, sachlich, ironisch, neckisch, verärgert oder spöttisch gemeint ist. Dann wissen Sie ungefähr, wie es einem Autisten auf einer Party ergeht.

Zum Glück...

...muss man Autisten nicht heilen. Es reicht, wenn man lernt, respektvoll mit ihnen umzugehen.


Autismus


  1. Definition
  2. Symptome
  3. Ursachen und Risikofaktoren
  4. Einteilung
    1. 4.1. Frühkindlicher Autismus
    2. 4.2. Atypischer Autismus
    3. 4.3. Asperger-Syndrom
  5. Begabungen
  6. Abgrenzungen und Übergänge
  7. Diagnostik
  8. Therapie

1. Definition

Als Störungen des autistischen Spektrums bezeichnet man eine Reihe auffälliger Verhaltens- und Erlebnisvarianten, deren gemeinsamer Nenner in einem verminderten Interesse am sozialen Umfeld besteht. Der Begriff geht auf das griechische Wort autos (αυτος) = selbst zurück. Er betont somit die Selbstbezogenheit der Betroffenen, die den Gegenpol zu ihrer verminderten Einbindung in das gemein­schaftliche Gefüge bildet.

2. Symptome

Krankheit oder Normvariante

Der Grad der Normabweichung bei den Störungen des autistischen Spektrums ist breit gestreut. Er reicht von Kindern, die ohne ständige Fürsorge von außen kaum lebensfähig wären bis zu Personen, deren Symptomatik so unauffällig ist, dass sie nur ein geübtes Auge erkennt.

Während man schwere Fälle kaum anders als mit dem Begriff krank bezeichnen kann, stellt sich bei den leichten die Frage, ob der Ausdruck Normvariante...im Rahmen einer natürlichen Neurodiversität, also eines Variantenspektrums evolutionär bedingter Organisationsformen des Zentralnervensystems. nicht sinnvoller ist; zumal man eine exakte Grenze zwischen leicht autistisch und normal in der Praxis nicht findet.

Das gilt erst recht, wenn man bedenkt, dass eine objektive Persönlichkeitsdiagnostik gar nicht möglich ist, weil jeder Diagnostiker durch die Brille des eigenen Charakters schaut.

Die Symptomatik der autistischen Störungen kann drei Kern­bereichen zugeordnet werden. Folgende Tabelle fasst die wichtigsten Symptome in Anlehnung an DSM-IVDiagnose-Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung zusammen:

1. Qualitative Abweichungen der Interaktion

2. Qualitative Abweichungen der Kommunikation

3. Spezielles Repertoire an Interessen und Aktivitäten

Neben dieser Kernsymptomatik werden unspezifische Nebensymptome beschrieben, die zwar nicht als typisch für autistische Störungen gelten können, dabei aber gehäuft vorkommen.

Teilleistungsstörung
Der Psychiatrie ist eine Reihe zerebraler Teilleistungsstörungen bekannt.
In Ermangelung eines Fühlers für Seismik und Magnetfeld fremder Emotionen, besteht das soziale Umfeld des frühkindlichen Autisten aus einer Welt bewegter Gegenstände. Da er nur Gegenstände kennt, interessiert er sich für gegenständliche Regeln und Muster.

Die emotionale Kommunikation spielt bei der Entwicklung der Persönlichkeit und der emotionalen Intelligenz eine große Rolle. Anders als bei den klassischen TLS sind diese Bereiche je nach Ausprägungsgrad des Autismus mitbetroffen.

Gemeinsamer Nenner der Teilleistungsstörungen (TLS) sind umschrie­bene Funktionsstörungen des Zentralnervensystems bei sonst ungestörter Intelligenz und Persönlichkeitsentwicklung.

Auch der Ausgangspunkt der autistischen Störungen kann als TLS gedeutet wer­den: Die Unfähigkeit, den emotionalen Gehalt aus Mimik, Gestik und sprachlicher Kommunikation herauszulesen. Eine solche Kernstörung würde die qualitativen Abweichungen bei Interaktion und Kommunikation erklären. Das spezielle Repertoire autistischer Interessen wäre dann als kompensatorische Überbetonung alternativer Betätigungsfelder aufzufassen.

3. Ursachen und Risikofaktoren

Als primäre Ursache wird eine neurologisch bedingte autistische Basisstörung angenom­men. Deren Ursache ist ihrerseits genetisch. Störungen des autis­tischen Spektrums sind zu einem großen Teil erblich. Daran sind verschiedene Gene beteiligt. Die Betei­ligung verschiedener Gene, deren autistogene Potenz sich aufsummieren kann erklärt, warum die Störung bei betroffenen Personen so unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Ein Teil der Symptomatik kann in einem zweiten Schritt als psychologische Anpassung an die neurologisch bedingten Grundprobleme verstanden werden.

Risikofaktoren, die die Gefahr einer autistischen Störung erhöhen, wirken bereits vorge­burtlich. Zu nennen sind:

4. Einteilung

Laut ICD-10Internationale Klassifikation der Krankheiten werden die autistischen Störungen den Tiefgreifenden Entwicklungsstö­rungen zugeordnet.

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO

Name ICD
Frühkindlicher Autismus F84.0
Atypischer Autismus F84.1
Rett-Syndrom F84.2
Desintegrative Störung des Kindesalters F84.3
Asperger-Syndrom F84.5
Nicht näher bezeichnete Entwicklungsstörung F84.9

Zu den autistischen Störungen zählt man den frühkindlichen Autismus, den atypischen Autismus und das Asperger-Syndrom. Sonstige Entwicklungsstörungen mit vorwiegend autistischen Symptomen werden als nicht näher bezeichnete Entwicklungsstörungen klassifiziert. Nicht autistisch sind die desintegrative Störung des Kindesalters und das Rett-Syndrom.

Frühe Warnzeichen

Monat Auffälligkeit
12 Kein Lallen und Brabbeln
Fehlende Gesten wie Zeigen und Winken
16 Keine verstehbaren Worte
24 Keine Zwei-Wort-Sätze
später Nachträglicher Verlust bereits erworbener Sprache
4.1. Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom)

Der frühkindliche Autismus ist die schwerste Form der autistischen Erkrankungen. Etwa 0,3 % aller Personen sind davon betroffen. Die Krankheit zeichnet sich durch einen frühen Beginn der Symptome und ausgeprägte Abweichungen in allen oben genannten Bereichen aus.

Unspezifische Symptome, wie unverstehbares Weinen und Schreien, Schlaf- oder Essstörungen fallen zu Beginn des zweiten Lebensjahres auf. Bald kommen die typischen Symptome des Autismus dazu, was die Diagnose dann ermöglicht.

4.2. Atypischer Autismus

Von einem atypischen Autismus spricht man, wenn die Symptomatik erst nach dem 3. Lebensjahr beginnt und/oder, wenn nicht alle drei Kernbereiche der autistischen Symptomatik betroffen sind.

4.3. Asperger-Syndrom

Beim Asperger-Syndrom sind zwar Störungen in allen drei Symptombereichen feststellbar, ihre Ausprägung ist aber deutlich geringer als bei den oben genannten Formen. Überhaupt ist die Sprachentwicklung und die Entwicklung der allgemeinen geistigen Fähigkeiten beim Asperger-Syndrom unauffällig. Gehäuft zu beobachten ist jedoch eine generelle Ungeschicklichkeit bei alltagspraktischen Verrichtungen.

Die HäufigkeitBei derlei Schätzungen ist zu bedenken, dass die Symptomatik des Asperger-Syndroms weder von der schizoider Personen noch vom Normverhalten eindeutig abzugrenzen ist. Darüber, wie kontaktscheu jemand sein muss, um als Asperger-Autist zu gelten, lässt sich trefflich streiten. des Asperger-Syndroms wird auf 0,7% geschätzt. Dabei sind MännerSowohl das Kontaktverhalten des Menschen als auch die Ausrichtung seiner Interessen zeigt geschlechts­spezifische Unterschiede. Statistisch gesehen sind Frauen kontaktfreudiger. Männer interessieren sich eher für Technik. Kein Wunder, dass Männer schneller in Verdacht geraten, sie litten an einer autistischen Störung. deutlich öfter betroffen.

5. Begabungen

Inselbegabungen

Die Intelligenzentwicklung spielt beim Autismus eine wichtige Rolle. Gerade beim frühkindlichen Autismus kommt es oft zu einer verzögerten intellektuellen Reifung mit erheblichem Intelligenzdefizit. Man spricht von einem LFA (low-functioning Autismus). Die weiteren Entwicklungsmög­lichkeiten sind dann gering.

Oft ist die Intelligenz jedoch normal; regelhaft beim Asperger-Syndrom. Etwa 10 % der Autisten entwickeln besondere Inselbegabungen. Man spricht dann von einem HFA (high-functioning Autismus) mit SavantVon französisch savant = weise, wissend -Fähigkeiten. Eine der eindrücklichsten Sonderbegabungen ist das eide­tischeVon griechisch eidos [ειδος] = Ansehen, Gestalt Gedächtnis. Der Eidetiker kann sich Gesehenes aus der Erinnerung so detailgenau wie eine Fotografie als Vorstellungsbild vor Augen führen.

6. Abgrenzungen und Übergänge

Obwohl die Kernsymptome klar zu beschreiben sind, ist es in der Praxis nicht immer einfach, die richtige Diagnose zu stellen. So wird der frühkindliche Autismus meist erst im vierten Lebensjahr festgestellt, das Asperger-Syndrom erst nach dem achten ...oder gar nicht.

Grundsätzlich müssen autistische Störungen, je nach Alter des Patienten, von folgenden Krankheiten abgegrenzt werden:

Testverfahren
  • CARS
    Childhood Autism Rating Scale
  • CHAT
    Checkliste Autismus für Kleinkinder
  • M-CHAT
    Modifizierte Checkliste
  • FSK
    Fragebogen zur sozialen Kommunikation
  • SRS
    Skala zur Erfassung der sozialen Reaktivität
  • ADOS
    Beobachtungsskala für autistische Störungen
  • MBAS
    Marburger Beurteilungsskala zum Asperger-Syndrom

7. Diagnostik

Die Diagnostik des frühkindlichen Autismus stützt sich in erster Linie auf die Beobachtung des Verhaltens und auf die Befragung der Eltern. Beim Asperger-Syndrom kommt als wesentliche Informationsquelle die oft subtile Selbstwahr­nehmung der Patienten hinzu. Spezifische apparative Untersuchungen oder Labortests, die die Diagnose sichern könnten, gibt es nicht. Zum Ausschluss anderer Störungen sind Seh- und Hörtests, eine EEG-Ableitung sowie eine Chromosomen-Untersuchung sinnvoll.

Besteht ein Erstverdacht, kann die Diagnose mit standardisierten Testverfahren gefestigt werden.

Ein wesentliches Element der Bewältigung besteht in der Anpassung des Umfelds an die psychologische Besonderheit des Autisten.

8. Therapie

Die Beeinflussbarkeit des frühkindlichen Autismus ist gering. Nur 20% der Betroffenen schaffen es, als Erwachsene eigenständig zu leben. Beim Asperger-Syndrom sieht das anders aus. Zwar ist diesen Menschen die Anpassung an das soziale Umfeld erschwert, da sie deren ungeschriebene Regel nur schlecht erkennen, durch aufmerksame Beobachtung und Kopieren üblicher Verhaltensmuster gelingt es ihnen aber oft, ihre ursprünglichen Probleme auszugleichen.

Medikamente, die etwas gegen die Kernsymptome ausrichten, gibt es nicht.

Am besten belegt ist der Nutzen von...